Die Evolution der Empathie

Nach dem Buch von Jeremy Rifkin: Die emphatische Zivilisation, Wege zu einem globalen Bewusstsein

 

Der verborgene Widerspruch in der Geschichte der Menschheit

 

Bis zum Jahre 4400 v.Chr. entwickelte sich die Menschheit in Europa im Wesentlichen friedlich in Form der Jäger- und Sammlerkulturen und der neolithischen Ackerbaukulturen, bis nach dem Einfall berittener Nomaden aus den eurasischen Steppengebieten kriegerische  Gewalttätigkeiten und die Versklavung tausender Menschen in riesigen Arbeitsheeren in den Bewässerungskulturen die Oberhand gewannen. In den später immer komplexer werdenden Kulturen wurde das Leben tausender Menschen organisiert und reglementiert und dadurch immer größere Reichtümer  angehäuft. Gleichzeitig entwickelte sich ein Selbstbewusstsein der Menschen, das den Gegensatz zwischen dem Individuum und der Gesellschaft zum Ausdruck brachte und  die Notwendigkeit der Kooperation immer stärker empfinden ließ. Damit entwickelte sich aber auch ein Mitgefühl für die Menschen einer immer größer werdenden Gruppe, das sich heute über den ganzen Erdball erstreckt. Erst seit Beginn des 20. Jahrhunderts wird diese Art der Einfühlung in der Psychologie thematisiert und mit der Entstehung des Begriffs der Empathie in den Sozialwissenschaften immer stärker berücksichtigt.

Die Entwicklung immer komplexer werdender Gesellschafts- und Bewusstseinsstrukturen erfolgte auf der Basis neuer Energie-  und Kommunikationsstrukturen und eines steigenden Energieverbrauchs pro Kopf der Bevölkerung, nachdem das gesamte westliche Europa im Mittelalter in einen Dämmerzustand zersplitterter, dezentralisierter, weitgehend von Subsistenzwirtschaft lebender Kulturen zurückgefallen war. Heute erreicht der Energieverbrauch eine Grenze, die das Gleichgewicht der Biosphäre des Planeten zu gefährden droht.

Ohne die Entwicklung des empathischen Bewusstseins wird deshalb die Entwicklung der menschlichen Zivilisation zum Stillstand kommen und unsere Gattung wird nur in kleineren Verbänden überleben können.

 

Der neue Blick auf die menschliche Kultur

Rifkin geht davon aus, dass die von Adam Smith, Darwin und Freud geprägten Vorurteile falsch sind, jeder Mensch sei im Kern darauf aus,, sein pures wirtschaftliches Eigeninteresse zu verfolgen, die erste Sorge jedes Menschen gelte dem eigenen physischen Überleben und der Fortpflanzung und der Mensch sei nicht mehr als eine wilde Bestie, der die Schonung der eigenen Art fremd ist.

Nicht Libido und Aggression sind die primären Triebe, sondern das Bedürfnis nach sozialen Beziehungen, das erst nach ihrer Verweigerung in Aggression umschlägt.

Im Gegensatz zur Freudschen Libidotheorie bietet die psychologische Objektbeziehungstheorie eine völlig neue Sicht auf die menschliche Natur, die sich nach Gesellschaft sehnt und vor Einsamkeit fürchtet und biologisch prädisponiert ist, anderen Geschöpfen Empathie entgegen zu bringen.

 

Eine empathische Deutung der Evolution

Grundlage der Empathie sind Spiegelneuronen. Sie lassen uns das Gleiche empfinden, was andere empfinden, wenn diese etwas hören, sehen oder fühlen.

Spiegelneuronen sind zwar angeboren, müssen aber aktiviert und trainiert werden. Kinder lernen das von ihren Eltern. Spiegelneuronen und empathisches Verhalten werden auch bei sozial lebenden Tieren beobachtet. Für die Herausbildung empathischen Verhaltens sind Spiele von großer Bedeutung. Gegenseitige Empathie ist Grundlage für das Entstehen der Sprache. Bei sozial lebenden Tieren ist ein Zusammenhang der Größe des Gehirns mit der Anzahl der gemeinsam in einer Gruppe lebenden Tiere festgestellt worden.

