Staatsziele und Toleranzgrenzen

Bemerkungen zum Verhaltensmodell von Herbert Hörz.

(siehe hierzu auch meine Präsentation)

Im Mittelpunkt des Buches "Selbstorganisation sozialer Systeme" entwickelte Herbert Hörz ein qualitatives Modell zur Beschreibung des Stabilitätsverhaltens eines selbstorganisatorischen sozialen Systems, das in der Abbildung auf Seite 203 des Buches dargestellt ist. Auf der Grundlage dieses Modells habe ich versucht, eine genauere Interpretation der Grundfläche dieses Rechtecks zu finden. In der Horizontale, kurz als X-Achse bezeichnet, sind mögliche Organisationsformen des Staates zwischen Demokratie und Diktatur angesiedelt. (siehe Abb.1) Als quantitatives Merkmal könnte man den prozentualen Anteil der Entscheidungen wählen, der in dem betrachteten Staat demokratisch beschlossen wird. Dann wäre in der linken, oberen Ecke x=100 (Basisdemokratie), in der rechten oberen Ecke x=0 (Diktatur) fast wie von selbst festgelegt. Für die Interpretation der vertikalen Y-Achse muss etwas mehr in die Abbildung hineingesehen werden, als ursprünglich enthalten und im Text beschrieben ist. Als in diesem Zusammenhang wesentlichsten Parameter, der die Stabilität des Systems beeinflusst, betrachte ich den Anteil der in der Praxis realisierten, konsequent durchgesetzten Beschlüsse des Staates. In der oberen, linken Ecke soll dieser Anteil y=100 sein, (Demokratie mit starker Exekutive), in der linken unteren Ecke ist y=0, (die Demokratie kann ihre Entscheidungen bei den Massen nicht durchsetzen.). Dem gemäß würde dann in der rechten unteren Ecke der Punkt x=0, y=0 liegen, ein schwacher Diktator, der seine Entscheidungen nicht durchsetzen kann und gezwungen ist, zu lavieren. Jeder Punkt der aufgespannten Fläche x,y entspricht so einem bestimmten Staatstyp. Oben liegen straff durchorganisierte bürokratische Staaten und unten anarchistisch und chaotisch unorganisierte mit großer Freiheit der Individuen. Dazwischen liegt auf einer "Stabilitäts"-kurve der stabile, d.h. der optimal evolutionsfähige Staat. An dieser Stelle muss noch einmal deutlich darauf hingewiesen werden, dass Herbert Hörz den Begriff Stabilität immer in diesem Sinne als dynamische Stabilität, niemals als statisches Gleichgewicht verwendet.

Aus dieser Interpretation des Verhaltensmodells ergeben sich sofort einige von der Sozialforschung zu beantwortende Fragen:

Die Lage der optimalen Stabilitätskurve und die Breite des Toleranzbereiches sind sicher keine a priori theoretisch festlegbaren Größen und sie werden außerdem evolutionsabhängig sein, d.h. sie verschieben sich mit fortschreitender Evolution. Wesentlichen Einfluss darauf müsste das ebenfalls von Hörz untersuchte Wesen des Menschen und seine individuelle Variabilität haben. Folgt man den Darlegungen von Hörz, so sind Liebe als Ausdruck von Altruismus und Solidarität und Neid als Ausdruck von Egoismus und Machtstreben die wesentlichen Parameter für das Verhalten des Individuums. Sie sind statistisch verteilt, aber mehr oder weniger bei allen Menschen vorhanden. Es wäre eine Aufgabe der Sozialforschung, eine statistische Verteilungskurve (siehe Abb.2) zu bestimmen und die historischen Veränderungen von Höhe, Lage und Halbwertsbreite dieser Kurve zu ermitteln. Ein zum Stabilitätsmodell des Staates passender Maßstab für diese Liebe/Neid-Kurve wäre zum Beispiel die Ermittlung des Anteiles der Bürger, der jeweils einen vorgegebenen Anteil gesetzlicher Bestimmungen übertritt bzw. der über gesetzlich festgelegte Pflichten hinaus an gesellschaftlichen Problemen interessiert ist, gemeinnützige Aufgaben übernimmt und in gemeinnützigen Vereinen und ähnlichen Institutionen mitwirkt. Am rechten Rand der statistischen Verteilung liegen dann die Verbrecher, die alle Gesetze übertreten, mehr zur Mitte hin folgen diejenigen, die nur Wirtschaftsbestimmungen oder nur Verkehrsnormen übertreten, um sich persönliche Vorteile zu verschaffen, im Zentrum der Verteilung finden sich diejenigen, die zwar keine Gesetze übertreten, aber alle Gesetzeslücken und Schlupflöcher suchen und für sich ausnutzen und nach links hin finden sich die mehr oder weniger interessierten, passiven und aktiven Mitglieder gemeinnütziger Vereine und ehrenamtliche Funktionäre, die mehr oder weniger bereit sind, allgemeine gesellschaftliche Belange wahrzunehmen und an ihnen mitzuwirken. Die Gestalt einer solchen Verteilungskurve hängt sicher ab vom Prozentsatz der Demokratie und von der Rigorosität, mit der Beschlüsse und Gesetze durchgesetzt werden, hängt also von x und y ab.

