M. R. Richter (Gastautor)

Einige Bemerkungen zum Aufsatz des Christoph Spehr

"Gleicher als Andere –

Eine Grundlegung der Freien Kooperation"

oder

Neues vom deutschen Kathedersozialismus

 

 

 

  1. Einleitung

    Die Arbeit von Christoph Spehr "Gleicher als Andere – Eine Grundlegung der Freien Kooperation" wurde als Beitrag im Rahmen eines Preisausschreibens der PDS-nahen Rosa-Luxemburg-Stiftung eingereicht und mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Das Preisausschreiben verlangte die Antwort auf die Fragestellung "Unter welchen Bedingungen sind soziale Gleichheit und politische Freiheit vereinbar?"

    Die Rosa-Luxemburg-Stiftung ist die Denkfabrik der Partei des Demokratischen Sozialismus, der größten deutschen Partei links der Sozialdemokratie. Damit ist die Annahme nicht von der Hand zu weisen, dass mit der Preisverleihung an diese Arbeit auch ein Bekenntnis zu ihrer Aussage im Sinne einer Vision für demokratische Sozialisten verbunden ist. Schauen wir also nach, was sich deutsche Parteigänger des demokratischen Sozialismus zum Leitbild gewählt haben.

  2. Vorbemerkungen

    Die Spehrsche Arbeit kommt mit einer geschliffenen Sprache daher. Wie auf Ballettschuhen dreht und wendet sie sich. Über lange Strecken ist es ein ästhetischer Genuss, den Aufsatz zu lesen. Spehr tritt nicht mit Armeestiefeln auf, er bevorzugt sprachlich die Spitzenschuhe. Spehr schlägt nicht mit dem Säbel um sich, er beherrscht das Gefecht mit dem feinen Florett. Offensichtlich ist Spehr im akademischen Disput geschult, beherrscht er die Gesetze der Rhetorik. Dazu passt, dass er seine Beispiele zumeist aus der feministischen Bewegung wählt, sanft in der Wortwahl, hart im Diskurs. Die Lust an der geschliffenen Sprache führt aber zuweilen auch zu schillernden Sprachpirouetten, bei denen auch dem wohlwollenden Leser die Luft weg- und die Logik der Aussage auf der Strecke bleibt.

    Spehrs Sprache und Terminologie ist die der postmodernen Linken, geschult in vielen Diskussionen innerhalb von Zirkeln, welche sich antiautoritär glauben. Termini werden verwendet, deren Bedeutung nur ein Insider kennt. Es ist nicht die Sprache, welche dem Volke vom Maule abgeschaut wurde; es ist auch nicht die Terminologie des Marxismus. Dieser scheint überwunden, mehr noch, dieser scheint nie da gewesen zu sein. Spehr baut direkt auf den Ideen der französischen Aufklärer, insbesondere des Naturphilosophen Rousseau auf, verwendet selbst dessen Sprachbilder, setzt sich mit ihm kritisch auseinander. Marxistisch-materialistische Züge sucht man vergebens, was doch etwas verwundert, betrachtet man den Zweck der Übung.

  3. "Freie Kooperation"

    Schauen wir zuerst auf die wesentlichen Grundzüge der Freien Kooperation, wie sie sich nach Spehr darstellen. Dabei geht es nicht ohne innere Widersprüche ab, was Spehr auch gar nicht verschweigt und als Dialektik verstanden haben will.

    Freie Kooperation sei zuerst einmal die grundlegende Voraussetzung der Selbstverwirklichung des Individuums. Diese Selbstverwirklichung setzt Spehr wie selbstredend als Sinn der menschlichen Existenz voraus. Freie Kooperation setze absolute Wahlfreiheit der individuell einzugehenden Kooperationsbeziehungen (was wohl zwischenmenschliche Beziehungen ganz allgemein meint, sei es in der Produktionsphase oder sei es in der Reproduktionsphase), setze absolute Verhandlungsfreiheit des Individuums mit anderen Individuen oder der durch letztere gebildeten Kooperationen voraus. Wahlfreiheit von Kooperationen gegenüber Individuen wird nur am Rande erwähnt. Scheidet ein Individuum aus einer Kooperation aus, so darf ihm das nicht zum Schaden gereichen, es ist ihm der Anteil des durch es geschaffenen Zugewinns mit auf den Weg zu geben, unabhängig, ob das Restkollektiv dabei vor die Hunde geht oder nicht. Es hätte sich ja den Regeln des Einzelnen unterwerfen können (was allerdings schon wieder den Prinzipien der Freien Kooperation widerspräche, womit auf einen der Spehrschen Widersprüche hingewiesen sei.).