 

Menschwerdung

Normaler Weise erwirbt der Mensch im Kindesalter unter verständnisvoller Anleitung seiner Eltern schrittweise das Vermögen, sich in die Gefühlswelt anderer Menschen einzufühlen. Neuere Studien des Verhaltens von Kindern zeigten, dass Altruismus nicht, wie vielfach angenommen, auf Egoismus beruht, der vorausschauend Belohnung erwartet, sondern auf einer angeborenen und im frühen Kindesalter erworbenen empathischen Anteilnahme am Gefühlsleben anderer. Obwohl in allen Kulturen die gleichen Ansätze von Empathie zu beobachten sind, bestimmen kulturelle Eigenarten die weitere Ausprägung des empathischen Verhaltens. So wird in der nordamerikanischen Kultur mit ihrer Verklärung von Individualismus und persönlicher Freiheit in der Erziehung vor allem auf die Stärkung des Selbstwertgefühls geachtet, während in asiatischen Kulturen Kinder eher so erzogen werden, dass sie sich später harmonisch in die Gesellschaft einfügen können.

 

Neubewertung der menschlichen Entwicklung

Die zahlreichen Bemühungen, Vernunft und Glauben in Übereinstimmung zu bringen, sind bisher immer wieder daran gescheitert, das von beiden Seiten die Bedeutung der Gefühle falsch eingeschätzt wurde. Für die einen hinderten sie den Menschen am Gehorsam gegen Gott und für die anderen korrumpierten sie dessen rationalen Verstand. Das auf den Glauben gegründete und das rationale Bewusstsein haben eines gemein: die entkörperlichte Auffassung vom Sein. Der Geist ist aber nicht vom Körper losgelöst, sondern ergibt sich nur aus unseren körperlichen Erfahrungen, Gefühlen und Handlungen. Zu diesen Erfahrungen gehört auch die aus den Gefühlen resultierende Empathie.

Die Wirklichkeit, in der wir leben, besteht nicht aus Wahrheiten, die a priori existieren und unveränderlich sind, sondern sie entsteht aus den Erfahrungen, die wir gemeinsam machen und durch Sprache, Wissenschaft und Glaube einander mitteilen. Den Sinn des Lebens  muss man nicht darin sehen, an Gott zu glauben und ihm zu gehorchen oder darin, zu überleben und Nachkommen hervorzubringen, sondern darin, Beziehungen zu anderen einzugehen, um möglichst viele Wirklichkeitsaspekte zu erfahren. Freiheit ist nicht die Freiheit, von anderen unabhängig zu sein, sondern sie bedeutet, dass der Einzelne sein inneres Potenzial voll ausschöpft und ein Leben führt, in dem Freundschaft und liebevolles Miteinander die bestimmenden Faktoren sind. Mit Gleichheit ist nicht die Gleichheit vor dem Gesetz oder die gerechte Verteilung von Gütern gemeint, sondern die Überzeugung, dass ein anderer genauso einzigartig und sterblich ist und die gleiche Daseinsberechtigung hat wie wir selbst.

Die bislang geübte Geringschätzung der körperlichen Erfahrungen resultiert aus der Vergänglichkeit des Lebens, die man nicht wahrhaben wollte und der man durch Religion oder Fortschritt entgehen wollte. Das empathische Bewusstsein arrangiert sich mit der Sterblichkeit, überwindet die Angst vor dem Tode und bejaht das Leben, so wie es ist. Es ist kaum anfällig für utopische Visionen von einem diesseitigen oder jenseitigen Paradies.

Das religiöse und das rationale Bewusstsein diskreditierten die körperlichen Erfahrungen. Gefühle, Empfindungen und Leidenschaften galten als irrational, schädlich oder gar pathologisch. Sie mussten durch von höheren Instanzen erlassene Moralvorschriften gezügelt werden.

Empathisches Bewusstsein wird nicht durch aufgeherrschte Moralvorschriften geformt, es kann sich nur in einem geeigneten sozialen Umfeld entwickeln. Es ist Aufgabe von Politik und Gesellschaft, die Voraussetzungen für ein solches soziales Umfeld zu schaffen. Und das ist eine Notwendigkeit, von der unsere Zukunft als Spezies abhängt.

 Frühes theologisches Denken und patriarchalische Wirtschaft

Das empathische Bewusstsein der Menschen und der Umkreis seiner Wirkungen entwickelten sich parallel zu den Produktions- und Kommunikationstechniken von der  Jäger- und Sammlergesellschaft über die großen Bewässerungskulturen bis in die industrielle globale Neuzeit. Wesentlich dafür war die Entwicklung der Kommunikationstechniken von der mündlichen Überlieferung über die Schriftsprache und die Drucktechnik bis zu den schnellen und globalen elektronischen Kommunikationsmitteln, die heute Menschen in aller Welt miteinander verbinden.

