Dr.rer.nat.Bertram Köhler

Dipl.Ing.f.physik.Kerntechnik

früher tätig im Kraftwerksanlagenbau

 

Vortrags- und Diskussionsangebot:

 

Die Evolution in Natur und Gesellschaft - wohin führt sie uns ?

Selbstorganisation und Evolution - ein allgegenwärtiger Prozeß *

Die Evolution des Kosmos *

Biogenesis *

Lebewesen *

Mensch und Gesellschaft *

Technische und ökonomische Evolution *

künstliche Evolution *

Einheitliche Grundprinzipien und Wesenszüge der Evolution *

Selbstorganisation und Systembildung *

Mutation und Selektion *

Auseinandersetzung mit der Umwelt und Mutationsrate *

Zunehmende Komplexität und Bildung hierarchischer Systeme *

Strategie und Ziel der Evolution *

Evolution - ein schmaler Grad zwischen Chaos und Ordnung *

Besonderheiten hochkomplexer sozialer Systeme *

Evolutionsprozesse in der Gesellschaft *

Evolution und Gesellschaft *

Evolution in der Marktwirtschaft *

Anforderungen an ein evolutives Gesellschaftssystem *

Evolution des Bewertungskriteriums *

Entwicklungsstand eines Gesellschaftssystems *

Was ist Fortschritt - Können wir die Evolution steuern ? *

Einleitung

Als Diplomingenieur für physikalische Kerntechnik bin ich kein Experte auf dem Gebiet der Evolution und ich möchte über ein Thema vortragen, mit dem ich beruflich nicht befaßt war. Ich habe 33 Jahre im Kraftwerksanlagenbau gearbeitet und Kernreaktoren berechnet und in Betrieb genommen. Ich habe erst 1992 begonnen, mich mit der Evolutionstheorie zu beschäftigen, als sowohl meine berufliche Perspektive wie auch meine auf dem Marxismus beruhende Weltanschauung zu Bruch gegangen waren. Die Theorie der Selbstorganisation und Evolution hat mir geholfen, in unserer heute so chaotischen Welt wieder einen vertretbaren Standort zu finden und nicht in "kein Ort nirgendwo" zu landen. Deshalb denke ich, mein Thema ist auch für andere interessant, die einen Standpunkt suchen, von dem aus sie etwas bewegen können. Was ich hier vortragen möchte, ist weniger eine neue wissenschaftliche Erkenntnis als vielmehr eine persönlich gefärbte Zusammenfassung und Wertung, verbunden mit ein paar provokatorischen Anmerkungen und Anregungen zum Nachdenken.

Mein Vortrag besteht aus drei Teilen. Im ersten Teil will ich an einigen Beispielen deutlich machen, daß Prozesse der Selbstorganisation und Evolution uns allseitig umgeben und überall in Natur und Gesellschaft stattfinden, wir müssen sie nur als solche erkennen. Im zweiten Teil werde ich versuchen, die einheitlichen Grundprinzipien und Wesenszüge der Evolution heraus zu arbeiten, die für alle diese Prozesse auf allen Gebieten typisch sind. Der dritte Teil soll dann einige gesellschaftliche Entwicklungsprozesse von diesen allgemeinen Grundprinzipien her beleuchten, verständlich machen und in dieses Weltbild einordnen.

Selbstorganisation und Evolution - ein allgegenwärtiger Prozeß

Die Evolution des Kosmos

Selbstorganisation und Evolution gibt es bereits in der unbelebten Natur, im Kosmos, in Physik, Chemie und Geologie. Die zahllosen Beispiele in der Physik haben mich als Physiker zwar besonders interessiert, weil sie leicht durchschaubar und exakt mathematisch darstellbar sind, aber ich möchte mich an dieser Stelle nicht weiter damit aufhalten. Nur ein Beispiel aus dem Kosmos sei genannt:

Die Bildung des Sonnensystems aus der kosmischen Urmaterie war ein Prozeß der Selbstorganisation. Die Natur bildet in großer Zahl gerade die Sterne, die lange leben und damit die weitere Evolution ermöglichen. Ein Stern mit wesentlich größerer Masse als die Sonne hätte einen viel schnelleren Ablauf der internen Kernfusionsprozesse zur Folge gehabt und wäre längst als Supernova explodiert und hätte damit seine Materie zur Bildung neuer Sterne bereitgestellt, bis ein günstigerer Stern entsteht. Ein Stern mit wesentlich kleinerer Masse hätte bei seiner Kontraktion nicht die Temperatur erreicht, die für die Kernverschmelzung erforderlich ist und wäre längst erkaltet.

Die Lebensgeschichte eines einzelnen Sternes ist zwar Selbstorganisation, aber noch keine Evolution. Ein Stern ist ein Individuum der kosmischen Evolution. Der kosmische Evolutionsprozeß als Ganzes ist aber noch nicht vollständig geklärt.

Biogenesis

Die Entstehung des Lebens auf der Erde wird gewöhnlich als Ausgangspunkt der Evolution betrachtet. Organische Moleküle bilden spontan und zufällig Eiweißketten, unter denen sich auch einige mit autokatalytischen Eigenschaften befinden, die sich also selbst erzeugen können. Durch diese Eigenschaft steigt die Konzentration genau dieser Substanzen überproportional zu den anderen Substanzen an. Die Bildung der Eiweißketten verbraucht Energie, die aus energiereichen Ausgangsstoffen stammt. Die Eiweiße, die sich am schnellsten bilden, erlangen das Übergewicht.

Die exponentielle Wachstumsrate dieser Eiweißstoffe führte zwangsläufig zu einem Energiemangel, der das weitere Anwachsen der Menge dieser Stoffe stoppte und zu einem Fließgleichgewicht führte, das durch die Nachlieferung von freier Energie bestimmt war. Die bis dahin für die Bevorzugung bestimmter Substanzen maßgebende Vermehrungsgeschwindigkeit verlor damit völlig an Bedeutung und der Selektionswert wurde nunmehr durch die Effektivität der Rohstoffausnutzung und durch die Lebensdauer der Systeme bestimmt. Substanzen mit hoher Stabilität und niedrigem Energieverbrauch erhielten das Übergewicht. Diese erlangten damit den Status von primitiven Lebewesen, von Mikroorganismen.

Eine weitere Evolution war durch die Bildung solcher Lebewesen möglich, die andere Lebewesen als Nahrungsquelle verwendeten. Entscheidende Entwicklungsmöglichkeiten boten sich jedoch den Lebewesen, denen es gelang, die Photosynthese auf der Basis des Chlorophylls zu nutzen und damit eine neue Energiequelle zu erschließen.

Auf der Grundlage der neuen Energiebasis wurde durch die neu entstehende Pflanzenwelt ein gewaltiger Anstieg der Biomasse und die Bildung einer Sauerstoffatmosphäre möglich, was wiederum die Voraussetzungen für die Entwicklung der pflanzenfressenden Tiere und der Raubtiere bot. Damit entsteht ein durch Nahrungsketten verkoppeltes ökologisches System, wie wir es heute kennen.

Lebewesen

In vielen Fällen erzeugen die Stoffwechselprodukte neuer Arten einen Überschuß bestimmter Substanzen, die das vorher vorhandene ökologische Gleichgewicht erheblich stören. Die so entstehenden neuartigen Umweltbedingungen führen zu einer schnellen Entwicklung weiterer neuer Arten von Lebewesen, wobei gleichzeitig eine gewisse Anzahl der früher vorhandenen Arten ausstirbt.

Sind die Rohstoffüberschüsse aufgebraucht, so führt der dadurch entstehende Nahrungsmangel zu einer allmählichen Differenzierung der Arten, die durch Spezialisierung alle noch vorhandenen ökologischen Nischen besetzen.

Die biologische Evolution ist durch einen ständigen Wechsel zwischen Mangel und Überschuß charakterisiert, der zu einem Wechsel zwischen Zeiten der schnellen Herausbildung neuer Arten mit Zeiten der Herausbildung einer großen Artenvielfalt führt. Das vielzitierte ökologische Gleichgewicht jedoch ist ein Trugbild, in dem jede Evolution zum Erliegen käme.

