Schurz, Gerhard: Evolution in Natur und Kultur,

Teil 5: Kulturelle Evolution

9.    Kulturelle Evolution

9.    1. Grundprinzipien der kulturellen Evolutionstheorie

Unter kultureller Evolution versteht man die Herausbildung und Weiterentwicklung der menschlichen Kultur auf der Grundlage der in Abschnitt 6 dargestellten Prinzipien der modernen Evolutionstheorie. Kultur umfasst dabei alle nicht schon genetisch angeborenen, sondern die vom Menschen im Laufe seines Lebens erworbenen und von Generation zu Generation weitertradierten Fähigkeiten und Fertigkeiten, Wissensbestände, Erzeugnisse und Institutionen. Zur Kultur im weiten Sinne zählen nicht nur Religion und Glaubenssysteme, Moral und soziale Konventionen, Kunst und Ästhetik, Recht, Gesetz und politische Institutionen, sondern auch Sprache, Wissen und Technologie.

Entscheidend für das richtige Verständnis der kulturellen Evolutionstheorie ist ihre Abgrenzung von Soziobiologie und evolutionärer Psychologie. Letztere verstehen die Kultur des Menschen und seine Denk- und Verhaltensweisen als weitgehend durch seine Gene determiniert. Im Gegensatz dazu ist für die kulturelle Evolutionstheorie wesentlich, dass durch die Kombination von individuellem Lernen und kultureller Tradition Ideen und Fertigkeiten geschaffen werden, die weit über das genetisch bedingte  hinausgehen. In diesem Sinne  sind die Prinzipien der Evolutionstheorie statt auf den Menschen als biologischen Organismus auf die vom Menschen geschaffenen kulturellen Systeme anzuwenden und die kulturelle Evolution bezieht sich gerade auf das, was nicht genetisch bedingt ist.

 

9.    2. Evidenzen für die kulturelle Evolution

Die kulturelle Evolution ist eine selbständige, eigene Ebene der Evolution und lässt sich nicht auf die biologisch-genetische Ebene reduzieren, weil

·       die kulturellen Eigenschaften und Verhaltensweisen des Menschen durch die Vielfalt der Zustände und Vernetzungen der Großhirnneuronen bestimmt wird, welche die Anzahl der Basenpaare im menschlichen Erbgut um viele Größenordnungen übersteigt. Die neuronale Gehirnstruktur des Menschen kann deshalb nicht allein durch seine Gene bestimmt sein.

·       die Schnelligkeit der kulturellen Evolution um mindestens 3 Zehnerpotenzen über der Geschwindigkeit der biologischen Evolution liegt.

·       die Verschiedenartigkeit der kulturellen Evolution weder durch unterschiedliche Gene noch durch unterschiedliche Umweltbedingungen determiniert ist und es auch unter ähnlichen Umweltbedingungen und  bei genetisch ähnlichen Völkern unterschiedliche Kulturen gibt.

·       ein Zusammenhang und eine Weiterentwicklung bestimmter Kulturtechniken in allen Teilen der Welt nachweisbar ist.

Für die von der Soziobiologie und der evolutionären Psychologie unternommenen Versuche, die kulturelle Evolution mehr oder weniger vollständig auf die Ebene der biologischen Evolution zu reduzieren, gibt es wenig schlüssiges Beweismaterial.

 

Der Suchraum der Möglichkeiten der kulturellen Evolution ist unüberschaubar groß und wächst exponentiell mit der Anzahl seiner Parameter. Zu diesen Parametern gehören ja nicht nur die geistigen Möglichkeiten, die sich aus der Vernetzung der 100 Milliarden Neuronen eines einzelnen Menschen ergeben, sondern kulturelle Evolution beruht auch auf der Vernetzung der Milliarden Individuen zu einem einzigen komplexen System. Von den dadurch gegebenen Möglichkeiten kann prinzipiell nur ein winziger Bruchteil durchlaufen, geprüft und realisiert werden, aber trotzdem sind die damit gegebenen Kreativitätspotentiale gewaltig und bieten der Evolution per Variation und Selektion ungeahnte Möglichkeiten.

