Evolution des Empire

Die neue Weltordnung nach Michael Hardt und Antonio Negri

 

  1. Einleitung

"Empire" nennen die Autoren die heute existierende, sich entwickelnde Weltordnung und versuchen, diese Weltordnung aus der Integration von Staatstheorien, Marxistischer Politischer Ökonomie und Kulturentwicklung der Menschheit heraus zu interpretieren. Dass dieser Versuch einerseits wichtig und von großem Interesse, andererseits aber nicht vollständig gelungen ist, zeigt insbesondere die 26 Seiten lange Rezension dieses Buches von Sam Gindin und Leo Panitch, die diese selbst mit "Schätze und Schund" betiteln. Auch Uli Weiss diskutiert in http://www.opentheory.org/empire1/text.phtml die Vorzüge und Unzulänglichkeiten dieses Buches sehr differenziert. Ich möchte hier nicht eine weitere Rezension dieses Werkes liefern, sondern mich nur auf die Frage konzentrieren, in wie weit es geeignet ist, Stoff zum "Nachdenken über Evolution" zu liefern und diesbezüglich in meine Gedanken zur Evolutionstheorie eingeordnet zu werden.

Das Empire wird verstanden als eine neue supranationale Weltordnung, die durch die Vereinten Nationen repräsentiert wird, in deren Rahmen universelle humanistische Werte mit Hilfe einer internationalen Rechtsordnung garantiert und Streitigkeiten durch Präventions- und Polizeimaßnahmen durchgesetzt werden sollen, um den Frieden zwischen den Nationen zu erhalten. Alle damit verbundenen Probleme sind zur Zeit fragwürdig gelöst und befinden sich in weiterer Entwicklung. Der imperiale Apparat lebt von Selbstrechtfertigung und legitimer Gewaltanwendung, von imperialen militärischen, ideologischen und juridischen Formen der Intervention. Es gibt keine normalen Regierungsfunktionen, sondern das Empire herrscht durch permanente Definition von Ausnahmezuständen und deren Beseitigung.

Indem das Empire in seiner jetzigen Struktur ausschließlich der Aufrechterhaltung des kapitalistischen Ausbeutungsregimes dient, erzeugt es aus den Klassenkämpfen des Proletariats neue Formen eines Befreiungskampfes der Menge, die auf die Zerstörung seiner Grundlagen gerichtet sind und seine Struktur revolutionär verändern werden.

  1. Evolution der Souveränität

Hardt&Negri verfolgen zunächst die Entwicklung der staatlichen Souveränität vom Mittelalter über die Moderne bis zur heutigen Zeit, der Postmoderne. Dies ist ein Ausgangspunkt, der dem historischen Materialismus entgegengerichtet ist und das materielle Leben zunächst ausblendet. Insofern muss hier die Frage gestellt werden, ob es sich dabei überhaupt um die Darstellung der Evolution eines selbstorganisatorisch sich selbst reproduzierenden Systems handeln kann, zumal als erstes auch nicht die Entwicklung des Staates, sondern die Entwicklung der Philosophie staatlicher Souveränität abgehandelt wird. Diese Staatstheorien sehen den Ausgangspunkt der staatlichen Souveränität in der göttlichen Macht, die mit Hilfe des von Gott eingesetzten feudalen Herrschers später ihre weltliche Verlängerung erfährt und, als Gegenreaktion zu revolutionären Bestrebungen und zu deren Beherrschung, vom Absolutismus zur konstitutionellen Monarchie und weiter zur demokratischen Verfassung aufgeweicht wird, ohne dass aber das absolute Definitions- und Gewaltmonopol des souveränen modernen Staates in Frage gestellt wird. Ansätze des dialektischen und historischen Materialismus finden sich hier nur in der Behauptung, dass die Entwicklung des Staates als Gegenreaktion auf die Aktionen der unterdrückten und beherrschten Menge gesehen werden müsse.