Die Richtung dieses Evolutionsprozesses ist durch die zunehmende Emanzipation der Lebewesen von den Zwängen der Umwelt bestimmt. In dieser Hinsicht hat der Mensch die bislang höchste Entwicklungsstufe erreicht. Seine Weiterentwicklung steht im Zusammenhang mit den Veränderungen der Umwelt, die er selbst ungewollt hervorruft.

Mensch und Gesellschaft

Nach den objektiven Kriterien, die dem Klassifikationsschema der Biologie zugrunde liegen, gehört der Mensch zur Familie der Affen und zur Gattung der Schimpansen. Seine Einordnung in eine gesonderte Familie der Hominiden verdankt er nur einem Zugeständnis Linne's an die Gesellschaft seiner Zeit.

In der Phase der Herausbildung des Menschen hat sich vor allem Größe und Leistungsfähigkeit des Gehirns stark entwickelt. Damit ergab sich die Möglichkeit, sich den Veränderungen der Umwelt wesentlich schneller anzupassen, als dies durch die zufällige Mutation der Gene, die das Verhalten steuern, möglich gewesen wäre. Die durch diese Entwicklung erzielten Selektionsvorteile erwiesen sich für die weitere Entwicklung des Menschen als entscheidend und sicherten ihm die Vorherrschaft.

In der darauffolgenden, vergleichsweise kurzen Phase der kulturellen Entwicklung des Menschen ist keine weitere Entwicklung seiner biologischen Struktur, seines Gehirns und seiner Erbanlagen nachzuweisen, insbesondere gibt es keine wesentlichen Differenzen in den Genen der unterschiedlichen Völker und Menschenrassen. Deren unterschiedliche Kultur und Mentalität ist also ausschließlich auf die von Generation zu Generation weitergegebene Lebenserfahrung und die Erziehung der jungen Generation zurückzuführen.

Die weitere Entwicklung des Menschen erfolgte nicht durch Zuchtwahl und Aussonderung ungeeigneter Gene, sondern durch individuelle Lernprozesse zur Ausbildung spezieller Fähigkeiten in einem von Geburt aus vorliegenden unterschiedlich leistungsfähigen Gehirn.

Wenn auch das Verhalten der Menschen aufgrund ihrer biologischen Evolution weitgehend genetisch bedingt ist, so zeigt doch ihre kulturelle Entwicklung, daß durch Intelligenzleistungen dieses genetisch bedingte Verhalten korrigiert und überdeckt werden kann, wenn es für die Anpassung an die Umwelt und für die Überlebenssicherung nicht mehr angemessen ist. Die Grundrichtung der Evolution hat sich damit von der durch Genmutation getragenen Genselektion zu einer durch Intelligenzleistungen getragenen Anpassung verändert. Die Entwicklung des Individuums wird damit gleichzeitig mehr und mehr von der einer gesellschaftlichen Entwicklung überlagert, da die wesentlichen Informations- und Lernprozesse nun weit weniger an das einzelne Individuum gebunden sind und mehr durch gesellschaftliche Rahmenbedingungen bestimmt werden.

Mutation und Selektion verursachten die Entstehung und beschleunigte Entwicklung der am besten angepassten und für die weitere Evolution geeignetsten Individuen. In einer Population bildeten sich dabei unterschiedliche Verhaltensmuster heraus, die den Interessen der Individuen dienen und gleichzeitig eine evolutionär stabile Population ermöglichen. Mit Hilfe der Spieltheorie können diese Verhaltensmuster analysiert und nachvollzogen werden.

Das klassische Beispiel, wie die evolutionär stabile Strategie funktioniert, ist ein von Maynard Smith beschriebenes Szenario mit Falken und Tauben:

Seine Modell - Population besteht aus Falken und Tauben. Die Falken kämpfen immer wenn sie auf einen Rivalen stoßen und erleiden damit im Mittel große Verluste wenn es viele Falken gibt. Die Tauben drohen zwar, rennen aber weg, wenn der Gegner angreift. Wenn wir annehmen, daß die Konflikte zwischen Individuen aus irgendeinem materiellen Grund entstehen, z. B. Nahrung oder Gelegenheit zur Paarung, kann man willkürlich Punkte für den Erfolg oder die Niederlage verteilen, die in der Summe ein Maß für den genetischen Erfolg darstellen. Einzelne Falken in einer Taubengesellschaft haben dann immer gute Chancen. Eine zufällig zu einem Falken mutierte Taube vermehrt sich deshalb in einer Taubengesellschaft zunächst rasch, während eine reine Falken - Gesellschaft wegen großer Verluste nicht lebensfähig ist. In einer Falken- Gesellschaft haben aber einzelne Tauben die besseren Chancen, weil sie keine Kämpfe führen. Im Ergebnis stellt sich stets eine Mischung zwischen Tauben und Falken ein, es bildet sich die evolutionär stabile Population.

Der Art würde es besser gehen, wenn alle Individuen Tauben wären, aber eine solche Gesellschaft ist mutationsinstabil !

John Gribbin stellte deshalb folgende Frage:

"Wäre es nicht möglich, daß die relativ neue Entwicklung der Intelligenz uns die Gelegenheit gibt, durch Vorausdenken (das "Neue Denken") unser Verhalten so abzustimmen, daß es zum Wohl der Art und nicht nur zum Wohl des einzelnen ist, und könnten wir damit auch das Wohlergehen des einzelnen verbessern, wie es in der Nur – Tauben - Gesellschaft der Fall ist ?"

Damit ist wohl die aktuelle Frage von Krieg und Frieden direkt angesprochen.

Technische Evolution

Die Entwicklung der Technik, ursprünglich vom Menschen als sein Werkzeug zur Potenzierung seiner Fähigkeiten hervorgebracht, führte zu deren Perfektionierung und Verselbständigung, die heute den Menschen nahezu überflüssig macht und von ihm kaum noch beherrscht zu werden scheint. Es wird heute Technik entwickelt, nicht weil der Mensch sie braucht oder haben will, sondern weil die vorhandene Technik ihre Weiterentwicklung ermöglicht. Wenn das so ist, dann findet zur Zeit ein typischer Konkurrenz- und Selektionsprozeß der Evolution statt, in dem es darum geht, ob in Zukunft der Mensch oder die von ihm geschaffene Technik die höchstentwickelte Struktur der Materie sein wird. In diesem Konkurrenzkampf kann der Mensch nicht durch Technikfeindlichkeit, sonder nur dadurch gewinnen, daß er sein individuelles und sein gesellschaftliches Bewußtsein in die Waagschale wirft und die Gesellschaft so organisiert, daß sie ein der Verflechtung der Technik entsprechendes gesellschaftliches Äquivalent entgegenzusetzen vermag. Wenn ihm das nicht gelingt, wird er verlieren. Die Menschheit hätte dann nur die Funktion des Bedieners der Technik, obwohl die Technik ohne Menschen nicht auskommt, so ähnlich, wie die Tiere nicht ohne Pflanzen leben könnten.

Künstliche Evolution

Evolutionsprozesse können heute auch auf Computern simuliert werden. John Holland erfand und beschrieb bereits 1975 einen einfachen genetischen Algorithmus, ein Programm, das sich selbst entwickelte, um eine bestimmte Aufgabe zu lösen. Es begann mit zufälligen Bitkombinationen, deren Wert an der Lösung der gestellten Aufgabe gemessen wurde. Die besten Bitkombinationen wurden sowohl zufälligen Mutationen als auch einem sexuellen Prozeß der Spaltung und kreuzweisen Vereinigung unterworfen. Auf diese weise entstanden weiter verbesserte Bitkombinationen, welche die gestellte Aufgabe optimaler lösten.