Die Analyse geschichtlicher Entwicklungen zeigt jedoch sehr deutlich, dass kulturelle Evolution nicht auf die noch vorherrschende Handlungstheorie reduzierbar ist. Zwar gelingt es immer wieder einzelnen Politikern und Herrschern ihre Intentionen eine zeitlang zu verwirklichen, aber am Ende entspricht das geschichtlich tatsächlich erreichte Ergebnis selten der ursprünglichen Intention. Weder gelingt bisher die planvolle Verfügbarmachung der Natur durch Wissenschaft und Technik ohne Umweltzerstörung noch die vernunftbasierte Gestaltung einer guten und gerechten Gesellschaftsordnung ohne dass drei Viertel der Weltbevölkerung in Armut leben müssen und das Bevölkerungswachstum sinnvoll gesteuert werden kann.

Einerseits scheitern teleologische und intentionale Erklärungen der Kulturentwicklung, aber diese kann auch nicht allein naturgesetzlich bestimmt sein, denn sie wird auch von Zufällen und beabsichtigten Handlungseingriffen des Menschen bestimmt, auch wenn sich diese anders auswirken als beabsichtigt. Die kulturelle Evolutionstheorie erweist sich als Mittelweg zwischen Handlungstheorie und naturalistischer Erklärung, in dem sie im Modul der Variation das kurzfristige Wirken des subjektiven Handlungsfaktors integriert und im langfristigen Wirken von Selektionsparametern auch ökologische Rahmenbedingungen und soziale Organisationsformen erfasst.

Der aufklärerische Traum einer Menschheit, die ihr eigenes Schicksal selbstbestimmt in die Hand nimmt, transformiert sich damit in die Frage, in welchem Maße die Menschheit in der Lage ist, die Selektionsparameter ihrer eigenen Evolution planvoll zu steuern. Dabei sind unabhängige Parameter zu berücksichtigen, wie angeborene psychologische Mechanismen, welche die Variationen begrenzen und der evolutionären Psychologie wichtig sind, angeborene Dispositionen des Sozialverhaltens, welche die Soziobiologie ins Zentrum ihrer Betrachtung stellt und ökologische Beschränkungen, welche  die ökologischen Verhaltenstheoretiker als vorrangig ansehen.

Auf der Basis des Wirkens der drei grundlegenden Module der Evolutionstheorie ergeben sich eine Reihe weiterer Parallelen zwischen biologischer und kultureller Evolution:

·       das Phänomen des Aussterbens kultureller „Spezies“, Erfindungen und Techniken, Sprachen, Religionen und Sozialsystemen

·       Methodik und Systematik von Teildisziplinen in Bezug auf Abstammungsforschung, Archäologie, Klassifikation, Biogeografie, Genetik und Memetik, Populationsgenetik und Spieltheorie

 

9.    3.  Meme und Memetik

Zur Betonung der Parallelität von biologischer und kultureller Evolution wurde der Begriff des Mems als Analogon zum Gen geschaffen. Dem gemäß sind Meme die kleinsten reproduktiven Informationseinheiten, welche die kulturelle Evolution tragen. Es empfiehlt sich, abweichend von der von Blackmore verwendeten Definition unter Memen nur die im Gehirn eingespeicherten abstrakten Informationsstrukturen zu verstehen, die keine eigenständige Existenz besitzen, und die aus dieser Vorlage vom Menschen hergestellten  äußeren Formen wie schriftliche Aufzeichnungen, Bilder, Filme, Pläne und Kunstwerke als Phäne zu bezeichnen, die in der Biologie den phänotypischen Merkmalen eines Organismus entsprechen und von den Genen bestimmt werden. Zum molekularen Genbegriff der Biologie gibt es in der Kultur kein Analogon, sondern das Mem entspricht nur dem funktionalen Gen der Biologie, in dem es in der Lage ist, die zugehörigen phänotypischen Merkmale hervorzubringen. Entsprechend dieser Eigenart gibt es Schwierigkeiten, die Identität eines Mems in allgemeiner Form zu definieren, sondern dies gelingt nur im jeweils fachspezifischen Anwendungsbereich. Deshalb kann es auch keine allgemeine Theorie der Memetik geben und die Memetik ist keine eigene Wissenschaft. In Verbindung damit gibt es auch keine Vererbungslehre wie in der Biologie und die Vererbung der Meme ist immer eine partielle oder eine „Mischvererbung“.