Durch die Weiterentwicklung zum souveränen Nationalstaat wird in Europa der bürgerlich-kapitalistischen Entwicklung der erforderliche Spielraum gewährt, ohne aber die inneren Machtstrukturen zu verändern und das Gewaltmonopol aufzugeben. Im Interesse der Aufrechterhaltung der Macht wird der Raum scharf in ein Innen und ein Außen geteilt und die "Menge" wird zum Volk, dessen Interessen angeblich nach außen durch den souveränen Nationalstaat vertreten und durchgesetzt werden sollen, während es sich tatsächlich jedoch um die Interessen der hegemonialen Gruppen handelt. Dies gilt gleichermaßen für die herrschenden europäischen Staaten wie auch für die unterdrückten Kolonialstaaten, für die aber der Nationalbegriff noch eine Befreiungskomponente besitzt, solange sie noch kolonial unterdrückt sind. Im Kalten Krieg wurde die Souveränität der sozialistischen Länder "sozialistisch" übernommen und interpretiert, ohne sich wesentlich von der kapitalistisch-imperialistischen zu unterscheiden..

Im Kapitel "Die Dialektik kolonialer Souveränität" verlassen die Autoren dann aber die Perspektive der philosophischen Staatstheorien und gehen klar vom Primat wirtschaftlicher Interessen zur Beherrschung der kolonialen Länder aus, die ideologisch untermauert werden durch nationalistische und rassistische Theorien, um die Unterdrückung dieser Länder zu rechtfertigen. Dabei wird zunächst auch Sklavenhaltung akzeptiert, da dadurch die Trennlinien verschärft werden und dies zur Vermehrung der Profite nützlich ist. Als sich nach dem 2. Weltkrieg rassistische Theorien nicht mehr aufrechterhalten ließen, eigneten sich die kolonialen Befreiungsbewegungen die europäischen Theorien der Souveränität der Nationalstaaten an und nutzten sie zur Unterstützung. Dieses Geschenk der Europäer war jedoch vergiftet, es führte zwar zur nationalen Befreiung, verschärfte aber die innere Differenzierung und die Ausbeutung der Menge durch die Führungsschichten in den ehemaligen Kolonialstaaten.

Symptome des Übergangs vom souveränen Nationalstaat zum Empire, von der "Moderne" zur "Postmoderne" sehen Hardt&Negri in folgenden Theorien und Entwicklungen:

Im Gegensatz zur Entwicklung der Souveränität der europäischen Nationalstaaten, die ihre Existenzberechtigung von Gott und dem absoluten Herrscher ableitete und ihre Distanz zur Demokratie nie völlig verlor, beruht die Souveränität der USA von vornherein, seit der Unabhängigkeitserklärung, auf republikanischen Grundsätzen und wurde immer aus der Gesellschaft hergeleitet. Demnach gründet sich die Macht Amerikas schon immer auf der Schöpferkraft der Menge und wird von innen her von der Menge kontrolliert. Nach außen hin war die amerikanische Republik jedoch von Anfang an stets expansiv und hat ganz Amerika in sich aufgesogen, wobei die Existenz der amerikanischen Ureinwohner total ignoriert wurde. Die Schwarzamerikaner gehörten aber immer zum Inneren der Gesellschaft, auch wenn sie unterdrückt wurden und nicht gleichberechtigt waren, denn auf ihrer Ausbeutung beruhte die gesamte Wirtschaftskraft. Hardt&Negri stellen diesen Widerspruch zwar fest, halten die Verfassung der USA offenbar aber dennoch für die beste aller möglichen. Aus einer solchen unkritischen Haltung leiten die USA auch ihre Rolle als Weltpolizist und Schutzmacht aller amerikanischen Nationen ab. Diese imperialistische Expansionspolitik erreichte nach dem 2. Weltkrieg im Kalten Krieg ihren Höhepunkt und mit der Niederlage im Vietnamkrieg ihr erzwungenes Ende. Nach der Theorie von Hardt&Negri wendeten sich die USA in der Endphase und im Gefolge des Kalten Krieges von dieser imperialistischen Politik der militärischen Eroberungen ab und kehrten zu einer bereits in ihrer Verfassung verankerten, imperialen Politik der Expansion zurück. Als einziger verbliebener Großmacht fielen ihnen eine internationale Polizeifunktion und die Verantwortung für die Durchsetzung des globalen Rechts fast von selbst zu. Damit wurden die USA zur Führungsmacht des im Entstehen begriffenen Empires, in dem nationale Grenzen immer weniger eine Rolle spielen.