Ein adaptives Agens braucht nicht unbedingt ein Bewußtsein besitzen, um ein inneres Handlungsmodell zu entwickeln. In der Evolution wird ein effektives inneres Handlungsschema allein durch Versuch und Irrtum, verbunden mit selektiver Rückkopplung erzeugt und weiterentwickelt. Das zeigten Holland und Goldberg in den 80er Jahren durch die Entwicklung eines echt emergenten Computersimulationsmodells. Es zeigte sich, daß das System lernte, beliebige Aufgaben zu lösen und daß für bestimmte Problemklassen hierarchisch organisierte Lösungsschemata entstanden, die das betreffende Problem modellierten, auch wenn die Ausgangsregeln zufällig gewählt wurden.

 

Einheitliche Grundprinzipien und Wesenszüge der Evolution

Die Vielfalt und Ähnlichkeit selbstorganisatorischer Prozesse in fast allen von den Natur- und Gesellschaftswissenschaften untersuchten Bereichen legt es nahe anzunehmen, daß es allgemeine Gesetzmäßigkeiten gibt, die das Entstehen geordneter Strukturen in Systemen hinreichender Größe und Komplexität zur Folge haben. Wichtigste Eigenschaften geordneter Strukturen sind Stabilität gegenüber Störungen und Emergenz gegenüber den Einzelteilen, aus denen sie bestehen. Dabei entstehen solche geordneten Strukturen durch Selbstorganisation.

Selbstorganisation und Systembildung

Selbstorganisation ist ein irreversibler Prozeß, der durch das Zusammenwirken von Teilsystemen zur Bildung komplexerer Strukturen des Gesamtsystems führt. Die Struktur eines Systems ist durch die Art der Anordnung und der Wechselwirkung der Elemente des Systems gegeben. Das Gesamtsystem weist grundsätzlich qualitativ neue Eigenschaften auf, die nicht aus den Teilsystemen abgeleitet werden können, d.h. durch Selbstorganisation entsteht Emergenz.

Evolution ist eine unbegrenzte Folge von Prozessen der Selbstorganisation, die zum Aufbau qualitativ neuartiger, komplexerer Strukturen und Systeme führt. Sie ist eine immanente Eigenschaft der Materie, die auf allen Stufen der Entwicklung analogen Grundprinzipien unterworfen ist. Charakteristisch ist, daß jede Selbstorganisation zu einem Fließgleichgewicht mit einem kontinuierlichen Energiedurchsatz führt. Wichtig für die Evolution ist es, daß sich die entstandenen Systeme selbst reproduzieren, also Kopien von sich selbst herstellen können. Zu diesem Zwecke muß ein interner Informationsspeicher vorhanden sein, der den Bauplan des Systems enthält.

Mutation und Selektion

Grundlegende Einzelschritte der Evolution sind Mutation und Selektion.

Selektion liegt vor, wenn durch das Bestehen einer Konkurrenzsituation zwischen prinzipiell existenzfähigen Systemen ein Prozeß einsetzt, der zum Verschwinden mindestens eines dieser Systeme führt. Durch Selektion erfolgt die Auswahl des Systems mit den günstigsten Eigenschaften.

Ein System mit den Eigenschaften der Selbstreproduktion, Informationsspeicherung und Selektion erhält erst durch die Möglichkeiten der Mutation die Fähigkeit zur Evolution. Die Gesetze der Quantenmechanik und der statistischen Thermodynamik verursachen zwangsläufig auch in einfachen Systemen zufällige Fluktuationen bei der Selbstreproduktion, die zu fehlerhaften Kopien führen. Eine Mutation ist ein Fehler im Reproduktionsprozeß. Obwohl eine einzelne Mutation eher zu einer Verschlechterung der Systemeigenschaften führt, entstehen zufällig immer auch günstigere Varianten (Innovationen), die durch Selektion verstärkt werden. Die ungünstigen Varianten werden jedoch aussortiert, so daß die unveränderten Ausgangssysteme übrigbleiben.

Bei sehr kleiner Fehlerrate ist das System sehr stabil, die Evolutionsgeschwindigkeit ist sehr klein und das System somit wenig entwicklungsfähig. Bei einer hohen Fehlerrate wird das System instabil und kann sich nicht reproduzieren, es zerfällt. Die günstigsten Evolutionsbedingungen ergeben sich bei einer Mutationsrate, die dicht unterhalb dieser Instabilitätsschwelle liegt. Hier liegt das sog. Evolutionsfenster.

 

Auseinandersetzung mit der Umwelt und Mutationsrate

In komplexen Systemen werden neue Systemstrukturen zufällig generiert und anschließend getestet, wobei neue Qualitäten, die einen Fortschritt darstellen, ausgewählt werden. Auf allen Organisationsstufen ist die Fähigkeit eines Systems, Innovationen hervorzubringen, zu selektieren und die günstigsten Varianten zu verbreiten, die entscheidende Voraussetzung für ein evolutives Verhalten. Systeme, die im Evolutionsprozeß stehen, müssen um den Preis ihrer Existenz Innovationen hervorbringen, auch wenn die neuen günstigeren Möglichkeiten viel seltener als die ungünstigen Möglichkeiten sind. Durch die Selektion werden gerade die Systeme bevorzugt, deren Mutationsrate dicht unterhalb des kritischen Wertes liegt. Diese entwickeln sich am schnellsten.

Durch das Prinzip der Mutation und Selektion wird der kürzeste mögliche Entwicklungspfad bevorzugt, damit beschleunigt die Evolution sich selbst auf die durch das Evolutionsfenster vorgegebene Geschwindigkeit. Statistische Betrachtungen der möglichen Evolutionswege finden häufig nicht den kürzesten Pfad, berücksichtigen somit nicht diese maximale Beschleunigung und kommen deshalb stets zu dem Ergebnis, daß die Evolution auf dem Wege des Zufalls eigentlich viel länger gedauert haben müßte.

Zunehmende Komplexität und Bildung hierarchischer Systeme

Evolution eines Systems bedeutet Wachstum seines Komplexitätsgrades. Ein vollkommen chaotisches System ist nicht komplex. Komplexität liegt zwischen Ordnung und Chaos.

Ein allgemeines Prinzip der Evolution ist die maximale Standardisierung, d.h. der Aufbau eines komplexen Systems erfolgt aus möglichst einfachen Teilsystemen und deren ineinander geschachtelten Wiederholungen. Die Fehlerquote bei der Reproduktion wird insbesondere dann reduziert, wenn die Teilsysteme selbst der Selektion unterliegen, da dann fehlerhafte Teilsysteme "von selbst" eliminiert werden. Die das übergeordnete System bildenden Teilsysteme haben dann eine kleinere Fehlerquote als der Anzahl ihrer Elemente entspricht. Unterliegen die Teilsysteme nicht der Selektion, so muß das übergeordnete System einen Mechanismus zur Qualitätsprüfung entwickeln, um seine Fehlerquote zu reduzieren, sonst gleitet es ab in den chaotischen Bereich.

Strategie und Ziel der Evolution

In der Evolution verändert eine bestimmte Art oder allgemein gesprochen ein System seine Eigenschaften so, daß es in der vorhandenen Umgebung ein bestimmtes Ziel möglichst schnell oder möglichst rationell erreicht. Das System paßt sich an seine Umgebung an.

Adaptation ist ein Prozeß der Änderung von Systemeigenschaften, durch den die beste Arbeitsweise unter sich ändernden Bedingungen und eine Maximierung des Selektionswertes erreicht wird, der das Überleben bestimmt. Dieser Prozeß kann anschaulich dargestellt werden, indem man über dem Raum der Systemeigenschaften die Zielfunktion aufträgt. Es entsteht dann ein Fitneßgebirge, in dem die Art durch Änderung ihrer Eigenschaften umherwandert, um den höchsten Gipfel zu finden. Das Fitneßgebirge ist aber nicht fest vorgegeben, sondern seine Form wird bestimmt von den Eigenschaften aller anderen Arten, die sich ebenfalls in ihrer Evolution befinden. Das Fitneßgebirge ist deshalb in einer ständigen Veränderung begriffen. Jeder lokale Gipfel bildet eine ökologische Nische und wird von einer anderen Art besetzt. In den dazwischen liegenden Tälern sind die Lebensbedingungen ungünstig.

