Green New Deal, Suffizienz oder Ökosozialismus

Kommentar zu dem Buch von Adler und Schachtschneider

 

Einleitung

Die Autoren geben in dem Buch eine Übersicht über 11 verschiedene derzeit in den Sozialwissenschaften aktuelle, sich in wesentlichen Punkten unterscheidende Konzepte für Ursachen und gesellschaftliche Wege aus der Ökokrise. Nachdem diese Konzepte zunächst jedes für sich ausführlich beschrieben, analysiert und in wesentlichen Punkten straff zusammengefasst werden, stellen die Autoren deren Gemeinsamkeiten, Unterschiede und Gegensätze, Vorteile und Nachteile klar heraus. Fünf dieser Konzepte gehen davon aus, dass nur ein fundamentaler Wechsel zu einem neuen Gesellschaftssystem eine Lösung herbei führen kann, während zwei Konzepte die Lösung in einer ökologischen Modernisierung im Rahmen des gegenwärtigen kapitalistischen Systems suchen und vier Konzepte grundsätzlich neue Wege mit offenem Ausgang gehen und dabei offen lassen, ob diese im Rahmen kapitalistischer Verhältnisse überhaupt realisierbar sind, zu einer neuen Gesellschaftsordnung führen werden oder im Zusammenbruch derzeitiger Zivilisationen enden.

Eine weitere Zusammenfassung und Synthese dieser elf Richtungen scheint nicht möglich zu sein, da sich diese jeweils in wenigstens einem wesentlichen Punkte im unlösbaren Gegensatz zu den übrigen Richtungen befinden. Dieses klar aus weitgehend objektiver Sicht durch von Seiten der Rosa-Luxemburgstiftung unterstützte Diskussionen mit den Hauptprotagonisten herausgearbeitet zu haben ist das Verdienst der Autoren.

 

1. Fundamentale Systemwechsel

Die Konzepte dieser Gruppe sehen die Ursache der Ökokrise in den verdinglichten, kapitalistisch-patriarchalen Herrschaftsformen mit ihrer inneren Rationalität grenzenloser Naturbeherrschung und Wachstumsdynamik, die nur durch deren radikale Beseitigung überwunden werden kann. Die überschaubare Schar der Protagonisten und Anhänger dieser Konzepte entwickelt eine hohe Aktivität innerhalb globalisierungskritischer und ökologischer Bewegungen, hat aber außerhalb dieser Bewegungen relativ wenig Einfluss.

 

Herrschaftskritik

Aus der Sicht der Herrschaftskritik ist die ökologische Krise verursacht durch eine herrschaftlich strukturierte Gesellschaft, die zu ihrer Aufrechterhaltung Natur rücksichtslos ausbeuten muss. Herrschaft zieht unweigerlich unnötigen Konsum zur Absicherung von Privilegien und zur Kompensation von Unterdrückung nach sich und erzeugt damit vermeidbaren Ressourcenverbrauch.

Für die Herrschaftskritik kann es eine ökologische Transformation nur geben, wenn mit Herrschaft jeglicher Form gebrochen wird und alle herrschaftsförmigen Strukturen zurückgebaut werden. Globales Ressourcenmanagement wird als technokratischer Ansatz abgelehnt, da es nur zur Erneuerung von Herrschaft führe, ohne ökologische Probleme wirklich zu lösen.

Der Ausweg wird in selbst verwalteten lokal und regional orientierten Produktions- und Lebensweisen mit netzartiger überörtlicher Verknüpfung in freier Kooperation gesehen. Revolutionäre Beseitigung der Herrschaftsstrukturen wird abgelehnt. Allmählicher Aufbau neuer herrschaftsfreier Strukturen und Selbstveränderung vorhandener Institutionen durch herrschaftskritisches Denken und Handeln politischer Akteure sind erforderlich.( Hauptrepräsentanten: Ullrich Brand und Christoph Spehr)

 

Subsistenzperspektive

Aus der Subsistenzperspektive ist die ökologische Krise letztlich im patriarchal-kapitalistischen Weltsystem begründet, vor allem in dessen ausbeuterisch-kolonialem Herrschaftsverhältnis gegenüber der Natur, Frauen und Völkern der sog. Dritten Welt. Grenzenloses Streben nach Kapitalakkumulation, schrankenlose Bedürfnisse sowie ein dadurch angetriebener lebens- und frauenfeindlicher technologischer Fortschritt zerstören noch vorhandene Formen von Subsistenzproduktion und die Natur und werden deshalb abgelehnt. Es sei von vornherein illusorisch, den gegenwärtigen Lebensstandard der Industrieländer aufrechtzuerhalten und für alle Erdbewohner zu erreichen. Aus der Subsistenzperspektive kann die Produktion des Lebensnotwendigen weitgehend auf der Grundlage von Selbstversorgung im lokalen und regionalen Rahmen erfolgen und Lohnarbeit, kommerzielle Ware-Geld-Beziehungen und internationaler Handel sind auf ein untergeordnetes Niveau zu reduzieren. Die gegenwärtig sichtbare Ökonomie aufgrund von regulären Arbeitsverhältnissen, Lohnarbeit und Kapitalakkumulation beruhen ohnehin auf der unsichtbaren Ökonomie von Heimarbeit, Hausarbeit, handwerklicher und bäuerlicher Produktion und deren Ausbeutung.