 

9.    4. Mechanismen der kulturellen Reproduktion

Die Reproduktion von Memen vollzieht sich durch deren Transmission von einem Gehirn zum anderen, wobei sich diese Übertragung in alle sozialen Richtungen der Gesellschaft vollziehen kann, nicht nur entlang der biologischen Nachkommensrelation.

Bei der Transmission von Memen handelt es sich nicht um individuelles Lernen, sondern immer um soziales Lernen, also um Lernen von einem anderen Individuum. Blackmore engte dabei die Memtransmission auf reine Imitation ein. Nur wenige Arten sozialen Lernens sind aber reine Nachahmungen im engen Sinne eines Kopiervorganges, so dass eine Erweiterung auf alle Formen des sozialen Lernens sinnvoll ist. Da soziales Lernen auch bei höheren Tieren in geringem Maße beobachtet wird, sind auch diese kulturfähig.

Blackmore betrachtete die Memtransmission als reinen Kopiervorgang, es gibt aber bei der Memtransmission nichts, was  -  wie bei den Genen  -  einem direkten Kopiervorgang entspricht. Beim Kopieren werden alle Elemente eines Ganzen nacheinander dupliziert, was kein Verständnis des Ganzen voraussetzt. Es ist ein physikalisch-syntaktischer Vorgang. Memtransmission aber ist ein semantischer Reproduktionsvorgang, der zunächst ein kognitives Gesamtmodell der zu reproduzierenden Struktur entwirft und diese dann nachkonstruiert.

Evolution durch Replikation erfordert zwar keine 100%ige Kopiergenauigkeit, denn dann gäbe es keine Mutationen, jedoch eine sehr hohe Kopiergenauigkeit, damit  sich vorteilhafte Mutationen über viele Generationen hinweg erhalten können. Beim physikalisch-syntaktischen Kopiervorgang eines hochkomplexen Objektes wie z.B. eines Gens gibt es eine zu hohe Fehlerrate, die durch spezielle Korrekturmechanismen kompensiert wird. Bei der Memtransmission wird die für kumulative Evolution erforderliche hohe Genauigkeit der Informationsübertragung beim sozialen Lernen durch den Intelligenzvorgang der Bedeutungserkennung und durch statistische Mittelwertbildung über viele Individuen gewährleistet.

Im Gegensatz zur biologischen Evolution beruht die kulturelle Evolution auf bloß partieller und Mischvererbung. Deshalb kommt es nicht nur zu Verzweigungen von kulturellen Stammlinien, sondern auch zu deren Wiedervereinigung, und es gibt keine kulturellen Arten, die sich immer weiter auseinander entwickeln mit „Fortpflanzungsbarrieren“ wie in der Biologie. Daher ist es auch nicht eindeutig möglich, nächste gemeinsame Vorfahren verschiedener Kulturen zu ermitteln und es ist möglich, dass die Globalisierung innerhalb einiger Jahrhunderte die kulturellen Unterschiede der Völker mehr oder weniger einebnet.

 

9.    5. Kulturelle Variation

Reproduktion und Variation vereinigen sich in der kulturellen Evolution zu einem einzigen Prozess, denn die junge Generation übernimmt Wissen und Leitbilder der älteren Generation selektiv und variiert sie zugleich.