Jede Art hat das Bestreben, den jeweils höchsten Gipfel zu erreichen. In der Umgebung jeder Art gibt es eine lokale Bewertungsfunktion, die angibt, in welcher Richtung sich die Eigenschaften ändern müssen, wenn die Art aufwärts kommen will. Durch kleine Mutationen wird die Umgebung abgetastet und die Richtung des Anstieges durch Selektion gefunden. Auf diese Weise bewegen sich die Arten im Fitneßgebirge aufwärts und erreichen lokale Gipfel, bei denen die Evolution endet. Sie wird nur fortgesetzt, wenn sich die Fitneßlandschaft durch die Entwicklung der anderen Arten in der Umgebung verändert und sich der lokale Gipfel verschiebt.

In einer vieldimensionalen komplexen Landschaft ist der erreichte Gipfel aber mit sehr großer Wahrscheinlichkeit nicht der höchste Gipfel. Ein anderer Gipfel kann aber nur durch eine große Mutation, einen Weitsprung erreicht werden. Ein solcher Weitsprung endet aber mit großer Wahrscheinlichkeit nicht auf einem Gipfel, sondern in einem lebensunfreundlichen Tal. Es gibt auch kein systematisches Verfahren, in einem vieldimensionalen System einen höheren Gipfel zu finden. Genau das ist das Problem der Evolution.

Das gleiche Problem findet sich natürlich auch bei der Evolution gesellschaftlicher Systeme. Der reale Sozialismus hatte einen lokalen Gipfel erreicht, von dem es nach allen Seiten nur noch bergabwärts ging. Aber es war nicht der höchste Gipfel. Die Perestroika und die Wende waren ein Weitsprung, bei dem wir in das Tal gefallen sind. Der Kapitalismus sitzt auf einem anderen Hügel, der Gipfel ist in Sicht, aber es geht auch überall abwärts, und ein höherer Gipfel ist nicht in Sichtweite. Also wird es wieder einen Weitsprung geben müssen.

Mit der dargestellten Problematik beschäftigt sich in jüngster Zeit die Evolutionsforschung und die Erforschung komplexer Systeme. Durch Computersimulationen werden die Formen der Fitneßlandschaften untersucht, die eine erfolgreiche Evolutionsstrategie ermöglichen.

 

Evolution - ein schmaler Grad zwischen Chaos und Ordnung

Wenn der Verkopplungsgrad der Elemente eines Systems groß ist, ist die Fitneßlandschaft wenig korreliert und stark zerklüftet, es gibt viele niedrige lokale Gipfel, von denen einer erreicht wird, wenn das Optimierungsziel zentral vorgegeben wird, der aber nicht wieder verlassen werden kann, weil dies dem Optimierungsziel widerspricht. Für ein so organisiertes System endet die Evolution auf einem niedrigen Gipfel. Das System muß aussterben, wenn ein anderes konkurrierendes System einen höheren Gipfel erreicht.

Abhilfe kann geschaffen werden, wenn die Elemente zu Feldern zusammengefasst werden, die ihre Optimierungsziele unabhängig vom Gesamtziel des Systems festlegen. Werden die Felder zu klein gewählt, so ergibt sich wegen vieler widersprechender Bedingungen chaotisches Verhalten mit niedriger Gesamtfitneß. Werden die Felder zu groß gewählt, so fährt sich das System schnell auf niedrigen Gipfeln fest. Die höchsten Gipfel werden erreicht, wenn die Größe der Felder dicht an der chaotischen Grenze liegt, weil es dann unwahrscheinlich ist, daß alle Felder gleichzeitig ihr lokales Optimum erreichen. Auf diese Weise bleibt das System ständig in Bewegung. Es kommt also darauf an, die Größe der autonomen Felder der Komplexität des Systems anzupassen. Je komplexer das System, um so größer ist der chaotische Bereich und um so größer müssen die Felder gewählt werden. Bei zu großem Kopplungsgrad besitzt das System überhaupt keinen geordneten Bereich und verhält sich immer chaotisch. Dies entspricht dem Charakter der Komplexität, die zunächst mit dem Kopplungsgrad anwächst, dann aber in das Chaos abkippt.

Ein solches System kann nur stabilisiert werden, indem man die Abhängigkeit jedes Elementes von den anderen Elementen verringert, d.h. den Kopplungsgrad reduziert. Der Kopplungsgrad wird reduziert, wenn man das Gesamtproblem in lose gekoppelte Felder mit starker innerer Kopplung zerlegen kann. Bei zentral vorgegebener Spezifikation der Aufgabe der Felder besteht das Problem in der richtigen Vorgabe der Spezifikation für jedes Feld, weil sie meistens falsch ist und nicht dem eigentlichen Problem entspricht, das niemand kennt. Wichtiger als die richtige Spezifikation des zu lösenden Teilproblems ist deshalb die richtige Größe und Aufteilung der Felder, die durch Koevolution ihre Aufgabe selbst zu finden haben. Damit steht die Frage der günstigsten Evolution sozialer Systeme.

 

Besonderheiten hochkomplexer sozialer Systeme

Entstehungsweise und Stabilitätskriterien sozialer Systeme haben zur Folge, daß solche Systeme von vornherein zur Selbstreflexion tendieren und durch ihr Selbstverständnis ihre Funktion immer weiter ausbauen und ihre Grenzen zur Umwelt immer schärfer fassen. Infolgedessen entsteht eine operative Geschlossenheit ihrer internen Prozesse, die sich selbst aus ihren inneren Bestandteilen immer wieder reproduzieren. Ohne Kontakte zur Umwelt würde sich aber ein operativer Kreislauf der Innenprozesse ergeben, der eine Evolution des Systems ausschließt. Verbindungen zur Umwelt sind deshalb auch für soziale Systeme lebensnotwendig, weil sie sonst nicht in der Lage sind, auf Veränderungen der Umwelt in der notwendigen Weise zu reagieren. Das System bestimmt aber selbst, welche Verbindungen es für sich als wichtig hält und weist alle anderen Kommunikationen als für das System irrelevant ab. Maßstab für diese Auswahl ist das innere Modell, das sich das betreffende System von seiner Umwelt macht.

Lernprozesse und das innere Modell der Außenwelt

Die Entstehung der inneren Funktionsmodelle führt zur Entkopplung des direkten Zusammenhanges zwischen Umweltreiz und Reaktion, in den die Wissensbestände des Systems eingeschaltet werden. Voraussetzung für eine derart reflexive Handlungsweise ist die Erweiterung der Wissensbasis des betreffenden Systems durch Beobachtung und Analyse der Funktionsweise der Umweltsysteme. Während einfaches Erfahrungswissen lediglich dazu geeignet ist, in sich wiederholenden Situationen hilfreiche Handlungsstrategien zu finden, erzeugt die gezielte Beobachtung und Analyse der Umweltsysteme eine kognitive Komplexität des betreffenden Systems, die der äußeren Umwelt ein inneres Abbild gegenüberstellt, an dem das System seine zukünftig auszuwählenden Handlungsstrategien theoretisch vorbereitet. Verbunden mit dieser mehrfachen Reflexion ist die weitere Ausprägung des Selbstbewußtseins des betrachteten Systems und seiner Integrationsfähigkeit in das übergeordnete System.

Die soziologische Systemtheorie erkennt die o.a. Gesetzmäßigkeiten als emergente Eigenschaften aller Arten sozialer Systeme, seien dies nun Familien, Gruppen, Organisationen, Unternehmen oder Staaten. Alle diese sozialen Systeme handeln nicht auf der Basis des Willens individueller Akteure, sondern auf Grund der systemimmanten emergenten Eigenschaften des jeweiligen Systems, das sich über die individuellen Interessen hinaushebt und hinwegsetzt.