In keiner der bekannten Jäger- und Sammlergesellschaften entstand eine Schriftsprache. Es ist anzunehmen, dass diese Urvölker noch kein ausgeprägtes Selbstbewusstsein besaßen und andere nicht als gleichwertige eigenständige Wesen sahen. Ihre Empathie befand sich noch auf der ersten Stufe des Mitfühlens, wie sie bei Kindern bis zum 8. Lebensjahr charakteristisch ist.

Mit dem Übergang zu Ackerbau und Viehzucht um etwa 8000 v.Chr. bildeten sich erste Ansätze von Individualität und Vorformen eines empathischen Bewusstseins innerhalb von Familien heraus. Mythen und Geister beherrschten das Bewusstsein. Im 4.Jahrtausend v.Chr. entstanden die ersten urbanen Agrargesellschaften mit Bewässerungskultur. Sie erforderten die Zusammenarbeit von Tausenden von Menschen und die Herausbildung einer Schriftsprache zur Verwaltung der Produktions-, Transport, Lagerungs- und Verteilungsvorgänge. Bei Herrschern, Handwerkern und Händlern entstanden  individuelle Interessen und Empathie begann sich über den engsten familiären Kreis hinaus auszuweiten. In diesen Kulturen entstanden auch die großen epischen Erzählungen mit ihren Heldensagen und Moralansprüchen, die große Teile der Bevölkerung erreichten. Die Herrscher vereinigten die Götter und benutzten sie zur Stärkung ihrer Macht und schufen die Grundlagen für den Monotheismus der großen Weltreligionen.

Während das Leben in den mündlichen Kulturen sich öffentlich abspielte und mythologische Überlieferungen diffus waren und kollektiven Zusammenhalt erforderte, erzeugte die Schriftkultur präzise Beschreibungen und vereinheitlichte Darstellungen, ermöglichte individuelle Aneignung von Erfahrungen und Erkenntnissen und erzeugte damit Privatheit und Ausprägung von Individuen. Gleichzeitig wurde damit aber auch der freiwillige Zusammenschluss in Religionsgemeinschaften und die Verantwortungsübernahme für die Mitmenschen gefördert und die Entwicklung des Selbstbewusstseins gestärkt. Der Niedergang aller Bewässerungskulturen infolge Versalzung der Böden beeinträchtigte später aber  auch das Geistesleben und die empathischen Beziehungen.

 

Das kosmopolitische Rom und der Aufstieg des urbanen Christentums

Das römische Reich hat zunächst durch die Eroberung des Mittelmeerraumes und halb Europas, durch Straßenbau und Schifffahrt Handel und Gewerbe enorm gefördert, damit die Menschen dieses Raumes einander näher gebracht und einen großen Beitrag zur Entwicklung der Empathie erbracht. Es war auf dem Höhepunkt seiner Macht aber nicht in der Lage, das gesamte Gebiet zentralistisch zu verwalten und zu ernähren und die Entwicklung des Christentums zur dogmatischen katholischen Lehre trug am Ende wiederum zum Zusammenbruch des Reiches und der aufgebauten emphatischen Beziehungen bei.

 

Die sanfte industrielle Revolution des Spätmittelalters und die Geburt des Humanismus.

Mit dem Niedergang des römischen Reiches begann eine sich über ein halbes Jahrtausend erstreckende Periode der Stagnation, in der viele Errungenschaften der menschlichen Zivilisation wieder verloren gingen und der Wirkungskreis menschlichen Zusammenwirkens sich verengte. Das Geistesleben verkümmerte zu religiösem Dogmatismus. Erst im Spätmittelalter begann durch die Erfindung und Verbreitung der Wasser- und Windmühlen und die Einführung neuer landwirtschaftlicher Techniken ein neuer Aufschwung, der zur Entwicklung zahlreicher Städte mit Handwerkern und Kaufleuten führte, das Geistesleben neu belebte und zur Entwicklung des empathischen Bewusstsein beitrug. Besonders die Erfindung der Drucktechnik förderte die Eigenständigkeit und Zusammenarbeit der Bürger und die familiären Beziehungen veränderten sich von patriarchalischen Großfamilien zu auf individuellen und auf Sympathie beruhenden Beziehungen. Durch die aus wirtschaftlichen Gründen gebildeten Nationalstaaten entstand eine völlig neue Grundlage für die empathischen Beziehungen der Staatsbürger, die sich von engen regionalen zu landesweiten entwickelten. Die damit verbundenen geistigen Prozesse spiegelten sich erstmals in der sich breit entwickelnden Literatur wieder. So ist diese Periode ein Zeitabschnitt bedeutender Entwicklungen des empathischen Bewusstseins der Menschheit.