In der Subsistenzperspektive steht die Reproduktion des Lebens gegenüber dem technologischen Fortschritt im Vordergrund, deshalb sollten Frauen auch bei der Durchsetzung dieser Denkweise eine größere Rolle spielen, weil sie traditionell dieser Denkweise verpflichtet sind. Es ist eine Weltanschauung durchzusetzen, bei der das Nützliche vor dem Wertvollen, das Kleine vor dem Großen, die persönliche Beziehung vor der anonymen, die dezentrale Lösung vor der zentralisierten und das Lokale vor dem Internationalen den Vorrang hat. Graswurzelbewegungen sind die Träger dieser Weltanschauung und bemüht, diese Ideen zu verbreiten und vorzuleben, während die wissenschaftliche Untermauerung schwach ist. (Hauptrepräsentanten: Maria Mies und Veronika Bennholdt-Thomsen)

 

Ökosozialismus

Das Wachstum von Wirtschaft und Bevölkerung ist stets mit dem Verbrauch endlicher Ressourcen und der begrenzten Tragekapazität der Ökosysteme verbunden, welche die Erde erst für Menschen bewohnbar machen. Der Klimawandel und das nahende Ende der fossilen Energien zeigen, dass die Grenzen des Wachstums bereits sichtbar sind und der bisherige Entwicklungstypus nicht fortsetzbar ist. Konzepte und Hoffnungen, diese Grenzen technologisch durch Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Stoffdurchsatz, erneuerbare Energien und höhere Ressourceneffizienz zu umgehen, werden als illusionär betrachtet. Daher wird ein Schrumpfen von Wirtschaft und Bevölkerung auf einen ökologisch verträglichen Gleichgewichtszustand mit der Natur für unumgänglich gehalten.

Das auf Profit orientierte kapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftssystem erzeugt jedoch einen immanenten Wachstumszwang, so dass eine Schrumpfung zwangsläufig mit gewaltsamen Konflikten innerhalb und zwischen Gesellschaften verbunden wäre. Friedlich und demokratisch kann der Übergang zu einer schrumpfenden Wirtschaft nur im Rahmen eines Ökosozialismus ohne Wachstumszwang bewältigt werden. Das erfordere die Vergesellschaftung der wichtigsten Produktionsmittel, wirtschaftliche Rahmenplanung, egalitäre Verteilung und arbeitsintensivere Technologien. Über seine ökologische Notwendigkeit hinaus ist ein solcher ökologischer Sozialismus auch wegen seiner moralischen und sozialen Werte erstrebenswert. Die vordringliche Aufgabe von gesellschaftskritischer Aufklärung und Politik wäre es, Menschen von der Notwendigkeit des Verzichts und des Schrumpfens zu überzeugen, offen für einen Ökosozialismus als unumgängliche Voraussetzung für einen nachhaltigen Entwicklungspfad einzutreten und Illusionen über systemimmanente  Veränderungschancen zu bekämpfen. (Hauptrepräsentanten: Saral Sarkar und Bruno Kern)

 

Radikale Wertkritik

Als Hauptursache der drohenden Umwelt und Klimakatastrophen gilt ein Widerspruch, der wesenhaft in der kapitalistischen Produktionsweise wurzelt: Die Kapitalverwertung als ihr eigentlicher Zweck verhält sich gleichgültig gegenüber der Natur, den Stoffen und deren sinnlich-konkreten Eigenheiten, die sie vernutzt. Sie werden der Wertlogik entsprechend nur als potentielle Träger von Wertbildung wahrgenommen und behandelt. Zugleich aber benötigt die Produktion des Mehrwerts auf dem Wege der Produktivitätssteigerung in zunehmendem Maße Naturstoffe, da menschliche Energie durch Technik und fossile Energie ersetzt wird. Dies führt zwangsläufig an absolute Naturgrenzen und zu katastrophalen ökonomischen, sozialen und ökologischen Verfallskrisen.

Die ökologische Krise sei deshalb nur zu bewältigen, wenn der gesellschaftliche Reproduktionsprozess befreit wird von der Wertform, dem abstrakten Formprinzip der Warenproduktion, dem blinden Regelmechanismus des Marktes und vor allem vom schrankenlosen Akkumulationszwang des Kapitals. An deren Stelle sollte eine bewusste gesellschaftliche, stofflich - naturale Planung des gesamtgesellschaftlichen Reproduktionsprozesses treten. Nur diese ermöglicht Entscheidungsprozesse, die sich bewusst und differenziert auch auf den Inhalt und die Reichweite von Eingriffen in die Natur beziehen. Deshalb werden alle Konzepte zur systemimmanenten Krisenbewältigung, denen die wertkritische Komponente fehlt, von vorn herein als Illusionen abgelehnt, aber auch lokale, regionale und Dezentralisierungskonzepte, die infolge ihrer Abgrenzungstendenzen gesamtgesellschaftliche Planung nicht sichern können, während Runde Tische und netzwerkartig verknüpfte Räte dies leisten könnten. Wachstumsbeschränkungen und Schrumpfungsprozesse werden als unsoziale Ansätze nicht a priori für notwendig gehalten, ebenso wird technologische Entwicklung nicht abgelehnt, sondern positiv bewertet. (Hauptrepräsentant: Robert Kurz)

 

Industrialismuskritik

Die großtechnische Industrieproduktion entfremdet den Menschen von der Natur, ist Hauptursache der Ökokrise und deshalb zurückzubauen. Eine bloße Umwandlung in ökologisch verträgliche „grüne“ Industrie verändert dieses Naturverhältnis des Menschen nicht, sei deshalb keine Lösung. Mit dem Rückbau der großtechnischen Industriekultur wird dem kapitalistischen System gleichzeitig die Existenzgrundlage entzogen. Mit einer lokal orientierten Produktion und angepasster einfacher Technik könnten die meisten Güter des täglichen Bedarfs umweltschonend und human in gemeinschaftlichen kommuneartigen Strukturen hergestellt werden. Der Weg aus der Krise wird in der Entwicklung von Bewusstseinskräften („Herz und Geist statt Geld und Beton“) durch Selbstbegrenzung und individuelle Entschlossenheit zur Umkehr gesehen. Die Umwandlung der Gesellschaft müsse mit der Veränderung des Menschen beginnen (Hauptrepräsentanten: Rudolf Bahro und Marko Ferst).