Traditionell werden entwickelte Gesellschaften durch den Staat geleitet (gesteuert). Dabei wird davon ausgegangen, daß eine mit diktatorischer oder demokratisch legitimierter Macht ausgestattete Regierung hierarchisch aufgebaute Teilsysteme der Gesellschaft zentralistisch steuert oder versucht, durch Eingriffe in autonome Teilsysteme eine Integration dieser Systeme in die Gesamtgesellschaft zu erreichen.

Die gesetzmäßig zunehmende Komplexität der Gesellschaft hat aber zur Folge, daß auf der einen Seite immer mehr soziale Teilsysteme durch Selbststeuerungsprozesse für ihr Teilgebiet Autonomie erwerben und auf der anderen Seite der zentralgesteuerte Staat nicht mehr in der Lage ist, die Komplexität der gesamten Gesellschaft zu überblicken und seine Steuerungsfunktion auszuüben.

Als erste müssen diktatorisch - zentralistisch gesteuerte Staaten vor der Unbeherrschbarkeit der wachsenden Komplexität der erforderlichen Steuerungsaufgaben kapitulieren, weil ihnen die durch demokratische Rückkopplung geförderte Lernfähigkeit fehlt.

Aber auch die Staaten nach dem Muster der westeuropäischen Demokratien sind zunehmend nicht mehr in der Lage, ihre Steuerungsaufgaben zu erfüllen, weil das Prinzip der Legitimation ihrer Macht durch Wahlakte der Individuen im Widerspruch steht mit der Fähigkeit der Individuen, die Komplexität der Gesellschaft zu durchschauen und durch individuelle Handlungen zu beeinflussen. Der Staat aber ist zunehmend nicht mehr die Verkörperung des gesamten gesellschaftlichen Systems, sondern wird mehr und mehr zu einem autonomen, politischen Teilsystem, das in Bezug auf die übrigen Teilsysteme der Gesellschaft keine Eingriffsmöglichkeiten hat und zur Durchsetzung gesamtgesellschaftlicher Interessen auf Verhandlungen angewiesen ist.

Wenn hierarchisch organisierte Systeme nicht mehr in der Lage sind, ihre internen Steuerungsaufgaben wahrzunehmen, so gibt es nur einen Ausweg: Die Teilsysteme müssen die Fähigkeit erwerben, sich selbst zu steuern, und autonom werden. In dieser Linie liegt der systemische Grundgedanke der Demokratie.

 

Evolutionsprozesse in der Gesellschaft

Evolution und Gesellschaft

Wie der Mensch im Ergebnis der biologischen Evolution als das höchstentwickelte Lebewesen zu betrachten ist, so muß die heutige menschliche Gesellschaft als ein komplexes, aus dem Evolutionsprozeß entstandenes System angesehen werden, dessen Teilsysteme die Wirtschaftseinheiten und Nationen und dessen Elemente die Menschen selbst sind. Von diesem Standpunkt aus gesehen, müssen sich Grundprinzipien und Strategien der Evolution auch im Verhalten der gesellschaftlichen Teilsysteme widerspiegeln. In diesem Sinne ist die Gesellschaft ein komplexes, stochastisches System, das der weiteren Evolution unterliegt.

Mit der Entstehung von Mensch und Gesellschaft wird eine Stufe der Evolution erreicht, in der das Bewußtsein als neue Eigenschaft eines Systems auftaucht und für die weiteren Evolutionsprozesse entscheidende Bedeutung erlangt.

Das individuelle Bewußtsein schafft ein von der jeweiligen Stellung des Individuums im System und von seiner Erfahrung abhängiges subjektives Abbild seiner Umwelt und steuert das Verhalten des Individuums im Interesse seiner optimalen Adaptation an seine Umgebung, die zu seiner Existenz und zu seinem Wohlbefinden erforderlich ist.

Das gesellschaftliche Bewußtsein (Poppers Welt 3, die Welt des gesellschaftlichen Wissens) abstrahiert aus den subjektiven Weltbildern der Individuen ein zusammenfassendes und verallgemeinerndes Abbild des gesellschaftlichen Systems, ist aber nicht einheitlich, sondern zerfällt in unterschiedliche Bestandteile, die der Struktur des jeweils betrachteten Teilsystems entsprechen. Die einzelnen Bestandteile des gesellschaftlichen Bewußtseins durchdringen das Bewußtsein der einzelnen Individuen in unterschiedlichem Maße, die Individuen nehmen jeweils nur einzelne Teile des gesellschaftlichen Bewußtseins in sich auf und nehmen davon ausgehend Einfluß auf die Steuerung des gesamtgesellschaftlichen Systems oder einzelner seiner Strukturen. Nicht jeder einzelne Mensch hat Zugang zu allen Teilen des gesellschaftlichen Bewußtseins, das würde ihn überfordern.

Mit dem Auftauchen des Bewußtseins aber erhält der zunächst spontane Prozeß von Mutation und Selektion eine neue Qualität. Während bislang eine ungünstige Mutation erst durch den abgelaufenen Prozeß der Selektion als solche "erkannt" und das betroffene System physisch ausgemerzt wurde, sind nunmehr "theoretische Probemutationen" möglich, deren Wirkung bis zu einem gewissen Grade prognostizierbar ist. Ungünstige Mutationen können deshalb im voraus als solche erkannt und eliminiert werden, ohne daß die Existenz des Systems aufs Spiel gesetzt werden muß. Das hat eine wesentliche Beschleunigung der Evolution zur Folge. Außerdem ergibt sich damit die Möglichkeit, daß auch ein nicht in selbständig reproduzierende Teilsysteme zerlegbares System ohne äußere Konkurrenz seine innere Struktur weiterentwickeln kann.

 

Evolution in der Marktwirtschaft

Die heutige Gesellschaft ist auf Wirtschaftswachstum orientiert, wobei der Markt die zentrale Rolle bei der Steuerung der Wachstumsgeschwindigkeit innehat. Auf dem Markt treffen hierarchisch strukturierte komplexe Wirtschaftseinheiten aufeinander und werden entsprechend ihrer wirtschaftlichen Effektivität selektiert. Am Warenmarkt werden Produzenten gleicher und vergleichbarer Waren nach dem Bewertungskriterium "maximale Profitrate" selektiert. Der Selektionsdruck wird durch die begrenzte zahlungsfähige Nachfrage der Verbraucher erzeugt. Durch Ausselektierung der weniger effektiven Produzenten sinkt die Profitrate auch der durchschnittlichen Produzenten unter den Durchschnitt. Damit entsteht der Zwang zur Verbesserung der Herstellungstechnologie und Produzenten mit höherem Aufwand für Forschung und Entwicklung können ihre Profitrate schneller verbessern und das System wird evolutionsfähig. Bei den größten und effektivsten Produzenten wird wegen des zunehmenden Aufwandes für die weitere Ausdehnung des Produktionsumfanges eine Hemmung der Wachstumsgeschwindigkeit wirksam, die auch weniger effektiven Produzenten das Überleben ermöglicht.

Am Arbeitsmarkt werden Arbeitskräfte entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit ausselektiert. Bewertungsmaßstab ist der mögliche Beitrag zur Profitrate der Produzenten, der sich als Arbeitsleistung, bezogen auf die anfallenden Lohnkosten darstellt. Die Konkurrenzbedingung wird durch die begrenzte Anzahl benötigter Arbeitsplätze gestellt und bezieht sich nur auf Spezialisten eines Fachgebietes. Vorleistungen an Ausbildung und Qualifizierung erhöhen den Selektionswert der Arbeitskraft, womit der Anreiz zur Qualifizierung entsteht.

Am Finanzmarkt werden die aus dem Profit der Produzenten stammenden Mittel zwischen den Industriezweigen umverteilt. Entscheidend für die Verteilung der Kredite ist die in den verschiedenen Zweigen erzielbare Profitrate, die dort am höchsten ist, wo der Bedarf der Verbraucher nicht abgedeckt werden kann. Das Gleichgewicht zwischen Finanzangebot und Finanzbedarf wird durch den Zins hergestellt.

