Computer übernehmen die Macht

Nach Hans Moravec  (siehe hierzu auch Ray Kurzweil)

 

Ausgehend von der derzeit stürmischen Entwicklung der Computertechnik kommt der Roboterexperte Hans Moravec zu der Schlussfolgerung, dass innerhalb der nächsten 40 Jahre Computer die Leistungsfähigkeiten des Menschen allseitig überflügeln werden und als Kinder der Menschheit die Weiterführung der Evolution übernehmen werden.

Entweichgeschwindigkeit

Der Evolutionsprozess der Menschheit erhielt vor 5000 Jahren durch  die Erfindung der Landwirtschaft und der Schriftsprache, vor 500 Jahren durch die Industrialisierung und vor 50 Jahren durch die Automatisierung eine zusätzliche Beschleunigung, die heute durch die Entwicklung der Computertechnik an die Grenzen menschlicher Anpassungsfähigkeiten stößt. Maschinen machen dort weiter, wo der Mensch versagt. Computer werden zur beschleunigten Entwicklung neuer Computer eingesetzt, so dass sich ihre Entwicklung von selbst weiter beschleunigt. Dadurch wird der Mensch mehr und mehr aus dem Entwicklungs- und Produktionsprozess verdrängt und beginnt, archaische Verhaltensweisen des Jägers und Sammlers, für die er in der biologischen Evolution angepasst wurde, neu zu entdecken und in der Mittelpunkt seiner Tätigkeit zu stellen. Wie erwachsene Kinder ihre altgewordenen Eltern noch versorgen, werden computergesteuerte Maschinen für den Lebensunterhalt der Menschen sorgen und im übrigen ihre eigene Entwicklung unabhängig davon weiter beschleunigen und zu gegebener Zeit die Erde verlassen und den Weltraum kolonisieren.

 

Roboterentwicklung

Für Maschinen ist Rechnen viel leichter als Denken und Denken ist viel leichter als Wahrnehmen oder Handeln. Diese Schwierigkeitsabstufung kehrt sich beim Menschen um -- ein Resultat Milliarden Jahre langer Evolution, während der Wahrnehmen und Handeln das Wichtigste war, um weiterleben zu können. Denken und Rechnen wurde erst seit Millionen bzw. seit 10000 Jahren wichtig. Heutige Rechner sind dem Menschen nur dort unterlegen, wo es auf Alltagserfahrung ankommt, den Rechnern fehlt eine Datenbank für Alltagserfahrungen. Bis zum Jahre 1995 erreichten autonome Roboter die Leistungsfähigkeit und das Intelligenzniveau von Insekten, das für einfache Verhaltenssteuerungen ausreicht. Eine Operationsgeschwindigkeit von etwa 10 MIPS und eine Speicherkapazität von 64 MB waren dafür ausreichend bei Kosten von 25000 $ pro Roboter.

 

Bis zum heutigen Tage hat sich die Speicherkapazität von Computern vervielfacht, wobei die Kosten auf einen Bruchteil gesunken sind. Noch wird es einige Zeit dauern, bis man hoffen kann oder fürchten muss, einem Roboter gegenüberzutreten, den man in einschlägigen Science-Fiction-Filmen zu sehen bekommt. Derzeit kommen Roboter in der Produktion von Automobilen und Leiterplatten zum Einsatz. Diese Roboterarme sind einerseits unempfindlich gegenüber Substanzen, die für den Menschen schädlich sind; andererseits verrichten sie gleichbleibende Tätigkeiten exakter und schneller als ein Arbeiter

Gegenwärtige Leistungsfähigkeit

Aus dem Vergleich der Leistungsfähigkeit von Computer-Seh-Programmen mit der Netzhaut des menschlichen Auges ergibt sich, dass mit einer Operationsgeschwindigkeit von 1000 MIPS die menschliche Sehleistung erreicht werden kann. Das Gehirn hat das 100 000-fache Volumen der Netzhaut. Hieraus schätzt Moravec ab, dass die Leistungsfähigkeit des Gehirns bei einer Computerleistung von 108 MIPS erreicht werden könnte. Der Schachcomputer Deep Blue besiegte Kasparow 1997 mit 3x106MIPS, das entspricht etwa 3% der angenommenen Hirnleistung (bei Kosten von etwa 10 Mio. $. Die größten Supercomputer haben sich heute bereits der Leistungsfähigkeit des Gehirns bis auf den Faktor 100 genähert, bei Beibehaltung des gegenwärtigen Entwicklungstempos wird diese im Jahr 2030 erreicht.