Im Gegensatz zu biologischen Variationen erfolgen die kulturellen nicht völlig blind, sondern auch rational-zielgerichtet, aber sie sind fehlerhaft und unvollkommen. Dies bedeutet  im besten Fall, dass die Evolution schneller verläuft, weil weniger dysfunktionale Variationen vorkommen. Es kann aber auch bedeuten, dass gewisse Variationen, die sich als erfolgreich erweisen würden, nie zum Zuge kommen. So ist der zufällige Charakter von Innovationen für die kulturelle Evolution auch von großer Bedeutung und sorgt für die Offenheit des Evolutionsprozesses.

Die Gerichtetheit simultaner Variationen sorgt aber auch für kulturelle Makromutationen, die zu großen erfolgreichen Paradigmenwechseln und Umstürzen führen können und vor allem die technologische Evolution stark beschleunigen. Die höhere Effizienz gerichteter Variationen erklärt die um Zehnerpotenzen höhere Geschwindigkeit der kulturellen gegenüber der biologischen Evolution. Eine zu hohe Variationsrate birgt jedoch auch die Gefahr in sich, dass wegen zu geringer Reproduktionsgenauigkeit überhaupt keine nachhaltige,  kumulative Evolution zustande kommen kann.

In den Wissenschaften, die empirische Methoden anwenden, wie in den traditionellen Naturwissenschaften, aber auch zunehmend in der Sozialwissenschaft, Sprach- und Kulturwissenschaft, hält der laufende Zustrom neuer erklärungsbedürftiger Daten die kumulative Evolution ständig in Gang, während in den interpretativen Geisteswissenschaften bei vorwiegend autorzentrierter Interpretation die Evolution bei der bestmöglichen Interpretation des Werkes endet,

bei spekulativer autortranszendenter Interpretation aber mangels scharfer Selektionskriterien eine kumulative Evolution gar nicht erst zustande kommt.

 

9. 7. Probleme der kulturellen Selektion

Die Fitness eines Mems ist seine kulturelle Reproduktionsrate. Sie wird wesentlich bestimmt durch seine Fertilitätsrate, die durch die Publikationsrate gegeben ist. Aber reproduziert wird ein Mem erst, wenn seine Vitalität genügend groß ist, damit die Publikation auch gelesen wird, das Mem genügend lange im Gehirn eines Anderen gespeichert bleibt und weitergegeben wird. Die Vitalitätsfitness ergibt sich aus dem Gegeneinanderwirken von Werbung und Filterung im Sinne einer Aufmerksamkeitsselektion. Die Selektionskriterien aber hängen sehr stark vom kulturellen Kontext ab. In der Technik spielt das Kosten-Nutzen-Verhältnis eine wesentliche Rolle, in den empirischen Wissenschaften neben Wahrheitsgehalt auch Autorität, Budget und Popularität des Kreators, während in den Bereichen der interpretativen Geisteswissenschaften, der Politik, Moral, Religion, der sozialen Konventionen, der Kunststile und der Schönheitsideale die Selektionskriterien sich kaum objektivieren lassen.

Neben dem Kriterium der Lebensfeindlichkeit eines Mems scheint es keine weiteren allgemeingültigen Selektionskriterien zu geben. Das in weiten Bereichen wirksame Rationalitätskriterium, das evolutionär Wahrheitsnähe unserer Überzeugungssysteme bewirken sollte, wird durch verallgemeinerte Placeboeffekte unterlaufen, die ihre Wirksamkeit unabhängig von ihrem Wahrheitswert entfalten und u. a. die Selektion von Religion begünstigen. Dass gemäß der Grundidee von aufgeklärt-demokratischen Gesellschaften die kulturelle Selektion langfristig zur Elimination von fundamentalistischen Glaubenssystemen führt, ist keineswegs garantiert, da moralische Imperative grundsätzlich nicht logisch aus Naturgesetzen ableitbar sind, sondern sich unabhängiger Begründungen bedienen können und dürfen. Hierzu benutzen Glaubenssysteme spezifische Immunisierungs-mechanismen, die das Eindringen rivalisierender Meme wirksam verhindern. Da diese Methode der Ausfilterung konkurrierender Meme für die Meme aufgeklärter Rationalität grundsätzlich inakzeptabel ist, haben es letztere Meme schwerer, sich allein durch sachliche Begründbarkeit durchzusetzen. Eine Weltanschauung ist nicht nur auf der Objektebene ein Memkomplex, sondern besitzt auch als Paradigma auf der Metaebene die Funktion, die Aufnahme neuer Meme durch das Individuum zu steuern.