Das alles hat bereits Karl Marx beschrieben, ich bringe es nur in den allgemeinen Zusammenhang der Evolution und stelle fest, daß sich auch hier die allgemeinen Gesetzmäßigkeiten der Evolution zeigen.

Obwohl das Wachstum der Banken aus der Differenz der Zinsen zwischen Kreditvergabe und Kreditnahme gespeist wird, ist keine echte Konkurrenzsituation vorhanden, da die Banken insgesamt gegenseitig versichert und gesichert sind. Demzufolge findet auch keine nennenswerte Selektion statt und es gibt außer dem Mengenwachstum keine qualitative Entwicklung. Außerdem gibt es am Finanzmarkt instabile Punkte, da auch der Bedarf an Finanzkapital die Zinsen steigen läßt und bei hohen Zinsen Finanzkapital angehäuft wird, das wieder Zinsen bringt, so daß eine positive Rückkopplung entsteht und sich kein Gleichgewicht einstellt.

Nationale Märkte sind ein Ausdruck noch existenter nationaler Wirtschaftssysteme, die durch politische Maßnahmen (Zölle) voneinander abgegrenzt werden. Das wirtschaftliche Gleichgewicht stellt sich in den kleineren nationalen Systemen schneller ein als international. Die nationalen Wirtschaftssysteme treffen auf dem Weltmarkt aufeinander und unterliegen dort dem Selektionsdruck, der die nationalen Wirtschaften zur Erhöhung ihrer Profitraten zwingt. Dem Selektionsdruck kann nur durch die völlige Isolation vom Weltmarkt ausgewichen werden. Das sozialistische System versuchte mit dem Bau der Mauer diesen Weg zu gehen, die vollständige Isolation war aber aus technologischen Gründen nicht erreichbar.

Da infolge der schnellen elektronischen Informationssysteme insbesondere Geldgeschäfte durch Entfernungen nicht mehr behindert werden, wird der Finanzmarkt zunehmend internationalisiert. Das internationale Bankkapital wird dadurch in die Lage versetzt, die freien Finanzmittel schnell in die Regionen zu transferieren, welche die höchsten Profitraten versprechen. Das führt als nächstes zu einer Internationalisierung der Warenmärkte, die zur Zeit in vollem Gange ist. Die kapitalkräftigsten Industrieländer können bei dieser Entwicklung die größten Vorteile realisieren und spielen eine führende Rolle in diesem Prozeß. Wegen der relativen Ortsgebundenheit der Arbeitskräfte bleibt der Arbeitsmarkt am längsten ein nationaler Markt und ermöglicht damit den führenden Industrienationen die Realisierung hoher Profitraten in den Entwicklungsländern. Eine Folge dieser Situation ist das Problem der "Wirtschaftsasylanten", die einen Druck in Richtung einer Internationalisierung des Arbeitsmarktes erzeugen. Die Tendenzen in der Evolution der Marktwirtschaft sind somit eindeutig in Richtung einer Internationalisierung und damit auf den Aufbau immer größerer und komplexerer Wirtschaftssysteme gerichtet (z.B. Europäische Union), die sich auf Grund ihres schnelleren Wachstums durchsetzen können.

Anforderungen an ein entwicklungsfähiges Gesellschaftssystem

Ein Gesellschaftssystem, das den Anspruch erhebt, fortschrittlich, d.h. zukunftsträchtig zu sein, muß gesellschaftliche Evolutionsprozesse in Rechnung stellen, fördern und unterstützen. Dabei muß ein evolutionsfähiges Gesellschaftssystem eine ausreichende Stabilität besitzen, d.h. es muß in der Lage sein, die gesellschaftlichen Strukturen aufrechtzuerhalten und zu reproduzieren, ohne jedoch innovative Veränderungen unmöglich zu machen. Das erfordert, daß die aus den unterschiedlichsten Interessenlagen der Bürger ständig stochastisch entstehenden Veränderungsideen solange toleriert werden, bis sie ihre Tragfähigkeit und Relevanz unter Beweis gestellt oder ihre Bedeutung eindeutig negiert werden kann. Es muß jedoch verhindert werden, daß gegensätzliche Interessen unausgeglichen gleichzeitig zu große Einflußmöglichkeiten erhalten und damit die Aufrechterhaltung der Systemstrukturen gefährden. Es muß das revolutionäre und das konservative Potential der Gesellschaft auf einem Niveau eingestellt werden, das dicht unterhalb der Instabilitätsschwelle für die Mutationsrate liegt. Eine konsequent realisierte parlamentarische Demokratie mit einer nicht zu hoch angesetzten Sperrklausel könnte hierfür eine geeignete Basis sein, wenn auch Minderheiten unterhalb der Sperrklausel Entwicklungsmöglichkeiten erhalten, um Innovationen zu ermöglichen.

Opportunismus und Beeinflußbarkeit der Mehrheit der Bevölkerung haben biologische (Anpassungsfähigkeit) und historische kulturelle Wurzeln und eine große Bedeutung für die Sicherung der Stabilität des Gesellschaftssystems und werden deshalb auch in jedem Staat durch das Bildungssystem und die informativen Medien gefördert. Werden dadurch jedoch innovative Ideen zu stark unterdrückt, so wird das Gesellschaftssystem zu konservativ und kann sich nicht mehr entwickeln. Das war in der DDR in den letzten 10 Jahren der Fall und eine der Ursachen für ihren Untergang. In der BRD besteht die Gefahr einer analogen Entwicklung.

Wenn umgekehrt die Mehrheit der Bevölkerung aus Autonomen bestünde, wäre die Existenz einer evolutionsfähigen Gesellschaft auch nicht gewährleistet und es würde eine Art "Mutationskatastrophe" eintreten.

Für die Steuerung der Warenproduktion stellt die Marktwirtschaft einen geeigneten Regulierungsmechanismus zur Verfügung. Sie funktioniert jedoch nur unter Konkurrenzbedingungen. Die Konkurrenz der Produzenten verhindert aber gleichzeitig eine ausreichende Weitsicht der Entscheidungen, wie sie zur Beherrschung der ökologischen Wachstumsbeschränkungen in Zukunft unbedingt erforderlich ist. Gleichzeitig ermöglicht die Marktwirtschaft wegen ihrer privatkapitalistischen Grundlage und der Konzentration des Kapitals in den Händen der Banken die Interessensteuerung der gesellschaftlichen Entscheidungsträger in Richtung einer konservativen Gesellschaft und engt damit die Evolutionsmöglichkeiten der Gesellschaft ein. Der Finanzmarkt jedoch erzeugt Instabilitäten.

Zur Sicherung der Evolutionsfähigkeit ist es erforderlich, die Interessenlage der politischen Entscheidungsträger von den Beeinflussungsmöglichkeiten durch das Privatkapital abzukoppeln und stattdessen die Einflußmöglichkeiten der Wissenschaft und Forschung entscheidend zu stärken und für die Steuerung der Wirtschafts- und Gesellschaftsentwicklung nutzbar zu machen. Notwendig wäre eine zentrale Steuerung der Interessen der Gesamtgesellschaft unter der Priorität der Erkenntnisse von Wissenschaft und Forschung. Auf die Problematik und die Grenzen einer zentralistischen Steuerung bin ich oben eingegangen. Auf jeden Fall ist aber Wissen über die Gesetzmäßigkeiten der Evolution erforderlich.

Für die Realisierung dieser Aufgabe gibt es zur Zeit keine politische Partei mit einem schlüssigen politischen Konzept. Zwar vertreten die Grünen teilweise die genannten Positionen, haben aber kein brauchbares Realisierungskonzept und sind bezüglich der ökologischen Forderungen teilweise eher konservativ als evolutionär. Am ehesten stehen für diese Aufgabe die visionären Vorstellungen der PDS zur Umverteilung der finanziellen Mittel von Oben nach Unten und zur Verteilung der Arbeit auf alle Mitglieder der Gesellschaft, die wissenschaftlichen Grundlagen für eine solche Politik sind aber eher unterentwickelt, obgleich der Marxismus wesentliche Ansatzpunkte bieten könnte, auch wenn er unbedingt einer Weiterentwicklung bedarf. Es bleibt abzuwarten, ob die gegenwärtig erkennbaren Bemühungen zur Überarbeitung des Parteiprogrammes dazu führen werden, der zukünftigen Politik der PDS eine mehr wissenschaftliche Grundlage zu geben.

