Kulturelle Evolution

1. Auch Jost Herbig setzt sich in seinem Buch "Der Fluß der Erkenntnis" mit Problemen der Evolution des Bewußtseins auseinander. Er ist der Auffassung, die evolutionäre Erkenntnistheorie beschreibe nicht die Evolution der menschlichen Erkenntnis, sondern nur die Evolution der kognitiven Fähigkeiten, also des Apparates der Sinne und des Verstandes. Damit würde stillschweigend vorausgesetzt, daß unsere kognitiven Fähigkeiten ausschließlich auf angeborenen Anschauungsformen beruhen und die "kulturellen Anschauungen der Welt" vernachlässigt. Das steht in gewisser Übereinstimmung mit dem von mir gewonnenen Eindruck, daß fast alle Autoren, die sich mit evolutionstheoretischen Fragen beschäftigen, den Menschen zwar als biologisch - psychosoziales Wesen betrachten, das sich seiner Umwelt angepaßt hat und weiter anpaßt, aber darüber hinausreichende Probleme der Evolution der menschlichen Gesellschaft als solcher nicht untersuchen.

2. Herbig unterscheidet 3 Ebenen der Erkenntnis, zwei angeborene und eine "kulturelle".

- Auf der untersten Ebene der Reflexe reagieren wir automatisch auf Umweltreize. Über ein starres genetisches Programm, das im Laufe der Evolution herausgebildet wurde, lösen Wahrnehmungen der Sinnesorgane automatisch bestimmte komplexe Verhaltensweisen aus, meist auf der unbewußten Ebene. Trotzdem erfordern diese angeborenen Reaktionen bereits sehr komplexe Erkenntnisprozesse, z.B. das Erkennen von auf Kollisionskurs fliegenden Gegenständen.

- Auf der 2. Ebene bilden offene Programme die Voraussetzungen für individuelle Lernprozesse. Hier sind nur die prinzipiellen Fähigkeiten angeboren, während die eigentlichen Erkenntnisinhalte individuell erlernt werden müssen. Solche individuellen Lernprozesse gibt es bereits bei Tieren, sie bestehen aus reiner Tradierung nützlicher Kenntnisse und praktischer Fähigkeiten.

- Die 3. Ebene der Erkenntnis bilden kulturelle Anschauungen über die notwendige Struktur der Welt, die größere Gruppen von Menschen gemeinsam haben (s. Poppers Welt 3) . Erst auf dieser Ebene entstehen Begriffe und das kausale Denken. Anhand der Entwicklung der griechischen Kultur beweist Herbig, daß insbesondere das kausale Denken nicht zu den angeborenen Fähigkeiten gehört, sondern eine kulturelle Errungenschaft des Menschen ist.

3. Obwohl Herbig eine Kluft zwischen evolutionärer Erkenntnistheorie und Kulturgeschichte beklagt und überwinden will, gelingt es ihm nicht, eine komplexe Einheit zwischen biologischer und sozialer Entwicklung des Menschen herzustellen. Der Mensch wird lediglich als Individuum gesehen, das im Rahmen der kulturellen Entwicklung durch Begriffsbildung und logisches Denken neue Möglichkeiten der Auseinandersetzung und Anpassung an die Umwelt und zur Veränderung der Umwelt erhält. Die Zwangsläufigkeit einer Einordnung des Individuums in ein übergeordnetes System wird nur oberflächlich als Ursache für die Entstehung des kausalen Denkens reflektiert und nicht als neue Qualität der evolutionären Entwicklung als solcher angesehen. Wenn Herbig schreibt: "Kulturelle Anschauungen und die aus ihnen abgeleiteten Weltbilder sind nicht bloß Abbildungen von Welt. Vielmehr bilden sie die Voraussetzungen für die schöpferische Gestaltung der Welt durch den Menschen.", so entsteht der Eindruck, als würden kulturelle Anschauungen mehr enthalten und mehr bedeuten, als Abbildungen der Welt zu sein. Dieser Eindruck verstärkt sich durch Herbigs Aussage: "Kulturelle Anschauungen schaffen so aus den biologischen Voraussetzungen des Weltbildapparates die spezifischen Formen des Erkennens, mit dem wir Menschen uns in der selbstgeschaffenen Welt der Kultur orientieren." Hier wird die Tatsache verwässert, daß auch die kulturellen Anschauungen nichts anderes sind als Abbildungen der realen Welt, nicht aber nur der Welt der Kultur, sondern auf einer höheren und die Zusammenhänge der Welt tiefer und vollständiger erfassenden Ebene. Das Neue an den kulturellen Anschauungen ist nicht die willkürliche schöpferische Gestaltung, sondern die Tatsache, daß kulturelle Anschauungen Weltbilder sind, die nicht von Individuen hervorgebracht werden, sondern die Ergebnis des Zusammenwirkens der Individuen im übergeordneten System sind, auch wenn sie von einzelnen Denkern als erste formuliert werden. Erst durch die auch anderen Individuen zugängliche sprachliche Formulierung oder anderweitige Darstellung werden sie zum Kulturgut.