    Am ehesten ähnelt die Freie Kooperation wohl einer ehelichen Gemeinschaft, welche im Falle einer Scheidung nach dem Zugewinnprinzip aufgelöst wird.

    Die Regeln sind ebenso frei verhandelbar, althergekommene Regeln dienen lediglich als Anlegekante. Regeln können je nach Verhandlungsergebnis der Individuen in einer Freien Kooperation verändert werden. Über Verhältnisse zwischen einzelnen Freien Kooperationen untereinander sagt Spehr nichts. Offensichtlich sollen sich deren Beziehungen nach den gleichen Prinzipien der Verhandlungs- und Wahlfreiheit darstellen.

    Dass das Prinzip der Wahl- und Verhandlungsfreiheit auch dazu führen kann, dass ein Individuum in ein soziales Vakuum fällt, nämlich dann, wenn keine Kooperation seinen Vorstellungen entspricht und sich nicht nach den von ihm gewünschten Regeln richtet, das fiel auch Spehr auf, weshalb er das Prinzip der unabhängigen Grundsicherung einführt. Hier sei Spehr zitiert: "Nur die Garantie eines unabhängigen, qualitativ ausreichenden Existenzgeldes schafft für die Individuen die Voraussetzung, sich nicht um jeden Preis verkaufen zu müssen. Es gewährleistet ihre politische Freiheit; denn politische Freiheit heißt vor allem, sich nicht in erzwungene Kooperationen irgendwelcher Art hineinbegeben zu müssen. Wo dies nicht in Form direkter monetärer Leistung möglich ist (und in den hochindustrialisierten Staaten des Nordens ist es ohne Weiteres möglich), kommen andere Formen in Betracht - Landzuteilung, oder Zugang zu gesellschaftlichem Kapital, das für Strukturen von Selbstorganisation und Selbstversorgung genutzt werden kann. Eine Politik der freien Kooperation, darauf sei an dieser Stelle nochmals hingewiesen, beschränkt sich nicht auf erwünschte staatliche Aktivitäten. Menschen und Kollektive überall auf der Welt betreiben eine Politik der unabhängigen Grundsicherung, indem sie beständig nach Mitteln und Wegen suchen, direkt an den ungeheuren, aufgehäuften Bergen von gesellschaftlichem Kapital zu partizipieren, ohne die dafür aufgestellten Bedingungen erzwungener Kooperation zu erfüllen." Unabhängige Grundsicherung heißt also nichts anderes, als von Leistungen anderer zu leben, ohne diesen allerdings eine Verhandlungsfreiheit einzuräumen, wie im Spehrschen Beispiel vom Fotoapparat, welcher dem reichen Urlauber im armen Entwicklungsland sozusagen als Luxussteuer gestohlen wird.

    Auch Freie Kooperation braucht Führung. Doch Führung bedeutet auch Eingriff in die Wahlfreiheit des Individuums. Deshalb schreibt Spehr: "Jede Kooperation braucht ein bestimmtes Maß an leadership. ... Es macht keinen Sinn so zu tun, wie wenn das nicht nötig wäre. Das ist auch nicht das Problem. Dominanzstrukturen entstehen, wenn es immer dieselben sind, die diese Vorgriffe formulieren. Idealerweise ist leadership daher in einer Kooperation kollektiv verteilt: jeder und jede macht es mal. Wenn eine Kooperation sich darauf beschränkt, die dominante leadership einzelner Akteure abzuschaffen, ohne gleichzeitig mehr kollektive leadership zu entwickeln, wird sie scheitern. Entweder wird einfach nichts mehr passieren, weil die Positionen der einzelnen Akteure nicht mehr zusammengeführt werden können, oder die Kooperation zerfällt." Die Partei der Grünen hat dieses Rotationsprinzip der Führung über zwei Jahrzehnte erprobt – und aufgegeben.

    Schließlich wendet sich Spehr auch der Frage zu, wie Freie Kooperation durchgesetzt werden soll. An dieser Stelle räumt er sogleich ein, dass es sich um eine politische Utopie handelt. Am ehesten stellt sich Spehr den Übergang zur Freien Kooperation wohl als Evolution vor: "Und wir können uns nicht mehr vorstellen, dass dieser Prozess von formalen politischen Organisationen dominiert wird. Es geht um ein ganzes Bündel von Prozessen, einen komplexen Prozess, in dem Organisationen und soziale Bewegungen, Alltagsabsprachen und kulturelle Bewegungen, soziales Experimentieren, kulturelles Imaginieren und politische Kämpfe eine Rolle spielen und einander nicht untergeordnet werden können Wir haben heute keinen Mangel an Instrumenten und Techniken, mit denen auf die Regeln Einfluss genommen werden kann. Wir haben keinen Mangel an möglichen und auch jetzt schon aktiven Subjekten. Die Frage der Durchsetzbarkeit verschiebt sich zur Frage nach der möglichen Gemeinsamkeit. ...