In der kulturellen Evolution sind Selektion und Variation in stärkerem  Maße als in der biologischen Evolution durch die agierenden Subjekte miteinander gekoppelt. Dies beschleunigt die Evolution, führt aber nur dann zu einer gerichteten Evolution, wenn die Selektionskriterien hinreichend scharf und für längere Zeit stabil bleiben. Dadurch kommt es auch häufig  zu einer Veränderung der Umgebungsbedingungen, was zur Konstruktion kultureller Nischen, aber auch zu explosionsartigen Veränderungen mit dem Risiko von chaotischen Verläufen und Zusammenbrüchen führen kann.

Ähnliche Folgen treten auf, wenn die Fitness einer Variante von ihrer eigenen Häufigkeit abhängt. Steigt die Fitness einer Variante, wenn sie häufiger wird, so entsteht Gruppenkonformismus, ein Mem verbreitet sich schneller, je mehr Individuen es bereits übernommen haben, was zu Massensuggestion bis zum Massenfanatismus führen kann.

Im umgekehrten Fall nimmt die Fitness eines Mems dadurch ab, dass es sehr Häufig wird. Diese Häufigkeitsabhängigkeit ist typisch für Modephänomene. Sie führt zu einer Vielfalt der Varianten, wenn die Selektionskräfte schwach sind, aber zu periodischen oder chaotischen Schwankungen, wenn sie stark sind.

Bei interaktiver Häufigkeitsabhängigkeit hängt die Fitness einer Variante von der Häufigkeit anderer Varianten ab, mit denen sie in Wechselwirkung treten kann. Die typischen Situationen sind soziale Interaktionen, die von der evolutionären Spieltheorie beschrieben werden, wo der Spielerfolg den Reproduktionserfolg bestimmt. Dabei kommt es entweder zu regelmäßigen oder irregulären Schwankungen der Populationshäufigkeiten verschiedener Varianten oder es bildet sich ein evolutionäres Gleichgewicht der Varianten.

 

10.         Die kulturelle Evolution der Menschheit

Nachdem der homo sapiens sich vor 200 000 Jahren in Afrika aus den Urmenschen heraus als menschliche Art entwickelt hatte, verbreitete er sich bis vor 10 000 Jahre v.Chr. über alle Erdteile in Form einer Jäger- und Sammlergesellschaft. Dann entwickelte sich im fruchtbaren Mesopotamien als erste Hochkultur Ackerbau und Viehzucht. Maßgebend hierfür war offenbar neben dem günstigen Klima die Tatsache, dass von den 56 am besten zur Getreidezucht geeigneten weltweit vorkommenden Grassorten 32 davon in eben diesem Gebiet natürlich vorkamen. Von den einigen tausend überhaupt gelegentlich als Nahrung genutzten Pflanzenarten waren nur die zur Züchtung geeignet, die möglichst nahrhaft, resistent und wettersicher, schnellreproduzierend, leicht erntefähig, gut lagerbar und selbstbesamend waren. Die neue Agrikultur ermöglichte ein sprunghaftes Wachstum der Bevölkerung, wodurch benachbarte Jäger- und Sammlergesellschaften immer mehr eingeengt wurden und selbst zur Landwirtschaft übergehen mussten.

Die ältesten Tierzüchtungen nach dem für die Jagd geeigneten Hund gingen ebenfalls von Südwestasien aus: Schaf, Ziege, Schwein und Kuh wurden dort erstmals gezüchtet.

