Beeinflussung hochkomplexer Systeme

Intervention in autonome Systeme

1. Das Verständnis von Autonomie führt zu der Schlußfolgerung, das eine Intervention in autonome Systeme grundsätzlich außerordentlich schwierig und im eigentlichen Sinne gar nicht möglich ist. Die Evolution sozialer Systeme führt aber automatisch zu hochkomplexen, autonomen Systemen, deren Integration zu übergeordneten Systemen eine Einflußnahme (Intervention) auf die zugeordneten Teilsysteme erfordert, wenn emergente Eigenschaften des übergeordneten Systems entstehen sollen.

2. Intervention in ein autonomes System meint die gezielte Veränderung der inneren Funktionsweise des Systems durch Einflußnahme von außen. Die interne Selbststeuerung des Systems widersetzt sich aber grundsätzlich einer äußeren Einwirkung und entwickelt Gegenmaßnahmen, die die beabsichtigte Einwirkung aufheben, um die intern gewählte Sinnhaftigkeit und Zielstellung des System nicht zu gefährden. Wird die äußere Einflußnahme durch Machtmittel verstärkt, so kann natürlich die Veränderung der inneren Funktionsweise erreicht werden, aber nur auf Kosten der Autonomie des Systems, das System ist im Effekt nicht mehr autonom, sondern fremdgesteuert und kehrt bei Aufhebung des äußeren Druckes im allgemeinen zu seiner alten Funktionsweise zurück.

3. Eine äußere Einflußnahme auf ein autonomes System ist nur in der Weise möglich, in der die Umweltbedingungen des fokalen Systems so verändert werden, daß das System gezwungen ist, sich anzupassen und seine Selbststeuerung von selbst in der gewünschten Richtung zu verändern. Das setzt aber voraus, daß der äußere Akteur die Funktionsweise und die Art der Selbststeuerung des System genau kennen muß, um die Reaktion des betreffenden Systems abschätzen zu können.

Er muß das System und seine Funktionsweise also beobachten und analysieren, das heißt er muß Wissen über das fokale System erwerben, um die Variablen zu finden, auf die das System anspricht. Der Aufbau solchen Wissens unterliegt den Einschränkungen der Erkenntnistheorie. Zusätzlich ist zu berücksichtigen, daß sich das beobachtete System beobachtet fühlen kann und seine internen Steuerungsprozesse nach außen hin tarnt.

4. Sofern eine Beobachtung des Systems erfolgreich realisiert werden konnte, kann sich noch die Möglichkeit ergeben, daß der äußere Akteur Mängel in der internen Selbststeuerung des Systems erkennt, die er dem System so darstellen oder die er so nutzen kann, daß das fokale Systeme seine Selbststeuerung selbständig in der gewünschten Richtung verändert. Auf dieser Grundlage funktioniert Überredung und Werbung.

5. Wenn es dem äußeren Beobachter nicht gelingt, die Bedingungen der Selbststeuerung des beobachteten Systems zu erkennen oder wenn er die Parameter, auf die das System reagieren würde, in seinem eigenen Interesse nicht verändern möchte, so bleibt ihm nur die Möglichkeit von Verhandlungen, um eine zum mindestens teilweise Veränderung der Selbststeuerung des autonomen Systems zu erreichen.

6. In jedem Falle erfordert eine erfolgreiche Intervention in ein autonomes System den Aufbau einer Wissensbasis auf seiten des Akteurs und die Bereitschaft des autonomen Systems zu einer freiwilligen Änderung seiner Selbststeuerung. Diese Erkenntnisse resultieren aus Studien und ermöglichen Anwendungen auf den Gebieten der psychologischen Therapie, der Unternehmensberatung und der Politik.

Das Problem der Steuerung hochkomplexer Sozialsysteme

1. Traditionell werden entwickelte Gesellschaften durch den Staat geleitet (gesteuert). Dabei wird davon ausgegangen, das eine mit diktatorischer oder demokratisch legitimierter Macht ausgestattete Regierung hierarchisch aufgebaute Teilsysteme der Gesellschaft zentralistisch steuert oder versucht, durch Intervention in autonome Teilsysteme eine Integration dieser Systeme in die Gesamtgesellschaft zu erreichen.

2. Die gesetzmäßig zunehmende Komplexität der Gesellschaft hat zur Folge, daß auf der einen Seite immer mehr soziale Teilsysteme durch Selbststeuerungsprozesse für ihr Teilgebiet Autonomie erwerben und auf der anderen Seite der zentral gesteuerte Staat nicht mehr in der Lage ist, die Komplexität der gesamten Gesellschaft zu überblicken und seine Steuerungsfunktion auszuüben.

3. Als erste müssen diktatorisch - zentralistisch gesteuerte Staaten vor der Unbeherrschbarkeit der wachsenden Komplexität der erforderlichen Steuerungsaufgaben kapitulieren, weil in ihnen die durch demokratische Rückkopplung geförderte Lernfähigkeit fehlt.

Aber auch die Staaten nach dem Muster der westeuropäischen Demokratien sind zunehmend nicht mehr in der Lage, ihre Steuerungsaufgaben zu erfüllen, weil das Prinzip der Legitimation ihrer Macht durch Wahlakte der Individuen im Widerspruch steht mit der Fähigkeit der Individuen, die Komplexität der Gesellschaft zu durchschauen und durch individuelle Handlungen zu beeinflussen. Der Staat aber ist zunehmend nicht mehr die Verkörperung des gesamten gesellschaftlichen Systems, sondern wird mehr und mehr zu einem autonomen, politischen Teilsystem, das in Bezug auf die übrigen Teilsysteme der Gesellschaft keine Interventionsmöglichkeiten hat und zur Durchsetzung gesamtgesellschaftlicher Interessen auf Verhandlungen angewiesen ist.

4. Die Ohnmacht des Staates verstärkt sich noch weiterhin dadurch, das er auf Grund der Globalisierung wirtschaftlicher, politischer und wissenschaftlicher Prozesse die zugeordneten Teilsysteme nicht mehr als seinem jeweiligen Herrschaftsbereich voll zugehörig betrachten kann, obwohl sie großen Einfluß auf die innerstaatlichen Prozesse haben.

5. Der derzeit erreichte Stand der Komplexität gesellschaftlicher Beziehungen wirft die Frage auf, inwieweit das heute praktizierte demokratische Staatsmodell überhaupt noch in der Lage sein kann, die gesellschaftlichen Prozesse im Interesse der Allgemeinheit zu steuern und ob es nicht durch ein grundsätzlich anders funktionierendes Modell ersetzt werden muß. Das dem demokratischen Modell zugrundeliegende Mehrheitsprinzip zwingt die Minderheit zur Unterwerfung. Damit können aber echte Probleme, die aus der Komplexität der Interessen herrühren, durch formale Mehrheitsbeschlüsse wegdefiniert werden, ohne daß sie wirklich gelöst werden. Hierin zeigt sich deutlich der Mangel an Problemlösungskapazität.

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