Gedanken zur Reform des Geld- und Finanzsystems (Thesen)

 

  1. Herstellung und Austausch von Waren gehören zu den ältesten und grundlegenden Voraussetzungen für das Entstehen einer menschlichen Gesellschaft. Ihre Formen charakterisieren die jeweilige Kultur.
  2. Es sind prinzipiell vier unterschiedliche Typen des Austauschs erkennbar:

·        Einseitige Aneignung fremden Eigentums (Betrug, Raub und Krieg)

·        Schenken (Geben und Nehmen, Spenden)

·        Quasi-äquivalenter Austausch (Handel, Kauf und Verkauf)

·        Solidarische Verteilung

Diese unterschiedlichen Typen haben eine lange Tradition, werden bis heute in unterschiedlichem Umfang angewendet und sind der Reihenfolge nach in abnehmendem Maße geeignet, Macht- und Herrschaftsansprüche zu demonstrieren.

  1. Die lange parallele Existenz der ersten 3 Typen des Austauschs deutet darauf hin, dass es sich um evolutionär stabile Verhaltensweisen handelt, die sich gegenseitig bedingen und die nur einem geringen evolutionären Wandel unterliegen:

·        Durch einseitige Aneignung entstehen unterschiedliche Besitzverhältnisse in Form von Reichtum und Armut. In der Anfangsphase fördert der angehäufte Reichtum die kulturelle Evolution, bei Überhandnehmen von Betrug, Raub und Krieg werden Kooperation und Zusammenarbeit verhindert, kommen zum Erliegen und der angehäufte Reichtum wird vernichtet und die weitere Evolution behindert.

·        Nach Anhäufung von gewissem Reichtum wird Schenken, Geben und Nehmen möglich, trägt zu Versöhnung und Befriedung bei, ohne jedoch die durch den Reichtum entstandenen Besitz- und Machtverhältnisse zu gefährden oder in Frage zu stellen. Dadurch wird die weitere Evolution stabilisiert und die weitere Vergrößerung des Reichtums ermöglicht.

·        Quasi-äquivalenter Austausch ist geeignet, die durch Armut und Reichtum bedingte Unsymmetrie des Gebens und Nehmens zu verschleiern und im Prinzip völlig zu beseitigen. Die reicheren Machthaber sind an der Verschleierung und die ärmeren Beherrschten an der Beseitigung der Unsymmetrie interessiert. Dieses doppelte Interesse führte dazu, dass der quasi-äquivalente Austausch evolutionär gegenüber den anderen Typen die Oberhand gewonnen hat.

·        Die durch übermäßige Anhäufung von Reichtum verursachte krisenhafte Entwicklung entlarvt zunehmend den quasi-äquivalenten Austausch als betrügerisch und evolutionshemmend, so dass in weiterer Zukunft ein Übergang zu echt äquivalenten Austausch erforderlich und zu erwarten ist.

·        Solidarische Verteilung tritt nur auf, wenn die zu verteilenden Güter knapp oder im Überfluss vorhanden sind und die betreffende Gesellschaft auf demokratischer Basis straff hierarchisch organisiert ist. (Sozialstaat, Kommunismus)

(siehe hierzu auch Macht, Geld und Moral)