Wegen der ähnlichen Klimabedingungen breitete sich Ackerbau und Viehzucht im wesentlichen in Ost-Westrichtung aus, nicht in den Süden Afrikas, wobei die heutige Sahara damals noch fruchtbares Land war. Die durch die Landwirtschaft bedingte Sesshaftigkeit beförderte auch die Entstehung der frühen Hochkulturen, die sämtlich in dieser günstigen Klimazone lagen.

Ob Ackerbau und Viehzucht in den späteren Kulturen aber überhaupt unabhängig voneinander entstanden sind oder nur durch Wanderbewegungen der Bevölkerung verbreitet wurden, ist derzeit nicht geklärt. Der Niedergang der amerikanischen Hochkulturen im Zuge der Kolonialisierung war nicht nur durch die bereits weiterentwickelte Waffentechnik der Europäer bedingt, sondern auch durch die Einschleppung von Krankheiten, gegen welche die Europäer bereits immun geworden waren.

Werden hinreichend lange Zeiträume und langfristige Entwicklungstrends ins Auge gefasst, ergab sich die kulturelle Entwicklung der Menschheit nicht aus individuellen Variationen, wie Handlungen großer Personen oder spezifische Schlüsselereignisse, sondern auf grund des anhaltenden Wirkens bestimmter Selektionsparameter, die zunächst wirkende natürliche Umgebungsbedingungen durch soziokulturelle Effekte verstärkten und zu unterschiedlich schnellem Wachstum und Entwicklungsfortschritt von Stammes- und Volksgruppen führten, die durch kriegerische Auseinandersetzungen weiter verstärkt wurden.

Mit der Einführung der landwirtschaftlichen Produktion begann die kulturelle Evolution der biologischen davonzulaufen. Dies wurde mit der vor 200 Jahren beginnenden Technologischen Revolution noch erheblich verstärkt. Der damit einsetzende riesenhafte technische Fortschritt beruht zwar letztlich auf dem Erfindergeist des Menschen, kann aber nicht allein mit der darauf beruhenden Genietheorie und auch nicht mit der Bedarfstheorie erklärt werden, der zufolge die technische Entwicklung erfolgt, um menschliche Bedürfnisse immer besser zu befriedigen. Kein noch so genialer Erfinder war in der Lage vorauszusehen, was aus seiner ursprünglichen Erfindung nach 50 Jahren Optimierung und Marktanpassung geworden ist. Eine eingehende Analyse langfristiger technischer Entwicklungen zeigt sehr deutlich, dass nur selten ursprünglicher Bedarf dafür maßgebend war, sondern dass sich die Entwicklung verselbständigt hat und erst gemeinsam mit der Entwicklung des Produktes der Bedarf entstanden und gewachsen ist. (siehe hierzu auch Mersch) Die Entwicklungen begannen spontan dort, wo die Umgebungsbedingungen und technischen Voraussetzungen günstig waren und führten wie auch bei der biologischen Evolution zur Verdrängung und zum Aussterben der weniger effektiven Produkte und Entwicklungslinien. Das schließt aber auch nicht aus, dass sich uneffektive Traditionen hartnäckig halten, wie z.B. die von der Schreibmaschine übernommene Anordnung der Tastatur für moderne Rechner.

Der gesamte Verlauf der kulturellen Menschheitsentwicklung zeigt sehr deutlich, dass auch hier die in der allgemeinen Evolutionstheorie beschriebenen Gesetzmäßigkeiten am wirken waren und sind. (weiter Teil 6: Bewusstseinsentwicklung)

16.         Die Evolution der Kooperation

16.1. Egoismus und Altruismus

Kooperation kann evolutionär nur entstehen, wenn der kooperative Nutzen den Nutzen eines Egoisten durch mögliche Ausbeutung des Kooperationspartners übersteigt. Zahlreiche Untersuchungen und Studien wurden durchgeführt, um die dafür notwendigen Bedingungen näher zu spezifizieren. Sogenannter evolutionärer Altruismus erweist sich bei genauerer Analyse dabei stets als reziproker evolutionärer Egoismus. Davon zu unterscheiden ist jedoch ein moralisch motivierter psychologischer Egoismus bzw. Altruismus. Für den evolutionären Effekt von Kooperation ist es jedoch völlig gleichgültig, ob diese durch echten Altruismus oder reziproken Egoismus zustande kommt. Das Problem besteht darin, ob und warum sie überhaupt zustande kommt. (Siehe hierzu auch Mersch und Wilson)

