Evolution in den Wissenschaften

Rupert Riedl, Manuela Delpos, Die Evolutionäre Erkenntnistheorie im Spiegel der Wissenschaften, WUV - Universitätsverlag Wien 1996

Inhalt

1. Die Rezeption der EE in den Wissenschaften (Manuela Delpos)

10 Thesen der Evolutionären Erkenntnistheorie

1.1. Das universelle Evolutionsprinzip

Wichtigste richtende Kraft der Evolution ist die Selektion. Wegen unterschiedlicher Entwicklungsdynamiken und -gesetzmäßigkeiten wird unterschieden

- kosmische

- biologische (phylogenetische und ontogenetische)

- kulturelle

Evolution

Allgemeine Besonderheit ist das hierarchische Prinzip.

1.2. Der systemische Ansatz

Die Evolution vollzieht sich auf der Basis von Systemen, die aus miteinander wechselwirkenden Elementen bestehen. Die Selektion wirkt dabei sowohl von innen wie von außen.

1.3. Anpassung

Die Evolution vollzieht sich durch Anpassung der inneren Struktur eines Systems an die sich ändernden Umweltbedingungen.

1.4. Emergenz

Das System zeigt qualitativ neue Eigenschaften, die sich nicht aus der Summe der Eigenschaften der Elemente ableiten lassen.

1.5. Das Leben ist ein Information und Erkenntnis gewinnender Prozeß

1.6. Die Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeit unterliegt ebenfalls der individuellen und stammesgeschichtlichen Entwicklung.

1.7. Die Wahrnehmungs- und Erkenntnisfähigkeit ist beschränkt auf die für die jeweiligen Lebensprozesse wesentlichen Erscheinungen.

1.8. Es gibt a priori keine Kategorien der reinen Vernunft. Sie sind erst durch die stammesgeschichtliche Entwicklung entstanden

1.9. Der hypothetische Realismus geht davon aus, das unsere Erkenntnis der Realität entspricht, wenn auch nur in eingeschränktem Umfang, weil unser Erkenntnisapparat selbst ein Ergebnis der Evolution ist.

1.10. Die ethisch - moralische Verantwortlichkeit des Menschen ist ein Ergebnis seiner stammesgeschichtlichen Entwicklung, die sein Wertempfinden prägte. Es besteht die Sorge, das der Mensch mit seiner biologischen Ausstattung gegenüber einer unreflektierten soziokulturellen Evolution überfordert ist.

 

2. Das Weltbild der modernen Physik im Lichte der konstruktivistischen EE, Olaf Dietrich

2.1. Eigenschaften sind dadurch definiert, daß sie unabhängig voneinander existieren und unabhängig voneinander gemessen werden können. Im subatomaren Bereich sind Ort und Impuls nicht mehr unabhängige Eigenschaften eines Teilchens, also gar nicht Eigenschaften eines Teilchens. Die EE hat die Forderung der Physik aufgegriffen und komplettiert, daß alle Terme operationalisierbar sein müssen - theoretische Terme durch experimentelle Apparaturen und Beobachtungsterme durch angeborene kognitive Operatoren.

2.2. Kognitive Operatoren sind eine Art Meßgeräte, die auf Sinnenreize ansprechen und daraus Bilder und Wahrnehmungen produzieren. Die Eigenschaften aller Wahrnehmungen kondensieren wir zu den Gesetzmäßigkeiten einer unabhängigen Natur, die Naturgesetze sind damit nichts als die Invarianten kognitiver Operatoren. Die kognitiven Operatoren unterliegen der Evolution. Die Realitätskategorie ist damit nicht objektiv operationalisierbar und es kann daher keine immer gültige Theorie für Alles geben. Insofern unterschiedliche Kulturen und extraterrestrische Intelligenzen unterschiedliche kognitive Operatoren besitzen, haben sie auch unterschiedliche Weltbilder und können nicht miteinander kommunizieren.

2.3. Es gibt keine universellen Naturgesetze im Sinne einer Platonischen Realität. Unsere Naturgesetze sind humanspezifisch und ermöglichen uns, unsere Erfahrungen universell miteinander zu verknüpfen. Sie sind menschengemachte Fahrpläne und in diesem Sinne objektive Realität, die man respektieren muß, sonst ist der Zug weg. Auf die Strukturen der Realität und die Naturgesetze haben wir keinen Einfluß, weder in der Vergangenheit noch in der Zukunft. Ein Operator, der die universelle Realitätskategorie charakterisieren soll, muß vertauschbar mit allen nur denkbaren Operatoren sein, d.h. ein Einheitsoperator. Einen solchen kognitiven Operator besitzen wir aber nicht.