Die Erkenntnisse aus der bisherigen Evolutionsgeschichte machen mir folgenden Gang der Ereignisse wahrscheinlich:

- Zunächst werden mit zunehmender Annäherung an objektive Wachstumsgrenzen die praktischen Probleme der Wirtschaftssteuerung immer prekärer (Arbeitslosigkeit, Müllbeseitigung, Gegensätze zwischen Industrieländern und Entwicklungsländern), so daß Unzufriedenheit mit politischen Entscheidungen immer mehr um sich greifen, ohne daß echte Lösungen angeboten werden.

- Wissenschaft, Forschung und Informationsaustausch spielen im Evolutionsprozeß eine immer größere Rolle und nehmen sich zunehmend der ungelösten Probleme an, wobei die gegenwärtig unpopulären gesellschaftswissenschaftlichen Methoden des dialektischen und historischen Materialismus in neuer Qualität wieder aufleben werden.

- Gesellschaftswissenschaftliche Theorien werden das Erfahrungsmaterial verallgemeinern und Lösungsvorschläge anbieten, die von fortschrittlichen, den Evolutionsgedanken aufgreifenden Parteien angenommen und realisiert werden.

Evolution des Bewertungskriteriums

Wenn durch objektive Bedingungen ein quantitatives Wachstum der Wirtschaft durch Ausdehnung nicht mehr möglich ist, muß analog zur biologischen Entwicklung der Mikroorganismen in der Phase des Energiemangels eine Evolution des Bewertungskriteriums einsetzen. Solange das kapitalistische Gesellschaftssystem nicht vollständig internationalisiert ist, ist kein wirksamer Druck in Richtung einer Änderung des Bewertungskriteriums vorhanden, weil nationale Wirtschaftssysteme und multinationale Konzerne weiterhin versuchen werden, auf Kosten anderer nationaler Systeme zu wachsen, bis die Internationalisierung konsequent durchgesetzt ist . Konsequenter Internationalismus muß deshalb ein Kennzeichen einer fortschrittlichen Partei sein, denn nationale Konzepte werden immer wieder zu internationalen Widersprüchen führen.

Der Aufbau des sozialistischen Weltsystems war ein Versuch, neue Bewertungskriterien in einem abgegrenzten Teilgebiet der Welt zu etablieren. Dieser Versuch scheiterte, weil die neuen Kriterien nicht auf das alte System übertragbar waren und bezüglich des alten Kriteriums eines maximal möglichen Wachstums das alte, profitorientierte System des Kapitalismus objektiv die besseren Selektionswerte, sprich Wachstumsgeschwindigkeiten realisieren konnte. Das alte System war und ist noch nicht an den objektiven Wachstumsgrenzen angelangt, an denen das alte Bewertungskriterium seinen Einfluß auf den Selektionswert verliert.

Die Änderung der Eigentumsverhälnisse an den Produktionsmitteln hat sich offenbar nicht als entscheidend für die Verbesserung des Selektionswertes erwiesen. Insbesondere hat die Arbeiterklasse die ihr von seiten des Marxismus zugedachte Funktion nicht erfüllen können, weil die Mehrheit der Arbeiter den Zusammenhang der Verbesserung ihrer Lebenslage mit der Entwicklung des Gesamtsystems nicht nachvollziehen konnte und eine direkte Kopplung von Lohn und Leistung zu schwach ausgeprägt war. Eine höhere Wachstumsgeschwindigkeit kann somit auch nicht das Wesen eines qualitativ neuen Wirtschaftssystems sein. Das war ein Irrtum von Marx (oder war das erst ein Irrtum Lenins ?).

Erst nachdem die Internationalisierung der Gesellschaft vollzogen, das heißt eine Art Weltparlament geschaffen ist, wird ein unkontrolliertes Wachstum eines Teilsystems auf Kosten der anderen nicht mehr möglich sein. Spätestens dann wird die Aussichtslosigkeit der Fortführung rein marktwirtschaftlicher Wachstumskonzepte so offensichtlich sein, daß die Rolle neuer Gesellschaftskonzepte in breitem Maße erkannt und mit deren Realisierung in Teilbereichen begonnen werden muß.

Der Schwerpunkt der Systemevolution muß sich dann zwangsläufig auf die Bewertung anderer Entwicklungskriterien verlagern, unter denen zweifellos eine Reihe der Errungenschaften des realen Sozialismus sich wiederfinden werden. Gleichzeitig wird die Bedeutung der Gesellschaftstheorien anwachsen, die eine zuverlässigere Prognose der Selektionswerte liefern und damit eine theoretische Selektion von Varianten künftiger Entwicklungen ermöglichen, bereits zu einem Zeitpunkt, zu dem die physische Ausselektierung uneffektiver Varianten noch nicht eingesetzt hat.

Die Aufgabe einer fortschrittlichen Partei muß es daher sein, neue Bewertungsmaßstäbe der Lebensqualitäten vorzubereiten und entsprechende Ideologien zu verbreiten, auch wenn unter den heute herrschenden Bedingungen noch keine Realisierungsmöglichkeiten bestehen. Pluralität und Förderung des allgemeinen Evolutionsgedankens ist dann heute für eine solche Partei wichtiger als ein einheitliches Konzept, das in nächster Zeit ohnehin nicht realisiert werden kann, weil die Zeit noch nicht reif ist.

Die Transformation der profitorientierten Marktwirtschaft, die dem individuellen Bewußtsein breite Wirkungsmöglichkeiten einräumt, in eine vom gesellschaftlichen Bewußtsein gesteuerte Gesellschaft ist eine mit Notwendigkeit zu bewältigende Aufgabe, deren konkrete Lösung zur Zeit jedoch nicht vorhersehbar ist. Potentielle Ansatzpunkte liefern aber auf jeden Fall die Programme der Grünen und der PDS.

Ebeling und Feistel formulieren in "Chaos und Kosmos" dieses Problem wie folgt: Ein gesunder Kompromiß zwischen den selbstregulierenden Evolutionsmechanismen des Marktes und bewußter restriktiver Gestaltung durch die Menschen muß gefunden werden, ein Weg, für den es kein Patentrezept gibt, sondern der wie bei allen Vorgängen der Evolution Schritt für Schritt ertastet und erprobt werden muß. Die gesellschaftliche Selbstorganisation erfordert Einschränkungen durch Regelmechanismen, die an den Ordnungsparametern (z.B. Kosten, Steuern, und moralische Werte) angreifen. Staatliche und internationale Organisationen müssen die Steuerung übernehmen.

Entwicklungsstand eines Gesellschaftssystems

Entsprechend den o.a. Überlegungen wäre der Entwicklungsstand eines Gesellschaftssystem durch die Komplexität seiner wirtschaftlichen und politischen Strukturen bestimmt. In dieses Bewertungsmaß geht sowohl der Umfang und die Vielfalt des Produktionssortimentes wie auch der hierarchische Aufbau seiner politischen und wirtschaftlichen Strukturen, der Lebensstandard und die Kulturlandschaft ein. Stand der Technik, Arbeitsproduktivität und Profiteffizients allein können den Entwicklungsstand jedenfalls nicht charakterisieren.

Gesellschaftlicher Fortschritt ist die Zunahme der Komplexität des Gesellschaftssystems. Fortschrittliche Parteien und Organisationen fördern durch ihre Tätigkeit die Komplexität des Gesellschaftssystem, konservative sind an der Erhaltung des bestehenden Systems interessiert und reaktionäre Parteien wollen die Komplexität einschränken und auf früher vorhandene Zustände reduzieren.