 

2. Modernisierung im System

Grundsätzliche Prämissen und Folgerungen sind in dieser Gruppe den vorangehend beschriebenen fundamentalkritischen Konzepten diametral entgegengesetzt. Die in der gegebenen Gesellschaft vorhandene Problembearbeitungs- und Innovationsfähigkeit muss umgesteuert und auf die Bewältigung der ökologischen Probleme konzentriert werden, durch ökologische Modernisierung und strukturelle Reformen muss die Erhöhung der Öko-Effizienz politisch forciert zum integralen Bestandteil der Kapitalverwertung werden. Technischer Fortschritt wird als hauptsächlicher Problemlöser betrachtet, um ökologische Probleme zu überwinden. Die Konzepte werden in breiterem Maße akzeptiert.

 

Ökologische Modernisierung

Ökologische Probleme werden als Störungen im industriellen Stoffwechsel mit der Natur angesehen. Sie entstehen durch unzureichend an Naturkreisläufe angepasste Technologien, Produkte und Praktiken, sowie durch unzulängliche Regulierung des Stoffwechsels mit der Natur, wodurch Natur falsch und übermäßig beansprucht wird.

Der Schlüssel zur Bewältigung  der ökologischen Krise sind neue Technologien, die den industriellen Stoffwechsel qualitativ und strukturell so verändern, dass er wieder konsistent ohne schädliche Nebenwirkungen in Naturprozesse integriert wird. Dazu bedarf es umfassender technologischer Innovationen, die auch quantitativ steigende Stoffumsätze naturverträglich gestalten. Die Ökoeffizienz als Wirkungsgrad industriellen Naturverbrauchs muss schneller steigen als das Wirtschaftswachstum, um dies zu gewährleisten. Um dies zu erreichen, müssen die Innovationskräfte des Marktes politisch forciert werden, wozu die modernen kapitalistischen Gesellschaften mit ihren Basisinstitutionen prinzipiell befähigt sind. So wie im 20. Jahrhundert die soziale Frage durch die Herausbildung des Sozialstaates entradikalisiert und bearbeitbar wurde, muss nunmehr durch den Ausbau eines regulativen „Umweltstaates“ auch die ökologische Frage bewältigt und die natürlichen Existenzgrundlagen gesellschaftlicher Entwicklung gesichert werden. Staatlich unterstützt werden sollten vor allem Schlüsselakteure mit direktem Einfluss auf Entwicklung und Verbreitung von Umweltinnovationen, wie ökologisch innovative Forscher, Konstrukteure, „grüne“ Investoren, technologisch innovative, international agierende Unternehmen mit progressiven Technologien und Regulierungen sowie die Umweltbewegungen. Von einer Beeinflussung öko-sparsamer Konsumenten wird jedoch nur wenig erwartet. (Hauptrepräsentanten: Joseph Huber und Martin Jänicke)

 

Evolutorische Sozialökonomik

Wurzel der ökologischen Krise ist ein grundlegender Widerspruch des fordistischen Pfades ökonomischer Entwicklung, der bislang nicht überwunden wurde. Wirtschaftswachstum und ökonomischer Erfolg der Unternehmen beruhen wesentlich auf der intensiv erweiterten Reproduktion des Faktors Arbeit, der permanenten Steigerung der Arbeitsproduktivität. Demgegenüber wurde die Natur in Produktion und Konsumtion vorwiegend extensiv genutzt. Es wurden jene Innovationen begünstigt, welche die Arbeitsproduktivität und die Massenproduktion und Konsumnachfrage steigern, solche die die Effizienz der eingesetzten Naturressourcen erhöhen aber systemisch benachteiligt. Das interne Selektionskriterium dieses System bewirkt eine Selbstverstärkung des Wachstums ohne Berücksichtigung der ökologischen Effizienz. Deshalb muss die wirtschaftsimmanente Regulation so verändert werden, dass die Erhaltung und Erweiterung ökologischer Ressourcen als Öko-Kapital zum immanenten Kriterium im Prozess der Kapitalverwertung wird. Nur solche Innovationen, die mindestens das gesellschaftlich durchschnittliche Niveau an Ressourceneffizienzzuwachs erreichen und das Niveau des BIP-Zuwachses übersteigen, dürften Kapitalrendite erzielen. Damit würde die Ressourceneffizienz selbstregulativ gesteigert. Durch die Verknappung der Rohstoffe geht die Entwicklung bereits von selbst in diese Richtung. Da die Entwicklung innovativer Technologien als selbstorganisatorischer Evolutionsprozess nicht planbar ist und dem Selektionsprinzip von „trial and error“ unterliegt, kann dieser Evolutionsprozess durch Förderung ökologischer Innovationen, sozialer Teilhabeformen und Ökoverwertungsgesellschaften staatlich nur unterstützt werden, während bürokratische Regulierungsvorschriften und Reformen wenig nützlich erscheinen. (Hauptrepräsentanten: Rainer Land und Ulrich Busch)

 

3. Phasenwechsel mit offenem Ausgang

Diese recht heterogene Gruppe von Konzepten ist insgesamt skeptischer und kritischer als die ökologischen Modernisierer. Die Ursachen der ökologischen Krise werden nicht nur im gestörten Mensch-Naturverhältnis gesehen, sondern tiefer in innergesellschaftlichen Verhältnissen, im Versagen von Basisinstitutionen und grundlegenden Funktionsprinzipien und Regulationen. Die Lösungsansätze tendieren zu gravierenden Umbrüchen, wollen Kapitalverwertung zähmen, den Markt einbetten, Wachstumsdynamik begrenzen oder stilllegen. Im Unterschied zur Fundamentalkritik der ersten Gruppe wollen sie aber einen sozialökologischen Phasenwechsel innerhalb kapitalistischer Wirtschaft, um deren Errungenschaften zu bewahren. Ob dies möglich sein wird, wird aber mitunter in Frage gestellt. Die Konzepte sind verbreitet in gesellschafts-, kapitalismus- und wachstumskritischen Bereichen der Publizistik, sozialwissenschaftlicher Forschung, sozialer Bewegungen und politischer Parteien.