2.4. Physikalische Meßoperatoren sind Erweiterungen der angeborenen kognitiven Operatoren. Die Meßoperatoren der klassischen Physik sind mit den angeborenen vertauschbar und daher quantitative Erweiterungen. Die Operatoren der Quantentheorie und der Relativitätstheorie sind nicht mit den anderen vertauschbar und daher qualitative Erweiterungen. Deren Meßergebnisse lassen sich nicht mehr klassisch darstellen. Da die Menge der möglichen Experimente grundsätzlich nicht abgeschlossen ist, können immer wieder neue Invarianten auftauchen und die Entwicklung der wissenschaftlichen Theorien ist definitiv nie am Ende.

2.5 Weder die organische noch die wissenschaftliche Evolution kann als reine Anpassung an eine objektive bestehende unveränderliche Realität dargestellt werden, da die Objekte der Evolution die Realität ständig verändern. Die Evolution besteht deshalb weniger in einer fortschreitenden Anpassung an die Natur, sondern im fortschreitenden Ausbau der Handlungskompetenz zur Beherrschung derselben. Dieser Prozeß ist ohne natürliches Ende, weil die Umgestaltung der Natur gleichzeitig auch die Bedingungen ihrer Beherrschung verändert.

2.6. Die Emergenz und neue Qualität höher strukturierter Systeme gegenüber ihren Elementen offenbart sich bereits in der Physik: Meßapparaturen zur Bestimmung quantenmechanischer Observabler bestehen aus rein klassischen Bauteilen und Elementen und sind dennoch in der Lage, Ergebnisse zu liefern, die sich nicht mehr klassisch verstehen und definieren lassen. Das gleiche Phänomen zeigt sich in der Mathematik im Gödelschen Satz, in der Biologie im Aufbau der Mehrzeller aus Einzellern, in der Sprache in der Ausdrückbarkeit von neuen Sachverhalten, die noch gar nicht definiert sind usw.

2.7. Natur und wissenschaftliches Weltbild stehen im gleichen Verhältnis wie Henne und Ei. Eines geht aus dem anderen hervor und beide können sich nur gemeinsam entwickeln. Die Evolution hat erst die Natur geschaffen, wie wir sie heute erkennen.

 

3. Teleonome Prozesse und soziale Evolution, Ronald Cohen

3.1. Die Annahme eines vorgegebenen Evolutionszieles bedeutet die Bestimmung der Gegenwart durch die Zukunft und widerspricht damit der Kausalität. Trotzdem ist festzustellen, daß bestimmte Entwicklungsprozesse über mehrere Stufen hinweg auf ein bestimmtes Ziel zulaufen, das durch ein vorgegebenes Programm definiert ist, und erst dann ein Selektionsprozeß bewirkt, das die ganze Entwicklungsrichtung bestätigt oder verworfen wird. Das hat zur Folge, daß sich bestimmte Arten und Kulturen zunächst erfolgreich entwickeln und später zugrunde gehen, genau wie Individuen sich nach vorgegebenen Mustern entwickeln und dann sterben.

3.2. Nach dem gleichen Muster entwickelten sich Staaten. Die Entwicklung der Staatlichkeit ist eine Universalität trotz der unterschiedlichen Formen und Bedingungen. Die Staaten wuchsen und vereinigten sich und wurden immer größer. Der Prozeß scheint jedoch zu Ende zu gehen, da immer mehr Staaten auseinanderbrechen und sich in kleineren Einheiten organisieren. Gleichzeitig wird die Souveränität und Macht der Staaten geschwächt und es entstehen übernationale Strukturen. Es ist absehbar, daß es keinen Weltstaat geben wird mit den Machtbefugnissen gegenwärtiger Nationalstaaten, obwohl eine Weltgesellschaft im Entstehen ist.

3.3. Die gegenwärtige soziale Evolution hat eine Reihe vorprogrammierter Ausgangspunkte und Ursachen, die in genetischen und kulturell bedingten Verhaltensweisen fixiert sind.