Das neue Empire ist dadurch charakterisiert, dass es nach außen keine Grenzen mehr gibt, jeder Krieg wird zum Bürgerkrieg. Im inneren aber verschwinden die öffentlichen Räume und die öffentlichen Einrichtungen und Institutionen werden immer weiter privatisiert und zu persönlichem Eigentum. Der Rassismus verändert seinen Charakter, die Rassenunterschiede werden nicht mehr biologisch, sondern kulturell begründet und die Hierarchie der Rassen wird von einer Segregation der Rassen abgelöst, deren ewiger Bestand um so mehr vorausgesetzt wird. Die in der Moderne von den gesellschaftlichen Institutionen geformten Persönlichkeiten unterliegen dem Zerfallsprozess der Institutionen und lösen sich durch Differenzierung in der Menge auf, indem sie nicht mehr zur Kenntnis genommen werden. Bestehende und potenzielle Differenzen werden nicht beseitigt, sondern betont, koordiniert und damit produktiv gemacht. Imperiale Souveränität herrscht nicht durch Aufrechterhaltung von Hierarchie und Ordnung, sondern durch Koordinierung von chaotisch wuchernden Mikrowidersprüchen, die laufend Korruption erzeugen. An der imperialen Souveränität ist eigentlich nichts souverän.

Das Empire ist voller Missstände und fast jeder fühlt sich unterdrückt und ausgebeutet, aber es gibt keinen Herrscher, von dem man die Beseitigung der Missstände einfordern könnte. Es bleibt nur die Verweigerung. Aber Verweigerung ist nur eine Art gesellschaftlicher Selbstmord. Verweigerung kann nur ein erster Schritt sein. Was nötig ist, ist eine wirkliche Alternative, eine völlig neue Lebensweise in einer neuen Gemeinschaft.

Der Kampf gegen das neue Empire kann nicht geführt werden, indem man die neuen Erscheinungsformen des Empire bekämpft und die alten Grenzen der Nationalstaaten behalten und wieder einführen will, die Migration einschränken, die globale Ausbeutung wieder in nationale Schranken zurückführen und die biologischen und kulturellen "Rassen" wieder trennen möchte. Die Globalisierung, die Vermischung der Kulturen, die Migrationströme der Armen in die reichen Länder und die Ströme der Intellektuellen aus den reichen Ländern in die armen sind nicht aufzuhalten, das Empire kann nur überwunden werden, indem man alle diese Erscheinungen maximal fördert und die Ordnung der Moderne damit total zerstört, um jenseits des Empire etwas völlig neues aufzubauen, ein Gegen-Empire, das es noch nie gab und das ebenfalls global lebt, funktioniert und produziert.

An dieser Stelle angekommen, fragen die Autoren nach den gesellschaftlichen Kräften, die eine derartige Veränderung herbeiführen könnten, besinnen sich auf die Marxschen Produktivkräfte und auf das Proletariat. In Erweiterung der marxistischen Definition sehen sie die heute wirkenden Triebkräfte nicht nur im Industrieproletariat, sondern darüber hinaus in allen mittellosen Bevölkerungsschichten, in der "Menge", die durch ihre Arbeit und ihre erzwungene Migration auf allen Ebenen die Produktivkräfte der Gesellschaft vorantreiben und ohne die das Empire nicht lebensfähig wäre. Aus der Verweigerungshaltung dieser passiven Menge müssen dereinst die Kräfte erwachsen und sich organisieren, um durch Selbstorganisation das Gegen-Empire entstehen zu lassen.

 

  1. Evolution der Produktion

Aus der Marxschen Analyse des Kapitals geht klar hervor, dass die Verwertung des Kapitals seine ständige Ausdehnung über seine jeweils existierenden Grenzen hinaus zur Voraussetzung hat. Inder ursprünglichen Akkumulation vollzog sich diese Ausdehnung als Einbeziehung und Industrialisierung des Handwerks und der Landwirtschaft innerhalb der nationalstaatlichen Grenzen und überschritt diese Grenzen durch Kolonialisierung bis zur vollständigen Aufteilung der Welt in die Interessengebiete der führenden Nationalstaaten. Diese imperialistische Expansion ist eine unmittelbare Folge kapitalistischer Reproduktion und Akkumulation und kommt mit der Bildung des kapitalistischen Weltsystems an ihr natürliches Ende. Zu Zeiten Lenins schien diese Entwicklung darauf hinauszulaufen, dass die größten imperialistischen Staaten durch Kriege ihre Einflussbereiche zu erweitern suchten und sich durch ausgeprägte Monopolisierung kein einheitlicher Weltmarkt bilden würde. Er schlussfolgerte daher, dass man den dem Kapitalismus immanenten Übeln des Imperialismus nur durch seine Zerstörung mit Hilfe einer Revolution beikommen könne.

