Neue soziale Bewegungen als soziale Systeme (Hellmann)

1. Die neuen sozialen Bewegungen (Umweltschutz, Friedensbewegung, Frauenbewegung, Anti- Atom - Bewegung) haben ein Selbstverständnis und eine Strategie, grenzen sich gegen ihre Umwelt ab, versuchen aber auf sie einzuwirken und erfüllen damit die Kriterien, die ein soziales System bestimmen, ohne aber eine Organisation zu sein.

2. Die moderne Gesellschaft zeichnet sich durch primäre Differenzierung in funktionsspezifische Teilsysteme aus, die jeweils für sich zuständig sind, ein bestimmtes gesamtgesellschaftlich relevantes Problem zu lösen. Wirtschaft ist für Bedürfnisbefriedigung zuständig, Politik für die Herstellung kollektiv bindender Entscheidungen, Recht für Konfliktregulierung, Wissenschaft für Erkenntnisgewinn usw. Jedes Funktionssystem ist autonom darin, was seinen Zuständigkeitsbereich betrifft und indifferent gegenüber allen anderen, verläßt sich aber darauf, daß anderswo die Probleme gelöst werden, für die es selbst nicht zuständig ist. Da aus der Tätigkeit eines Funktionalsystems Probleme entstehen, die außerhalb seines Zuständigkeitsbereiches liegen, führt die Gleichzeitigkeit von Autonomie und Indifferenz aller Funktionssysteme dazu, daß sich für bestimmte Folgeprobleme keiner zuständig fühlt und keiner zuständig ist, ja daß die Funktionssysteme diese Probleme in ihrer selektiven Sichtweise nicht einmal sehen.

3. Es gibt im Wesentlichen drei Kategorien von Folgeproblemen der funktionalen Differenzierung, die den Bestand der Gesellschaft gefährden:

- Die aus der Autonomie und Indifferenz der einzelnen Funktionssysteme direkt ableitbare organisierte Unverantwortlichkeit für bestimmte Folgeprobleme

- Die gegenüber der ständig wachsenden Komplexität der Gesamtgesellschaft immer mangelhaftere Integration der (autonomen) Funktionssysteme in das gesamtgesellschaftliche System

- Der Widerspruch zwischen der notwendigen selbstbestimmten Autonomie des Individuums und der fremdbestimmten Art und Weise seiner Einbeziehung in die unterschiedlichen Funktionssysteme der Gesellschaft, die das moderne Leben erfordert und der das Individuum überfordert.

Zur ersten Kategorie gehören die folgenden Problemgruppen mit steigenden Gefährdungspotential:

- Folgeprobleme von Funktionssystemen, die ihnen als Probleme zwar bekannt sind, aber keiner Beachtung für Wert befunden werden, weil es billiger kommt oder bequemer ist, solange sich kein Protest dagegen regt (Wasserverschmutzung durch Chemiewerke, radioaktive Verseuchung in Uranbergwerken, Deponiehalden mit austretendem Dioxin, Luftverschmutzung durch Kohlekraftwerke, Giftmüllverklappung in der Nordsee, Akademikerschwemme, Politikverdrossenheit, Steuerflucht, Neue Armut).

- Folgeprobleme, die in einem Funktionssystem entstehen, dort aber nicht an der Wurzel gepackt werden, sondern an andere Organisationen verwiesen (abgeschoben) werden oder wo neue spezielle Funktionssysteme zur Folgenbeseitigung gebildet werden, die aber nur Scheinlösungen bieten.

- Effekte mit katastrophalen Auswirkungen, von denen man nicht wußte, daß sie zu Problemen werden können oder an die man vorher nicht gedacht hat (Unkalkulierbare Handlungsfolgenabschätzung, Waldsterben, FCKW-Produktion)

- Folgeprobleme, die aus allen Zuständigkeiten herausfallen ( anwachsende Verkehrsdichte , Verkehrstote)

4. Die gesellschaftliche Funktion der neuen sozialen Bewegungen besteht darin, daß sie die Folgeprobleme der funktionalen Differenzierung wahrnehmen, sichtbar machen und ihre Lösung fordern, ohne sie jedoch selbst lösen zu können, denn sie besitzen keine Problemlösungskapazitäten. Die Unfähigkeit zur Lösung dieser Probleme beschränkt ihre Handlungsmöglichkeiten auf Protestaktionen und das Fehlen einer positiven Funktion gefährdet ihr Selbstverständnis und damit ihren dauerhaften Bestand, denn wenn sie Erfolg haben, entfällt ihr Protestthema und ihr Erfolg wird nicht ihnen, sondern dem Funktionssystem zugerechnet, welches das Problem löst.