Die Zunahme der Komplexität des Gesellschaftssystem erfordert zwangsläufig auch eine erhöhte Qualität der Steuerung des Gesamtsystems, wobei aber die Selbstregulierung untergeordneter Teilsysteme eine unerläßliche Voraussetzung ist, auf die nicht verzichtet werden kann.

Schätzt man die politische Entwicklung der DDR unter diesen Gesichtspunkten ein, so kommt man zu der Schlußfolgerung, daß in den Anfangsjahren beim Aufbau neuer Strukturen enorme fortschrittliche Leistungen zu verzeichnen waren, während etwa ab 1980 reaktionäre Tendenzen auftraten und ausgesprochen konservative Elemente sich durchsetzten und das Urteil der Geschichte dementsprechend ausfiel.

Wesentlichen Anteil an dieser Entwicklung hatte auch die faktische Unterschätzung der Rolle der Gesellschaftswissenschaften und deren notwendiger Weiterentwicklung. Obwohl die in den Jahren um 1970 entstandene Systemtheorie der politischen Ökonomie des Sozialismus wesentliche Elemente der Selbstregulierung der Wirtschaftseinheiten theoretisch begründete, wurden diese nie konsequent in die Praxis überführt. Deshalb war die zunehmende Komplexität der Wirtschaftsstrukturen durch zentralistische Führung nicht mehr zu bewältigen. Derartig komplexe Systeme sind auf die in der Evolution bewährten Methoden der selbständigen Ausselektierung uneffektiver Teilsysteme angewiesen , wenn die Fehlerrate bei der Reproduktion des Gesamtsystems hinreichend klein und die Evolutionsrate hinreichend groß gehalten werden soll.

Ursache für die faktische Nichteinführung des Neuen Ökonomischen Systems der Planung und Leitung der Volkswirtschaft in der DDR war die offensichtlich starke Abhängigkeit von der Wirtschaft der Sowjetunion, die zu diesem Zeitpunkt die Notwendigkeit dieser Maßnahmen nicht erkannte.

Ulrich Weiß kommt in seinem Aufsatz "Hort des Bösen oder gelobtes Land, Fragen zur Geschichte der DDR" sogar zu der Schlußfolgerung, daß die Abwendung von dieser Linie der endgültige Beweis war für die Unfähigkeit des real-sozialistischen Systems zu einer Weiterentwicklung in Richtung Sozialismus - Kommunismus. Diese Aussage ist jedoch zu relativieren, wenn man berücksichtigt, daß natürlich auch das NÖS entscheidende Mängel hatte. So ist z. B. die der sozialistischen Planwirtschaft und insbesondere auch dem NÖS zugrunde gelegte Annahme, man könne den Wert und damit auch den Preis einer Ware aus den Kosten der Produktion bestimmen, grundsätzlich falsch. Diese Annahme wurde ja auch im Außenhandel ignoriert. Dort galten grundsätzlich die Preise des kapitalistischen Weltmarktes, weil die sozialistische Ökonomie keine wirksame andere Methodik zu deren Ermittlung hatte.

Der Wert einer Ware ist keine der Ware eindeutig zuordenbare Eigenschaft, sondern ergibt sich erst aus der Bedeutung der Ware für die Evolution des Systems. Das gilt auch für den Wert der Ware Arbeitskraft. Nicht die Arbeitskraft an sich hat die Eigenschaft, Mehrwert zu produzieren, sondern der Mehrwert ist eine echt emergente Eigenschaft des Systems Mensch - Maschine.

Differenziert muß der zweifellos vorhandene Mangel an Demokratie in der DDR eingeschätzt werden. Einerseits waren die Unterdrückung abweichender Meinungen kompetenter Funktionäre und die strikte Parteidisziplin eine wesentliche Ursache für das Unterbleiben rechtzeitiger Korrekturen des politischen Kurses. Andererseits wurde diese Unterdrückung abweichender Meinungen gerade durch die formale Betonung der führenden Rolle der nicht immer kompetenten Arbeiterklasse und deren Anrufung seitens der Parteiführung durch demokratisch aussehende und zum großen Teil auch demokratisch zustande gekommene Zustimmungserklärungen zum aktuellen politischen Kurs bewirkt.

Die politische Entwicklung in der DDR und in der Wende und Nachwendezeit hat gezeigt, daß offenbar die Mehrheit der Bürger kein tiefergehendes Interesse und Verständnis für politische Entwicklungen hatte und Fragen ihres persönlichen Wohlergehens im Mittelpunkt ihres Interesses stehen. Diese Haltung zeigte sich in der Breite der opportunistischen Einstellungen in der DDR und setzt sich fort in der zunehmenden Nichtwählerbewegung und in der Anfälligkeit gegenüber von den Medien verbreiteten Meinungen heute. Das ist ein Ausdruck dafür, daß das Verhalten der Individuen durch ihr jeweiliges individuelles Bewußtsein bestimmt wird, das in Richtung einer Anpassung des Individuums an seine gesellschaftliche Umwelt wirkt, und daß das gesellschaftliche Bewußtsein in sehr unterschiedlichem Maße das individuelle Bewußtsein durchdringt. Die zukünftige Lösung der gesellschaftlichen Probleme erfordert einen weiteren Ausbau des gesellschaftlichen Bewußtseins und dessen stärkeres Eindringen in das individuelle Bewußtsein vieler Menschen.

Die jüngsten Erfahrungen der Geschichte zeigen, daß nicht eine oberflächliche demokratische Willensäußerung, sondern erst ein tiefgründigeres Eindringen des gesellschaftlichen Bewußtseins in das Bewußtsein der Individuen solche Veränderungen des Gesellschaftssystems bewirken kann, die sein Funktionieren auch im Sinne einer weiteren Evolutionsfähigkeit sichern.

Eine auf die fortschrittliche Weiterentwicklung der Gesellschaft orientierte Demokratie sollte diesen Zustand akzeptieren und den wirklich an politischen Fragen der weiteren Gesellschaftsentwicklung interessierten Bürgern weitgehende Mitbestimmungsrechte einräumen , aber nicht versuchen, durch propagandistische Manipulationen den Uninteressierten zu veranlassen, ein Interesse vorzutäuschen, wie dies in der DDR praktiziert wurde und was auch heute in der Bundesrepublik vor allem im Wahlkampf die Regel ist.

Auch wenn die Forderungen parlamentarischer und außerparlamentarischer demokratischer Willensäußerungen häufig inhaltlich nicht mit den objektiv notwendigen evolutionären Schritten in Übereinstimmung sind, bilden solche Willensäußerungen doch ein Regulativ, das durch seine Wirkungen und Gegenwirkungen dazu beiträgt, die für die weitere Evolutionsfähigkeit notwendige Stabilität und Flexibilität des Gesellschaftssystems zu gewährleisten. In der mehrheitlichen Nichtübereinstimmung demokratischer Willensäußerungen mit objektiv notwendigen Evolutionsschritten äußert sich eine Unreife des individuellen und gesellschaftlichen Bewußtseins , deren Nichtbeachtung letzten Endes auch die wirksame Realisierung dieser Schritte in Frage stellen würde.

Was ist Fortschritt - Können wir die Evolution steuern ?

Fortschritt ist die weitere Erhöhung der Komplexität durch Erweiterung der Vielfalt der Teilsysteme und ihrer Verflechtungen in der Welt. In dieser Richtung wirkt die Evolution. Diese Entwicklung kann nicht aufgehalten werden. Das endgültige Ziel der Evolution kann nicht im Detail bestimmt und vorausgesagt werden, denn es ergibt sich erst im Laufe der Evolution. Durch Erforschung der Gesetzmäßigkeiten der Evolution ist es jedoch möglich, jeweils naheliegende Schritte so auszuwählen, daß Katastrophen verhindert und Sackgassen erkannt werden, ehe man an deren Ende angekommen ist.

(vorgetragen am 31.März 2000 im Verein Bucher Zukunftswerkstatt)

 

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