16.2.    Gruppenselektion

Theoretisch kann sich Kooperation entwickeln, wenn die Population in zwei getrennte Gruppen aufgeteilt wird, bei denen in einer Gruppe die Zahl der Kooperateure und in der anderen die der Egoisten stark überwiegt. In beiden Gruppen können sich die Egoisten durch Ausbeutung der Kooperateure stärker vermehren, aber die Gruppe der Kooperateure wächst schneller als die Gruppe der Egoisten wegen der Vorteile der inneren Kooperation der Kooperateure. Wenn die beiden Gruppen neuformiert werden, indem die meisten Egoisten aus der Gruppe der Kooperateure ausgeschlossen und in die andere Gruppe überführt werden, bevor die Kooperateure in dieser Gruppe relativ zu stark reduziert wurden, kann man erreichen, dass die Anzahl der Kooperateure insgesamt schneller wächst als die Anzahl der Egoisten. Ein solches Modell beschreibt aber eher eine Züchtung als eine evolutionär stabile Kooperation.

16.3.    Korrelation durch Signalaustausch

Auch wenn man annimmt, dass mit Hilfe des Austauschs von Signalen kooperationsbereite Partner bevorzugt untereinander  kooperieren und Ausbeuter meiden, können zwar in Koordinierungsspielen mit 2 Nash-Gleichgewichten dazwischenliegende Fitnesstäler überwunden werden, so dass sich das günstigere Gleichgewicht als evolutionär stabil erweist, jedoch verhindert auch eine solche Möglichkeit nicht das Eindringen von Ausbeutern in eine Population von Kooperateuren in typischen Defektions-Kooperationsspielen von der Art des Gefangenendilemmas. Die Analyse derartiger Spielsituationen könnte aber die Evolution von intersubjektiv stabilen Signalbedeutungen erklären.

16.4.    Tit – for – Tat - Reziprozität

Zunächst schien es so, dass die von Axelrod in Computerturnieren untersuchte Tit-  fo – Tat - Revanchestrategie immer eine gute Grundlage für die spontane Evolution von Kooperation wäre und zu stabilen Kooperationsstrategien führen könne. Dies änderte sich nach Berücksichtigung einer Irrtumskomponente und veränderten Nutzenskomponenten. Nur bei geringerem Nutzen der Ausbeuterstrategien ist TfT eine evolutionär stabile Strategie, bei höherem Nutzen der Ausbeutung setzen sich Ausbeuterstrategien durch. Außerdem hemmt steigende Gruppengröße die Ausbreitung von Kooperation, weil große Gruppen die Ausbeutung begünstigen.

16.5.    Intraspeziessymbiose

Kooperation gleichartiger Individuen ist vorteilhaft bei Feindinspektion und Territorialverteidigung. Solange deren Kosten gering sind, entwickelt sich die Kooperation spontan. Mit wachsender Kooperation steigt deren Nutzen, was eine wachsende Möglichkeit zu deren Ausbeutung bietet, weshalb auch der Anteil der Ausbeuter wächst, bis die Kooperation wider zusammenbricht und eine nachhaltig stabile Kooperation nicht zustande kommt. Die Kooperation bleibt auf kleine Gruppen beschränkt.