5. Um ihren dauerhaften Bestand als autopoietische Systeme zu gewährleisten, benötigen die neuen sozialen Bewegungen interne Funktionen, die eine geschlossene selbstreferentielle Operativität ermöglichen. Möglichkeiten rekursiver Schließungen ergeben sich aus den Formeln "Angst macht Angst" (sie schüren ständig ihre Angst) und "Mobilisierung erzeugt Mobilisierung" (sie mobilisieren ihre Anhänger ständig zu Aktionen), die zum Arsenal dieser Bewegungen gehören und auf der Grundlage entstehen, daß die Anhänger dieser Bewegungen von Entscheidungen betroffen sind, die andere gefällt haben. Der letztere Gesichtspunkt vereinigt unabhängig von der spezifischen Thematik alle neuen sozialen Bewegungen und gibt ihnen eine unspezifische, gegen die Existenz des politischen Systems mit seiner Rollentrennung gerichtete Komponente, die einen Druck zur Integration des gesellschaftlichen Gesamtsystems erzeugt.

6. Indem die neuen sozialen Bewegungen die existierende Struktur des gesellschaftlichen Systems durch Aufdeckung ihrer Widersprüche in Frage stellen, erzeugen sie eine strukturelle Instabilität, die in der Evolution die Voraussetzung für eine mögliche Weiterentwicklung des Systems darstellt. In diesem Sinne besteht die Funktion der neuen sozialen Bewegungen darin, die Evolutionsfähigkeit des gesellschaftlichen Systems zu bewahren und es vor einer Erstarrung in nicht mehr geeigneten Strukturen zu schützen.

7. Die soziale Basis der neuen sozialen Bewegungen ist das Selbstverwirklichungsmilieu. Während es in der segmental und stratifikatorisch differenzierten Gesellschaft eine weitgehend von der Familie abhängige Zuordnung der Gesamtperson zu einer bestimmten Klasse oder Schicht gibt, wird in der funktional differenzierten modernen Gesellschaft diese Bindung aufgelöst und das Individuum hat im Prinzip zu allen Funktionssystemen Zugang, wenn es die spezifischen Zugangsbedingungen erfüllt. Die Zugehörigkeit bezieht sich aber nicht auf die Gesamtperson, sondern jeweils nur auf eine für das jeweilige System spezifische Kommunikation, in dem die Person eine bestimmte Rolle zu spielen hat. Alle Seiten einer Person werden nur in ihrer selbstbestimmten Zugehörigkeit als Gesamtperson zu einem bestimmten sozialen Milieu widergespiegelt, das zum wichtigsten Bezugspunkt der Gesamtpersönlichkeit außerhalb der Familie wird.

8. Der Zuordnung zu einem Milieu liegt die Sozialstrukturanalyse von Schulze (1993) zugrunde. Danach gliedert sich die Gesellschaft in folgende Milieus:

- Niveaumilieu (ältere Personen mit gehobener Bildung)

- Integrationsmilieu (ältere Personen mit mittlerer Bildung)

- Harmoniemilieu (ältere Personen mit niedriger Bildung)

- Selbstverwirklichungsmilieu (jüngere Personen mit mittlerer und

gehobener Bildung mit besonderem Anspruch auf Autonomie)

- Unterhaltungsmilieu (jüngere Personen mit niedriger Bildung)

Diese Milieus grenzen sich durch eine erhöhte Binnenkommunikation von selbst voneinander ab. (Eine andere Einteilung macht Vesper)

