Kommentar zur Systemischen Evolutionstheorie von Mersch

(Dieser Kommentar bezieht sich auf einen 2010 im Internet erschienen Vorläufertext des 2012 erschienen Buches und wird demnächst überarbeitet)

Während ich in den „Thesen zur Theorie der Selbstorganisation und Evolution“ in Anlehnung an den Physiker Ebeling von den allgemeinsten physikalischen und systemtheoretischen Betrachtungen ausgehe und damit versuche, die Prinzipien der Evolution rein theoretisch abzuleiten, ist die  Systemische Evolutionstheorie von Mersch von vorn herein als Verallgemeinerung der Darwinschen Evolutionstheorie auf Sozialsysteme angelegt. Da in beiden Theorien das gleiche Grundanliegen und selbstreproduktive Systeme als Evolutionsakteure betrachtet werden, sind ihre Schlussfolgerungen außerordentlich ähnlich, wobei bedingt durch den unterschiedlichen Ausgangspunkt die Differenzen zum Darwinismus in der systemischen Evolutionstheorie klarer herausgestellt werden, während in der Theorie der Selbstorganisation und Evolution der Anschluss an selbstorganisatorische Prozesse in der unbelebten Materie und damit die Entstehung des Lebens überhaupt besser aufgehellt werden können. Es sollte angestrebt werden, beide Gesichtspunkte zu einer einheitlichen Theorie zu vereinigen. Hierzu wäre als erster Schritt eine Abgrenzung und Verdeutlichung einiger Begriffe vorzunehmen, die das Wesen der systemischen Evolutionstheorie entscheidend bestimmen. Dies scheinen mir  in erster Linie die Begriffe

zu sein.

Ich versuche im Folgenden, diese Begriffe, deren Bedeutung in der systemischen Evolutionstheorie umfangreich an Anwendungsbeispielen erläutert ist, in ihrer Funktionsweise weiter zu analysieren und theoretisch verständlicher zu machen. Im nächsten Schritt wäre der Versuch zu unternehmen, diese Begriffe und weiteres Gedankengut aus der systemischen Evolutionstheorie in die Theorie der Selbstorganisation und Evolution durch entsprechende Verweise zu integrieren.

Reproduktionsinteresse

„Reproduktionsinteresse“ ist als emergente Systemeigenschaft der Evolutionsakteure der Sammelbegriff für die wichtigste Triebkraft der Evolution und besitzt auf den verschiedenen Ebenen der Evolution unterschiedliche Formen. In der präbiologischen Phase bedeutet Reproduktionsinteresse nichts anderes als die Fähigkeit des Systems zur Selbstreproduktion. Diese Fähigkeit entsteht zufällig und  zwangsläufig in jedem evolutionsfähigen System als Voraussetzung seiner Evolutionsfähigkeit. Ohne diese Fähigkeit würde jedes System auf Grund des Entropiesatzes über kurz oder lang wieder zerfallen und jeder evolutionäre Fort-„Schritt“ wäre wieder vernichtet.  „Zufällig und zwangsläufig“ bedeutet, dass solange immer andere zufällige Veränderungen stattfinden, bis die Fähigkeit zur Selbstreproduktion entstanden ist. Einmal entstanden, ist das Reproduktionsinteresse eine wichtige Kompetenz zur Verdrängung der konkurrierenden Systeme bei der Nutzung der Ressourcen der Umwelt und Gegenstand der Selektion. Insofern halte ich die Formulierung „Das Prinzip Reproduktionsinteresse der Systemischen Evolutionstheorie stellt einen Ersatz für die verschiedenen Selektionsprinzipien der Darwinschen Evolutionstheorie dar. Die Systemische Evolutionstheorie kennt in dem Sinne keine Selektionsprinzipien mehr.“ Im Abschnitt 7 des knol-Artikels für fragwürdig.

In der biologischen Phase der Evolution ist das  Reproduktionsinteresse zunächst in den Genen codiert und wird mit ihnen als Systemeigenschaft vererbt, variiert und selektiert. Dabei greift die Selektion (natürliche Auslese) am Reproduktionserfolg an, der wesentlich vom Reproduktionsinteresse beeinflusst wird. In dem Maße, in dem das Verhalten der Lebewesen nicht nur von den ererbten Genen, sondern auch von den im Laufe des Lebens erworbenen Erfahrungen (Kompetenzen) bestimmt wird, wird auch das Reproduktionsinteresse von diesen Erfahrungen beeinflusst. Kompetenzerwerb beeinflusst also auch den Reproduktionserfolg und fördert bei positiver Korrelation von Fitness und Reproduktionsinteresse die Evolution und hemmt diese bei negativer Korrelation, womit positive Korrelation selektiert wird.