    Wir sollten uns die Politik der freien Kooperation ebenfalls als ein Kontinuum vorstellen, in das wir ein- und austreten, das wir manchmal als solches gar nicht erkennen, in dem wir uns aber teilweise bereits bewegen. Organisierung bedeutet, mögliche Gemeinsamkeit in gewollte Verbundenheit zu überführen, sich als Teil eines strategischen Kontinuums zu sehen."

  4. Kritik der Theorie der Freien Kooperation

    Die Theorie der Freien Kooperation ist eine anthropozentrische Lehre. Sie geht davon aus, dass der Sinn des menschlichen Daseins in der Selbstverwirklichung der menschlichen Individuen besteht. In diesem Sinne ist sie nicht einmal sozial, da sie die individuellen Ansprüche und Wünsche über die der Gemeinschaft, des Kollektivs - und sei es noch sei klein - stellt. Doch ist der Mensch ein soziales Wesen, ist immer Teil der Menschheit, ist von Natur und Herkunft ein Herdentier. Wie für jedes biologische Wesen besteht auch für ihn der Sinn des Lebens zuallererst darin, die eigene Art zu erhalten. Der Mensch unterscheidet sich vom Tier- und Pflanzenreich lediglich durch seine Fähigkeit, schneller auf Umwelteinflüsse zu reagieren, lernfähiger zu sein, Informationen schnell austauschen und speichern zu können, damit sich die Möglichkeit erschließend, aktiv und effektiver als alle anderen heutigen Arten seine Umwelt zu verändern, seinen momentanen Lebensbedürfnissen anzupassen, schöpferisch tätig zu sein. Zur Erhaltung der eigenen Art gehört auch die Erhaltung einer der Art freundlichen Umwelt. Das heißt, dass das Individuum nicht nach eigenem Gutdünken schalten und walten kann, sondern sich an die Erfordernisse der gesamten Menschheit und nicht minder an die Erfordernisse der Umweltbewahrung halten muss. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass sich Spehr in seinem Aufsatz zwar häufig auf feministische und andere antiautoritäre Bewegungen bezieht, nicht aber auf ökologische Bewegungen, welche in der genannten Richtung ihm mindestens einen Schritt voraus sind. Spehr behandelt den Menschen als Krone der Schöpfung, einer Krone, welcher die "Schöpfung" Untertan sein muss.

    Der Mensch ist ein soziales Wesen. Für seine Existenz bedarf er der Gemeinschaft, oder – in Spehrscher Wortwahl – der Kooperation. Die Frage ist nur, kann er sich als Individuum die Kooperation heraussuchen, oder ist er nicht doch gezwungen, sich an bestimmte Regeln anzupassen, an die Regeln nämlich, die sich aus dem erreichten Stand der arbeitsteiligen Beziehungen ergeben. Grundlage der menschlichen Existenz ist die Produktion der für diese Existenz notwendigen Güter. Die Produktionssphäre ist ein Bereich, welcher bei Spehr explizit nicht erwähnt, ausgeblendet wird. Alle Regeln der zwischenmenschlichen Beziehungen haben aber letztendlich nur den Sinn, die bestehenden arbeitsteiligen Beziehungen sowohl in der Produktions- als auch in der Reproduktionssphäre im weitesten Sinne zu organisieren. Eine Änderung der Regeln, wie von Spehr als so einfach verhandelbar behauptet, bleibt nicht ohne Rückwirkungen auf die gesamten arbeitsteiligen Beziehungen, wenn auch mit unterschiedlicher Eingriffstiefe. Eine Änderung der Regeln in einer Ehe bleibt sicherlich ohne größeren Einfluss, wenn aber das Putzfrauenprinzip global verändert wird, hat dies erhebliche Auswirkungen auf die arbeitsteiligen Beziehungen. Diese Regeländerung wird aber, angepackt an den zwischenmenschlichen Beziehungen, sowieso scheitern, weil die sich aus den arbeitsteiligen Beziehungen ergebenden Zwänge dies verhindern. Die arbeitsteiligen Beziehungen bauen nämlich auf Machtverhältnissen auf, auf den Eigentums- sprich Verfügbarkeitsrechten über die objektiven Produktivkräfte, das bedeuted: Produktionsmittel einschließlich Grund und Boden, Bodenschätze, Finanzen und Informationen. Allein mit seinen intellektuellen Fähigkeiten ist auch heute noch das Individuum Mensch nicht in der Lage, Güter zu erzeugen, Güter, ohne welche die menschliche Existenz unmöglich ist. Wollen wir also die Regeln der Kooperation verändern, müssen wir an der Macht über die objektiven Produktivkräfte ansetzen. Das ist eine uralte marxistische Erkenntnis und vielleicht deshalb als un- und nicht postmodern von Spehr vernachlässigt.