16.6.    Sanktionssysteme

Besonders in Spielen mit mehreren Spielern entsteht durch Kooperation ein bedeutender Nutzen, den sich defektierende Egoisten leicht aneignen können. Hier hat sich im Zuge der Evolution vielfach ein gemeinschaftliches Sanktions- und Belohnungssystem herausgebildet, das Kooperation wesentlich erleichtert. Allerdings verursacht ein wirksames Sanktionssystem Kosten zweiter Ordnung, die von der Gemeinschaft in Kooperation zweiter Stufe aufzubringen, aber meist wesentlich geringer als der erzielte Nutzen sind. In kleinen Gemeinschaften genügt hierzu oft bereits Reputation, allerdings können sich Egoisten durch Wechsel in andere Gemeinschaften einer Bestrafung leichter entziehen und Betrugsstrategien zweiter Ordnung entwickeln. Dies förderte die Entstehung von Rechtssystemen in größeren Gemeinschaften, die sich aber oft in Herrschaftssysteme und Diktaturen entwickelten. Auch im Internet entstehen spontan Sanktionssysteme, die auf Reputation beruhen und Betrügern ihr Handwerk erschweren. Ohne Sanktionssysteme scheint die spontane Ausbildung von Kooperation unwahrscheinlich zu sein.

16.7.    Spezifisch menschliche Kooperationsförderung

Fortgeschrittenere Formen von Kooperation mit reziprokem Verhalten erfordern höhere kognitive Fähigkeiten, die sich erst beim Menschen entwickelten. Erst die Sprache ermöglichte es, sich in andere Individuen hinein zu versetzen, sich auf deren Absichten einzustellen und diese auf gemeinsame Ziele auszurichten. Diese kulturell entstandenen Fähigkeiten scheinen sich in Spiegelneuronen und angeborenen Dispositionen zu Schuld- und Schamgefühlen bei Regelverletzungen in Form des Gewissens und einer Orientierung auf Fairness manifestiert zu haben.

Die Aufdeckung von Betrug im Rahmen von Kooperation erfordert Fähigkeiten zum konditionalen Schließen, die individuell verschieden entwickelt und vorzugsweise auf die Aufdeckung von sozialem Betrug gerichtet sind.

Die Analyse von evolutionären Spielmodellen, in denen angenommen wurde, dass kooperatives Verhalten vor allem bei nachbarschaftlichen Beziehungen durch Nachahmung erfolgreichen Verhaltens bestimmt wird, zeigte, dass Kooperation sich dann entwickelt und gegen Ausbeutung stabil bleibt, wenn die Kosten der Kooperation (die ein Ausbeuter gewinnen kann), 50% des Nutzens der Kooperation nicht übersteigen. Daraus lässt sich schließen, dass spontane Evolution von Kooperation durch lokale Gruppenbildung stark begünstigt wird, wenn durch Sanktionen die Ausbeutungsmöglichkeiten begrenzt werden. Durch Migration und die globale Information über die Möglichkeiten des egoistischen Profitieren hingegen wird Kooperation untergraben.

Hier liegt auch eine Funktion religiöser Weltbilder. Sie stabilisieren soziale Kooperation in zweierlei Weise. Erstens werden die gemeinsamen Interessen und Regeln der eigenen Gruppe durch höhere göttliche Mächte legitimiert und zweitens werden altruistische Handlungen durch jenseitsbezogenen reziproken Egoismus motiviert. Gleichzeitig wird damit die Abgrenzung von anderen Gruppen gefördert und die Migration und globale Information behindert.

Die evolutionäre Förderung nützlicher Kooperationen durch kontrollierte Sanktionen liefert auch die Erklärung für die Entwicklung staatlicher Organisationen, die sich zunächst am einfachsten in Form von diktatorischen Herrschaftssystemen verwirklichen ließen. Daraus entstand aber das Problem, wie denn die Kontrolleure kontrolliert werden könnten. Demokratien westlichen Zuschnitts versuchen heute das Problem durch Gewaltenteilung zulösen, in dem der staatliche Regierungsapparat durch ein gewähltes Parlament und eine unabhängige Justiz kontrolliert werden sollte. Ob sich dies auf lange Sicht als evolutionär stabil erweist, kann nur die Zukunft zeigen. Gegenwärtig ist ein Anwachsen des religiösen Fundamentalismus festzustellen, der lokale Kooperation fördert und globale unkontrollierte Ausbeutung behindert.

Teil 1: Das Weltbild der Evolutionstheorie