 

In der Phase der Sozialisation entstehen den individuellen Lebewesen übergeordnete selbständige soziale evolutionsfähige Systeme (Superorganismen). Man muss deshalb unterscheiden zwischen den Reproduktionsinteressen der einzelnen Lebewesen und den Reproduktionsinteressen des jeweiligen Sozialsystems, die verschieden sind bzw. die sich auseinanderentwickeln und trennen können. Selbstverständlich beeinflussen diese sich gegenseitig, denn das jeweilige Sozialsystem ist Bestandteil der Umwelt der einzelnen Lebewesen und erzeugt damit auch Selektionsdruck, der die Reproduktionsinteressen der Individuen in eine andere Richtung lenken kann. In dieser Phase werden die Reproduktionsinteressen nur noch wenig von Genen und individuellen Lebenserfahrungen bestimmt, sondern von den Umweltstrukturen, die das Sozialsystem herausbildet. An die Stelle individueller Erfahrungen  treten die in den gesellschaftlichen Institutionen gesammelten und wissenschaftlich bearbeiteten Erfahrungen und Erkenntnisse, die kulturell weitergegeben werden und im Prinzip allen zur Verfügung stehen, aber von den Individuen sehr unterschiedlich genutzt werden. In dieser Situation werden negativ korrelierte Kompetenzen und Reproduktionsinteressen der Individuen nicht von selbst unterdrückt (demografisch-ökonomisches Paradoxon), wodurch die Evolution der Individuen gebremst wird oder zum Stillstand kommen kann.

Das Reproduktionsinteresse der Sozialsysteme speist sich aus den Erkenntnissen der Institutionen und bleibt positiv korreliert zu deren Kompetenzen, negative Korrelationen werden von selbst eliminiert.

Eine interessante Frage wäre, ob die Evolutionsfähigkeit des Sozialsystems die weitere Evolution der Individuen voraussetzt, d.h. ob der Sozialstaat im Interesse seiner Weiterentwicklung durch entsprechende Gestaltung seiner Ordnungsstrukturen solche Umweltbedingungen für die Bürger schaffen muss, dass die negative Korrelation der Reproduktionsinteressen und der Kompetenzen der Bürger sich von selbst eliminiert. Derartige Fragen werden durch die Systemische Evolutionstheorie zwar aufgeworfen, aber nicht geklärt.

 

Kompetenzerhalt, Kompetenzerwerb und Fitness

Kompetenz: Unter Kompetenzen wird die Summe der Fähigkeiten verstanden, Informationen des Lebensraums zu empfangen, zu deuten (zu interpretieren) und zur Reproduktion der eigenen Kompetenzen zu nutzen (z. B. durch Erlangung von Ressourcen)

Diese Definition ist zunächst vergleichbar mit der Fitness von Lebewesen der Darwinschen Theorie und nicht direkt anwendbar auf tote Materie. Dennoch haben auch präbiologische selbstreproduktive Systeme eine der so definierten Fähigkeiten, nämlich die Fähigkeit, Ressourcen der Umwelt zur Reproduktion der eigenen Kompetenz zu nutzen. Der Erwerb dieser Fähigkeit durch Zufallsprozesse ist oben beschrieben und der Erhalt dieser Kompetenz ist das Ergebnis ihres Erwerbs. Ein Anschluss an präbiotische Prozesse ist somit herstellbar. Wenn man Fitness als Grad der Angepasstheit an den Lebensraum versteht, sehe ich im Begriff der Kompetenz lediglich eine gewisse Erweiterung in Richtung auf die Fähigkeit zur aktiven Veränderung des Lebensraumes.

Der Begriff Kompetenzerhalt ist zweideutig. Auf der einen Seite bedeutet er die Konstanthaltung einer erworbenen Kompetenz durch Speicherung von Information in den 4 verschiedenen Kompetenzerhaltungsebenen, d.h. die Reproduktion von Information. Andererseits bedeutet er in einem sich ändernden Lebensraum ständige Veränderung zur Aufrechterhaltung der Angepasstheit an diesen Lebensraum, d.h. Erwerb neuer Kompetenzen zur Anpassung des Systems an den Lebensraum oder zur Anpassung des Lebensraumes an das vorhandene System. Beide Bedeutungen liegen den im Abschnitt 5.2. des knol-Artikels betrachteten Speicherungsmethoden zu Grunde , ohne das dort zwischen ihnen unterschieden wird.

