Das Bacon-Projekt (Schäfer)

Inhalt

1. Mensch und Natur

1.1. Wie im Beitrag Die Grenzen des Wachstums dargestellt ist, wird das weitere Wachstum, die Evolution der Gesellschaft, durch die Endlichkeit der Erde und die begrenzten Ressourcen der Natur in Frage gestellt. Das Verhältnis des Menschen zur Natur und seine durch das Bewußtsein reflektierte Einstellung zur Natur ist deshalb ein zentrales Thema aktueller philosophischer Erörterungen. In den folgenden Thesen werden die von Lothar Schäfer in dem Buch "Das Bacon-Projekt" aufgeworfenen Gedanken zu diesem Thema zusammengefaßt, soweit sie mir für die Evolutionsprozesse des Bewußtseins als bedeutend erscheinen.

1.2. Die Geschichte der Evolution ist untrennbar verbunden mit einer fortwährenden irreparablen Veränderung der Natur. Auch wenn die sich abzeichnende ökologische Krise kein "unabwendbares" Naturereignis, sondern ein Effekt der modernen Zivilisation ist, können die Verhaltensnormen des Menschen nicht auf die Erhaltung der Natur "wie sie ist" ausgerichtet werden, sonder müssen in Bezug auf das Verhältnis zur Natur so bestimmt werden, daß sie der weiteren langfristigen Evolution des Menschen am zweckdienlichsten sind.

1.3. Die Aufgabe der Philosophie darf sich nicht auf die analytische Klärung von Begriffen und Argumenten und auf die Kritik unvernünftigen Handelns beschränken, sondern sie hat zwischen den unterschiedlichsten Wissenschaften und Technologien, sozialen Mechanismen und politischen Kräften zu vermitteln und so etwas wie ein Weltbild zu entwerfen, das durch breite gesellschaftliche Partizipation eine Chance zur Bewältigung der ökologischen Krise bietet. (Herausarbeitung eines gesellschaftlichen Bewußtseins)

1.4. Obwohl Wissen und Wissenschaft bedeutende Machtfaktoren sind, die unser aller Leben beeinflussen, und die Grundlage des menschlichen Handelns sind und sein müssen, kann die Vernunft das mit der Unsicherheit des notwendig nur endlichen Wissens verbundene Handlungsrisiko nicht eliminieren, allenfalls reduzieren. Hieraus resultiert sowohl die Verantwortlichkeit des Wissenschaftlers wie auch der Anspruch der Gesellschaft auf Mitwirkung bei der Entscheidung des Handlungsrisikos.

1.5. Wissen ist theoretisch (metaphysisch) verallgemeinerte empirische Naturerkenntnis und unterliegt einer evolutionären Veränderung in Hinsicht auf schrittweises Wachstum und fundamentalen Wandel. Das Wissen von den Dingen und Prozessen in der Natur verbessert unsere Handlungsmöglichkeiten im Hinblick auf die Erreichung unserer beabsichtigten Ziele beim Einwirken auf die Natur, kann aber nicht die Normen und Ziele des menschlichen Handelns bestimmen. Die Beziehung des Menschen zur Natur kann zwar subjektiv eine ästhetische sein, die Natur ist aber keine moralische Instanz, von der ethische Handlungsnormen ableitbar wären.

 

2. Merkmale der ökologischen Krise

2.1. Die Ursache der ökologischen Krise besteht darin, daß im Ergebnis der Zivilisation das technisch - technologische Wirken des Menschen nicht nur zu den beabsichtigten Zielen führt, sondern unbeabsichtigte Nebeneffekte zeigt, die in zunehmendem Maße die weitere lineare Entwicklung der menschlichen Gesellschaft behindern. Das ist nichts Neues in der Geschichte der Evolution, sondern zeigt nur auf, daß Mutationen zur qualitativen Veränderung der gegenwärtigen Systemstrukturen erforderlich sind.

2.2. Das Wesen der ökologischen Krise besteht darin, daß sich zunächst unscheinbare, kaum bemerkbare Effekte anhäufen, deren verheerende Auswirkungen erst zu einer Zeit sichtbar werden, zu der an den meist sehr komplexen Ursachen nichts mehr gebessert werden kann. Das Problem ist also nur durch weitsichtig vorausschauende Prophylaxe beherrschbar, die eine richtige, d.h. den tatsächlichen Gegebenheiten adäquate wissenschaftliche Analyse voraussetzt.

2.3. Ökologische Probleme sind komplexe Probleme, deren Analyse und Lösung eine interdisziplinäre Zusammenarbeit vieler Wissenschaftsdisziplinen voraussetzt, die bisher noch nie etwas miteinander zu tun hatten und deshalb eine verschiedene "Sprache" sprechen.