 

Ideologisches Denken in einer modernen Marktwirtschaft

Am Ausgang des Spätmittelalters war Holz als Energielieferant und Rohstoff die Grundlage der Wirtschaftstätigkeit. Die Wälder waren weitgehend abgeholzt und die weitere wirtschaftliche Entwicklung erforderte dringend eine Umstellung auf neue Energieträger und Rohstoffe. Die Nutzung der Kohle, die Erfindung der Dampfmaschine und auf deren Grundlage der Ausbau der Dampfschifffahrt und der Eisenbahnen ermöglichten einen neuen wirtschaftlichen Aufschwung, der notwendig auch mit einem Aufschwung des Geisteslebens verbunden war und eine neue Welle der Entwicklung von Empathie hervorbrachte, wozu auch die Erfindung der Rotationsdruckmaschine wesentlich beitrug. In der Entwicklung des Geistesleben rangen rationale naturwissenschaftliche und technische Forschungsrichtungen mit gefühlsbetonten romantischen Bestrebungen um die Vorherrschaft, was bedeutende Fortschritte auf allen Gebieten mit sich brachte und revolutionäre Veränderungen des politischen Lebens im 19.Jahrhundert zur Folge hatte.

 

Psychologisches Bewusstsein in einer postmodernen existenzialistischen Welt

 

Die nächste Welle der wirtschaftlichen Entwicklung wurde ausgelöst durch die Entdeckung und Nutzung der Elektrizität und die Erfindung des Benzinmotors und des Automobils. Durch diese Erfindungen wurde nicht nur die Kommunikation und Kooperation über bedeutende Entfernungen ermöglicht und vereinfacht, sondern die immateriellen Eigenschaften der Elektrizität und die Entdeckung ihrer Bedeutung für Nervenvorgänge und Denkprozesse in den Lebewesen führten auch dazu, dass die sich heftig bekämpfenden philosophischen Richtungen die Gegensätze zwischen Vernunft und Gefühl besser verstanden und miteinander zu vereinbaren wussten.

Es entstand ein neues Verständnis für historische Zusammenhänge und für unterschiedliche Sichtweisen aus verschiedenen Richtungen, woraus auch wachsende Toleranz  unterschiedlicher Standpunkte resultierte. Durch die Entwicklung der Psychologie ergab sich ein besseres Verständnis der Verhaltensweise unterschiedlicher Persönlichkeiten und die Möglichkeit einer Einflussnahme auf psychologische Fehlentwicklungen. Rifkin erwartet, dass die Entfremdung der Menschen durch zunehmende psychologische Therapie in Selbsthilfegruppen überwunden werden und das Selbstbewusstsein der Individuen gestärkt und ihre Empathie anderen Menschen gegenüber erweitert werden kann.      In den USA sollen 500 000 Selbsthilfegruppen existieren und 20% aller Bürger bereits einmal therapiert worden sein. So meint Rifkin: “Das psychologische Bewusstsein befähigte eine zunehmend individualisierte Gesellschaft, in einer technisch und wirtschaftlich vernetzten, aber gleichzeitig entfremdeten Welt die universelle Empathie zu stärken, die einer im Zusammenwachsen begriffenen globalen Gesellschaft angemessen ist.“

 