 

Reflexive Modernisierung

Die Ursachen der ökologischen Krise werden nicht in erster Linie in einer Übernutzung der Umwelt gesehen, sondern in ihr zeigen sich die begrenzten Fähigkeiten der real existierenden Institutionen, die Probleme wirkungsvoll zu bearbeiten. Die komplexe Verflechtung der verschiedenen Probleme verwischt die Verantwortlichkeiten der verschiedenen Institutionen bis zur organisierten Unverantwortlichkeit, nur global lösbare Probleme werden isoliert national in Angriff genommen, innerhalb der Nationalstaaten schreitet die Ausdifferenzierung der gesellschaftlichen Funktionssysteme fort, Leistungsprinzip steht gegen Solidarprinzip und die Gegensätze zwischen arm und reich wachsen national und international. Das Wachstum des Wohlstands kann nicht mehr allein mit wirtschaftlichen Kennziffern erfasst werden, statt nationaler ist kosmopolische Politik erforderlich. Viele Widersprüche sind nicht mehr auflösbar, so dass mit fortbestehenden Dissonanzen gelebt werden muss. Entscheidungen können nicht mehr allein auf grund von wissenschaftlichen Erkenntnissen uns Ergebnissen getroffen werden, sondern Laien und Akteure politischer Bewegungen müssen einbezogen werden.

Eine Veränderung der Eigentumsverhältnisse sei nicht unbedingt erforderlich, jedoch eine grundlegende Transformation der institutionellen Architektur der Gesellschaft. Hierfür kann jedoch kein geschlossenes Konzept ausgearbeitet werden, sondern die jeweils notwendigen Veränderungen müssten sich vor Ort durch Problemlösung ergeben, wozu ein Zusammenschluss von Individuen zu kosmopolitischen Bewegungen notwendig ist. Es sei aber völlig offen, ob es gelinge, die selbstzerstörerischen Tendenzen der industriegesellschaftlichen Strukturen damit selbstorganisatorisch wirksam aufzuhalten. (Hauptrepräsentant: Ulrich Beck)

 

(Re)Produktivität

Aus der Sicht dieses Konzepts ist die ökologische Krise verbunden mit einer sozial-ökologischen Krise des kapitalistischen Reproduktionsprozesses und wurzelt in einer paradoxen Funktionsweise der industriekapitalistischen Marktökonomie: Im ökonomischen Produktions- und Verwertungsprozess werden alle Produktivitäten vereinnahmt, also neben Arbeit, Kapital, Technik auch Naturprozesse und (sozial weibliche) sorgende, reproduktive Tätigkeiten. In der ökonomischen Bewertung erscheint aber nur das, was Marktwert hat, während Naturprodukte und der menschlichen Reproduktion dienende Tätigkeiten vor allem der Frauen in den Familien ökonomisch unsichtbar bleiben. Dies sei die Ursache der sozial-ökologischen Krise und muss dadurch überwunden werden, dass die Ökonomie des Produktions- und Konsumtionsprozesses ersetzt wird durch eine Ökonomie, die den gesamten Naturverbrauch bis zur Wiederherstellung des Naturzustandes und den gesamten Reproduktionsprozess des menschlichen Lebens  in die Bewertung einbezieht. Neben marktgesteuerte Prozesse müssen gleichwertig auf allen Ebenen der gesellschaftlichen Hierarchie diskursiv ausgehandelte Steuerungsprozesse treten, welche die Verteilung der gesellschaftlich notwendigen Arbeiten regeln. Dies bedarf u.a. gesellschaftspolitischer Reformen, welche die Beziehungen zwischen Arbeit und Einkommen so regeln, dass alle Arten von Tätigkeiten integriert und durch verschiedene Einkommensarten abgesichert werden, so dass ein Bürger-Grundeinkommen nicht aus der Logik der Erwerbsarbeit heraus konzipiert werden muss. Das Konzept geht davon aus, dass durch Schaffung entsprechender staatlicher Rahmenbedingungen ein Nebeneinander und allmählicher Übergang von marktförmigen Produktions- und Verteilungssystemen in neue diskursiv ausgehandelte Verteilungssysteme möglich ist und bereits begonnen hat. Das Konzept wird in Umwelt- und Nachhaltigkeitswissenschaften vor allem bei Querdenkern zunehmend akzeptiert, in der Ökonomie aber ignoriert oder abgelehnt. (Hauptprotagonisten sind Adelheid Biesecker und Sabine Hofmeister)

 

Kulturwechsel

Die Kritik zielt auf die konsumfixierte Kultur. Fortlaufende Steigerung des Konsums sei die Ursache eines ständigen Wirtschaftswachstums und führe zur Überbeanspruchung der Natur. Die naturwissenschaftlich gegebenen Grenzen des Wachstum können auch durch effizientere Ökotechnologie nicht umgangen werden, eine Entkopplung von Wachstum und Naturverbrauch wird als unmöglich angesehen. Auch führe die ständige Steigerung des Konsums nicht zu mehr Glück und Zufriedenheit, sondern zur Verstärkung der sozialen Gegensätze, die nicht durch Wachstum, sondern durch gleichmäßigere Verteilung und Umverteilung gemindert werden müssten.