In der ersten Bedeutung ist Kompetenzerhalt ein Teil des Reproduktionsinteresses, das von vornherein auch auf die Reproduktion der Kompetenzen, also deren Erhalt gerichtet ist. Gleichzeitig ist das Reproduktionsinteresse die wichtigste Kompetenz, die zu erhalten ist.

 In der 2.Bedeutung ist Kompetenzerhalt eine existenzsichernde Aktivität des Evolutionsakteurs und erfordert den Erwerb neuer Kompetenzen. Diese spezifische Kompetenz zum Erwerb neuer Kompetenzen entsteht als emergente Eigenschaft erst beim Übergang eines selbstreproduktiven zum lebenden System, das dadurch „Subjekt“ wird. Hier ist Kompetenzerhalt identisch mit dem ersten Schritt einer Kompetenzveränderung durch Variation, womit das Thema Zufall oder Zielstrebigkeit von Variationen eröffnet wird.

Kompetenzerwerb führt durch Informationsaufnahme aus dem Lebensraum zu Kompetenzgewinn des Evolutionsakteurs und zur Abnahme oder zum Ausgleich der selbständigen Zunahme der Informationsentropie des subjektiven Lebensraumes. Kompetenz­­erwerb und Kompetenzerhalt benötigen Ressourcen und Energie aus dem Lebensraum und verändern die Strukturen des Evolutionsakteurs, werden durch selbsttätige  Selektion bewertet und können damit zu dessen Evolution führen.

 

  Zufällige oder gezielte Variation

Variation bedeutet die Unterschiedlichkeit der Kompetenzen der Evolutionsakteure einer Population. Diese Unterschiedlichkeit wird durch Kompetenzerwerb erzeugt und durch Kompetenzerhalt aufrechterhalten, durch unterschiedliche Reproduktionsinteressen und deren selbsttätige Selektion aber reduziert.

Der Darwinismus und die Theorie des egoistischen Gens erklären  die Unterschiedlichkeit der Kompetenzen durch zufällige Variation, was aber nur auf der Ebene der genetischen Speicherung vorzugsweise zutrifft. Auf den übrigen 3 Ebenen erfolgt die Variation eher gezielt. Dies berücksichtigt die Systemische Evolutionstheorie, die zur Erklärung kultureller Evolution bemühte Memetik jedoch  nicht.

 

Selektionsinteresse, Selektionsdruck und Selektionsmethoden

„Da die Natur nicht aktiv selektiert, erlauben es die Begrifflichkeiten der Systemischen Evolutionstheorie auch nicht, von einer natürlichen Selektion zu sprechen.“ Dennoch werden die Evolutionsakteure einer Population entsprechend ihren Kompetenzen selektiert. Man könnte dies statt „natürliche“ z. B. „selbsttätige“ Selektion nennen und meint damit den bevorzugten Fortpflanzungserfolg und Fortbestand des Evolutionsakteurs mit den besten Kompetenzen.

Der Darwinismus kennt als Selektionsmethode nur das „Recht des Stärkeren“ bei der Zuteilung knapper Ressourcen, das Interesse des aktuellen Ressourcenbesitzers findet dabei keine Berücksichtigung. Diese Selektionsmethode beherrschte die Anfangsphase der biologischen Evolution. Mit den Kompetenzvorteilen, die die Genkombination durch sexuelle Vermehrung mit sich brachte, wurde die Phase der Sozialisierung eingeleitet. Die Vorteile der Kooperation ließen eine neue Selektionsmethode entstehen, die das „Recht des Besitzenden“ in den Blickpunkt brachte. Diese „Gefallen-wollen-Kommunikation“ entstand in der biologischen Phase der Evolution in Form der sexuellen Selektion und entwickelte sich in der Sozialisierungsphase zur Marktwirtschaft. Diese neue Selektionsmethode steht in der systemischen Evolutionstheorie gleichberechtigt neben dem Recht des Stärkeren und wirkt auf der Basis des Selektionsinteresses, das der Ressourceninteressent gegenüber dem  Ressourcenbesitzers hat, der mit der knappen Ressource auch das Wahlrecht besitzt. Selektionsdruck hingegen  gehört nicht zum Vokabular der Systemischen Evolutionstheorie. Er ist die Wirkung, den die Veränderung des Lebensraumes auf den Kompetenzerwerb des Evolutionsakteurs ausübt.

17.8.2010    Bertram Köhler        siehe hierzu auch: Die egoistische Information (Mersch)