Objektive Wissenschaft?

Kommentar zu dem Buch von Hans-Dieter Radecke und Lorenz Teufel:

„Was zu bezweifeln war. Die Lüge von der objektiven Wissenschaft“

 

Die beiden Autoren studierten zwar u.a. Physik, aber sie sind keine Wissenschaftler, sondern Journalisten. Mit dem Buch bemühen sie sich, dem Leser zu vermitteln, dass es keine objektive Wahrheit gibt. Wenn auch die Grundaussage – ohne Glauben gibt es kein Wissen – richtig sein mag, ihre Argumentation ist oft widersprüchlich und die Schlussfolgerungen sind nicht immer nachvollziehbar.

 

Im ersten Kapitel werden paranormale Phänomene aufs Korn genommen, deren Unglaubwürdigkeit darauf zurückgeführt wird, dass die Kritiker unberechtigter Weise davon ausgehen, es gäbe eine objektive Realität. Da die Autoren aber davon überzeugt sind, dass es keine objektive Realität gibt, kann es subjektive Erfahrungen geben, die durch wissenschaftliche Untersuchungen anderer nicht widerlegbar sind.

 

Im zweiten Kapitel werden Wissenschaft und Glaube einander gegenübergestellt.

Da es für die Autoren keine objektive Wahrheit und keine objektiven Beweise gibt, gibt es auch keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen Glaube und Wissenschaft. Beides sind Theorien zur Erklärung von Entscheidungen, die sich im Leben als vorteilhaft erwiesen haben. Welche Theorie angewendet wird, hängt ab vom Wissen des Individuums und unterliegt allein seiner Verantwortung. Darin besteht seine Freiheit. Aufgrund von Glaubenswahrheiten konstruiert die Wissenschaft ein Bild von der Welt, das sie für objektiv wahr hält.

 

Im dritten Kapitel wird an zahlreichen Beispielen überzeugend dargelegt, dass unser Weltbild auf Theorien beruht, die unsere Sinnesempfindungen erklären sollen. Diese Theorien beschreiben aber nicht eine reale Welt, sondern höchstens Modelle einer möglichen Welt. Da alle Beobachtungen theoriebehaftet sind, gibt es angeblich keine objektiven Kriterien, welche Theorie wahrer ist. Eine Theorie wird überzeugender als eine andere, wenn sich der Glaube an sie intersubjektiv durchgesetzt hat.

 

Im 4.Kapitel wird die Meinung vertreten, dass die Wissenschaftler nicht der Erforschung der objektiven Realität und damit der Wahrheit dienen, sondern danach streben, ihre Ergebnisse intersubjektivierbar zu machen und die Mehrheit der Wissenschaftler davon zu überzeugen, dass ihre Theorie in sich konsistent und widerspruchsfrei und damit besser als andere ist. Die Wahrheit einer Theorie erweist sich, in dem sie sich auf dem Markt der Theorien durchsetzt, und nicht dadurch, dass sie eine objektive Realität richtig beschreibt. Die Existenz einer unabhängigen objektiven Realität wird damit in Frage gestellt, die Realität existiert grundsätzlich nur in Bezug auf die Subjekte, die sie beschreiben und ist deshalb relativ.

 

Im 5.Kapitel wird festgestellt, dass es unterschiedliche subjektive Weltbilder gibt, die zur richtigen Beschreibung von Empfindungen, also Fakten führen  können. Ich ziehe daraus die Schlussfolgerung, dass diesen unterschiedlichen Weltbildern dann eine gemeinsame objektive reale Welt zugrunde liegen muss, die von den unterschiedlichen Weltbildern nur verschieden dargestellt wird.  Die Autoren sind jedoch der Meinung, eine solche Schlussfolgerung sei nicht zwingend. Das wird vermengt mit paranormalen Erfahrungen, deren Ursachen noch nicht bekannt sind und  die deshalb nicht erklärbar sind, aber erklärbar wären, wenn sie erforscht würden. Unsere Wahrheiten sind immer nur vorletzte Wahrheiten, die später änderbar sind. Daraus den Schluss zu ziehen, es gäbe keine objektive Realität, ist mindestens ebenso wenig zwingend. Es ist also ein Glaube, dass es keine objektive Realität gibt. Richtig  ist aber, dass wir die objektive Realität nicht als ganzes und auf einmal erkennen können, weil unsere Fragen an das Objekt immer nur Teilfragen sind, die durch Teilantworten befriedigt werden. Die objektive Realität zusammenzusetzen aus diesen Teilantworten, wird immer Lücken lassen. Das ganze ist mehr als seine Teile, dessen müssen wir uns immer bewusst sein.

Fortschritt kann nur subjektiv bewertet werden. Es gibt keinen objektiven Fortschritt. Ebenso subjektiv ist die Vergangenheit. Die Evolution ist ein theoretisches Konstrukt, abhängig von den anerkannten Theorien, nicht objektiv ableitbar aus objektiven Fakten ohne Theorie.

Die Einheit der Welt zerbricht durch einen Bewusstseinakt in das Subjekt und in das Objekt. Das bedeutet, dass die Welt als Einheit existiert, die Außenwelt aber nicht objektiv existiert, sondern erst durch den Bewusstseinsakt abgespalten wird in Abhängigkeit vom theoretischen Wissen des Subjektes. Das Subjekt hat die Freiheit, den Bruch an beliebiger Stelle hervorzurufen. Wie das gemacht wird, wissen die Autoren nicht. Sie glauben, dass es so ist.

 

Im 6.Kapitel wird es paradox. Nachdem die Autoren sich in den vorangegangenen Kapiteln bemüht haben, zu beweisen, dass es objektive Wahrheiten nicht gibt und alle Erkenntnisse nur vorletzte Erkenntnisse sind, kommen sie nun zu dem Schluss, dass die Freiheit des Individuums doch eine letzte Wahrheit ist, die nicht angetastet werden darf. Diese Freiheit müsse gesichert werden durch die Meinungsfreiheit, und zwar mit allen Mitteln. Deshalb sei die Verfassung der USA auch die beste Verfassung, die man sich denken kann. Obwohl die Verfasser zugeben, dass auch diese letzte Wahrheit nicht objektiv beweisbar ist, sondern nur durch die Freiheit ihres persönlichen Glaubens gerechtfertigt ist, stellen sie die Freiheit des Individuums willkürlich höher als die Freiheit einer anderen Kultur, wenn diese die Freiheit des Individuums nicht entsprechend achtet. Deshalb befürworten sie auch, wenn eine solche andere Kultur mit Gewalt vernichtet wird, weil sie nicht ihren subjektiven Fortschrittsvorstellungen entspricht. Eine solche Einstellung ignoriert völlig den Gedanken, dass eine Gesellschaft ein Superorganismus sein könnte, dem im Zuge der systemischen Evolution selbständige Existenz und Bedeutung zukommen könnte.

26.8.2010

Bertram Köhler