- Traditionell eingeschliffene Moralvorstellungen und Verhaltensweisen

- Durch äußere Bedingungen und intellektuelle Einsicht und Voraussicht eingeschränktes Dominanzstreben

- Kooperatives Verhalten auf der Grundlage von Familienbindungen und ethnischen Traditionen.

- Entwicklung sozialer Komplexität auf der Grundlage der Arbeitsteilung

- Durch intellektuelles Lernverhalten von der genetischen zur phänotypischen Ebene verschobenes Anpassungsvermögen.

Auf der Grundlage von Ursache – Folge - Beziehungen führen diese Ausgangspunkte zwangsläufig zur Bildung von gesellschaftlich - staatlichen Institutionen und zu ihrer Entwicklung und ihrem Absterben. Anpassungsfähigkeit an innere und äußere Bedingungen und Selektion der lebensfähigsten Organisationsformen bestimmen den konkreten Ablauf und den Endpunkt einer solchen Entwicklung, der im einzelnen nicht vorhersehbar ist.

 

4. Wirtschaftsentwicklung als evolutionärer Erkenntnisprozeß, Manfred Sliwka

4.1. Wirtschaft ist nicht konstruktivistisch planbar, sonder ein prinzipiell offenes Spiel mit spontanen Prozessen analog den Evolutionsprozessen des Lebens.

- Es gibt erkennende Subjekte (Manager, Wirtschaftspolitiker). Es gibt Bewußtsein und eine zu erkennende Wirklichkeit.

- Das Ziel der Erkenntnis ist die Übereinstimmung der Erkenntnisstruktur mit der realen Struktur. Nichtübereinstimmung heißt in der Wirtschaft Mißerfolg und Untergang.

- Auch für wirtschaftliche Denkprozesse ist typisch, daß Erkenntnis durch eine geistige Bearbeitung und Strukturierung von Erkenntnisinhalten zustande kommt.

- Manager wissen: Alle Erkenntnis ist hypothetisch und selektiv. Erfolgreiche Manager sind hypothetische Realisten.

- Alle Unternehmen sind lernende Systeme mit erworbenen Strukturen.

4.2. Ökonomische Ideen sind die Objekte, die zunächst entwickelt werden und dann auf dem Markt oder in der Öffentlichkeit selektiert werden. Verhärtung der Strukturen und Machtgewinn bringen die wirtschaftliche Evolution zum Erliegen. Der dadurch zurückgestaute Evolutionsprozeß setzt sich durch regulierende Katastrophen durch. Regulierende Katastrophen können durch problemsensible Erkenntnisprozesse verhindert werden.

4.3. Wird Wirtschaft als evolutionärer Erkenntnisprozeß erkannt, kann durch Grundsatzforschung und Handlungswissenschaften die Wirtschaftspolitik evolutionskonform gestaltet werden und egoistisches, wirtschaftliches Handeln mit gesellschaftlich und ökologisch notwendigen Verhaltensweisen in Übereinstimmung gebracht werden.

 

5. EE und Soziologie, Ken Jubber

5.1 Die gegenwärtige Soziologie hat die Erkenntnisse der modernen Biologie noch nicht ausreichend verarbeitet. Leben ist ein Erkenntnis gewinnender Prozeß auf der Grundlage der Methode von Versuch und Irrtum. Die kulturelle Evolution erfolgt auf der biologischen Grundlage und nach der gleichen Methodik.

5.2. Der Erwerb und die Weitergabe biologischer Informationen durch genetische Fixierung und Lernen des Individuums von seinen Vorfahren und mittels der Methode von Versuch und Irrtum erfolgt auch in der kulturellen Evolution in der gleichen Weise. Das kulturelle Erbgut wurde in der Urzeit der Menschheitsentwicklung fixiert und findet sich bei allen Völkern in der gleichen Weise. Daneben gibt es kulturelle Traditionen, die in unterschiedlichen Kulturkreisen erworben wurden. Alle diese Informationen bestimmen das soziale Verhalten der Individuen, das hierdurch bedingt einerseits unterschiedlich und andererseits nicht a priori und ein für allemal und für alle Zeiten festgeschrieben ist.

5.3. Die EE ist deshalb einerseits hochkompatibel mit dem dialektischen und historischen Materialismus, der gegenwärtige Marxismus hat jedoch seine Verbindung mit der modernen Biologie verloren.