Es zeigte sich aber, dass die Widersprüche des Kapitalismus/Imperialismus auf andere Weise zu seiner Zersetzung, zur Auflösung der Nationalstaaten, zur Bildung des Weltmarktes und zur massenweise weltweiten Migration führen sollten, also zur Bildung des Empire. Bereits Karl Marx muss eine solche Entwicklung in Betracht gezogen haben, denn er plante noch drei weitere Bände des Kapital über den Lohn, über den Staat und über den Weltmarkt, die aber nie geschrieben wurden.

An dieser Stelle betonen Hard & Negri, dass die Bildung des Empire zwar ein gesetzmäßiger Prozess ist, der aber auf grund seiner ambivalenten Widersprüche bereits das Potenzial für seine Überwindung in sich trägt. Diesen evolutionären Gedanken verteidigen sie gegen die Theorie der Zyklen von Giovanni Arrighi (1994), derzufolge zur Zeit lediglich zyklische Verschiebungen der Zentren der imperialistischen Macht von Europa über Amerika in den Fernen Osten vor sich gehen und die vergangenen Zyklen des Kapitalismus ewig wiederholt werden.

Nach dem ersten Weltkrieg verstärkten sich die Widersprüche der kapitalistischen Produktionsverhältnisse, Lohnabhängigkeit und Profitdominanz wurden zum alles beherrschenden Regelsystem der Gesellschaft, die Autoren bezeichnen dies eigenartigerweise in Anlehnung an Foucault als "Disziplinargesellschaft", in deren Mittelpunkt die fabrikmäßige Produktion steht. Aus diesem Blickwinkel heraus gibt es kaum Unterschiede zu den sozialistischen Gesellschaften. Deshalb verschärften sich die bereits vor dem 1.Weltkrieg bestehenden Tendenzen und führten zum 2.Weltkrieg. Die demgegenüber angeblich unterschiedliche Entwicklung der USA wird nur undeutlich herausgearbeitet, ermöglichte es aber den USA nach dem 2.Weltkrieg ihr expansives System schnell über die westliche Welt hinweg auszubreiten. In der Konfrontation des kalten Krieges brach das koloniale System auseinander, die befreiten Länder der 3.Welt mussten aber schnell erkennen, dass ihre nationale Befreiung für die große Masse der Bevölkerung durch eine wirtschaftliche Abhängigkeit ersetzt wurde, in deren Gefolge sie in das Kapitalsystem der Lohnabhängigkeit eingebunden wurde. Unter der Führung der USA wurde damit die Akkumulation des Kapitals im globalen Maßstab fortgesetzt und sogar beschleunigt. Für die Länder der 3.Welt ergab sich mit dem Eintritt in die Moderne damit zugleich die Frage, wie sie aus der Moderne am besten wieder austreten könnten. Insgesamt stellt sich dieser Prozess aber keineswegs als eine lineare Entwicklung dar, sondern vielmehr als ein überaus turbulenter Vorgang, in dem eine Richtung nur undeutlich zu erkennen ist, eine Richtung, die aber insgesamt durch Schwächung der Nationalstaaten und wirtschaftliche Globalisierung gekennzeichnet ist.

Eine zeitlang schien es so, als habe sich die Initiative zur grundsätzlichen Veränderung und Umgestaltung der Welt aus den Industrieländern in die Länder der 3.Welt verlagert. Diese Drittweltperspektive übersieht dabei jedoch, dass auch in den Industrieländern sich der Kampf der Unterdrückten aus dem Proletariat heraus in viel breitere Schichten verlagert hat und ein nicht unwesentliches Element des globalen revolutionären Kampfes bleibt.

Die Hegemonie der USA über die anderen kapitalistischen Länder begründete sich vor allem auf die finanzielle Sonderstellung, die das Abkommen von Bretton Woods 1944 dem USA-Dollar als Leitwährung einräumte. Es ermöglichte den USA die Erzielung von imperialistischen Extraprofiten auf Kosten der übrigen Länder, bis die wachsenden Widerstände dieses System in den siebziger Jahren zu Fall brachten. Dennoch ging die extensive Expansion des amerikanischen Kapitals weiter und ging angesichts des sichtbaren Endes einer solchen Expansion in zunehmendem Maße zur technologisch begründeten intensiven Expansion über. Steigende Wohlfahrt und höhere Bewertung des Wissens hatten einen Anstieg des Wertes der Arbeitskraft zur Folge, der zu einer Modernisierung der Organisationsformen des Kapitals und seines Produktionsapparates zwang. Diese notwendige Veränderung des Produktionsapparates wurde in den Ländern der sozialistischen Welt nicht bewältigt, was letztlich zu ihrem Zusammenbruch führte.