Die Umkehr zu einer Kultur der freiwilligen Beschränkung wird gefordert. Dazu soll die Deckung des Eigenbedarf weniger durch Erwerbsarbeit auf dem geldgesteuerten globalen Markt, sondern mehr durch selbstbestimmte Tätigkeiten, Bürgerarbeit und Eigenarbeit erfolgen, die Arbeitsteilung vermindert und damit die Belieferungsbedürftigkeit der Individuen gesenkt werden. Dies soll jedoch nicht durch staatliche Maßnahmen wie Planung und Rationierung ökologisch schädlicher Produkte erfolgen, sondern durch kulturellen Wandel in kleinen Schritten zu einem Markt ökologisch korrekter Produkte und Dienstleistungen, die von innovativen , verantwortlich handelnden Unternehmern angeboten und von ebensolchen Käufern gekauft werden. In diesem kulturellen Wandel soll die Politik nur durch ökonomische Instrumente wie Ökosteuern und Zertifikate flankierend wirken. Hauptvertreter dieser Richtung sind Niko Paech und H.C.Binswanger.

 

Alternative Regulation

Im fordistischen Akkumulationsregime des Kapitalismus war die Steigerung der Arbeitsproduktivität mit der Steigerung der Massenproduktion und der ständigen Anhebung des Konsumniveaus fest gekoppelt, während ein entsprechender Kopplungsmechanismus für die Steigerung der Ressourceneffizienz fehlte. Dies führte zu einem exorbitant ansteigenden Ressourcenverbrauch, insbesondere bei fossilen Energiequellen, und zu einer Übernutzung natürlicher Senken durch hohe Emissionen und große Mengen von Abfällen, wodurch sich die ökologische Krise entwickelte. Grenzen des Wachstums erschienen am Horizont.

Alternativen zu Energieversorgung durch fossile Quellen werden dringend benötigt. Regenerative Energien sind umweltfreundlich und können im Gegensatz zu fossilen Brennstoffen nicht erschöpft werden, sodass die Energieversorgung für die Zukunft gesichert ist. Dazu zählen Energie aus Wind, Wasser, Sonnenlicht und dergleichen. Vielen ist nicht bekannt, dass auch durch Abfallentsorgung Energie gewonnen werden kann. Unternehmen wie EEW (Energy from Waste) führen thermische Abfallverwertung und -beseitigung durch, was einen Gewinn in drei Richtungen bedeutet: fossile Energieträger werden eingespart; die vielen Tonnen Abfall, die in jedem Haushalt entstehen, werden fachgerecht beseitigt und Energie wird erzeugt. Der Energiegehalt von Abfall ist mit dem von Braunkohle zu vergleichen und somit hervorragend als nachhaltige Energiequelle geeignet. Die bisherige Art der Energieerzeugung kann und muss umgestellt werden.

Der Übergang zur neoliberalen Regulationsweise verschärfte die ökologische Krise, die Wachstumspotentiale verlagerten sich vom Binnenmarkt zum Export, was zur Verschärfung der sozialen Gegensätze innerhalb der Nationalstaaten und zwischen ihnen, zur Dominanz der internationalen Finanzmärkte und zum Abbau des Sozialstaates führte. Durch Inwertsetzung von Natur wird zwar versucht, die Ressourceneffizienz zu steigern und den Naturverbrauch in ökonomische Prozesse einzubeziehen, durch die Globalisierung der Märkte werden Umweltstandards jedoch unterlaufen. Um die sozial-ökologische Krise zu überwinden, wird es für notwendig gehalten, die liberale  Regulationsweise der ökonomischen Prozesse durch eine völlig neue alternative Regulation zu ersetzen.

In den sozial-ökologischen Umbau sollten nicht nur die Bewertung ökologischer Technologien und Umwelteffizienzen, sondern auch eine gerechtere Verteilung von Arbeit und Reichtum, eine geänderte Konsumkultur und ein Wandel der politischen Strukturen in Richtung mehr Dezentralität und Beteiligung eingehen. Einige Vertreter dieser Richtung halten es für möglich, durch ordnungspolitische Maßnahmen eines demokratischen Staates eine solche Regulationsweise bei kapitalistischen Eigentumsverhältnissen durch zu setzen, während andere hierfür eine Überwindung der kapitalistischen Akkumulationsweise für erforderlich halten, die auf andauerndes Wachstum angewiesen sei. Eine alternative funktionierende Regulationsweise ist noch nicht erfunden und kann auch nicht per Dekret eingeführt werden, sondern muss sich selbstorganisatorisch allmählich in den verschiedenen Teilgebieten entwickeln, in denen sich Akteure gewinnen und überzeugen lassen, staatliche Maßnahmen müssen aber zur Durchsetzung und Verbreitung wirksam werden. Hauptvertreter dieser Gruppe sind Elmar Altvater, Dieter Klein, Christoph Görg  und das Wuppertalinstitut.

 

4. Positionen und Kontroversen

In diesem Kapitel werden die 3 Konzepttypen in 3 Leitfragen analysiert:

Ursachen der ökologischen Krise

Alle Konzepte betrachten die ökologische Krise als ernstes Problem, das

Einigkeit besteht auch darin, dass bei aller unterschiedlicher Betrachtungsweise die ökologische Krise ein anthropologisch verursachtes Phänomen mit einem real existierenden Kern und nicht nur eingebildet ist.

Wesentliche Differenzen gib es in der Frage, was letztlich als direkte Ursache die ökologische Krise auslöst.