2.4. Ökologische Probleme sind global, kennen keine Grenzen und erfordern zu ihrer Lösung die wissenschaftliche und politische Zusammenarbeit aller Länder und eine entsprechende Geisteshaltung (gesellschaftliches Bewußtsein)

2.5. Die erfolgreiche "Behandlung" der ökologischen Krise erfordert eine Theorie über den zugrundeliegenden Mechanismus und muß zu einem Zeitpunkt einsetzen, zu dem die eigentliche "Krankheit" noch nicht voll ausgebrochen ist.

2.6. Die Verantwortung für unbeabsichtigte und unvorhersehbare ökologische Folgen technisch - technologischer Projektentscheidungen ist in der derzeitigen Gesellschaft insofern nicht geklärt, daß zwar theoretisch, juristisch und moralisch letztendlich ein Verantwortlicher gefunden werden kann, der aber wegen der Unvorhersehbarkeit und des Umfanges der Folgen seiner Entscheidung praktisch nicht zur Verantwortung gezogen, das heißt zur Regulierung des Schadens in Anspruch genommen werden kann. Klar ist nur, daß die gesamte Menschheit von den Folgen mehr oder weniger betroffen sein wird. Insofern ist letztlich jeder einzelne als Individuum von den Folgen betroffen und müßte eigentlich bei den auslösenden Entscheidungen in Verantwortung genommen werden. Hier wird ein Defizit offenbar, das eine Neugestaltung gesellschaftlicher Beziehungen dringend erforderlich macht.(Intensivierung der Beziehungen zwischen gesellschaftlichem und individuellem Bewußtsein und entsprechende Umsetzung bei der Neugestaltung des politischen Systems).

 

3. Die Evolution der Wissenschaft

3.1. In der Antike war die Wissenschaft fast ausschließlich auf die Erkenntnis der Natur gerichtet, ohne daß weitergehende Ziele verfolgt wurden. Erstmalig mit Bacon (1551-1621) wird Wissenschaft und Forschung gezielt als Instrument zur technisch - technologischen Einwirkung auf die Natur zum Nutzen des Menschen betrachtet. Der sich entwickelnde Kapitalismus nutzt dieses Instrument in rigoroser Weise zur Beschleunigung des Wirtschaftswachstums und zur Steigerung des Ertrages der menschlichen Arbeit. Negative Einflüsse (im Sinne der Entwicklung einer ökologischen Krise) sind in dieser Phase nicht erkennbar und daher auch nicht denkbar.

3.2. Im Marxschen Entwurf wird das Baconsche wissenschaftliche Ziel der Naturbeherrschung auf die Umgestaltung der Gesellschaft ausgedehnt, weil sich an gesellschaftlichen Erscheinungen negative Rückkopplungen zeigten, die eine wissenschaftlich begründete Beeinflussung erforderten. Aber auch im Marxschen Entwurf ist die technisch - technologische Zielstellung der Wissenschaft in keiner Weise in Frage gestellt und der Marxismus geht mit größter Selbstverständlichkeit von einer unbegrenzten technischen Entwicklung und einem unbegrenzten wirtschaftlichen Wachstum auch in der sozialistischen Gesellschaft aus.

3.3. Mit der sich verselbständigenden Entwicklung von Wissenschaft und Technik zeigten sich die ersten Anzeichen negativer Einwirkungen auf die Natur, und zwar sowohl im kapitalistischen wie auch im sozialistischen Wirtschaftssystem. Dabei hat es zunächst den Anschein als habe eine sozialistisch zentral organisierte Wirtschaft im Vergleich zur individualistischen Kapitalwirtschaft die größeren Potentiale zur Vermeidung negativer ökologischer Effekte eines ungehemmten Wirtschaftswachstums. Dem realen Sozialismus fehlte jedoch - wie auch der kapitalistischen Marktwirtschaft - das Problembewußtsein in Bezug auf die Endlichkeit der Rohstoffressourcen und die dadurch bedingte Begrenzung des Wirtschaftswachstums, und wegen des Defizits an Innovationspotenzial konnte es sich auch nicht entwickeln. So war die Orientierung auf ein langfristig ungehemmtes Wirtschaftswachstum ohne Ausbeutung unterentwickelter Länder unrealistisch, konnte nicht verwirklicht werden und war eine der Ursachen für den Zusammenbruch des sozialistischen Systems.