Der Aufstieg zu höchster globaler Empathie

In den letzten Jahrzehnten sind der globale Handel mit Waren des täglichen Bedarfs, der Austausch von Nachrichten, der internationale Reiseverkehr, internationale Kapitalinvestitionen und Finanztransaktionen in einem unglaublichen Ausmaß angewachsen. Mehr als die Hälfte der Menschheit wohnt in städtischen Ballungsgebieten, 3% aller Menschen sind internationale Emigranten und mit 10% des weltweiten Bruttoinlandsproduktes ist der Tourismus die größte Wirtschaftsbranche der Welt. Englisch hat sich zu einer fast überall verstandenen Weltsprache entwickelt. In den Industrieländern haben Mischehen zwischen Angehörigen verschiedener ethnischer Gruppen und verschiedener Religionen rapide zugenommen. In Deutschland hatten 1960 nur 1,3% der Neugeborenen einen ausländischen Elternteil, 1994 waren es 18,8%. Die Rechtsvorstellungen gleichen sich international immer mehr aneinander an und selbst die Empathie gegenüber anderen Arten der Tierwelt ist im Wachsen begriffen. Dies alles zeigt, dass ein weltweites biosphärisches Bewusstsein im Entstehen ist.

 

Der entropische Abgrund

Der gegenwärtige Energieverbrauch der Menschheit hat ein Ausmaß erreicht, das Anlass zu grundsätzlichen Veränderungen gibt. Der auf fossilen Energieträgern beruhende Energieverbrauch ist aus zwei Gründen nicht weiter steigerbar: Einmal gehen in absehbarer Zeit die Vorräte zu Ende, zum anderen verursacht der CO2-Ausstoß eine globale Erwärmung, die zu allmählichen Klimaveränderungen führt, die aber plötzlich bei Erreichen noch nicht genau bekannter Grenzwerte zu einem plötzlichen Umkippen führen können, wenn z.B. die in der Tundra im Dauerfrostboden liegenden organischen Materialien freigesetzt werden. Das Erreichen dieser Grenze würde zu irreparablen, katastrophalen Veränderungen des Klimas und zum Aussterben vieler Arten und zu kriegerischen Auseinandersetzungen innerhalb der Menschheit um die verbleibenden Ressourcen führen. Zwar bietet der Ausbau der Atomwirtschaft neue Möglichkeiten zur Steigerung der Energieerzeugung, aber gleichzeitig wächst damit das Potenzial zur Verbreitung von Atomwaffen, die außer Kontrolle geraten könnten. Ähnlich ambivalent sind die Bio- und Gentechnologien, die einerseits zur Herstellung von Lebens- und Arzneimitteln dienen, aber auch zur Entwicklung tödlicher Krankheitserreger benutzt werden.

Viele Studien zeigen, dass ein Anwachsen des Reichtums von einem bestimmten Niveau an nicht mehr zu einem Anwachsen des Glücksgefühls der Menschen führt. Die Lösung der mit allen diesen Fragen verbundenen Probleme der Menschheit erfordert es, ein globales biosphärisches Bewusstsein zu entwickeln, das es gestattet, zu globalen Übereinkünften zu gelangen, die Reichtumsentwicklung in andere Bahnen zu lenken und die Biosphäre zu erhalten. Für die Einleitung dieser Veränderungen stehen der Menschheit nur noch maximal 50 Jahre zur Verfügung, die bisher erreichten Schritte in dieser Richtung sind jedoch noch marginal.

 

Das Zeitalter des dezentralisierten Kapitalismus

Es gibt bereits eine Reihe von Anzeichen, dass der gegenwärtige, auf der Nutzung des Erdöls beruhende globale Wirtschaftsaufschwung seinem Ende entgegen geht. Die pro Kopf der Weltbevölkerung geförderte Ölmenge erreichte bereits 1979 ihren höchsten Wert und geht seit dem zurück, was zu einem ständigen Anstieg des Ölpreises führt und die Entwicklung der Weltwirtschaft bremst, weil sich der Ölpreis in den Produktions-  und Transportkosten sämtlicher Waren niederschlägt. Um die Jahrtausendwende wurde durch eine gewaltige Ausdehnung der Kreditwirtschaft ein erneuter Aufschwung der Wirtschaft erreicht, aber die bis dahin aufgehäuften Reichtümer verwandelten sich weltweit in Schulden. Im Jahre 2008 brachte das Zusammentreffen der Kreditkrise, der Energiekrise und die Auswirkungen des Klimawandels die Weltwirtschaft an den Rand des Zusammenbruchs. Es wurde ein Globalisierungshöhepunkt erreicht.