 

6. Die EE als Begründung medizinischer Diagnostik, Fritz J. Seif

6.1. Systemeigenschaften von Organismen,

Systeminterne Parameter von Lebewesen sind durch komplexe Strukturen und Funktionsabläufe festgelegt. Die Stabilität der Entwicklung und des Verhaltens der Biosysteme ist durch historische Strukturen bedingt, die durch Koevolution mit der Systemumwelt selektiert wurden. Es ist insbesondere hervorzuheben, daß das Systemverhalten nicht nur vom System allein, sondern ganz wesentlich von den vergangenen und gegenwärtigen Umwelteigenschaften wechselwirkend mitbestimmt wird. Auch die für eine biologische Weiterentwicklung, für einen evolutionären Sprung, notwendige chaotische Instabilität kann nur aus der Umwelt, aus den Anfangs- und Randbedingungen erwachsen, die in der Vergangenheit und Gegenwart durch wechselseitige Einflüsse mitgestaltet werden.

Ausgedehnte Umweltveränderungen können die Randbedingungen eines Biosystems soweit verändern, daß kritische Parameterwerte überschritten werden, jenseits welcher eine chaotische Systeminstabilität eintritt. Die selbstorganisatorische Systemstabilisierung kann auf zwei Arten geschehen, erstens durch systeminterne Strukturumbildung, die wegen der Begrenztheit des Systems ihrerseits limitiert ist, und zweitens durch Systemerweiterung, indem ein Teil der Umwelt in das Systemganze einverleibt wird. Dadurch wird die Systemgrenze weiter in die Umwelt hinaus verlegt und der einverleibte Umweltteil wird besser kontrollierbar. Diese Evolutionsschritte erklären zum Teil, warum Biosysteme einen hierarchischen Schichtenaufbau aufweisen. Im übergeordneten System bilden sich Ordnungsparameter mit emergenten Eigenschaften, die gleichzeitig die Freiheitsgrade des untergeordneten Systems erheblich reduzieren.

6.2. Systemischer Krankheitsbegriff

Durch Veränderung der inneren oder äußeren Bedingungen gerät das System aus seinem Gleichgewichtszustand. Dadurch tritt für den Organismus eine Existenzgefährdung ein. Daraufhin versucht der Organismus seine innere Struktur an die veränderten Bedingungen anzupassen. Ein anpassungsfähiger Organismus findet hiernach einen neuen stabilen Gleichgewichtszustand. Überschreiten die störenden Parameter aber bestimmte Grenzwerte, so ist kein Gleichgewichtszustand mehr zu finden und das System reagiert chaotisch. In diesem Zustand zerfällt das System und stirbt. Übersteht das System aber die Krankheit, so hat es neue Erfahrungen gewonnen und erreicht einen neuen stabilen, aber gleichzeitig flexibleren Zustand.

6.3. Wegen der Komplexität des lebenden Organismus können von Anfang an niemals alle für die Körperfunktionen wesentlichen Parameter gemessen werden. Es ist deshalb auch nicht möglich, eine optimale Diagnose zu stellen. Deshalb muß zunächst eine vorläufige Diagnose gestellt werden, auf deren Grundlage neue Informationen über abweichende Körperfunktionen gewonnen werden können, die zu einer verbesserten Diagnose führen. Die Stellung einer medizinischen Diagnose ist deshalb immer ein evolutionärer Erkenntnisprozeß.

 

7. Zum politikwissenschaftlichen Nutzen der EE, Werner J. Patzelt

7.1. Die Politikwissenschaft befaßt sich mit Politik als jenem menschlichen Handeln, das auf die Herstellung allgemein verbindlicher Regelungen und Entscheidungen in und zwischen Gruppen von Menschen abzielt. Sie untersucht die Inhalte, die allgemein verbindlich gemacht werden sollen, die Prozesse, in denen jenes Handeln abläuft; und sie analysiert die Strukturen, in denen dies abläuft. In der etablierten Politikwissenschaft spielt die EE bisher keine Rolle, obwohl sie es müßte.

