Genese und Perspektiven evolutionärer Modelle

Tagungsbericht über das14.Jahrestreffen der interdisziplinären MVE-Liste
Menschliches Verhalten in evolutionärer Perspektive (von Bertram Köhler)

    Folgende Vorträge wurden gehalten:

      1. Evolution von Kultur bei Primaten
      2. Frau Claudia Fichtel (Göttingen) berichtete über eine Studie zum unterschiedlichen Verhalten verschiedener Arten von Primaten. Von Kultur kann dann gesprochen werden, wenn das Verhalten nicht angeboren ist, sondern individuell oder sozial erlernt wird und in verschiedenen Populationen der gleichen Art unterschiedlich ist. Das Verhalten der Tiere bezieht sich natürlich in erster Linie auf die unterschiedliche Art und Weise der Nahrungsbeschaffung, den Gebrauch einfacher Werkzeuge und auf die soziale Kommunikation, die durch Häufigkeit und Dauer von Kontakten in mehr oder weniger großen Gruppen und durch gegenseitige Information über Nahrungsquellen und Warnrufe vor Feinden geprägt ist. Es ist deutlich erkennbar, dass Primaten sich sowohl durch Erfahrung und individuelles Lernen gewisse Kulturtechniken aneignen als auch das Verhalten anderer Individuen nachahmen und anderen Individuen ihre angeeigneten Techniken vorführen. Dabei werden auch Gewohnheiten übernommen und mehr oder weniger lange beibehalten, die für die beabsichtigte Wirkung nebensächlich sind. Die dabei gezeigten kognitiven Fähigkeiten sind mit denen 3-4 jähriger Kinder vergleichbar. Alphatiere entwickeln dabei sowohl Herrschaftsallüren als auch Fürsorgeeigenschaften für andere Tiere ihrer Gruppe. Vor allem Schimpansen zeigen ausgeprägtes Gruppenverhalten, während Orang Utans vorwiegend Einzelgänger sind.

         

      3. Orang Utans teilen Futter
      4. Eine charakteristische kulturübergreifende Eigenschaft des Menschen ist seine Fähigkeit zum sozialen Handeln zugunsten anderer. Vorstufen finden sich in Form des Futterteilens mit den eigenen Nachkommen häufig bei allen Primaten, aber auch bei etwa der Hälfte der Primatenarten mit untereinander nicht verwandten Tieren. Ausgiebig untersucht wurden bisher Schimpansen als die nächsten Verwandten des Menschen. In ihrer komplexen Sozialstruktur besteht eine wesentliche Funktion des Futterteilens in der Regulation ihrer sozialen Beziehungen und in der Verstärkung sozialer Bindungen. Die von uns phylogenetisch am weitesten entfernten Orang-Utans leben im natürlichen Raum semisolitär und wurden bisher am wenigsten erforscht.

        Frau Kathrin Kopp (FU Berlin) untersuchte deshalb das soziale Verhalten von im Zoo Dortmund in zwei getrennten Gruppen lebende Orang-Utans und registrierten alle auftretenden futterbezogenen Interaktionen zwischen den Individuen, ihre Transfertypen und Besitzdauern. Aggressive Interaktionen wurden kaum beobachtet, dagegen ein hoher Anteil (60%) tolerierter Transfers und ein Drittel unter aktiver Beteiligung des jeweiligen Besitzers, wobei jedoch favorisierte Gruppenmitglieder bevorzugt wurden, was die Hypothese stützt, dass Futterteilen auch bei Orang Utans der Regulation sozialer Beziehungen dient.

      5. Mutter-Kind Interaktionsmechanismen im 1.Lebensjahr:
        ein Artvergleich zwischen Menschen, Schimpansen, Bonobos und Gibbons
      6. Manuela Lembeck (FU Berlin) filmte jeweils 10 Mutter-Kind-Paare von Menschen, Schimpansen, Bonobos und Gibbons im 1., 6. und 12. Lebensmonat der Kinder. Eine erste Analyse bestimmter Interaktionsformen ergab, dass bei allen Primatenarten mit zunehmendem Alter des Kindes der Anteil an Körperkontakt mit der Mutter abnimmt, dennoch aber eine große Variabilität zwischen den Arten auftritt. Menschenmütter pflegen generell weniger Körperkontakt mit ihren Kindern im Vergleich zu Menschenaffen, verbringen aber mehr Zeit mit „Gesicht-zu-Gesicht"-Kontakt und mit der Stimulation der kindlichen Aufmerksamkeit durch Objekte. Man versucht herauszufinden, welche Rolle kulturelle und phylogenetische Faktoren spielen und in welchem Umfang diese Interaktionsformen von Menschen und Menschenaffen geteilt werden oder einzigartig menschlich sind.