Während im Mittelalter die landwirtschaftliche Produktion dominierte, wurde die Moderne durch die Dominanz der Industrieproduktion geprägt. Die Postmoderne bedeutet den Übergang zur Informations- und Dienstleistungsgesellschaft. Bei diesem historischen Wandel wurde die Landwirtschaft industrialisiert und die Industrieproduktion "informatisiert", d.h. sie wird zu einer Dienstleistung transformiert. Dabei ist eine Landwirtschaft im Mittelalter überhaupt nicht zu vergleichen mit einem heutigen Agrarland, denn im Mittelalter war die Landwirtschaft dominierend, während sie heute rückständig und abhängig ist. Deshalb ist auch nicht zwingend vorgegeben, das sich jedes heute landwirtschaftliche Gebiet in ein Industrieland und weiter in eine Informationsgesellschaft entwickeln muss. Die heute unterentwickelten Länder werden in einer globalisierten Weltwirtschaft immer die unterentwickelten bleiben und haben auch bei vollständiger Isolation keine Chance, den Weg der führenden nachzuvollziehen. So wird die Landwirtschaft eines unterentwickelten Landes eben zu einer Dienstleistung für die führenden Länder gemacht. Geografische Differenzen in der globalen Ökonomie verweisen nicht auf ein Nebeneinander unterschiedlicher Entwicklungsstufen, sondern auf die Umrisse der neuen globalen Hierarchie der Produktion.

In der Postmoderne wird nicht auf dem Markt verkauft, was die Produktion hergestellt hat, sondern es wird das produziert, was der Konsument bestellt und möglichst im voraus bezahlt. Dadurch intensiviert sich die gesellschaftliche Kooperation und der Anteil immaterieller und affektiver Arbeit erhöht sich. Gleichzeitig verlagert sich die industrielle Massenproduktion auf dezentralisierte Standorte und spezialisierte Firmendienstleistungen werden zentralisiert gesteuert. Grundlage dieser Produktionsweise sind die globalen Kommunikationsnetzwerke, die heute von ähnlicher Bedeutung sind wie früher der Anschluss eines Gebietes an das Eisenbahnnetz. Damit verbunden ist eine Individualisierung der Produzenten und ihrer Interessen.

Verbunden mit der Schwächung der Souveränität des Staates unterliegt das öffentliche Eigentum des Staates, das gleichzeitig die Grundlage des Sozialstaates bildete, einer zunehmenden Privatisierung. Privateigentum durchdringt alle Bereiche des öffentlichen Lebens und wird zum alles beherrschenden Begriff. Auf der anderen Seite wird dieser Begriff, verstanden als das exklusive Recht, ein Gut zu verwenden und darüber zu verfügen, zunehmend unsinnig. Es gibt immer weniger Güter, die in diesem Sinne exklusiv zu besitzen oder zu verwenden wären. Privateigentum entfernt sich somit trotz seiner juridischen Macht immer mehr von der Realität.

In der Frühphase der kapitalistischen und kolonialen Entwicklung hat der Staat die Interessen der einzelnen Kapitalisten im Zaume gehalten und dabei gleichzeitig im Interesse des Gesamtkapitalisten für Stabilität und eine langfristig vorausschauende Entwicklung gesorgt. Heute ist die kapitalistische Weltordnung ein überaus undurchsichtiger Prozess, in dem zwar deutlich ein Unten und Oben zu unterscheiden ist, der aber keineswegs ausschließlich von oben und von einer Zentrale gesteuert wird. Supranationale Konzerne und Monopole stellen sich auf eine Ebene mit den Nationalstaaten oder auch noch darüber, die USA stehen hegemonial an der Spitze der Pyramide und versuchen die anderen Staaten zu beherrschen, diese wiederum versuchen mit Hilfe der UNO und anderer internationaler staatlicher Vereinigungen dem Widerstand entgegen zu setzen. Unterstützt werden sie dabei von einer Vielzahl nichtstaatlicher Organisationen (NGO), welche die unterschiedlichsten Interessen der verschiedensten Gruppen und Schichten der Menge vertreten. Keiner der Akteure ist in der Lage, seine Interessen und seinen Willen ungestört durchzusetzen. Das Ganze bietet ein Schauspiel, in dem jeder von der Furcht vorangetrieben wird, seinem jeweiligen Gegenspieler zu unterliegen und das durch Wahlschaukämpfe und Medienmanipulation charakterisiert ist. In diesem Netzwerk scheint es völlig aussichtslos, etwa mit revolutionären Veränderungen in einem Nationalstaat zu einer grundlegenden Änderung dieser allseits unbefriedigenden Verhältnisse zu gelangen, wie dies in der Moderne noch möglich war. Das bedeutet zwar die generelle Unmöglichkeit traditioneller Kampfformen gegen einen wie auch immer gearteten Staat, dennoch ist diese chaotische Weltordnung gerade deshalb keine gepanzerte Festung, sondern eröffnet neue Potenziale einer postmodernen Revolution.