4. Herbig schreibt: " Auf der unteren biologischen Ebenen verrichtet der Weltbildapparat, was ihm die evolutionäre Erkenntnistheorie zuschreibt. ... Aber auf der oberen Ebene des bewußten Erkennens haben wir die Freiheit, die Welt im Spiegel kultureller Theorien über sie zu betrachten. Dort deuten wir das, was der Weltbildapparat meldet, durch kulturelle Anschauungen über eine notwendige Struktur der Welt. Selbst in ein und derselben Kultur können sich solche Anschauungen innerhalb kurzer Zeit so grundlegend wandeln wie in Griechenland zwischen dem 8. und dem 4. Jahrhundert vor Christus."

Auch in dieser Aussage wird nicht deutlich, daß die Kultur ein Produkt der Evolution ist und sich evolutionär entwickelt und im 4. Jahrhundert nicht mehr dieselbe ist wie im 8. Jahrhundert v.Z.. Wir haben nicht die Freiheit, die Welt willkürlich so oder so zu betrachten. Die Gesellschaftliche Evolution erfordert, die Theorie an der Wirklichkeit zu korrigieren, wenn das System evolutionsfähig bleiben soll. Es besteht kein prinzipieller Widerspruch zur Evolutionstheorie, es handelt sich halt nur um die nächsthöhere Stufe.

5. Es verwundert etwas, daß Herbig nicht zu der naheliegenden Schlußfolgerung kommt, daß nur die logische Analyse der Umwelt einschließlich der gesellschaftlichen Prozesse zu neuen Erkenntnissen und zur Beherrschung der sozialen und ökologischen Probleme führen kann, die zur Weiterentwicklung der Menschheit gelöst werden müssen und daß die Organisation dieser kulturellen Prozesse eine Aufgabe ist, die nur die Gesellschaft als Ganzes stellen und lösen kann. So wie die griechische Götterwelt und die Religionen für die vergangene kulturelle Entwicklung der Menschheit einen entscheidenden Einfluß hatten, so müssen heute wissenschaftliche Erkenntnisse über Natur und Gesellschaft die weitere Entwicklung entscheidend beeinflussen. Diese Prozesse in Gang zu setzen, ist die Aufgabe der Politik.

6. Bemerkenswert ist es, daß Herbig als Ursache für den Übergang von der aristokratischen, an Götter glaubenden griechischen Gesellschaft zur Demokratie und Naturphilosophie das entstehende ICH-Bewußtsein der ungerecht behandelten Bevölkerungsgruppen erkennt. Dieses ICH-Bewußtsein entwickelten jedoch nicht die ärmsten, unterdrückten Schichten, sondern die vergleichsweise noch gut lebenden Mittelschichten der Handwerker und Händler, die auch im Denken am weitesten fortgeschritten und geschult waren. Und genau diese bewirkten den gesellschaftlichen Umbruch. Spätestens hier wäre es angebracht, parallelen zur heutigen Gesellschaft zu ziehen. In diesem Lichte muß man die Frage stellen, woher kommt die von Heleno Sana angeprangerte Haltung der deutschen Intellektuellen ? Ist ihr Rückzug aus der Politik eine Folge der Nichtachtung ihrer Rolle in der marxistischen Klassenkampftheorie und ihrer Nichtbeachtung in der praktischen Politik des Realsozialismus?