         

      7. Moderne Kunst: eine Herausforderung für evolutionäre Kunsttheorien
      8. (Thomas Junker. Universität Tübingen)

        Traditionell diente die Entwicklung der Kunst der unbewussten Erkenntnisvermittlung und Beeinflussung der Menschen in Richtung auf ein in der jeweiligen Gesellschaft vorherrschendes Weltbild. Deutlich erkennbar ist dies in der künstlerischen Gestaltung religiöser Themen und im sozialistischen Realismus. Für die beabsichtigte Wirkung waren ästhetische Kriterien maßgebend. In der heutigen Gesellschaft spielen finanzielle Beziehungen, Ansehen und Geld eine bestimmende Rolle. Deshalb hat die Ästhetik in der modernen Kunst ihre traditionelle Rolle verloren. Moderne Kunstobjekte werden nur noch als solche anerkannt, wenn sie einzigartig sind und ihre Herstellung aufwendig und teuer ist. Dabei genügt es bereits, den Aufwand nicht in das Kunstwerk selbst zu stecken, sondern in den für die Präsentation erforderlichen Rahmen wie z. B. In die Gestaltung der Ausstellungshalle oder des Kunstmuseums. Sie müssen geeignet sein, den Künstler als einzigartige und überproportional leistungsfähige Persönlichkeit in der Gesellschaft herauszustellen. Moderne Kunst wird auch benutzt, um mehr oder weniger unbewusste Gefühle und Wünsche in verschleierter Form darzustellen, um provokative Wirkungen nicht zu offensichtlich werden zu lassen und Rückzugswege offen zu lassen. Die hier von Junker vorgestellten Gedanken hatten mehr den Charakter von Diskussionsanregungen anstelle einer abgerundeten Kunsttheorie.

         

      9. Der Einfluss der Farbe Rot auf die wahrgenommene Attraktivität von Frauen
      10. Daniela Kayser (Potsdam) berichtete über ihre Studien zur unbewussten Wirkung der Farbe Rot. Psychologische Experimente zeigen in ganz unterschiedlichen Situationen, dass insbesondere bei Männern rote, rot umrahmte oder mit rotem Licht beleuchtete Objekte unter sonst gleichartigen Umständen unbewusst die Aufmerksamkeit stärker auf sich ziehen und positiver bewertet werden.Man nimmt an, das dies biologisch evolutionär damit zu begründen ist, dass Affenweibchen ihre Paarungsbereitschaft mit einer Rotfärbung ihrer Geschlechtsorgane anzeigen. Ob von Frauen eine rote Bekleidung bewusst oder unbewusst bevorzugt wird, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, konnte bisher nicht eindeutig geklärt werden.

      11. Soziale Evolution beim Menschen und im Tierreich: Gesamtfitnesstheorie versus Ricardos Theorem
      12. Peter Mersch zeigte in seinem Vortrag, dass Arbeitsteilung und Kooperation immer dann Vorteile bringen, wenn die einzelnen Individuen verschiedene Tätigkeiten mit unterschiedlicher Effektivität verrichten können und die Ergebnisse allen zur Verfügung stehen. In den Wirtschaftswissenschaften ist dieser Effekt als Ricardos Theorem der komparativen Kostenvorteile bekannt. In der Marktwirtschaft resultiert daraus die bessere Wettbewerbsfähigkeit größerer Unternehmen mit ausgeprägter Arbeitsteilung. Die Arbeitsteilung bringt nicht nur eine höhere Arbeitsproduktivität mit sich, sondern sie ist auch evolutionär stabil, weil durch die Spezialisierung der Individuen auf bestimmte Tätigkeiten ein Qualifizierungseffekt erzeugt wird, der die unterschiedliche Effektivität der Individuen im Hinblick auf die verschiedenen Spezialgebiete laufend verstärkt. Arbeitsteilung ist deshalb kein Nebeneffekt wirtschaftlicher Kooperation, sondern ihr wesentlicher Bestandteil, der die soziale Evolution der Gesellschaft begründet und vorantreibt. Dies gilt auch für natürliche eusoziale Gesellschaften wie etwa Honigbienen- Sozialstaaten. Die evolutionäre Stabilität solcher Gesellschaften kann durch diesen Aspekt der Arbeitsteilung besser erklärt werden als durch die biologische Gesamtfitnesstheorie, welche die Verwandtenselektion als Grundlage betrachtet.