Um nun einer Bestimmung der Stabilitätskurve des Verhaltensmodells näher zu kommen, müsste für einen konkreten Staat in der Umgebung des dann immer näherungsweise abschätzbaren x,y-Wertes die Gestaltveränderung der Liebe/Neid-kurve ermittelt werden. Stellt man eine Verschiebung des Maximums in Richtung Neid fest, würde das bedeuten, dass sich in dieser Richtung die Stabilität des Staates in Richtung Chaos verändert. Eine Lockerung der Verfolgung von Gesetzesübertretungen (Senkung von y) wäre dann höchstens möglich bis zu einer Toleranzgrenze, an der sich zu viele Bürger nur noch an wenige Gesetze halten. Dieser Wert y wird um so niedriger liegen, je mehr die Bürger an der Festlegung der Gesetze beteiligt waren, je größer also x ist. Aus dieser Überlegung würde im Unterschied zur Abbildung bei Hörz folgen, dass die Toleranzgrenze eine von links nach rechts steigende Tendenz hat. In einer Diktatur ist weniger Toleranz möglich, weil sich weniger Bürger freiwillig an die Gesetze halten. (die Koordinate y bedeutet dann auch Intoleranz) .

Eine Verschiebung des Maximums der Liebe/Neid-Kurve in Richtung Liebe bedeutet, dass sich die Aktivitäten der Bürger zur Auslösung von Fluktuationen zur Veränderung des Staatstyps vermehren, die Fluktuationen also stärker werden. In dieser Richtung nimmt die Stabilität=Evolutionsfähigkeit des Staates zu. Eine solche Gestaltveränderung wäre in x-Richtung nach links auf eine Erhöhung des Demokratiegrades x hin denkbar. Eine Stabilitätsgrenze wird dadurch erreicht, dass widersprüchliche Interessen nicht mehr demokratisch geregelt werden können, d.h. wenn z.B. bei einem zu großen Anteil notwendiger Entscheidungen keine Mehrheiten zustande kommen. Diese Demokratiegrenze wird um so eher erreicht, je rigoroser demokratisch gefasste Beschlüsse durchgesetzt werden, je größer also y ist. Die Demokratiegrenze wäre also auch eine von links nach rechts steigende Kurve, die sich aber insgesamt links von der Toleranzgrenze befindet. Diese Demokratiegrenze wäre bei Anwendung allgemeiner Gesetzmäßigkeiten der Evolution gleichzeitig die Kurve maximaler Evolutionsfähigkeit des Staates. Links dieser Demokratiegrenze gibt es dann nur chaotische statistische Fluktuationen, die nicht zu einer Evolution führen. Rechts und unter dieser Grenze liegen die evolutionsfähigen Staatstypen in dem Bereich bis zur Toleranzgrenze, unterhalb welcher der Staat dann instabil wird und sich auflöst.