Hard und Negri beschreiben den Übergang von der Moderne der Nationalstaaten zum postmodernen Empire als einen Übergang von der Disziplinargesellschaft zur Kontrollgesellschaft. Im Foucault'schen Sinne verstehen sie dabei unter Disziplin nicht eine äußere Macht, die über uns stehend unser Handeln diktiert, sondern als inneren Antrieb, der von unserem Willen ununterscheidbar und unserer Subjektivität untrennbar verbunden ist. In der Kontrollgesellschaft löst sich diese durch Einordnung in feste gesellschaftliche Institutionen geprägte Identität auf in eine Mobilität und Flexibilität, die dem Individuum keinen festen Ort mehr zuweist und es zwingt, seine Subjektivität hybrid und modulierend festzulegen. Der durch die Souveränität der Nationalstaaten in der Moderne eingekerbte gesellschaftliche Raum wird den Bedürfnissen des Kapitals in der Postmoderne entsprechend geglättet. Es gibt keine festen Wohnorte, Arbeitsorte, Arbeitszeiten und Zugehörigkeiten zu Gemeinschaften mehr. Alle diese Organisationsformen werden von Konstanten zu Variablen, deren Werte von den jeweiligen Finanz- und Geldströmen flexibel beeinflusst werden.

In der Moderne strebte jede Regierung danach, politische Ziele mit administrativen bürokratischen Methoden einheitlich zu verwirklichen. Im Empire ist die Verfolgung eines solchen Prinzips nicht mehr möglich und die Verfolgung politischer Ziele trennt sich vom bürokratischen Apparat. Die Handlungsstrategie der imperialen Regierung zur Beherrschung der Menge besteht darin, die verschiedenen sozialen Interessengruppen zu differenzieren und sich je nach Bedarf mal mit dieser und mal mit jener Gruppe zu verbinden, um akute Krisen partiell zu kontrollieren und zu bekämpfen. Die Autorität der Regierung begründet sich dabei auf lokalem Konsens und auf einer föderalen Verteilung der Souveränität. Diese Strategie führt zum Verlust des zentralen, imperialen Kommandos der Regierung. (siehe hierzu auch die Aussagen der Systemtheorie)

Ohne imperiales Kommando entwickelte sich in der Menge selbstorganisatorisch (biopolitisch) autonome Produktivität, Massenintellektualität und uneingeschränkte demokratische Macht, die unweigerlich die kapitalistische Herrschaft über Produktion, Zirkulation und Kommunikation stürzen würde. Diese Macht muss im Interesse der Aufrechterhaltung der kapitalistischen Ordnung kontrolliert, darf aber nicht zerstört werden. Dies leistet der nicht lokalisierbare imperiale Kommandoapparat mit Hilfe dreier unumschränkter Instrumente: der Atombombe, dem Geld und dem Äther.