Die fundamentalkritischen Konzepte verorten die Ursache in den innergesellschaftlichen, systemimmanenten Herrschaftsstrukturen des Kapitals mit seiner Wachstumsdynamik, durch die auch ein geistig-kulturell tief verankertes und praktisches, die Ökonomie, Wissenschaft und Technik prägendes herrschaftliches Verhältnis zur Natur bestimmt wird, das ständig steigenden materiellen Wohlstand als kulturelles Ziel definiert.

Demgegenüber sehen die Modernisierungskonzepte die ökologischen Probleme als Ausdruck einer unzureichenden Anpassung des industriellen Stoffwechsels zwischen Mensch und Natur. Was die fundamentalkritischen Konzepte als Ursache der Krise sehen, betrachten die Modernisierungskonzepte als Voraussetzungen für deren Überwindung: Die mangelhaft an Naturkreisläufe angepassten Technologien, Produkte und Praktiken sind durch neue wissenschaftlich-technische Forschungen und Erkenntnisse zu verändern, ihre ökologische Effizienz durch Einordnung ökologischer Ressourcen in ökonomische Kategorien (Inwertsetzung) zu steigern und die Problemlösungskapazität von Staat und Politik für ökologische Fragen durch Förderung des Wachstums neuer Industriezweige zu erhöhen.

In der 3. Gruppe der Konzepte werden die Ursachen der ökologischen Krise ähnlich wie in der fundamentalkritischen Gruppe im derzeit wirksamen global-neoliberalen Regulations- und Wirkungsmechanismus des kapitalistischen Akkumulationssystem verortet, jedoch werden die gegenwärtig wirkenden Mechanismen nicht unabänderlich und starr zum kapitalistischen System gehörig und deshalb für veränderbar und für entwicklungsfähig gehalten, so dass die Ursachen im Prinzip durch tiefgreifende Veränderung der Regulationsmechanismen innerhalb des kapitalistischen Systems beseitigt werden könnten. Ob die in Betracht gezogenen Veränderungen zum Erfolg oder zum Zusammenbruch des kapitalistischen Systems führen, ist noch umstritten.

 

Auswege aus der Krise

In den fundamentalkritischen Konzepten ist das kapitalistische System mit seinen typischen Kategorien Ware, Wert, Markt, Kapital, Staat, Arbeitsteilung, Großtechnik und Globalisierung radikal zu beseitigen und durch Alternativvorstellungen zu ersetzen:

In den ökologischen Modernisierungskonzepten werden dagegen grundlegende gesellschaftliche Veränderungen nicht für nötig gehalten. Es sind neue ressourcensparende Technologien zu entwickeln, durch richtige Eingliederung ökologischer Kosten in bewährte ökonomische Kategorien die Ressourceneffizienz zu steigern und in die ökonomische Bewertung einzubeziehen. Dieser Prozess ist durch Schaffung neuer staatlicher Institutionen zu fördern.

In der 3. Konzeptgruppe wird davon ausgegangen, dass grundlegende gesellschaftliche Veränderungen der kapitalistischen Produktionsweise nicht unbedingt erforderlich sind, jedoch die Funktionsweise der vorhandenen Institutionen verändert und auf eine ökologisch und sozial verträglichere Regulationsweise umgestellt werden muss. Gefordert wird:

 

Prozess und Akteure der Gesellschaftsveränderung

Die wesentlichen Prozess-Ideen unterscheiden sich in den 3 Konzeptgruppen nur wenig und werden nur unterschiedlich gewichtet und begründet. Gesellschaftlichen Wandel stellt man sich in der Regel vor als:

Was die Akteure betrifft, so wird keiner bestimmten sozialen Gruppe eine führende Rolle zugesprochen. Speziellen Gruppen oder Funktionseliten wird Einfluss und besondere Verantwortung für spezielle Prozesse zugewiesen, aber Parteien und Gewerkschaften werden in ihrer gegenwärtigen Verfassung kaum als treibende Kräfte des Wandels gesehen.

Obwohl die fundamentalkritischen Akteure eine radikale Veränderung der gegenwärtigen Gesellschaftsstrukturen für notwendig halten, haben sie nicht revolutionär-umstürzlerische Vorstellungen vom Veränderungsprozess, der zwar „von unten“ eingeleitet und getragen werden soll, der aber in kleinen Schritten von bereits existierenden Initiativen und Gemeinschaften durch Vorbildmodelle erprobt und durch theoretisch-kritische Aufklärung verbreitert werden soll. Besonderer Wert wird darauf gelegt, Illusionen über die Radikalität der letztlich notwendigen Veränderungen zu bekämpfen.

In den ökologischen Modernisierungskonzepten wird die Veränderung vor allem durch neue Technologien und neue ökonomische Orientierungen auf Umwelteffizienz gesehen, wobei vorhandene Institutionen weitgehend genutzt und ausgebaut werden sollen. Demzufolge werden hier vorwiegend die Eliten aus den Bereichen Forschung, Entwicklung, Politik und Unternehmertum als Akteure angesprochen, die durch staatliche Systeme und NGO zu unterstützen sind.

Im 3. Konzepttyp wird zwar auch wie in den Modernisierungskonzepten an den vorhandenen Institutionen angeknüpft, es werden aber vor allem die mit dem Funktionieren dieser Institutionen Unzufriedenen aller sozialen Schichten als Akteure für radikalere Veränderungen gesehen, die an ihren jeweiligen Wirkungsstätten durch Umsteuern und Alternativen Vorbilder für neue Funktionsweisen vorantreiben müssten.

 

Kontrovers diskutierte Themen

Rolle des Kapitalismus

a)     Im Rahmen des Kapitalismus ist eine Lösung der ökologischen Frage nicht möglich, weil

·        Eine gebrauchswertmäßig-stoffliche Planung und bewusste Gestaltung gesellschaftlicher Reproduktionsprozesse ausgeschlossen ist.

·        Die immanente wirtschaftliche Dynamik ohne Wachstum des Naturverbrauchs eine Illusion ist

·        Im globalen Maßstab die nachholende kapitalistische Entwicklung in der 3. Welt in die ökologische Katastrophe führt

·        Das herrschaftlich-ausbeuterische Verhältnis zur Natur aufgehoben werden muss

·        Bei einem „weiter so“ entzivilisierende Konflikte drohen

b)     Es ist nur sinnvoll, im gegebenen kapitalistischen Rahmen über die Bewältigung der Ökokrise nachzudenken, weil

·        Der Verzicht auf bewährte wertökonomische Kategorien zu einem Rückfall in vormoderne statische Verhältnisse führt

·        Es einfacher ist, die Technologie mit bewährten Methoden zu verändern, als Bedürfnisse und Gewohnheiten der Menschen umzukrempeln

·        Historische Erfahrungen zeigen, dass der Kapitalismus wandlungsfähig und innovationsfreudig ist und zentrale staatliche Planung auch nichts besseres bewirkt hat

·        Auch im Kapitalismus bei entsprechendem Kulturwandel eine schrumpfende Ökonomie funktionieren könnte

c)      Es ist müßig, abstrakt-akademisch über die Systemfrage zu streiten. Vielmehr sollte man versuchen, die Funktionsweise der kapitalistischen Institutionen durch politischen Druck radikal zu verändern und wenn das gelingt, hinterher zu streiten, ob man diese Gesellschaft dann noch als kapitalistisch bezeichnen kann.

d)     Die ökologische Frage hat nichts mit dem Kapitalismus zu tun, sondern hat tiefere Ursachen, die durch Strukturen, Rationalitäten, Denk- und Verhaltensweisen und durch ein instrumentelles Verhältnis zur Natur bestimmt sind

e)     Systemimmanente Auswege speziell aus der ökologische Krise zu suchen lohnt sich nicht, denn es gibt andere wichtigere Gründe, dieses System abzulehnen, wie z.B. zunehmende soziale Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten

 

Bedeutung ökonomischen Wachstums

a)     Permanentes Wirtschaftwachstum ist die materielle Hauptursache der ökologischen Probleme und möglichst unverzüglich einzustellen, denn

·        Entkopplung von Wachstum und Ressourcenverbrauch ist nicht möglich, wenigstens nicht in der erforderlichen Zeit

·        Entwicklungs- und Schwellenländer haben Anrecht auf nachholendes Wachstum, weshalb die Produktion in Industrieländern schrumpfen muss

·        Jenseits des in den entwickelten Ländern bereits erreichten Niveaus bringt weiteres Wachstum ohnehin keinen Zuwachs an Lebensqualität

·        Erzielbare Gewinne an Ressourceneffizienz werden bei wachsender Wirtschaft wieder kompensiert

·        Auch qualitatives Wachstum durch Erweiterung des Bildungs- und Kultursektors führt durch Verwendung des dort erzielten Einkommens ebenfalls zu wachsendem Ressourcenverbrauch

b) Wachstum ist gar nicht das Problem, das ökologischen Handlungsbedarf erzeugt, denn

·        Wachstum ist keine ewige Tendenz, sondern flacht irgendwann von selbst ab

·        Das Wachstum ist eine Folge der Nutzung fossiler Energien und erledigt sich mit ihrem Versiegen von selbst

·        Das Wachstum verschwindet mit dem rasant verlaufenden Strukturwandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft von selbst

·        Es ist besonders starkes Wachstum der ökologisch verträglichen Industriezweige notwendig, damit die stark ressourcenverbrauchenden Zweige stillgelegt werden können

·        Seit Jahren wächst ohnehin die Wertschöpfung pro Mengeneinheit natürlicher Ressourcen schneller als das BIP

c)  Wirtschaftswachstum ist auf absehbare Zeit unverzichtbar, da der erforderliche sozial-ökologische Umbau nur mit einem wachsenden BIP möglich sein wird, weil

·        Der tiefgreifende Umbau der gesamten Produktions- und Lebensweise massive Investitionen und Arbeitsaufwand erfordert

·        Soziale Ziele wie Vollbeschäftigung und höhere Löhne dies erfordern

·        Das der schnellste und einzig realistische Weg ist, um zu einer naturverträglichen Wirtschafts- und Lebensweise für 7 Mrd. Menschen zu kommen

·        Verzicht auf Wirtschaftswachstum auf demokratische Weise in abschätzbarer Zukunft nicht durchsetzbar ist.

 

Zeitdruck

a)     Die ökologische Modernisierung der Technologien muss möglichst schnell durchgesetzt werden. Eine parallele unkalkulierbare gesellschaftliche Umwälzung würde dieses Ziel nur behindern

b)     Eben weil die Zeit knapp ist, müssen die wirklichen in den kapitalistischen Verhältnissen liegenden Ursachen der ökologischen Krise ins Visier genommen und beseitigt werden. Außerdem begünstigt die unumgängliche Wende zu solaren Energien durch Regionalisierung und Dezentralisierung den Abbau herrschaftlicher Strukturen.