Inzwischen zeichnen sich Elemente einer dritten dezentralisierten industriellen Revolution ab. Sie wird aus 4 Säulen bestehen. Die erste beruht auf dem Aufbau einer dezentralisierten Energieerzeugung auf der Grundlage der erneuerbaren Energie von Wind, Wasser, Biomasse, geothermischer  und Solarenergie, deren Standorte dezentral liegen und mit Hilfe der modernen Kommunikationstechnik vernetzt werden können. Die zweite Säule bildet die Ausstattung sämtlicher Gebäude für Wohnzwecke, Büros, Einkaufszentren, Industrie und Technologieparks mit Einrichtungen zur Erzeugung erneuerbarer Energie. In einer dritten Säule sind Speichereinheiten für Elektronenergie auf der Basis der Wasserstofftechnik zu entwickeln, die überschüssigen Strom in Wasserstoff umwandeln und den sie jederzeit in Brennstoffzellen wieder in Elektrizität umsetzen können. Damit verbunden ist die gesamte Verkehrstechnik auf den kombinierten Antrieb durch Elektroenergie und Wasserstofftechnik umzustellen, so dass sämtliche Verkehrsmittel in den Nachtstunden einfach durch Anschluss an eine Steckdose zur Speicherung von Elektroenergie eingesetzt werden können. Viertens ist das Stromnetz so mit intelligenter Technik auszurüsten, dass der Strom in beide Richtungen fließen kann und Stromerzeugung und Strombedarf jederzeit automatisch aneinander angepasst werden können. Für alle diese Projekte sind gegenwärtig Forschungen, Versuchsanlagen und Prototypen in Vorbereitung und z. T. bereits in der Realisierung, was an vielen Beispielen gezeigt wird.

Die rasante Entwicklung des Internets gestattet bereits heute, 100 000 PC zu großen Recheneinheiten zusammenzuschließen, um komplexe Rechenprobleme zu lösen. Für die Lösung wissenschaftlicher Forschungsaufgaben arbeiten zahlreiche Forschungsinstitutionen zusammen und nutzen gemeinsame Datenbanken. Cyberspaceprojekte wie Wikipedia, Linux, Youtube, Myspace, Second Live und InnoCentive sind kollaborativ aufgebaut und funktionieren auf der Basis freiwilliger Zusammenarbeit tausender Akteure. Damit deutet sich an, dass die Kollaboration der Wirtschaftsunternehmen über das Internet in der Zukunft auf einer völlig anderen Basis möglich sein und die Weisheit der Vielen auf neue Weise nutzbar wird. Es zeigt sich hier eine Tendenz zur Auflösung des geistigen (Privat-) Eigentums, die auch auf materielles Eigentum übergreift. Gebäude, Waren, Fahrzeuge, Produktionsanlagen, Dienstleistungen werden vom Nutzer zunehmend nicht einmalig gekauft, sondern in langfristigen Geschäftsbeziehungen gemietet. Damit verwandeln sich Eigentumsrechte in Nutzungsrechte und Ausschließungsrechte in Zugehörigkeitsrechte, welche die Kooperation auf eine völlig neue Grundlage stellen. Die Nutzung des Internets verändert das empathische Gefühl der Menschen: Eigentumsrechte grenzen ab, Zugangsrechte verbinden. Die intensive Nutzung des Internets durch die jüngere Generation wird in diesem Prozess eine bedeutende Rolle spielen. Das neue, nichthierarchische, kollaborative  Denken der jüngeren Generation beginnt langsam auch in die Organisation und den Führungsstil der großen Konzerne vorzudringen.

Für die neue Generation ist materieller Erfolg weniger der Maßstab von Lebensqualität. Dies drückt sich auch in den Bemühungen aus, anstelle des BIP neue Indizes für die Erfolgsbewertung einer Volkswirtschaft zu finden. Die Rolle des Staates wird neu bewertet, die Bedeutung kulturellen und öffentlichen Kapitals wird stärker hervorgehoben. Das alte Menschenbild, in dessen Mittelpunkt Habsucht und Eigensucht stehen, fängt an, der Vergangenheit anheim zu fallen.