Politisch interessant wäre also der Bereich zwischen den beiden Grenzkurven und die Ermittlung seiner genauen Lage. Je nach Wahl des obersten Staatsziel wäre dann der vorzuziehende Staatstyp und seine Lage x,y zu bestimmen. Betrachtet man Freiheitsgewinn des Individuums als oberstes Staatsziel (das entspräche etwa den Intuitionen von Christoph Spehr in "Gleicher als Andere"), so wäre ein Staatstyp zu wählen, der bei größtmöglicher Demokratie größtmögliche Toleranz gewährt und also am linken, unteren Ende des Stabilitätsbereiches liegt. Damit wird aber auf Evolutionsgeschwindigkeit verzichtet und soziale Unterschiede werden nicht beseitigt.

Betrachtet man Humanität und menschliche Solidarität als oberstes Staatsziel, so wäre Basisdemokratie bei größtmöglicher Evolutionsfähigkeit zu gewährleisten, der Staatstyp also auf der linken Seite der oberen Grenzlinie zu suchen. Beide Standpunkte gehen davon aus, dass der Mensch im Mittelpunkt steht und je nach Weltanschauung das höchste Ziel der Schöpfung oder das letzte Ziel der Evolution des Universums ist.

Folgt man jedoch den Überlegungen von Erich Jantsch in "Selbstorganisation des Universums", so hat der Mensch die Aufgabe, die Evolution als sich ständig selbst überschreitenden Prozess auch über sich selbst als Mensch hinaus weiterzuführen und alle geistigen Fähigkeiten dabei einzusetzen, die er auf unserer Stufe der Evolution mitbekommen hat. Jantsch definiert als ethisches Verhalten nicht nur humanes, sondern darüber hinaus evolutionsgerechtes Verhalten, ein Verhalten also, das nicht nur das Überleben der Gattung Mensch, sondern auch seine unendliche Weiterentwicklung und damit die Weiterentwicklung der Evolution des Universums sichert. Unter diesem Gesichtspunkt wäre als Staatsziel die beste Gewährleistung der weiteren Entwicklung und damit wahrscheinlich ein Staatstyp am oberen, Rand des Stabilitätsbereiches bei maximal noch möglicher Demokratie zu wählen.

Die Präferenz eines der drei angeführten Staatsziele kann man aber nicht als absolute Wahrheit vorgeben, wenn man die Evolution nicht als teleologisch vorbestimmt, sondern als zukunftsoffen und ihre eigenen Ziele selbstorganisatorisch wählend betrachtet. Als Tummelplatz pluralistischer Meinungen sollte man deshalb den gesamten Stabilitätsbereich des Staatsmodells zulassen und unterstellen, dass das soziale System sein Ziel selbstorganisatorisch findet.

Betrachtet man im Lichte des hier vorgestellten erweiterten Verhaltensmodells die Geschichte der DDR, so muss man konstatieren, dass bei Übernahme der von Herbert Hörz zusammengestellten inhaltlichen Argumentationen die DDR ein Staat war, der in der Anfangszeit als keinesfalls maximal mögliche Demokratie dennoch voll im evolutionsfähigen Raum lag. In dieser Zeit verlagerte sich in gegenseitiger Wechselwirkung die Verteilungskurve des individuellen Verhaltens nach links in Richtung Liebe und die Lageposition des Staates im x-y-Raum nach links oben in Richtung Demokratie, wobei trotz zunehmender Bürokratisierung Fluktuationen noch genügend Raum hatten und die Evolutionsfähigkeit ebenfalls zunahm. Zunehmende Bürokratisierung bewirkte später offenbar eine Verlagerung der Liebe/Neid-Kurve nach rechts, wodurch Misstrauen wuchs, der reale Grad der Demokratie reduziert wurde und staatliche Beschlüsse mit vorhandenen Methoden nicht mehr in der Praxis durchsetzbar waren. Die Lageposition des Staates verschob sich nach rechts unten und verminderte die Evolutionsfähigkeit, bis schließlich die Toleranzgrenze unterschritten wurde und der Staat zerfiel. Nach der Wende rückten die neuen Bundesländer auf der Demokratieachse weit nach links, aber die Liebe/Neid –kurve rückte möglicherweise noch weiter nach rechts, so dass demokratische Beschlüsse nicht realisiert werden können und Evolutionsfähigkeit weiterhin nicht gewährleistet ist.(siehe die Kurve Geschichte der DDR in Abb.1, diese Kurve ist ein illustratives Beispiel und beruht nicht auf Ergebnissen soziologischer Forschung).