3.4. Trotz der Tatsache, daß die profitorientierte Verwertung der wissenschaftlich - technischen Erkenntnisse die ökologische Krise hervorruft, kann es nicht als wünschenswerte Lösung angesehen werden, die wissenschaftlich - technische Entwicklung zu verlangsamen. Im Gegenteil müssen Wissenschaft und Technik in Zukunft verstärkt dafür eingesetzt werden, die technischen und ökonomischen Ursachen der ökologischen Krise aufzuklären, ihre weitere Entwicklung zu vermeiden und ihre Effekte umzukehren.

3.5. Die erforderliche Umorientierung der wissenschaftlich - technischen Zielstellungen wird in erster Linie durch die Profitinteressen der Kapitaleigner verhindert. Notwendig ist deshalb eine radikale Reform des derzeit dominierenden Profitsystems der Wirtschaft und eine Integration der derzeit getrennt marschierenden grün oder sozial orientierten Gruppen und Parteien.

 

4. Natur und Bewußtsein

4.1. Der Naturalismus fordert die Erhaltung der Natur und will ethische Verhaltensnormen aus der Verantwortung gegenüber der Natur ableiten. Er stellt damit den Menschen neben die Natur und negiert den Menschen als Ergebnis der Evolution und Bestandteil der Natur.

4.2. Die Rückkehr zu antiken Naturvorstellungen, die eine Nutzung der Natur für die Zwecke des Menschen verbieten, ist in keiner Weise geeignet, die gegenwärtig drohende ökologische Krise abzuwenden.

4.3. Will der Mensch als bisher höchstentwickeltes Produkt der Evolution diese seine Position bewahren, so muß er seine Vernunft dafür einsetzen, die Bedingungen in der äußeren Natur so zu gestalten, daß er seine animalische Existenz aufrechterhalten kann. Er muß die Natur so nutzen, daß seine kultivierende Tätigkeit langfristig ermöglicht und seine Evolution unterstützt wird.

4.4. Der Mensch ist auf Grund seiner physiologischen Struktur auf den Stoffwechsel mit der Natur angewiesen. Das körperliche Wohlbefinden kann deshalb als die für das Leben relevante Gesamtbilanz seines physiologischen Stoffwechselaustausches mit der Umwelt angesehen werden.

Durch den physiologischen Stoffwechsel mit der Natur wird aus der allumfassenden, unendlichen Natur ein für das Leben des Menschen relevanter Teil ausgegrenzt, den Schäfer als "physiologische Natur" definiert und der endlich ist. Nur in dieser physiologischen Natur ist die ökologische Krise angesiedelt und das körperliche Wohlbefinden des Menschen ist das Meßinstrument, der Indikator für den Zustand dieser Natur.

4.5. Die in These 3.4. geforderte Neuorientierung zumindestens eines Teiles der Wissenschaften muß darin bestehen, von der Erforschung der unendlichen kosmologischen Natur überzugehen auf die Erforschung der endlichen, physiologischen Natur. Das bedeutet sowohl die Quantifizierung qualitativer Grundbegriffe wie "bekömmlich", "giftig", "verdorben", "verseucht", "gesund", als auch die Anwendung statistischer Auswertungsverfahren und Kriterien auf solche Kategorien, die als Indikatoren des Zustandes der physiologischen Natur gelten sollen wie z. B. das körperliche Wohlbefinden und die Gesundheit des Menschen. Darüber hinaus gilt es zu erforschen, welche Erscheinungen als weitere Sensoren für den Zustand der physiologischen Natur des Menschen noch in Frage kommen, um z.B. zuverlässige Frühwarnkriterien zu finden.

4.6. Wenn das empirische Gesamtwissen der Menschheit im gesellschaftlichen Bewußtsein zu einem Weltbild integriert wird, das die Richtung zukünftigen Handelns der Menschheit bestimmt, so hat das unendliche Universum der neuzeitlichen Naturwissenschaft die Illusion erzeugt, daß die Natur ein unerschöpflicher Bereich sei, in den man folgerichtig auch unbegrenzt die unerwünschten Nebenwirkungen technischer Intervention abschieben kann. Die Vorstellung von einer unendlichen kosmologischen Natur muß deshalb im Bewußtsein durch die Realität der Physiologischen Natur ergänzt werden. Die Autonomie des menschlichen Subjektes wird durch seine physiologische Natur begrenzt.