 

Selbstinszenierungen in einer Improvisationsgesellschaft

Das Zeitalter der ersten industriellen Revolution war begleitet vom ideologischen Bewusstsein, in dem sich das Selbstbewusstsein der Persönlichkeit ausprägte und gegenüber anderen Individuen abgrenzte. In der zweiten industriellen Revolution entwickelte sich das psychologische Bewusstsein, das zu einem Verständnis der Verschiedenartigkeit unterschiedlicher Persönlichkeiten und zur Toleranz gegenüber ihren Ansichten führte. Parallel zu den dezentralisierten Kommunikations- und Energiesystemen der dritten industriellen Revolution entfaltet sich ein neues dramaturgisches Bewusstsein. Es beruht auf der Erkenntnis des Individuums, dass es im Leben eine Rolle oder besser noch verschiedene Rollen möglichst gut so zu spielen hat, dass diese den Erwartungen der Kommunikationspartner am besten entspricht. Es kommt darauf an, seine Rolle „täuschend“ gut zu spielen, so dass der Partner nicht erkennen kann, wo die Grenze liegt zwischen Vortäuschung und innerer Überzeugung. Immer häufiger gehört zur Berufsausbildung Schauspielunterricht. Das dramaturgische Bewusstsein wirft die Frage nach der Authentizität der dahinter stehenden Persönlichkeit auf.

Im Zeitalter des mythischen Bewusstseins wurde der Mensch an seiner Heldenhaftigkeit gemessen, im Zeitalter des Glaubens wurde Frömmigkeit erwartet, im Zeitalter des ideologischen Bewusstseins Aufrichtigkeit. Im Zeitalter des psychologischen Bewusstseins musste er freundlich und umgänglich sein. Das dramaturgische Bewusstsein fragt nach Authentizität. Das verlangt die Manipulation und  Beherrschung der eigenen Gefühle. Wenn hinter dem Rollenspiel eine authentische Persönlichkeit steht, für die ihr Selbstwertgefühl aus der Einbettung in das Netzwerk ihrer Beziehungen erwächst, bedeutet das dramaturgische Bewusstsein eine Bereicherung der Empathie. Es besteht aber die Gefahr, dass die sozialen Beziehungen oberflächlicher werden, die eigene Bedeutung überschätzt wird und sich größere Isolation und ausgeprägter Narzissmus einstellen. Umfragen und Erhebungen bestätigen beide Tendenzen. Die intensivere Nutzung der modernen Kommunikationsmöglichkeiten durch die Milleniumsgeneration fördert beide Richtungen, jedoch glaubt Rifkin, dass die weltweite Krise letztlich zur Ausweitung des empathischen Bewusstseins führen wird und nur dadurch überwunden werden kann.

 

Biosphärenbewusstsein in einer Klimaxweltwirtschaft

Das wissenschaftliche Schema seit der Aufklärung beruhte auf der Auflösung der zu untersuchenden Objekte in seine kleinsten Bausteine und auf dem Versuch, komplizierte Systeme durch Reduzierung auf die Gesetzmäßigkeiten des Verhaltens seiner kleinsten Bausteine zu verstehen. Dieses Schema hat seine Grenzen erreicht. Die neue Wissenschaft der Systemtheorie postuliert, dass das Ganze größer ist als die Summe seiner Teile und jedes Objekt nur verstanden werden kann, wenn man es nicht isoliert, sondern alle seine Wechselwirkungen mit der Umgebung berücksichtigt. Entsprechend dieser Erkenntnis genügt es nicht, wenn der Mensch danach strebt, Macht über die Natur zu erlangen, sondern er muss begreifen, dass er ein Teil der Natur ist und sich nur gemeinsam und in Kooperation mit ihr entwickeln kann. Er muss  lernen, sich bewusst freiwillig in die Natur einzupassen. In der biosphärischen Bewusstseinsphase wird der Mensch sich nicht länger in der Geosphäre, sondern in der Biosphäre engagieren. Die Geopolitik basierte auf der Annahme, das die Umwelt ein Schlachtfeld sei, auf dem wir um die Ressourcen kämpfen, die wir zum Überleben als Individuen brauchen. Biosphärische Politik hingegen basiert auf der Vorstellung, dass die Erde wie ein lebender Organismus funktioniert und dass jedes Individuum nur wachsen und gedeihen kann, wenn wir das pflegen, wovon wir selbst ein Teil sind. Der Kollaps der Erde lässt sich nur verhindern, wenn ein solches universelles emphatisches, biosphärisches Bewusstsein rechtzeitig die gesamte Menschheit erreicht.

 

Anmerkung:

Bemerkenswert ist an diesem Buch, dass an der Aufbereitung der auf 20 Seiten aufgezählten Literatur (was die Auswertung von ca.400 Quellen bedeutet) über 4 Jahre hinweg 24 Rechercheassistenten mitgewirkt haben!