  1. Das Geld- und Finanzsystem der modernen Gesellschaft hat  als wesentliche Aufgabe, den wachsenden äquivalenten Warenaustausch und die Ausführung von Dienstleistungen über größere räumliche und zeitliche Entfernungen hinweg zu ermöglichen und ist zu diesem Zweck unverzichtbar. Für die anderen Formen des Austausches ist Geld zwar nützlich, aber nicht notwendig. Im Zeitalter der Globalisierung des Warenaustauschs muss auch das Geld- und Finanzsystem globalen Charakter tragen. Dies ist sowohl für den geschäftlichen Bereich als auch für den privaten wichtig.
  2. Um die Funktion der Gewährleistung des Austauschs von Waren und Dienstleistungen zu erfüllen, muss der Gesamtwert des Geldes (Banknoten + Giralgeld) dem Gesamtwert der Waren entsprechen, die sich in Lagern und auf Handelswegen befinden und noch nicht im Besitz ihres endgültigen Nutzers sind (Werte, die sich auf dem Markt befinden). Diese (umlaufende) Geldmenge entspricht der Summe der Werte aller Waren, die während ihrer jeweiligen Umschlagzeit hergestellt werden und bleibt in einer nicht wachsenden Wirtschaft konstant.
    (siehe hierzu auch
    Grund, Weg und Ziel einer Solidarischen Ökonomie )
  3. Spargelder, die erst in der Zukunft vom Eigentümer für den Kauf von Waren und Dienstleistungen verwendet werden sollen, sind von den Banken als Kredite an Investoren und Käufer auszureichen, die unmittelbar, d.h. innerhalb der Warenumschlagszeit, Verwendung dafür haben. Sparguthaben, die nicht als Kredite ausgereicht werden, erhöhen die notwendige Geldmenge über die in These 5 geforderte hinaus. Übersteigt die Summe der Sparguthaben die Summe der Kredite, ohne dass dies durch Schöpfung zusätzlichen Geldes ausgeglichen wird, so führt das zu nicht absetzbaren Lagerbeständen und  ungenutzten Dienstleistungskapazitäten und damit zu einer Verlängerung der mittleren Warenumschlagzeiten und zu Arbeitslosigkeit. Höhere Kredite als Spareinlagen aber erzeugen inflationäre Geldentwertung, die durch eine von den Banken geforderte Sicherung der Kredite durch Vermögenswerte verstärkt wird, wenn die Vermögenswerte der Börsenspekulation unterliegen. Wenn alle Kredite durch Sparguthaben ausgeglichen sind, ist eine Geldschöpfung in den Geschäftsbanken nicht notwendig.
  4. Die Besicherung der Kreditvergabe durch Vermögenswerte der Kreditnehmer verringert  das Risiko der Nichtzurückzahlung und bewirkt  im Eintrittsfall die Umwandlung von Vermögensbeständen in auf dem Markt verfügbare Güter, wodurch das Waren -- Geld -- Gleichgewicht  wieder hergestellt wird. Wurde das Vermögen des Kreditnehmers vernichtet, kann das Gleichgewicht nur durch Verringerung der umlaufenden Geldmenge (Geldvernichtung durch die Bank bezw Verlagerung in einen Sonderfonds) wieder hergestellt werden.
    Diese Möglichkeit ist von vornherein in Betracht zu ziehen, wenn durch nicht besicherte Kredite die Wirtschaft angekurbelt werden soll, was unter Beachtung der Bedingung 9 hilfreich ist. Die Verwendung solcher Kredite zur Spekulation im Rahmen der Finanzwirtschaft muss jedoch ausgeschlossen werden.
  5. In einer wachsenden Wirtschaft wachsen auch die Lagerbestände und Dienstleistungskapazitäten, damit muss bei konstant bleibender Umschlagszeit  auch die umlaufende Geldmenge proportional wachsen. Gleichzeitig entsteht Neuwert, da in jedem Produktionszyklus der Wert der produzierten Waren und Dienstleistungen größer ist als der Wert der verbrauchten Waren. Dieses Wachstum ist durch Geldschöpfung der Notenbanken und Kreditvergabe an die Geschäftsbanken zu gewährleisten, welche durch zusätzliche Investitions- und Konsumkredite das Geld in Umlauf bringen und damit den Absatz der zusätzlichen Werte sichern.
  6. Der Gesamtwert der auszureichenden Kredite darf jedoch maximal den in Lagern und auf Transportwegen befindlichen Warenwert einschließlich der Dienstleistungskapazitäten erreichen, wenn alles auf Kredit gekauft und wenn alles Bargeld gespart würde, denn für jede Ware gibt es jeweils nur einen Käufer oder einen Verkäufer, der den Kredit benötigen könnte. Der Gesamtwert der zulässigen Kredite ist deshalb prinzipiell durch die Realwirtschaft nach oben begrenzt. Die Überschreitung dieses Grenzwertes führt zu inflationärer Geldentwertung. (siehe hierzu auch Geldsysteme )
  7. Übersteigt die Kreditvergabe den durch Wertschöpfung in der Realwirtschaft erforderlichen Wert, so muss die überflüssige Geldmenge durch langfristige Sparguthaben in Geldvermögen umgewandelt werden und dadurch an die Bank zurück fließen. Dies wird durch die Zahlung von Zinsen auf die Bankguthaben bewirkt und mit deren Höhe geregelt. Diese Guthabenzinsen sind aus den Kreditzinsen zu finanzieren. Die Guthabenzinsen erhöhen die Wachstumsrate der Geldvermögen und belasten die Wirtschaftentwicklung, wenn diese Wachstumsrate gemäß den in These 13 genannten Kriterien zu hoch ist. In diesem Fall führen zu hohe Leitzinsen der Notenbank zu Absatzkrisen und Arbeitslosigkeit und müssen gesenkt werden.
  8. Geld kann seine Hauptfunktion nur erfüllen, wenn es gesellschaftlich als Stellvertreter für alle nutzbaren Güter anerkannt ist. Deshalb und nur deshalb ist Geldvermögen ein erstrebenswertes Ziel. Als Folge davon hat sich das Geld verselbständigt und ist selbst zur Ware geworden. Daraus wiederum resultiert seine Rolle als Imponier- und Machtmittel und als Antriebsmittel für menschliche Leistungen aller Art sowie seine hohe gesellschaftliche Wertschätzung. (siehe Tagungsbericht IV. Forum Neuroethik)  Die Anhäufung von Geldvermögen erzeugt jedoch Wirtschaftskrisen (s. These 13). (Zur Krise auf den internationalen Finanzmärkten )
  9. Die Stellvertreterfunktion des Geldes für alle  anderen Waren ermöglicht es, das gesamte Vermögen natürlicher und juristischer Personen in Geldwert auszudrücken und miteinander zu vergleichen. Infolgedessen kann die Fähigkeit zur Vermehrung des Vermögens dieser Personen als Maßstab ihrer Fitness im Prozess der kulturellen Evolution bewertet werden und als Selektionskriterium dienen. Dies begründet die universelle Bedeutung des Geldsystems, solange natürliche und juristische Personen als individuelle und kollektive Subjekte (Energone) als maßgebliche Träger der kulturellen Evolution agieren. (Siehe hierzu auch: Mérö "Biologie des Geldes" )
     