 

  1. Verfall des Empire

Mit der Bildung des Empire müssen alle Theorien endgültig ad acta gelegt werden, die von einer transzendenten Ableitung souveräner Macht und gesellschaftlicher Werte ausgehen. Nur die immanente Handlungsmacht der Menge ist es, die Werte schafft und Werte zerstört, und die in der Lage ist, gesellschaftliche Verhältnisse zu verändern. Das Virtuelle ist die Gesamtheit der Handlungsmöglichkeiten (Sein, Lieben, Verändern, Schaffen), die in der Menge vorhanden sind. Lebendige Arbeit ist der grundlegende Schöpfungsakt, durch den das Virtuelle über das Mögliche zum Realen wird. Die imperiale Regierung ist eine rein negativ wirkende Kraft, deren Aufgabe darin besteht, die Handlungsmacht der Menge im Zaume zu halten. Dies gelingt mit zunehmender Befreiung der Menge immer weniger. Die Menge der Gesellschaft ist es, die einen "General Intellect" entwickelt, eine kollektive, soziale Intelligenz, die durch die Akkumulation von Wissen, Techniken und Know-how entsteht. Das Empire ist nicht das Ende der Geschichte. Die Menge strebt nach Weltbürgerschaft und unbegrenzter Entfaltung ihrer schöpferischen Fähigkeiten und wird mit ihrer Gestaltungskraft das Virtuelle über das Mögliche in die Realität umsetzen und das Empire überwinden.

Nach dem ersten Weltkrieg zeigten sich Krise und Niedergang der europäischen politischen Kultur in eindrucksvoller Weise. Dabei schien es zunächst, als könne Amerika als Land der unbegrenzten Möglichkeiten einen Ausweg aus dieser Krise weisen und es entstand ein Mythos, der die militärische und wirtschaftliche Führung der USA auch auf Kultur, Wissenschaft, Kunst und Politik übertrug. Zwar nehmen die USA in den globalen Hierarchien eine privilegierte Stellung ein, bilden aber nicht das Zentrum des postmodernen Empire, denn einen solchen Ort gibt es nicht und die Unterschiede der verschiedenen Territorien sind nicht wesenhaft, sondern lediglich graduell. Krise und Niedergang sind dem gesamten Empire immanent und nirgends mehr zu übersehen.

Zwei zentrale Hindernisse sind dafür verantwortlich, dass vielfach kein Ausweg aus dieser Krise mehr gesehen wird:

Hard & Negri sehen den Ausweg in der "Generation" , einer Schöpferkraft der "biopolitischen" Welt., in der gesellschaftliche, ökonomische und politische Produktion zusammenfallen. Diese biopolitische Perspektive ist meines Erachtens im Grunde identisch mit jener Schöpferkraft, die überall im Universum für Selbstorganisation und Evolution sorgt. Diese Kraft lässt generellen Stillstand nicht zu und bewirkt auch die Überwindung des Empire.

Der Generation gegenüber steht die Korruption, die als Schlüsselelement der imperialen Herrschaft der Generation entgegengesetzt wird. Im Empire herrscht überall Korruption:

Ohne Korruption ist das imperiale Kommando heute nicht mehr in der Lage, die Kontrollgewalt des Empire entgegen der Generation der Menge aufrecht zu erhalten.

Auf welchen Wegen könnte die Menge, heute zwar bereits nicht wegzudenkende Basis des postmodernen Empire, aber amorphes, nicht exakt zu bestimmendes Gebilde, zu einem wirklichen politischen Subjekt werden, das über sein Schicksal selbst bestimmen kann?

 

  1. Fazit

In "Empire -- Die neue Weltordnung" vertreten Hardt und Negri konsequent die Anwendung der Prinzipien der Selbstorganisation und Evolution auch für die Entwicklung und Weiterentwicklung der menschlichen Gesellschaft als Ganzes. Auch wenn die Vorwürfe des Eklektizismus und nicht aufgelöster Widersprüche nicht von der Hand zu weisen sind, kann man dennoch das Werk als einen Ausgangspunkt für die Weiterentwicklung der Marxistischen Gesellschaftsauffassung ansehen. Es beschreibt ein chaotisches Bild der Gesellschaft, und es liegt wohl an der gleichen Schwierigkeit, die sich auch bei jeder Beschreibung der Chaostheorie zeigt, dass es den Autoren nicht gelungen ist, eine systematischere Darstellung dieser chaotischen Welt zu liefern. Über dieses Chaos sollte man sich aber nicht wundern, denn nach allen Regeln der Evolution ist die Evolutionsgeschwindigkeit eines Systems um so größer, je näher es sich am Rande zwischen Ordnung und Chaos bewegt. Dieses Chaos mit seinen großen Fluktuationen ist in jedem System ein Anzeichen dafür, dass ein Übergang in eine neue Ordnung kurz bevorsteht. Davon ausgehend, bestätigt das Buch die Auffassung, dass auch die Entwicklung der Gesellschaft den Prinzipien und Gesetzen der universalen Evolutionstheorie folgt.