7.2. Politische Systeme als erkenntnisgewinnende Systeme.

Politische und soziale Systeme sind die Organismen der Gesellschaft. Als erkenntnisgewinnende Systeme haben sie ihre inneren Strukturen an die Erfordernisse der Gesellschaft und ihr inneres Modell mit den Strukturen der Realität in Übereinstimmung zu bringen. Hierzu müssen sie wie biologische Organismen stabil und gleichzeitig anpassungsfähig sein, d.h. sie müssen auch lernfähig und evolutionsfähig sein.

7.3. Evolutionistische Analyse politischer Systeme

Bewährte politische Systeme reproduzieren sich und verbreiten sich unter analogen Bedingungen in vielen Staaten und überstehen auch den Wechsel der Systeme, wenn sie anpassungsfähig sind. Sie unterliegen einem Selektionsdruck, der aus den zu realisierenden Problemlösungen resultiert.

7.4. Ideologiekritik aus evolutionistischer Perspektive

Die sozialen Vorstellungen der Individuen resultieren evolutionsbedingt aus sozialen Beziehungen innerhalb relativ kleiner Gruppen. Die Übertragbarkeit dieser Vorstellungen auf große politische Systeme ist aber nicht gegeben. Dem Individuum mit Alltagsverstand fehlt deshalb die Erkenntnisfähigkeit der sozialen Problematik in diesen Systemen. Hieraus resultiert ein Unverständnis und eine "Unübersichtlichkeit" dieser Systeme. Dem kann nur durch politische Schulung entgegengewirkt werden. Das birgt die Gefahr in sich, daß vor allem über die Massenmedien beschönigende Vorstellungen über die Funktionsfähigkeit der politischen Systeme transportiert werden, die den Selektionsdruck vermindern und so den Druck zur Anpassung herabsetzen. Die Folge ist eine Verhärtung der Strukturen, die erst zu spät durch regulierende Katastrophen auflösbar ist. Diese Zusammenhänge zu erforschen und abzuwehren, wäre eine Aufgabe der Politikwissenschaft.

 

8. Die EE als Metatheorie (Oeser)

Die EE besteht aus drei aufeinander aufbauenden Ebenen:

8.1. Die biologische Evolutionstheorie erklärt die Entstehung und Entwicklung des biologischen Wahrnehmungs- und Erkenntnisapparates.

8.2. Die evolutionäre Erkenntnistheorie erklärt die methodischen Grundlagen der Erkenntnisfähigkeit und ihrer Entwicklung und die Zusammenhänge zwischen Erkenntnisstrukturen und Realität

8.3 Die evolutionäre Wissenschaftstheorie erklärt die Evolution der Wissenschaftlichen Erkenntnisse und Theorien.

 

9. Biologische Wurzeln des Orientierungswissens, Hans Mohr.

9.1 Verfügungswissen gibt Antwort auf die Frage: wie kann ich etwas ,was ich tun will, tun? Es resultiert vorrangig aus wissenschaftlicher Erkenntnis.

9.2. Orientierungswissen beantwortet die Fragen: Was soll ich tun? Was darf ich (nicht - nicht mehr) tun. Es bedeutet Sittlichkeit. Orientierungswissen hat drei Quellen:

- Die tief in unserer biologischen Substanz verankerte Schicht genetisch vererbbarer Antriebe und Verhaltensweisen, auch solche, die das Ergebnis kulturell entwickelter Normen darstellen.

- Traditionsanpassungen, die in langer geschichtlicher Erfahrung erprobten gesellschaftlichen Verhaltensregeln, die weder geplant noch verstanden sind.

- Regeln, die bewußt konzipiert und akzeptiert wurden, um bestimmten Zwecken zu dienen (Verfassungen und Vorschriften des positiven Rechts)

9.3. Angeborenes Verhalten und kulturelles Umfeld.

In den angeborenen kognitiven und Verhaltensmustern ist bereits ein Grundwissen über die Welt genetisch fixiert. Die weitere Ausgestaltung erfolgt im Dialog mit der Umwelt.

9.4. Mischstrategien mit moralischer Relevanz

Die natürliche Selektion erzeugt evolutionsstabile Mischstrategien des Verhalten, die ebenfalls in unterschiedlicher Stärke genetisch fixiert und in Wechselwirkung mit der konkreten Umwelt verstärkt oder geschwächt werden. Von einer Mischstrategie spricht man dann, wenn Strategie A durch Strategie B geschwächt wird, andererseits aber Strategie B nur auf der Basis von Strategie A existieren kann. Eine Strategie ist dann evolutionär stabil, wenn in einer Population keine Strategievariante sich auf die Dauer durchsetzen kann.