         

        Peter Winkler/ Horst Poimann:

      13. Menschliche Instinkte und Notfallprogramme: vom Überleben bis zur psychosomatischen Krankheit (und zurück)
      14. In unseren alltäglichen Körperreaktionen und deren Einbettung in auslösende Kontexte sehen wir noch eine große Anzahl von archaischen Mechanismen, die in der Entwicklung der Menschheit und davor eine wesentliche Rolle für unser Überleben spielten. Dieselben Mechanismen, die einst unser Überleben sicherten, führen heute aber in unserem modernen Kontext oft zu Komplikationen und Erkrankungen. Die Auslösung dieser phylogenetisch uralten Reflexe und Mechanismen werden über die individuelle Wahrnehmung und vor allem über innere Visualisierung aber soweit beeinflusst, dass diese auch variiert oder alternative Mechanismen aktiviert werden können. Es wurden eine Reihe psychosomatischer Symptome und deren evolutionärer Sinn vorgestellt, die sich bis hin zur Einbettung in unsere Sprache zeigen. Ein Wissen über diese Zusammenhänge kann den Zugang zu Betroffenen und deren Gegenstrategien verbessern.

         

        Michael Brill/Frank Schwab

      15. Präsenzprozesse in Bischofschen Fitnesspotentiallandschaften
      16. Auf den unteren Stufen sind Lebewesen in der Lage, Reize der Umwelt unmittelbar zu verarbeiten und in Handlungen umzusetzen, die der Befriedigung ihrer Bedürfnisse dienen. Bei höher entwickelten Organismen werden durch die Anreize der Umwelt zunächst Emotionen aktiviert, die den Erkenntnisapparat informieren und durch eine vorläufige Hemmung der Bedürfnisbefriedigung ein flexibleres und komplexeres Handeln ermöglichen. Dies kann als eine von Bedarf und Umwelt definierte Fitnesslandschaft dargestellt werden, in der die Organismen von den Punkten eines geringeren Fitnesspotentials zu Punkten höheren Fitnesspotentials navigieren und damit einen Selektionsvorteil gewinnen. Auf der nächsten Stufe kann der Organismus aufgrund seiner Imaginationsfähigkeit und kognitiver Ressourcen eine mentale Repräsentation der Fitnesslandschaft erzeugen und in ihr Probehandlungen vornehmen, um seine Anpassungshandlungen zu planen und zu optimieren. Dieses Konzept wird auf die Nutzung von Medien übertragen, die es ermöglichen, sich in virtuelle emotionale Planspiele zu versetzen, um fitnessrelevante, sozio-emotionale Probleme und ihre Konsequenzen durchzuspielen. Dies würde bedeuten, dass auch bei der Nutzung von modernen Medien die Fokussierung der Aufmerksamkeit durch die biologische Relevanz gesteuert wird

         

      17. Kulturevolution in Richtung Pornografiekonsum

        Die Beiträge von Astrid Carolus, Florian Nerz und Ronja Bürger erläuterten Studien, die einen wachsenden Konsum explizit sexueller und pornografischer Inhalte im Internet ausweisen, der einen Anteil von 80% erreicht haben soll. Dieses grundsätzliche Interesse kann angesichts der Bedeutung des Sexualverhaltens für die evolutionäre Fitness nicht überraschen. Dabei lassen sich auch Zusammenhänge zwischen kurzzeit- vs. langzeitorientierter Paarungsstrategien und den Vorlieben für bestimmte Medieninhalte nachweisen.

         

      1. Ortsgedächtnis für bedrohliche und nichtbedrohliche Anreize
      2. Ryan Hacklaender berichtete über experimentelle psychologische Untersuchungen von Gedächtnisleistungen. Da die spontane Reaktion auf bedrohliche Anreize deutlich schneller erfolgt als auf nichtbedrohliche, vermutete man, dass auch das Ortsgedächtnis ähnlich reagiert. Dies ist jedoch nicht der Fall. Das Ortsgedächtnis bevorzugt auffällige und wichtigere Reize gegenüber gewöhnlicheren und alltäglichen.