 

5. Technik und Bewußtsein

5.1. Die Entwicklung der Technik, ursprünglich vom Menschen als sein Werkzeug zur Potenzierung seiner Fähigkeiten hervorgebracht, führte zu deren Perfektionierung und Verselbständigung, die heute den Menschen nahezu überflüssig macht und von ihm kaum noch beherrscht zu werden scheint. Nach der u.a. von Günther Anders (Die Antiquiertheit des Menschen,München,Bd1 1956, Bd2 1980) vertretenen Technokratiethese wird der Mensch vom Beherrscher zum Diener der Technik, indem er sich vor den normativen Ansprüchen technischer Perfektion selbst entmündigt und sich seiner physiologischen Unvollkommenheit schämt. Wenn das stimmt, dann findet heute ein gewaltiger Konkurrenz- und Selektionsprozeß der Evolution statt, in dem es darum geht, ob in Zukunft der Mensch oder die von ihm geschaffene Technik die höchstentwickelte Struktur der Materie sein wird. In diesem Konkurrenzkampf kann der Mensch nicht durch Technikfeindlichkeit, sonder nur dadurch gewinnen, daß er sein individuelles und sein gesellschaftliches Bewußtsein in die Waagschale wirft und eine solche Gesellschaft als übergeordnetes System installiert, die der Verflechtung der Technik ein entsprechend organisiertes Äquivalent entgegenzusetzen vermag.

5.2. Die im letzten Abschnitt des Buches von Lothar Schäfer dargestellten strukturellen Forderungen an eine zukunftsorientierte Technologie können zwar prinzipielle Entwicklungsrichtungen weisen, jedoch sind ähnliche Forderungen schon vielfach an anderer Stelle erhoben worden, auch sind sie zum Teil widersprüchlich und entbehren einer generellen wissenschaftlichen Grundlage, wie sie nur als Ergebnis einer wissenschaftlichen Analyse der Ursachen und des voraussichtlichen Verlaufes der ökologischen Krise gewonnen werden kann (siehe Abschnitt 2) . Die gesellschaftliche Machbarkeit ist entscheidend und da ist die gegenwärtige Struktur der Gesellschaft der wesentliche Hinderungsgrund.

Die Überwindung der ökologischen Krise erfordert eine Reform der derzeitigen Gesellschaftsordnung, d.h. eine positive Mutation des Systems im Sinne der allgemeinen Evolutionstheorie.

6. Mensch und Gesellschaft

Auch andere Autoren, die sich von einer marxistischen Ausgangsposition her mit dem Problem der Evolution des Menschen und des menschlichen Bewußtseins ernsthaft auseinander gesetzt haben, wie z.B. Rolf Löther in seinem Buch "Der unvollkommene Mensch", bleiben bei der Einordnung des Menschen als "biopsychosoziale Einheit" in die Gesellschaft stehen, ohne die Gesellschaft als ein dem Menschen hierarchisch übergeordnetes System zu betrachten. So betont er z. B. in der Auseinandersetzung mit dem Sozialdarwinismus die Rolle der Kultur als der Gesamtheit aller nicht vererbten Information zusammen mit den Verfahren ihrer Organisation und Speicherung sowie die Bedeutung sich selbst organisierender Strukturen in der Gesellschaft, erklärt sie aber nur im Zusammenhang mit der Willensfreiheit des Menschen und erkennt sie nicht als Eigenschaften eines übergeordneten evolutionsfähigen Systems. Im Kapitel "Menschliche Reproduktion im Übergang" wird die Gesellschaft nur unter dem Aspekt eines Bestandteils des Ökosystems betrachtet, zu dem der Mensch gehört und das seine Entwicklung bestimmt.

7. Grenzen des Wissens (John D. Barrow)

7.1. Die großen wissenschaftlichen Entdeckungen des 19. Jahrhunderts führten zu zwei einander entgegengesetzten Standpunkten, die jedoch beide zu der Schlußfolgerung führten, die Entwicklung der Wissenschaften sei bald an ihrem Ende angekommen. Grundlage beider war die mechanistisch - deterministische Vorstellung von Laplace, derzufolge der Ablauf der Vorgänge im Universum von einem komplexen System von Differentialgleichungen und deren Anfangsbedingungen bestimmt ist. Während Bois-Reymond der Auffassung war, dass es dem Menschlichen Geist prinzipiell unmöglich sein wird, alle erforderlichen Fakten und Bedingungen zusammenzubekommen, die für die Lösung der Gleichungen erforderlich wären, glaubte Haeckel, dass alle Lösungen im Prinzip bald gefunden wären und es nur auf die Verbesserung der Genauigkeit der Daten ankommt, deren Bestimmung jedoch ein unendlich fortsetzbarer Prozess ohne wesentliche Bedeutung ist.

7.2. Bois-Reymond benannte als schwierige ungelöste, aber prinzipiell lösbare Probleme die Entstehung des Lebens, den Ursprung der Sprache und der menschlichen Vernunft und die evolutionäre Anpassungsfähigkeit der Organismen.