9.5. Gesamtfitness und Altruismus

Das Konzept der Gesamtfitness impliziert, daß alle sozialen Lebewesen durch die natürliche Selektion genetisch daraufhin disponiert werden, ihr soziales Verhalten so zu gestalten, daß die Weitergabe ihrer Gene maximiert wird, unabhängig davon, ob sie selber oder andere Angehörige der Sippe diese Gene weitergeben. Beim Menschen ergibt sich daraus altruistisches Verhalten, das über die genetische Verwandtschaft hinaus auf geistige Verwandtschaft und andere Zweckbündnisse und frei gewählte Sozialbindungen ausgedehnt wird. Die Größe dieser Sympathiegruppen blieb jedoch begrenzt und reicht bei Anstrengung maximal bis zu ethnischen Gruppen. Darüber hinaus ist es bisher nicht gelungen, altruistisches Verhalten zu erzeugen.

 

10. Sein und Sollen im Erkenntnisvermögen, Max Liedtke

10.1. Unterscheidung zwischen präskriptiven und deskriptiven Aussagen. Sprachlich und logisch sind Seins- und Sollensaussagen klar getrennt. Aus Seinsaussagen kann nicht rein logisch auf Sollensaussagen geschlossen werden.

10.2. Empirischer Zugang zu normativen Fragestellungen.

Normen sind Wertvorstellungen oder Führungssysteme, die das Verhalten des Individuum und der Gesellschaft steuern.

- Normen formulieren einen erstrebenswerten Zustand als pflichtmäßigen Anspruch.

- Normen verlangen ihre Anerkennung von jedem Mitglied einer Gruppe in jeder Situation.

- Normen erheben einen kategorischen Anspruch unabhängig von den zu erwartenden subjektiven Vor- oder Nachteilen.

Normen haben ihren Ausgangspunkt in genetisch fixierten Instinkten und durchlaufen eine kulturelle und stammesgeschichtliche Entwicklung. (z.B. Brut- Aufzucht und Erziehungspflicht)

10.3. Empirisch verfahrende Wissenschaft hat einen methodisch legitimen Zugang zu normativen Fragestellungen:

- Analyse phylogenetischer Informationen und ihrer Entwicklungsbedingungen

- Ableitung von Bedingungen und Kriterien, denen Normen in evolutionstheoretischer Hinsicht genügen

- Untersuchung kulturbedingter Normen und ihrer Entwicklungsbedingungen

- Entwurf neuer Zielvorstellungen und Prüfung ihrer Bewährung.

10.4. Der Schluß vom Sein auf das Sollen ist zwar logisch nicht zugelassen, es gibt aber noch viel weniger eine Begründung für a priori gesetzte Normen. Die EE sieht in der Entwicklung der Normen eine evolutionsbedingte Notwendigkeit.

 

11. Auf der Grundlage der EE zu einem leistungsfähigen Recht, Helmut Helsper

11.1. Recht hat die Verhaltensnormen in der Gesellschaft zu setzen. Entsprechend der Entwicklung der Gesellschaft muß das Recht dem Evolutionsfortschritt folgen

11.2. Rechtserzeugung ist die bewußte Suche nach den sozialen Spielregeln, die für das Fortbestehen der Gesellschaft notwendig sind.

11.3 Die Rechtsprechung hat aus der Anwendung des gesetzten Rechtes auf die real vorkommenden Fälle die Anwendbarkeit des Rechtes zu prüfen und durch Grundsatzurteile für eine kontinuierliche Fortentwicklung des Rechtes zu sorgen. Die sich daraus ergebenden Widersprüche muß die Gesetzgebung von Zeit zu Zeit aufgreifen und zu einer Weiterentwicklung der Gesetze nutzen.

11.4. Das gegenwärtige Rechtssystem beherrscht diesen Prozeß nur ungenügend. Man erwartet vielmehr, daß das gesetzte Sollen zu einer Falsifizierung des realen Seins führen muß, es wird aber das gesetzte Sollen durch das reale Sein falsifiziert. Es ist an der Zeit, die traditionellen Fundamente der Rechtswissenschaft, nämlich Positivismus und Naturrechtslehren, durch die evolutionäre Erkenntnistheorie zu ersetzen.