    Die menschliche Gemeinschaft besteht in ihrer Komplexität aus einer Vielzahl einzelner Kooperationen, welche zudem noch vielmals ineinander verschachtelt und voneinander abhängig sind. Es ist eben ein Hauptwesenszug der heutigen Globalisierung, was sie sicherlich für Menschen wie Spehr auch so suspekt macht, das kein Bereich mehr losgelöst vom anderen besteht – und bestehen kann, dass sich hieraus eine Vielzahl von Wechselwirkungen zwischen Kooperationen gleicher Ebene wie auch zwischen Kooperationen unterschiedlicher Hierarchieebenen ergeben. Diese Wechselwirkungen zwischen Kooperationen schlagen auf das Individuum unbarmherzig als Zwänge oder Interventionen durch. Die Wahl- und Verhandlungsmöglichkeiten werden dadurch in hohem Maße eingeschränkt, bei Strafe des Untergangs des Einzelindividuums. Das, was Spehr zur unabhängigen Grundsicherung aussagt, nämlich die unbegrenzte Nutzung des angehäuften Reichtums für Individuen, welche den ihnen aus ihrer Sicht angemessenen Platz in den Kooperationsbeziehungen nicht gefunden haben, ist erstens ein frommer Wunsch und zweitens unsozial. Es bleibt die altmarxistische Auffassung eben gültig, dass sich Freiheit aus der Erkenntnis und Anerkenntnis der bestehenden Auswahlmöglichkeiten ergibt und insbesondere aus dem Wissen um die und die Nutzung der existierenden Einflussmöglichkeiten, der Stellschrauben der zwischenmenschlichen Beziehungen. Es bleibt eine unbewiesene Annahme Spehrs, dass sich soziale Gleichheit aus Freiheit ergäbe. Überhaupt bleibt Spehr die Antwort auf die Frage nach der sozialen Gleichheit schuldig.

    Am Schluss der kritischen Bemerkungen zur Theorie der "Grundlegung der Freien Kooperation" sei nur noch erwähnt, dass diese richtungsoffen ist. Auf diese können sich sowohl linke wie auch rechte Strömungen in ihrem Kampf gegen den konservativen Mainstream berufen. Sie ist geeignet, Bewegungen eine theoretische Grundlage zu bieten, welche die bestehenden Herrschaftsstrukturen aufbrechen wollen. Das ist schon sehr viel, für eine sozialistische Vision aber zu wenig.

  5. Schlussbemerkungen

Spehr stellt in seinem Aufsatz "Gleicher als Andere – Eine Grundlegung der Freien Kooperation" eine Theorie vor, welche in ihrem Kern individualistisch, in ihrer Verwirklichung anarchistisch ist. Dabei mag sie durchaus für den Einzelnen verlockend sein, verspricht sie ihm doch, auf evolutionärem und gewaltfreiem Weg sein soziales Umfeld seinen individuellen Wünschen anpassen zu können – das Individuum möge es nur wollen. Spehr abstrahiert von den materiellen Grundlagen des Daseins, löst das Problem der existenziellen Sicherung im Wolkenkuckucksheim schöngeistig-humanistischer Diskussionsrunden. Dabei soll aber ausdrücklich betont werden, dass Spehrs Arbeit eine Vielzahl von Anregungen gibt, altmarxistische Thesen neu zu überdenken und weiterzuentwickeln, insbesondere zur Rolle des Individuums und seiner Rechte im sozialen Umfeld, ein Feld, welches insbesondere vom Leninismus sträflich missachtet wurde.

Nichtsdestotrotz bleibt die Preisverleihung der Rosa-Luxemburg-Stiftung in der gegenwärtigen historischen Situation verständlich. Sicherlich hätte ein Gelehrtenverein zu Beginn des neunzehnten Jahrhundert nach den Wirren in Folge der Großen Französischen Revolution für die Antwort auf die gestellte Frage nach den Bedingungen der Vereinbarkeit von sozialer Gleichheit und politischer Freiheit auch Goethes "Wahlverwandtschaften" den Vorzug vor Saint Simons Schriften gegeben (ohne dabei auch nur andeutungsweise Spehr und den Verfasser vorliegender bescheidener Zeilen mit diesen Geistesleuchten irgendwie vergleichen zu wollen) – ohne damit allerdings gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken.