5. Verhaltensmodell

Gekürzter Auszug aus dem Kapitel 5 (S. 162ff.) des Buches von Herbert Hörz: Selbstorganisation sozialer Systeme. Ein Verhaltensmodell zum Freiheitsgewinn, in: Herbert Hörz (Hrsg.) Selbstorganisation sozialer Prozesse, Band I, LIT-Verlag Münster, Hamburg 1994

Inhalt

5.1. Modellhypothese

Neid ist die antizipatorische Fähigkeit der Menschen, sich einen Platz in der gesellschaftlichen Hierarchie zuzuordnen, den andere scheinbar oder wirklich erreicht haben.

Psychologisch-anthropologisch ist Neid als eine grundlegende Eigenschaft menschlichen Verhaltens zu erklären, die mit den antizipatorischen Fähigkeiten der Menschen entstand.

Ethisch-religiös ist Neid als Streben nach anderen Gütern positiv und negativ bewertet.

Für die Selbstorganisation sozialer Systeme ist die soziale Relevanz des Neids als wesentliche Triebkraft des Handelns bei der Gestaltung der Strukturen zu betrachten.

Als Liebe wird das durch gegenseitige Achtung geprägte menschliche Zusammenleben charakterisiert, das solidarische Hilfe und kameradschaftliche Unterstützung einschließt.

Die sozial-politische Komponente der Liebe ist vor allem die Solidarität der Unterdrückten und Ausgebeuteten, ist so die Hilfe für Schwache und Bedürftige, verlangt also die Integration der Geschädigten in die menschliche Gemeinschaft. Die anthropologisch-psychische Komponente umfaßt die Beseitigung von Diskriminierungen jeder Art.

Die ethische Komponente erfaßt so Freundschaft von Personen, die auf gegenseitiger Achtung aufgebauten sexuellen Beziehungen zwischen Individuen und die verschiedenen Arten von moralisch guten Beziehungen der Individuen in Kollektiven.

Die Modellhypothese lautet also nach diesen Überlegungen zu den Triebkräften menschlichen Handelns, den Antipoden Neid und Liebe: Menschliches Verhalten ist durch Neid und Liebe als menschlichen Grundeigenschaften stimuliert. Sie ergeben sich aus der notwendigen sozialen Organisation bei der Befriedigung materieller und kultureller Bedürfnisse. Sie bestimmen Selbstreproduktion und Selbsterhaltung der menschlichen Gattung. Sie sind die Triebkräfte für das individuelle Streben nach Nützlichem, Sittlichem und Schönem.

5.2. Theoretische und methodische Probleme

Die Heuristik des zu behandelnden Verhaltensmodells besteht in der möglichen Erklärung gesellschaftlicher Umbrüche globaler, regionaler und lokaler Art auf der Grundlage menschlicher Grundeigenschaften als Triebkräfte des Handelns in sich selbst organisierenden sozialen Systemen.

Die Zielfunktion des Modells ergibt sich aus den Idealen humanen Handelns, eine Assoziation freier Individuen mit sozialer Gerechtigkeit und ökologisch verträglichem Verhalten zu erreichen.

Erstens: Der Freiheitsgewinn der Persönlichkeit umfaßt solche Lebensformen, die die freie Entfaltung der Individualität garantieren, aber dabei nicht die Freiheit anderer Individuen einschränken sollen.

Konservatismus ist das Festhalten an überlebten Strukturen, obwohl die Möglichkeit weiteren Freiheitsgewinns existiert. Reformismus ist die Stabilisierung bestehender Systeme, obwohl Freiheitsgewinn die Umwälzung des Systems und nicht seine innere Reformierung verlangt. Konservatives Verhalten soll jedoch nur bedeuten, daß die vorhandenen Strukturen erhalten bleiben sollen. Reformerisches Verhalten ist wegen der Stabilität durch Evolution immer gefordert.

Zweitens: Die Menschheit ist eine Schicksalsgemeinschaft geworden. Sich zuspitzende lokale und regionale Krisen bergen Gefahren für die menschliche Gattung und ihre natürlichen Existenzbedingungen in sich.

Drittens: Das gescheiterte Experiment des Frühsozialismus, in dem durch Staatsdiktatur statt durch Kapitaldiktatur soziale Probleme auf humane Weise gelöst werden sollten, hatte zwar die monetären Strukturen durch zentrale Planwirtschaft ersetzen wollen, aber die bürokratischen Strukturen noch verstärkt.

5.3. Modellvoraussetzungen

Zu diesen neutralen Grundbestimmungen gehört vor allem die Fähigkeit und der Drang der Menschen zur sinnvollen Tätigkeit. Sie streben nach Geborgenheit im Kollektiv, in dem sie auch die Möglichkeit zum Gespräch mit Gleichgesinnten oder Mitleidenden haben.

Sinnvolle Tätigkeit und persönlichkeitsfördende Kommunikation sind unter solchen Bedingungen, die eine angemesene gerechte Befriedigung materieller und kultureller Bedürfnisse für die Individuen garantieren, die Grundlage für die Entfaltung ihrer kreativen Fähigkeiten in theoretischer und praktischer Hinsicht.

Entfaltung der Individualität ist wesentlich für das Streben nach Glück. Glück ist die Suche und das Finden des dem Individuum angemessen erscheinenden Platzes in der Gesellschaft mit bestimmten Anforderungen und Anerkennungen, mit angenehmen Lebensbedingungen und persönlichen Vorteilen, mit Lust und Liebe.

Moralische Bewertungen entstehen aus konkret-historischen Bedingungen, aus traditionell bestimmten Werten, aus sozialen Erfahrungen, also aus äußeren Determinanten (Recht, Staats- und Gruppenmoral) und ebenso aus inneren Zwängen (Gewissen, Wille).

Die erste Voraussetzung für das Modell menschlichen Verhaltens in sich selbst organisierenden sozialen Systemen ist die Gleichverteilung konservativer und reformerischer Kräfte in einer soziokulturellen Einheit.

Die zweite Voraussetzung für das Verhaltensmodell sind Neid und Liebe als Triebkräfte individuellen Handelns mit sozialer Relevanz.

5.4. Modellstruktur

Die Struktur des Modells kann man in Form eines Rechtecks darstellen, das die soziokulturelle Einheit als System veranschaulicht. Die eine Seite des Rechtecks stellt mit den Eckpunkten Masse und Individuum die Verbindungslinie beider als Bürger eines Staates oder Individuen einer Einheit dar. Die gegenüberliegende Seite mit den Eckpunkten Demokratie und Diktatur zeigt als Verbindungslinie beider die Staatsformen oder Formen gesellschaftlicher Organisation. Die Diagonale zwischen Demokratie und Individuum ist die Linie der Stabilität des Systems, weil sie die Verbindung zwischen freier Entfaltung der Individualität und demokratischer Organisationsform erfaßt. Sie trennt zugleich die reformerischen Kräfte mit den Massenforderungen nach demokratischen Veränderungen, deren Extrem die Forderung nach der Beseitigung des Systems ist von den konservativen Kräften mit dem Streben der Individuen nach persönlicher Macht, das im Extrem zur Diktatur von Personen führt. Das gibt Neid und Liebe den Spielraum zur Entfaltung ihrer positiven und negativen Wirkungen als Triebkräfte.

Stabil ist ein solches soziales System nur dann, wenn Toleranz zwischen konservativen und reformerischen Kräften existiert. Das ist Bedingung für seine Selbstorganisation. Deshalb ist die Stabilitätslinie zugleich die Toleranzlinie. Das setzt voraus, daß ein Toleranzbereich existiert, in dem sich konservative und reformerische Kräfte treffen, um solche Veränderungen in den Strukturen zu ermöglichen, die die Stabilität durch Evolution garantieren. In dem dadurch konstituierten Evolutionsraum wirken Neid und Liebe vor allem positiv als Triebkräfte. Die Konflikte werden mit Argumenten, Abstimmungen und sozialen Experimenten gelöst. Demokratische Kontrollmechanismen existieren. Das Ziel menschlichen Verhaltens ist programmatisch in der Forderung nach Freiheitsgewinn der Persönlichkeit durch Entwicklung oder gesellschaftlichen Fortschritt im Frieden enthalten. Die Mittel, um das Ziel zu erreichen, beruhen auf der Garantie der Menschenrechte. Sie sind rechtlich fixiert und als moralische Normen anerkannt. Letztere kontrolliert die öffentliche Meinung. Humane Ziele sind mit humanen Mitteln anzustreben. Das System ist also stabil, obwohl es sich durch Reformen verändert. Gerade die flexible Verarbeitung von Störungen und die Anpassung an neue Erfordernise durch Evolution der Strukturen garantiert die Stabilität des sich selbst organisierenden sozialen Systems.

Die Durchsetzung von bestimmten Interessen, die mit den Strukturen des existerenden Systems nicht gewährleistet sind, führen zum Verlassen des Evolutionsraums und zerbrechen die für die Stabilität notwendige Toleranz zwischen reformerischen und konservativen Kräften des Systems. Wir können deshalb die Diagonale zwischen Masse und Diktatur als die Linie instabiler Evolution betrachten, weil sie die extremen Richtungen der Evolution charakterisiert. Diktatur oder Revolution verändern das stabile Systeme und führen zu neuen Strukturen. Dabei ist die Herrschaft der konservativen Kräfte in der Diktatur, verbunden mit der Unterdrückung der reformerischen Kräfte, nur zeitweilig als stabilisierender Faktor zu betrachten. Sie endet in der Diktatur einer kleinen Gruppe mit Informations-, Macht- und Ideologiemonopol, die ihre Interessen durch Restriktionen und Repressionen durchsetzt. Das vergrößert das schon vorhandene Konfliktpotential. Massenbewegungen können dann die Beseitigung dieser Diktatur erzwingen, was als revolutionäre Veränderung wiederum einen neuen Evolutionsraum mit neuer Stabilitätslinie hervorbringen kann.

Eine funktionierende Demokratie enthält stets Ansätze zu einer zentralistischen Diktatur, da die ökonomischen und politischen Interessen bestimmter Machtgruppen mit dem Neid als Triebkraft darauf gerichtet sind, die der Demokratie eigene Teilung der Macht aufzugeben. In der Kapitaldiktatur verdecken jedoch monetäre und rechtlich-bürokratische Strukturen das persönliche Machtstreben. Solange demokratische Entscheidungs- und Kontrollmechanismen existieren, können sie gegen die Konzentration von persönlicher Macht eingesetzt werden. Sie verhindern aber Machtmißbrauch nicht im Selbstlauf. Gestaltung der Freiheit verlangt deshalb Abwehr des stets vorhandenen möglichen und des wirklichen Freiheitsverlusts durch die Ballung der Macht in kleinen Entscheidergruppen, die sich gegen die Interessen der Mehrheit ihren Vorteil sichern. Damit wird nämlich Intoleranz erzwungen und die Stabilität des Systems gefährdet.

Freiheitsgewinn ist in Diktaturen in bestimmten Grenzen durch soziale Reformen zu erreichen. Sie können in stabilen Systemen im Evolutionsraum entstehen. So hatte die Neue Ökonomische Politik in der Sowjetunion einen gewissen wirtschaftlichen Aufschwung bewirkt, die notwendige Eigeninitiative gefördert und das Überleben des Systems für weitere Zeiträume garantiert. Reformen können, gerichtet gegen ihre geplante und realisierte Unterdrückung, wie die Ereignisse in den osteuropäischen Ländern und in der DDR zeigten, durch spontane Massenbewegungen durchgesetzt werden. Damit wurden bestehende Strukturen erst einmal zerstört. Manche Reformer haben das zwar nicht gewollt, aber doch mit erzwungen.

Die neue Stabilität wird nun im Evolutionsraum kapitalistischer Marktwirtschaft gesucht. Er ist mit Intoleranzen verbunden und führt zu neuen Instabilitäten, weil die Konzeptionslosigkeit des Übergangs von der Staats- zur Kapitaldiktatur alte Beziehungen zwar zerstört, aber keine funktionierenden neuen effektiven und humanen Strukturen als Ersatz hat. Es wird nur regressive Reformierung mit zeitweiligen Verbesserungen für einige Gruppen angeboten. Soziale Probleme werden nicht auf neue Weise, sondern auf alte Weise antihuman gelöst. Das kann nur eine zeitweilige Stabilisierung nach der Zerstörung der alten Strukturen bringen. Sobald in der ehemaligen DDR die neuen Strukturen der Kapitaldiktatur ausgebildet sind, wird die Solidarität der Ausgegrenzten und Benachteiligten wachsen. Reformen sind jetzt schon und dann wieder erforderlich. Sonst werden sie erzwungen. Das kann zur Änderung wesentlicher Systemstrukturen in den neuen Systemen führen.

Massenbewegungen, die von konservativen Kräften gern verteufelt werden, sind immer auf Systemänderungen, erst einmal durch die anstehenden Reformen, aus. Wenn sie damit Entwicklung fördern und Freiheitsgewinn hervorbringen, sind sie keine Anschläge gegen die Demokratie. Sie erzwingen die Herstellung einer neuen Stabilität mit neuer Toleranzlinie und Evolutionsraum, um die freie Entfaltung der Individualität umfangreicher als bisher zu garantieren. Eine rechtsstaatliche demokratische Ordnung muß Möglichkeiten zur Artikulation des Willens von Massen für Reformen garantieren, sonst verletzt sie selbst die Forderung nach Demokratie. Demokratie ist eben auch Wechsel mächtiger Individuen und Entzug von Macht für Gruppen, die den Willen von Massen negieren.

Toleranz in einem demokratisch verfaßten gesellschaftlichen System ist Grundlage seiner Stabilität. Demokratie garantiert jedoch noch keineswegs die freie Entfaltung der Individualität. Wahlkämpfe um Stimmenmehrheit als Grundlage politischer Macht zeigen, wie die Manipulation des Wählerwillens durch viele Versprechungen und durch Denunziation der Wahlgegner erfolgt. Dabei wirkt der Neid in seinen negativen Komponenten nicht nur als Triebkraft. Er wird bewußt zur Manipulation eingesetzt. Solidarität soll zerstört werden. Die Existenz von Gruppen mit alternativen Interessen wird durch Mehrheiten bedroht. Spezifisches Machtstreben wird meist demagogisch als Ausdruck allgemeinen Interesses an Ordnung, Wohlstand und Freiheit ausgegeben. Deshalb ist es wichtig, die reale Situation des vorhandenen Freiheitsgewinns und des Freiheitsverlustes mit dem Reden über sie zu vergleichen, um das Ganze von der wirklichen Manipulation zu unterscheiden.

Das Verhaltensmodell erfaßt so die Grundzustände menschlichen Verhaltens, die sich aus dem menschlichen Wesen, individuellen, aber sozial wirksamen Triebkräften und den Grundformen sozialer Organisation in Verbindung mit typischer Individualität ergeben.

Interessant sind die konkreten Formationen und Deformationen dieses Grundzustands in bestimmten Zeiten und Räumen. Sie sind von der konkreten gesellschaftlichen Ordnung mit ihrer sozialen Differenzierung, von den ökonomischen Interessen bestimmter, den Markt beherrschender, Gruppen, von den politischen Machtkonstellationen, von den demokratischen Entscheidungs- und Kontrollmechanismen und den ideologischen Auseinandersetzungen abhängig. Die conditio humana, im Modell berücksichtigt, enthält als Möglichkeiten sowohl das menschliche Streben nach Freiheit und Gerechtigkeit, als auch die Bedingungen für die Deformation demokratischer Systeme, also Freiheitsgewinn und Freiheitsverlust, Untergang der Menschheit oder Entwicklung. Nichts ist vorgegeben. Einen Automatismus der Geschichte gibt es nicht und er existiert in diesem Modell nicht. Es gilt die alte Weisheit hervorragender Denker: Freiheit ist nur durch die eigene Tat zu erreichen und zu gestalten.

Entwicklungszyklen sind Prozesse der Bildung, Stabilität und Auflösung von Strukturen. Durch Reformen und Revolutionen kommt es zu neuen stabilen Grundzuständen, die gegenüber der Ausgangsqualität den Freiheitsraum erweitern können und so Freiheitsgewinn ermöglichen. Die in der Umgestaltung zerbrochene Toleranz ist meist nicht leicht wieder herzustellen. Alte Differenzen wirken nach. Schuldige werden gesucht. Täter maskieren sich als Opfer. Neue Toleranz bedarf deshalb auch des Verzeihens für früheres Verhalten, wenn zwar der äußere Druck über das Gewissen siegte, aber keine strafrechtlich relevanten Vergehen vorliegen. Rache steht der Toleranz im Wege. Souveräne Menschen können auch souverän im Umgang mit Fehlern der Vergangenheit sein. Jedoch auch hier wirken Neid und Liebe. Neid in seinen negativen Seiten will Schuldige und angeblich Schuldige verurteilen. Liebe fördert die Souveränität.

Welche praktische Wahrheit der allgemeinen Abstraktionen ergibt sich aus dem Modell für die DDR und ihre Auflösung? Dazu sind einige Aspekte zu beachten. In der DDR wurde der Evolutionsraum für notwendige Veränderungen immer weiter eingeschränkt und damit die Stabilitätslinie durch die Unterdrückung der Reformer verletzt. Die Implosion des Systems findet so auch seine Erklärung in der im Verhaltensmodell erfaßten conditio humana. Die praktische Wahrheit der abstrahierten Verhaltensweisen kann also mit dem Zusammenbruch der DDR demonstriert werden, die eigentlich einen besseren Tod über eine Konföderation verdient gehabt hätte.

Mit einer erfolgreichen, konzeptionell gut vorbereiteten und mit der Unterstützung von Massen durchgeführten Sanierung der erhaltungswürdigen Betriebe, der Übernahme kollektiver Formen landwirtschaftlichen Wirtschaftens, der Erhaltung effektiver Strukturen wäre nach 1990 auf dem Gebiet der ehemaligen DDR ein wichtiges historisches Beispiel für die Transformation eines zentralistischen in ein föderales System geschaffen worden. Das hat die Prestigesucht von vielen Politikern der verschiedensten Art, die offensichtlich auch den negativen Formen des Neids geschuldet ist, verhindert, die ihr eigentliches Mandat zum Freiheitsgewinn letzten Endes bewußt oder unbewußt genutzt haben, um populistisch zu wirken und für viele Bürger der ehemaligen DDR Freiheitsverlust durch Arbeitslosigkeit und sozialen Abstieg zu erreichen.

In der DDR wurde vor allem die für die Stabilität notwendige Toleranz zwischen konservativen und reformerischen Kräften durch das diktatorische Ideologie- und Machtmonopol einer kleinen Gruppe von Politikern ersetzt. Sie hatte den Bonus, aktiv gegen den Faschismus gekämpft zu haben. Da sie nicht rechtzeitig abtrat, um einer anderen Gruppe die Bewährung zu ermöglichen, verbrauchte sie ihren Bonus bis zur politischen und moralischen, vielleicht sogar strafrechtlichen Relevanz ihres Handelns. Ihre politisch-moralische Schuld liegt in der Verführung derer, die an sozialistische Ideale glaubten und sie realisieren wollten, aber dabei durch die eigenen Mitkämpfer gehemmt wurden.

Zeitweilige Stabilität konnte erreicht werden, weil Ideale weiter wirkten, aber zur Herrschaft nutzte man auch bestimmte preußische Traditionen. Dazu gehörte die bekannte und oft mit starken Worten bekämpfte unselige Tradition des Wilhelminischen Untertanengeistes mit seiner doch freiwilligen, aber teils auch widerwilligen Einordnung in das System und die des Amtmanns mit der staatlich geförderten Denunziation und der politischen und ideologischen Verurteilung durch die Aufpasser.

Dadurch wurde der schon geringe Evolutionsraum immer noch mehr eingeschränkt. Boten die Kritik am Stalinismus im Juni 1953 nach dem durch spontane Bewegungen erzwungenen "Neuen Kurs" und 1956 nach dem XX. Parteitag der KPdSU neue Möglichkeiten zu einem humanen Sozialismus, so wurden Äußerungen und Taten in dieser Richtung bald geheimdienstlich und strafrechtlich verfolgt. Mit der Unterdrückung des "Prager Frühlings" 1968 war die Alternative eines humanen Sozialismus vorerst beseitigt. In den siebziger und achtziger Jahren gab es für jüngere Menschen kaum noch Erfahrungen mit einer Demokratie. Die politische Konfrontation mit oppositionellen Gruppen wurde verschärft. Der durch die Macht ausgeübte Druck verschiedenster Art erzeugte Gegendruck. Einschränkung der Menschenrechte forderte ihre Respektierung heraus. Die Einengung des Evolutionsraums und seine Beseitigung durchbrach die für Stabilität geforderte Toleranz und erzeugte Instabilität.

Informations- und Machtmonopol wurden mit dem Wahrheitsmonopol verkoppelt. Einsicht in die Notwendigkeit sollte Freiheit durch Anerkennung von nicht demokratisch vorbereiteten Beschlüssen einer nicht durch eine demokratische Wahl legitimierten herrschenden Gruppe bedeuten. Die Haltung, innerhalb der führenden Partei zu den demokratischen Regeln zurückkehren zu können, Kritik am Apparat und an antihumanen Entscheidungen wirksam werden zu lassen, nach Strategien zur Überwindung der Nachteile sozialistischer Vorzüge zu suchen, Ideale gerechten und ökologisch verträglichen Verhaltens realisieren zu wollen, erwiesen sich als Illusionen. Sie waren für viele Menschen, die sich diesen Idealen verpflichtet fühlten, der Weg, den sie gehen wollten, um nicht den Weg zur Kapitaldiktatur gehen zu müssen. Dieser Ausweg erwies sich jedoch als nicht gangbar. Offensichtlich gibt es nun aber auch Individuen, die mit gutem Gewissen die Kapitaldiktatur wollen, obwohl sie Einsichten in deren Probleme haben.

Die theoretische Analyse des Kapitalismus war besser ausgeprägt als die Untersuchung des realen Sozialismus. Aufklärung über die sozialistischen Ideale hätte die existierenden Widersprüche zwischen humaner Programmatik und antihumaner Realität gezeigt und überzeugte Sozialisten in die Reihen derer gebracht, die 1989 das antihumane System des realen Sozialismus beseitigen wollten. Die Kapitaldiktatur ist dabei nur ein Feld weiterer wichtiger Erfahrungen mit sozialen Experimenten. Überzeugte Humanisten suchen weiter nach einer Realisierung ihrer Ideale einer humanen Gesellschaft.

In der DDR wurde, besonders seit 1986, die Gruppe der konservativen machterhaltenden Individuen immer kleiner. Nur so ist es zu erklären, daß der hochbewaffnete Koloß sich als tönern erwies und ohne Waffengewalt gestürzt wurde. Mit der Freude über die unblutige Systemänderung ist jedoch die Sorge verbunden, wieviele individuelle psychische Katastrophen durch hohe Arbeitslosigkeit und den Verlust sozialer Förderungen noch auftreten. Die Entsolidarisierung der Menschen, die sich vorher in der Kritik antihumaner Zustände, in der Forderung nach Erhalt bestimmter sozialer und kultureller Errungenschaften einig waren, verstärkt den Druck auf Menschen, die nun ihre Wertvorstellungen verloren haben. Der einfache Ersatz der Staats- durch die Kapitaldiktatur bringt noch keine humane Lösung der anstehenden Probleme.

Das wachsende Konfliktpotential könnte die notwendige Toleranz und damit die neue Stabilitätslinie des neuen sozialen Systems, das sich nun herausgebildet hat, gefährden. Der vorhandene Evolutionsraum sollte deshalb rechtzeitig genutzt werden, um humane Lösungen in Toleranz zwischen konservativen und reformerischen Kräften im vereinigten Deutschland zu erreichen.