 

Komplexe Ziele in Angriff nehmen oder nur die Ökokrise bekämpfen

a)     Da die Ökokrise viele Ursachen hat, sollten auch alle möglichen Ursachen komplex bekämpft werden, dadurch können auch die unterschiedlichen Bewegungen zu einem breiten Bündnis vereint werden

b)     Es sollte nur das ökologisch notwendige und nicht das sozial-emanzipatorisch wünschbare verfolgt werden. Für die andere Probleme sind andere Politikbereiche und Akteure zuständig, was die Koordinierung der Transformationsprozesse erschwert.

c)      Die sozialen Konsequenzen der vorgeschlagenen Lösungen müssen von vornherein berücksichtigt und kompensiert werden

d)     Konzepte und Visionen, vor allem, wenn sie einen radikal verändernden Anspruch haben, dürfen sich nicht nur auf die positiven Zielvorstellungen beschränken. Es sind auch historische und aktuelle Erfahrungen mit Selbstverwaltung, egalitärer Verteilung, konsens- und basisdemokratischen Ansätzen kritisch zu reflektieren und zu verarbeiten.

e)     Solche Konkretationen sind gegenwärtig nicht nötig, vieles ist nicht vorauszusehen und ergibt sich im Prozess von selbst.

 

Bewusste Gestaltbarkeit gesellschaftlicher Prozesse

a)     Eine bewusste Gestaltung der stofflich - gebrauchswertmäßigen Ziele und Prozesse sozio - ökonomischer Reproduktion sind möglich und unbedingt notwendig, um unbeherrschte Nebenfolgen wie die ökologische Krise zu vermeiden und zu überwinden

b)     Komplexe moderne Wirtschaften regulieren sich vor allem über abstrakte Wertkategorien und bereichsspezifische Medien. Denkbar ist zwar die Erhöhung der politischen Steuerungskapazität, aber solche Regulierungen sind Gratwanderungen, will man nicht Effizienz, Innovation, unternehmerische Freiheit untergraben und aufgeblähte Bürokratien schaffen.

c)      Formen bewusster Steuerung gesellschaftlicher Prozesse sind unter den herrschenden gesellschaftlichen Verhältnissen nur partiell möglich. Man kann höchstens über die Stärkung gegenhegemonialer Kräfte bestimmte ökologische Risiken eindämmen und über Konflikte und Lernprozesse das Reflexionspotential in der Gesellschaft erhöhen.

 

Verortung der verschiedenen Konzepte

Da die einzelnen Konzepte zur Bekämpfung der Ökokrise unterschiedliche und zum Teil kontroverse Entwicklungsrichtungen fordern, wird nun versucht, die Konzepte in einem vierdimensionalen Raum möglicher Entwicklungsrichtungen zu positionieren, dessen Koordinatenachsen durch folgende Pole charakterisiert werden können:

 

 


Repräsentation

             ?

Selbstorganisation

Anonyme Steuerung

Neoliberale Marktwirtschaft

Evolutorische Sozialökonomik


Kulturwechsel

 
      ?

Ökologische Modernisierung

(Re)Produktivität Alternative Regulation Industrialismuskritik

Herrschaftskritik
Subsistenzperspektive

Bewusste Planung

Ökosozialismus

Reflexive (grüne) Modernisierung

Radikale Wertkritik

 

 

Individualisierung

           ?

Gemeinschaftsbezug

Technolog.
Stillstand

 

Herrschaftskritik

Industrialismuskritik
Subsistenzperspektive
Ökosozialismus

 
      ?

Neoliberale Marktwirtschaft

Alternative Regulation
(Re)Produktivität KulturwechselReflexive (grüne) Modernisierung

Radikale Wertkritik

Ständiger technolog.
Fortschritt

Ökologische Modernisierung Evolutorische Sozialökonomik

 

 

 

 

Blinde Flecken einzelner Konzepte berücksichtigen nicht deren Nachteile:

Die bei radikaler Wertkritik fehlende gesellschaftlich koordinierende Funktion kann nicht durch einen permanenten basisdemokratischen Versammlungsdiskurs ersetzt werden. Auch basisdemokratisch organisierte Bewegungen brauchen in gewissem Umfang Repräsentation und Expertentum. Eine strenge Gemeinschaftsorientierung führt zu geistiger und materieller Enge. Rigorose Ablehnung von Großtechnologien reduziert das  Konsumniveau und fördert die ungleiche Einkommensverteilung. Die Ausdehnung anonymer Marktsteuerung auf Umweltverbrauch und Inwertsetzung bisher nicht vermarkteter Umweltmedien führt zur Verschärfung sozialer Ungleichheiten. Die Auswertung der Macht von Experten könnte den Verlust der Verantwortlichkeit „unten“ zur Folge haben. Zunehmende Individualisierung birgt das Risiko der Fragmentierung der Gesellschaft.

Die blinden Flecken werden vor allem in den fundamentalkritischen Konzepten und in den Modernisierungskonzepten unzureichend wahrgenommen, während die Konzepte der Gruppe „Phasenwechsel“ versuchen, zu Kompromissen zwischen unlösbaren Widersprüchen zu kommen und dadurch einen sehr ambivalenten Charakter erhalten und das erfolgreiche Gelingen in Frage stellen müssen.

 

Nützliche Vielfalt

Die widersprüchliche Gesamtheit der Konzepte deutet an, das sich die Weltgesellschaft in einer Umbruchsituation befindet, aus der es keinen einfachen Ausweg gibt. Man sollte sie deshalb als ein Reservoir von Ideen und Gedanken betrachten, die Bausteine eines umfassenderen und komplexeren Systems von Lösungen sein können. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass auch nur eines dieser Konzepte im Maßstab 1:1 verwirklicht wird, obwohl in jedem bedenkenswerte Ansätze stecken. Vielmehr wird man sich darauf einstellen müssen, dass mehrere dieser Konzepte in Angriff genommen, ausprobiert, nicht zu Ende geführt, durch andere ersetzt und die Zukunft durch ein Pendeln zwischen mehreren dieser Konzepte charakterisiert sein wird.

 

28.01.2011

Bertram Köhler