Als Kasparow 1997 dem Schachcomputer unterlag, glaubte er in ihm Anzeichen menschlicher Intelligenz zu bemerken. Die Rechneringenieure aber wussten, dass diese Leistung nur durch Steigerung der Rechnergeschwindigkeit und der Speicherkapazität erreicht wurde. Das Gesamtsystem zeigte durch Emergenz eine höhere Qualität der Leistung als der Summe der Einzelteile entsprach.

Es gibt zwar keinen logischen Beweis dafür, dass entsprechend leistungsfähige Maschinen denken können, aber es gibt auch keine Beweise dafür, dass sie es nicht könnten. 9 solcher angeblicher Beweise sind bereits von Turing widerlegt worden, so z. B,:

 

Entwicklungsstufen von Universalrobotern

Während die zur Zeit existierenden Roboter fast ausschließlich speziellen Zwecken dienen, werden zukünftige Robotergenerationen universellen Aufgaben dienen. Mehrere Generationen derartiger Roboter sind wichtige Zwischenstufen auf dem Wege zu einer Rechenmaschine mit der Leistungsfähigkeit eines Menschen. Der Autor sieht hier folgende Entwicklungsschritte:

 

Das Innenleben von Robotern

In der 4. Generation haben Roboter ein Innenleben. Wenn z.B. Sicherheitsprogramme installiert sind, die bei gefahrdrohenden Situationen Hintergrundrechnungen unterbrechen und die wichtigen Aktionsprogramme zur Erkennung und Beseitigung von Gefahren aktivieren und mit höheren Prioritäten versehen, so wird ein außenstehender Beobachter des Roboters dessen erhöhte Aktivität wahrnehmen und als Erregung oder Aggressionsbereitschaft empfinden. Kann durch die erhöhte Aktivität die Gefahr nicht beseitigt werden, so wird ein Sicherheitsprogramm alle nach außen gerichteten Aktionen unterbinden, um eine Eskalation der Gefahrensituation zu verhindern. Nach außen wirkt dieses Verhalten so, als hätte der Roboter Angst. Lernmodule des Roboters werden solche Situationen speichern  und durch wiederholte Simulationen entsprechende Reaktionsprogramme erarbeiten.

Umgekehrt könnte ein Roboter ein Konditionierungsmodul besitzen, das die Stimmungslage seines Besitzers erkennt und Aktionen einleitet, die erfahrungsgemäß diese Stimmungslage positiv beeinflussen. Dies würde nach außen hin den Eindruck erwecken, als liebe der Roboter seinen Besitzer.

In der  menschlichen Entwicklung wurde die alte genetisch-biologische Vererbungslinie immer mehr von einer geistig-kulturellen Linie überdeckt und überholt. Unser kulturelles Erbe ist bereits größer als unser genetisches Erbe. Sobald es wirklich intelligente Roboter geben wird, macht sich die Kultur völlig unabhängig von der Biologie. Intelligente  Maschinen, die unsere Fertigkeiten erlernen und sich unsere Ziele und Werte zu eigen machen, werden unsere geistigen Kinder sein.