In einer alternativen Betrachtungsweise kann man den Parameter Y statt als Anteil praktisch realisierter Beschlüsse auch als Anteil zentral entschiedener Beschlüsse an der Gesamtzahl möglicher Entscheidungen interpretieren, wobei offen gelassen ist, ob die nicht zentral gefassten Beschlüsse auf hierarchisch untergeordneten Systemebenen unterschiedlich entschieden werden oder überhaupt der Willkür der Individuen überlassen werden. Y= 100 bedeutet dann "alles wird zentral geregelt" und y=0 bedeutet "nichts wird zentral geregelt". Das würde zwar die Maßstäbe verändern, die qualitative Beschreibung der Verhaltensweisen von Individuum und Sozialsystem aber im wesentlichen unverändert lassen. Die Verfolgung von Gesetzesübertretungen wäre dann lediglich durch so etwas wie freiwillige Einhaltung moralischer Normen zu ersetzen und die Toleranzgrenze würde sich auf den Mindestumfang notwendiger zentraler Regelungen beziehen. Diese Betrachtungsweise bezieht sich somit auf eine andere Dimension des Verhaltensmodells, die man auch als Erweiterung in eine dritte Dimension auffassen kann. Die Lageposition eines Staates wäre dann durch die 3 Koordinaten Demokratieanteil, Anteil derzentralistisch gefassten Entscheidungen und Anteil der realisierten Entscheidungen bestimmt. Grundsätzlich neue Erkenntnisse sind aus diesem verfeinerten Modell aber zunächst nicht zu gewinnen.

Beim Vergleich des Verhaltensmodells von Hörz mit dem hier vorgestellten ist festzustellen, dass die Lage der Stabilitätslinie und des Toleranzbereiches rein qualitativ eine völlig andere ist. Bei der Suche nach den Ursachen dieser Erscheinung kam ich zu der Schlussfolgerung, dass das Modell von Hörz im Grunde genommen gar kein zweidimensionales Modell ist und deshalb die Grafik das Modell nicht homolog abbilden kann. Das Modell ist nur eindimensional und seine Achse weist von der linken unteren Ecke zu der rechten oberen. Daraus resultiert auch eine etwas andere Bedeutung der verwendeten Begriffe. Bei Hörz ist "Toleranz" ein Verhältnis gegeneinander gerichteter Triebkräfte, während in meinem Modell die Toleranz des sozialen Systems gegenüber nicht systemkonformen Individuen gemeint ist. In der Ebene des von Hörz benutzten Rechtecks lässt sich deshalb eine historische Bewegung des Staates im Sinne der Trajektorie der DDR-Geschichte gar nicht darstellen, weil die Dimension y quer dazu liegt, die verwendete y-Achse steht senkrecht auf dieser Ebene. Der Kampf der Triebkräfte bewirkt Fluktuationen in Richtung der schräg liegenden Achse , während die Toleranzposition y des Staates die Grenze setzt, von der ab diese Kräfte dauerhaft die Position x verändern. Die Diagonale von links oben nach rechts unten bedeutet bei Hörz nur die Parallelität und Identität individueller und demokratischer Triebkräfte und eröffnet keine neue Dimension. Die Bedeutung der linken unteren Ecke kann dann nur anarchistisches Chaos heißen und die Bedeutung der rechten unteren Ecke verantwortungsbewusste Individuen, die die Demokratie gestalten.

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