         

      3. Nutzung aufwändiger mobiler Geräte als Signale für die Bevorzugung von Kurzzeitpartnerschaften
      4. Christine Hennighausen berichtete über Verhaltensstudien, aus denen hervorgeht, dass partnerfreie Männer aufwändige Mobilfunkgeräte bevorzugen, um Frauen und Mitbewerber zu beeindrucken. Dieses Verhalten ist analog zu den schmückenden Beiwerken männlicher Individuen im Tierreich zu interpretieren.

        Doreen Reifegerste

      5. Evolutionäre Motive als Basis der Bildmotivselektion in Präventionskampagnen
      6. Gesundheitsschädliches Handeln ist meist nicht auf zu wenig Information, sondern auf mangelnde Gesundheitsmotivation zurückzuführen. Zur Motivation können neben den fundamentalen evolutionären Motiven zur Selbsterhaltung auch soziale Motive entscheidend für gesundheitsrelevantes Verhalten sein. Während Präventionsapelle meist mit geringem Involvement verarbeitet werden, sind soziale Motive meist unbewusst wirksam, aber noch wenig erforscht. Die bisherige Forschung konzentriert sich vor allem auf das Partnerschaftsmotiv, z.B. in Form von Hinweisen auf drohende Attraktivitätsverluste durch ungesundes Verhalten, Die in der Werbung eingesetzten Bildmotive, die auf evolutionären Mechanismen beruhen, könnten auch für die Gesundheitskommunikation besser genutzt werden.

        Alexander Pashos

      7. Über den Einfluss unterschiedlicher affiner Verwandschaftslinks auf die Enkelfürsorge von Stiefgroßeltern
      8. Auf Basis der Theorie der Verwandschaftsselektion sollten sich Stiefgroßeltern kaum um ihre Stiefenkel kümmern, da sie nicht biologisch verwandt sind. Dennoch war das Stiefenkel-Investment und die emotionale Nähe zu den Stiefgroßeltern entgegen den soziobiologischen Erwartungen insgesamt relativ hoch.Da Stiefgroßeltern, die mit einem verwitweten Großelter verheiratet waren und verwitwete Gro0eltern, sich mehr kümmerten als Stiefgroßeltern, die mit einem geschiedenen Großelter verheiratet waren und geschiedene Gro0eltern,, scheinen die Beziehungen stark von den speziellen sozialen Verhältnisen in den Familien abzuhängen.

        Sebastian Schnettler:

      9. Der Effekt prenataler Hormonexposition auf den menschlichen Lebenslauf.
      10. Ein zweifellos vorhandener Zusammenhang zwischen der prenatal zirkulierenden Hormonkonzentration und der Entwicklung des Gehirns und dem späteren Verhalten des Menschen lässt sich nur schwer detaillierter erforschen, weil die prenatale Hormonkonzentration in den seltensten Fällen bekannt ist und nachträglich nicht gemessen werden kann. Es gibt aber einen eindeutigen Zusammenhang dieser prenatalen Hormonkonzentration mit dem Verhältnis der Länge des zweiten und vierten Fingers, das bei Frauen und Männern im Durchschnitt signifikant unterschiedlich ist, und das deshalb als Marker der prenatalen Hormonkonzentration dienen kann. Deshalb wird zur Zeit eine Datenbank der Bevölkerung Englands zusammengestellt, die relevante statistische Daten der sozialen Struktur mit der Länge der beiden Finger der betreffenden Individuen verknüpft und der Forschung ermöglichen soll, die Beziehungen der prenatalen Hormonkonzentration und den Charaktereigenschaften der Menschen in breitem Umfang aufzuklären.

        Matthias Buntis

      11. Geschlechtssensibles elterliches Investment im Bildungskontext

Es ist bekannt, dass bei viele Säugetierarten – bedingt durch das unterschiedliche Reproduktionspotenzial bei weiblichen und männlichen Individuen – das elterliche Investment in männlichen Nachkommen deutlich abhängiger von den verfügbaren Ressourcen ist als in weiblichen Nachkommen. Die vorliegende Arbeit untersuchte deshalb, ob geschlechtsspezifische Unterschiede im Bereich des Bildungswesens wie z.B. die bei Mädchen besseren Zensuren und Bildungsabschlüsse auf ähnliche Ursachen zurückgeführt werden können. Die Ergebnisse verschiedener Untersuchungen wurden vorgestellt, zeigten Zusammenhänge auf, lassen jedoch keine konsistenten Schlussfolgerungen zu.