 

 

Das Zeitalter der Roboter

Nachdem intelligente Universalroboter die Leistungsfähigkeit des Menschen auf allen Gebieten überflügelt haben werden, erwartet Moravec ab 2050 eine 100%ige Arbeitslosigkeit und  die Menschen müssen sich darauf konzentrieren, durch entsprechende "Besteuerung" der Maschinen ihren notwendigen Lebensunterhalt  für ihren Ruhestand abzuzweigen. Im weiteren entwickelt sich die Roboterwelt unabhängig von der der Menschen fort. Da die vom Verfasser in breitem Umfang dargestellten Spekulationen zur Entwicklung dieser Welt streng im Rahmen konventioneller kapitalistischer Marktmechanismen verharren und der Mensch höchsten noch als exotisches Individuum eine  Rolle spielt, kann ich ihnen nur wenig Bedeutung beimessen. Bei einer Realisierung dieser Zukunftsmöglichkeiten wird der Mensch in der Tat nur noch eine unbedeutende Rolle spielen und die Evolution wird über ihn hinweggehen.

 

Das Zeitalter des Geistes

 

Nach Ansicht von Moravec führt die Konkurrenz der Roboter dazu, dass sie ihre intellektuellen Fähigkeiten unentwegt dazu benützen, eben diese Leistungsfähigkeiten laufend zu erhöhen. Dies ist nur durch weitere Miniaturisierung der materiellen Substanz möglich und führt am Ende zu einer derartigen Überlegenheiten der Geisteskräfte gegenüber ihrer körperlichen Grundlage, dass letztere zu vernachlässigen ist. In dieser Phase gibt es keine Körper mehr, sondern diese werden nur noch simuliert. Es gibt nicht mehr die Raumzeit, sondern nur noch den Cyberspace. Konsequenterweise braucht dann auch keinerlei Rücksicht mehr darauf genommen werden, was real möglich ist und was nicht. Folglich werden alle theoretischen Möglichkeiten wahr und Moravec untersucht die Konsequenzen aller physikalischen Theorien, die bisher als mit der realen Welt in Widerspruch stehend verworfen wurden, als da sind:

Die Ergebnisse solcher Überlegungen sind dementsprechend fragwürdig und dürften für die reale Welt der Menschen keine Bedeutung haben. Sie sind von der realen Welt abgekoppelt.

 

Geistfeuer

Um eine Abkopplung der Ergebnisse der Robotersimulationen von der realen Welt zu vermeiden, erklärt Moravec unsere reale Welt als eine der möglichen Deutungen einer Simulation, die im Sinne der Platonschen Philosophie die eigentliche Existenzform der Welt darstellt. Er stützt diese Anschauung durch Rückgriff auf die zum Verständnis der Quantentheorie erfundene Vielweltentheorie. Nach dieser Theorie beschreiben die quantenmechanischen Wahrscheinlichkeitsamplituden nicht Entwicklungsmöglichkeiten einer Welt, sondern das gleichzeitige Nebeneinanderbestehen vieler Welten. Die durch Abarbeitung von Rechenprogrammen laufenden Simulationen repräsentieren nach dieser Vorstellung die Gesamtheit der Parallelwelten und wir als Menschen leben lediglich in einer dieser Welten und können die anderen nicht wahrnehmen, kennen also nur den Ausschnitt des gesamten Universums, in dem unser Leben und unsere Evolution läuft. Wir kennen nur den Schatten der Wirklichkeit, die uns überlegenen Roboter seien auf Grund ihrer höheren Leistungsfähigkeit aber in der Lage, die gesamte Wirklichkeit wahrzunehmen, zu simulieren und zu erschließen.

In der Vielweltentheorie gibt es keine Zufälle und die Evolution folgt deterministisch einer vorgegebenen Idee eines Weltgeistes. Was wir als Zufall oder Einflussnahme auf die Umwelt interpretieren, ist nach dieser Deutung eine Folge des aus unserem Bewusstsein entspringenden freien Willens und die Auswahl einer speziellen Welt aus dem Spektrum vieler Parallelwelten.

Wie ich bereits an anderer Stelle dargelegt habe, halte ich die Vielweltentheorie für eine Fehldeutung. Diese Auffassung vertritt auch Murrey Gell-Mann.