  10. Vermögenswachstum und Rendite als einziges Erfolgskriterium der Energone hat zu einer Abkopplung des Wachstums der Finanzwirtschaft von der Realwirtschaft geführt. In der Realwirtschaft kann Vermögen nur durch Akkumulation des erzeugten Neuwertes entstehen und wachsen. Sachvermögen entsteht unmittelbar durch Ausgliederung der erzeugten Sachwerte aus dem Produktionskreislauf und ihre langfristige Aufbewahrung. Geldvermögen entsteht durch Ausgliederung von umlaufendem Geld aus dem Kreislauf. Wird mehr Geld aus dem Umlauf gezogen, als durch Kredite zugeführt wird, entsteht eine Absatzkrise und Arbeitslosigkeit. Da die Kreditvergabe durch die These 9 begrenzt ist, führt eine zu hohe  Wachstumsrate des Geldvermögens zu eben diesen Folgen. Diese zu hohe Wachstumsrate des Geldvermögens entsteht in der Realwirtschaft nur dadurch, dass Arme zu wenig Geld für ihre Leistungen erhalten und Reiche mehr bekommen, als sie zeitnah verbrauchen können. In der Finanzwirtschaft entsteht eine zu hohe Wachstumsrate der Geldvermögen durch Spekulation.
  11.  Wegen der hohen Wertschätzung des Geldvermögens in der Gesellschaft und den individuellen Bedürfnissen nach Zukunftsvorsorge gibt es in der Realwirtschaft keine Möglichkeit, die Sparrate der Reichen wirksam zu begrenzen, es sei denn durch Umverteilung mit Hilfe hoher Reichensteuern. Wenn dies politisch nicht gewollt wird, werden die Sparguthaben über die durch These 9 gegebene Grenze ausgeweitet und die überhöhte Sparsumme nicht in die Realwirtschaft, sondern in die Finanzwirtschaft investiert.
    Die Kreation von Finanzprodukten, die nicht mehr reale Wirtschaftsgüter als Stellvertreter repräsentieren, sondern nur noch Vermögensansprüche für zukünftige Zeiten darstellen, wurde als zeitweilig wirksames Instrument zur Abwehr krisenhafter Entwicklungen erfunden. Der Wert dieser Finanzprodukte gründet auf die Hoffnung eines schnellen Wertanstiegs dieser Produkte, ermöglicht selbsterfüllende Spekulation und erzeugt dadurch eine instabile positive Rückkopplung, die auf Dauer ebenfalls zu krisenhaften Zusammenbrüchen führen muss. Diese Finanzprodukte sind nur dann in der Lage, die erwartete Funktion der Zukunftsvorsorge zu erfüllen, wenn auch die jeweils nachfolgenden Generationen gewillt sind, in wachsendem Umfange zu sparen und derartige Finanzprodukte in der rascher wachsenden Finanzwirtschaft zu kaufen, um damit die zukünftig benötigten, aber nur in der Realwirtschaft mit geringerer Wachstumsrate herstellbaren Gebrauchsgüter freizustellen. Die Wachstumsrate des Geldvermögens wird dann nicht mehr durch die Wachstumsrate der Realwirtschaft begrenzt und wächst durch unkontrollierte Geldschöpfung immer progressiver. Damit verlieren Vermögenswachstum und Rendite ihre  Eigenschaft als Fitnessmaßstab der kulturellen Evolution der Gesellschaft als Ganzes und deren immanenter Evolutionsmechanismus wird außer Kraft gesetzt. Dies erfordert die Neugestaltung des derzeitigen Geld- und Finanzsystems mit dem Ziel, die Geldschöpfung zu begrenzen und wieder an das reale, technisch und ökologisch mögliche  Wirtschaftswachstum zu binden und die gesellschaftlichen Evolutionsmechanismen wieder wirksam zu machen.(siehe hierzu auch
    Die Entstehung des Wohlstandes )
  1. Die Reform des Geld- und Finanzsystems muss ansetzen an seiner funktionellen Bedeutung für die kulturelle Evolution. Die kulturelle Evolution ist gekennzeichnet durch eine ständige Zunahme der Kooperation und durch eine selbstbestimmte Einordnung der Individuen in die Gesellschaft. Die Entwicklung der Gesellschaft wird damit auch für das Wohlergehen der Individuen von immer größerer Bedeutung. Die Gesellschaft ist aber keine ungeordnete Ansammlung von Individuen, sondern ein überaus komplexes System hierarchisch strukturierter sozialer Gruppen, Organisationen und nationaler und internationaler Institutionen. Dieser netzartigen Struktur muss das Geld- und Finanzsystem angepasst werden, wenn es seine Funktion erfüllen soll. Die Geldströme sind durch entsprechende Gestaltung der Rahmenbedingungen so zu lenken, dass sie den Kooperationsbedürfnissen dieser unterschiedlichen Gruppen optimal dienen und die weitere Integration der Gesellschaft national und international fördern. Dies ist dann der Fall, wenn das Vermögenswachstum als qualitative Größe auch weiterhin als quantitativer Maßstab der Fitness individueller und kollektiver Subjekte dienen kann, aber gleichzeitig von demokratisch geleiteten Organisationen gesteuert und zur weiteren gesellschaftlichen Integration genutzt werden kann.
  2. Alternative Geld- und Finanzsysteme müssten folgende Kennzeichen haben:

·        Eine übergeordnete Währung mit universeller Gültigkeit zur Gesamtintegration der Weltwirtschaft

·        Untergeordnete Währungen mit nationaler, regionaler und branchenbezogener Gültigkeit, die lose durch demokratisch kontrollierte Kurse an die Zentralwährung gekoppelt sind

·        Demokratisch kontrollierte Geldschöpfung in allen Währungssystemen gemäß den jeweiligen realen Wachstumsraten der zugehörigen Wirtschaftszonen. Unkontrollierte Geldschöpfung durch multiple Kreditvergabe ist zu unterbinden

·        Ein Besteuerungssystem, das übergeordneten gesellschaftlichen Institutionen  Wachstumsvorteile gegenüber untergeordneten und privaten Institutionen sichert.

·        Regulationsmechanismen, die die Wachstumsgeschwindigkeit der Finanzwirtschaft an die der Realwirtschaft koppeln

  1. Der Übergang vom derzeitigen zu einem alternativen Finanzsystem sollte durch Zwischenstufen erfolgen, die im derzeitigen politischen System durchsetzbar sind, endgültige Regelungen vorbereiten und private Macht- und Vermögenskonzentrationen allmählich abbauen. Solche Zwischenstufen könnten sein:

·        Demokratische Umgestaltung des internationalen Währungsfonds und Abbau der Handelsdefizite (Keynes' Bancor-Plan

·        Demokratische Kontrolle der Zentralbanken mit alleiniger Vollmacht zur Geldschöpfung (Finanzkrise und Geldordnung)

·        Strenge Trennung von Geschäftsbanken und Investmentbanken (Den Bankensektor neu ordnen)

·        Einführung einer globalen internationalen Währung (Keynes' Bancor-Plan)

·        Wiedereinführung der D-Mark  als Regionalwährung neben dem Euro

·        Ausbau vorhandener und Einführung neuer regionaler Komplementärwährungen

·          Einführung von Finanztransaktionssteuern zur Reduzierung von Spekulation und Vermögenskonzentration (Weltfinanzsystem in Balance)

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        Ausbau von Barter-Handel

·        Vermögenssteuern und Erbschaftssteuern zur Reduzierung übermäßiger Vermögenskonzentration

 

Die beiliegende Abbildung zeigt die gegenwärtig existierenden Geldkreisläufe. Die rot gezeichneten Objekte und Verbindungen sind verantwortlich für Finanzkrisen und müssten eliminiert werden.

 

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