9. Ein soziales Problem entsteht, wenn die Enttäuschung einer Erwartung einer Entscheidung anderer zugerechnet wird. Das Problem des Selbstverwirklichungsmilieus besteht darin, daß sein Lebensziel und Zentralwert in den Grundrechten der Gesellschaft zwar als notwendig für das Funktionieren der Gesellschaft anerkannt und fixiert wird, in der Realität die funktional differenzierte Gesellschaft sowohl in ihren Publikumsrollen wie auch in ihren Leistungsrollen autonomes Handeln aber nicht zuläßt. Damit aber wird das Lebensziel des Selbstverwirklichungsmilieus permanent in Frage gestellt. Die kritische Reflexion dieser Situation müßte aber zu der Erkenntnis führen, das der Zentralwert des Milieus irreal ist. Diese Erkenntnis wird verdrängt und führt zu dem bekannten Mangel an Rationalität und theoretischen Grundlagen der neuen sozialen Bewegungen. Nur Mobilisierung zum Protest und festhalten am Ziel kann den Zerfall des Selbstverwirklichungsmilieus verhindern. Darin besteht die latente Funktion der neuen sozialen Bewegungen. Sie kann aber nicht manifestiert werden, da sie dann ihre Wirkung einbüßen würde. Manifeste Funktionen eines Systems haben Bedeutung für seine Umwelt, latente Funktionen aber nur für den Bestand des Systems, sie festigen seine Identität.

10. Im Gegensatz zu den Funktionalsystemen der Gesellschaft sind die neuen sozialen Bewegungen die Immunsysteme der Gesellschaft. Ihre manifesten Funktionen schützen das Gesamtsystem der Gesellschaft vor Erstarrung, ihre latenten Funktionen schützen das Selbstverwirklichungsmilieu vor seinem eigenen Zerfall.

Die Festigung des Selbstverwirklichungsmilieus erfolgt auf folgender Stufenleiter:

- Die Erwartung, legitimen Anspruch auf Autonomie zu haben, wird enttäuscht

- Die Enttäuschung dieser Erwartung wird einer Entscheidung des politischen System zugeordnet

- Die Erwartung wird trotz Enttäuschung aufrechterhalten und in Protest überführt.

- Da dem Protest nicht entsprochen wird, das Milieu aber seinen Anspruch auf seinen Zentralwert nicht aufgeben kann, kommt es zum Konflikt

_ Der Konflikt führt zur verstärkten Reflexion und mobilisiert die Anhänger

- Die Mobilisierung verstärkt das Selbstbewußtsein des Milieus in seinem Anspruch auf Autonomie und fixiert die Moral der Anhänger.

- Moral wird das symbolische Kommunikationsmedium der Bewegung und ermöglicht die Bildung von Bewegungsorganisationen, die wiederum die Mobilisierung vorantreiben.

11. Die Entstehungsursache für die neuen sozialen Bewegungen liegt in der gegenseitigen Bedingtheit ihrer manifesten und latenten Funktionen. Die Realisierung der manifesten Funktionen erfordert das Wirksamwerden der latenten Funktionen und die latenten Funktionen werden nur wirksam, wenn sie sich auf ein universales Thema stützen können, das gesellschaftliche Anschlußfähigkeit hat und Resonanz findet. Für diese Zwecke sind Risikoprobleme und daraus erwachsende Gefahren ein hervorragend geeignetes Operationsfeld.

Aus der Analyse folgt, daß sozialer Wandel nicht das direkte Ziel, sondern ein Nebeneffekt der neuen sozialen Bewegungen ist.

12. Es gibt kein gesamtgesellschaftliches Steuerungszentrum (mehr), das die moderne Gesellschaft letztlich zwingen könnte, einheitlich auf die ökologische Selbstgefährdung zu reagieren, da es keine oberste Instanz mehr gibt, die noch fähig wäre, gesamtgesellschaftlich zu entscheiden, was gesamtgesellschaftlich von Bedeutung ist. Die Öffentlichkeit in Form der Massenmedien ist die einzige Instanz, die die Mehrheit aller Mitglieder der Gesellschaft erreicht. Öffentlichkeit als operativ geschlossenes System reagiert aber nur auf Neuheit. Die meiste Resonanz finden die neuen sozialen Bewegungen in der Öffentlichkeit, aber nur, wenn sie ständig Neuheit produzieren und mit neuen Aktionen operieren.

13. Besonders das politische System ist herausgefordert, Resonanz auf die neuen sozialen Bewegungen zu zeigen, da es als Adressat der Proteste auftritt, sein Machtanspruch in Frage gestellt wird und über den Wähler eine Rückkopplung besteht. Die Hoffnung, daß das politische System die angemahnten Probleme lösen würde oder könnte, ist aber ein alteuropäisches Relikt.

14. Daß sich die moderne Gesellschaft überhaupt mit ihrer ökologischen Selbstgefährdung auseinandersetzt, ist ein historisches Verdienst der neuen sozialen Bewegungen, die selbst Bestandteil dieser Gesellschaft sind.