Die Evolution sozialer Systeme

1. Jedes sich bildende soziale System entwickelt nacheinander und aufeinander aufbauend folgende Systemfunktionen und erbringt die dafür erforderlichen Leistungen im Sinne einer Steigerung interner Komplexität als notwendiger Bedingung für eine verbesserte Fähigkeit, Umweltkomplexität zu verarbeiten und für systemeigene Zwecke zu nutzen:

Im Zuge dieser Evolution verwirklicht sich das allgemeine Entwicklungsgesetz einer Zunahme organisierter Komplexität, die sich in den folgenden Dimensionen ausdrückt:

2. Das Problem der Zunahme sachlicher Komplexität besteht in der Bildung von immer mehr Gegenständen, Dingen, neuen Systemen usw., d. h. in der Tatsache, daß die Anzahl und Dichte der Einheiten und Wechselwirkungsbeziehungen pro Raum- und Zeiteinheit quantitativ ansteigt.

3. Das Problem der Zunahme sozialer Komplexität besteht in der funktionalen Differenzierung sozialer Systeme, wodurch einerseits die Problemlösungskapazität zur Bewältigung der zunehmenden sachlichen Komplexität ansteigt, gleichzeitig aber die funktionelle Abhängigkeit der spezialisierten Teilsysteme voneinander zunimmt und der Koordinierungsbedarf steigt.

4. Das Problem der Zunahme der zeitlichen Komplexität besteht darin, daß soziale Systeme ein Geschichtsbewußtsein entwickeln und Fakten der Vergangenheit zur Lösung gegenwärtiger Probleme nutzen wollen. Während in physikalischen, chemischen und biologischen Systemen die Zukunft keinen Einfluß auf die Gegenwart hat, lösen psychische und soziale Systeme ihre Gegenwartsprobleme unter zunehmender Berücksichtigung der zukünftigen Folgen ihrer Entscheidungen. Infolgedessen differenzieren sich in den psychischen und sozialen Systemen Prozesse, die zur Entstehung von Funktionsmodellen der internen und der Umweltprozesse führen.

5. Die Entstehung der Funktionsmodelle führt zur Entkopplung des direkten Zusammenhanges zwischen Umweltreiz und Reaktion, in den die Wissensbestände des Systems eingeschaltet werden. Daraus entwickelt sich die operative Komplexität, die den handelnden Systemen eine immer größere Vielfalt von Handlungsmöglichkeiten einräumt. Damit erhält ein psychisches oder soziales System die Möglichkeit, sich selbst als Problem zu sehen und seine internen Prozesse einer Selbststeuerung zu unterwerfen. Durch diese Entwicklung erhält das fokale System eine enorme Vielfalt von Handlungsmöglichkeiten zur Bewältigung der aus seiner Umwelt resultierenden Probleme, muß aber in Betracht ziehen, daß auch die Systeme seiner Umwelt zunehmend autonom und selbstgesteuert sind.

6.Auf der nun erreichten Stufe der organisierten Komplexität entwickelt das System Selbstbewußtsein und die Fähigkeit der Reflexion. Das selbstbewußte System muß erkennen, das es in seiner Umwelt weitere, autonome und selbstbewußte Systeme gibt, mit deren Handlungsoptionen die eigenen Handlungsstrategien in Konflikt geraten. Hieraus erwächst die Notwendigkeit, die Handlungsstrategie des Konfliktgegners aus dessen Selbstverständnis heraus zu verstehen und die eigene Handlungsstrategie darauf abzustellen, daß sie für den Konfliktgegner akzeptabel und damit durchsetzbar wird. Gleichzeitig entsteht damit das Bedürfnis, die Koordinierungsprobleme des übergeordneten Gesamtsystems zu verstehen und die eigene Handlungsstrategie weniger aus den Interessen des fokalen Systems als vielmehr aus den Interessen des übergeordneten Gesamtsystems abzuleiten, sofern indirekt aus der Nutzung der emergenten Eigenschaften des übergeordneten Systems Vorteile für die langfristige Entwicklung und die Realisierung des Sinnes des fokalen Systems entstehen können. Daraus folgt die Möglichkeit der Integration des fokalen Systems in das übergeordnete Gesamtsystem.

7. Voraussetzung für eine derart reflexive Handlungsweise ist die Erweiterung der Wissensbasis des fokalen Systems durch Beobachtung und Analyse der Funktionsweise der Umweltsysteme. Während einfaches Erfahrungswissen lediglich dazu geeignet ist, in sich wiederholenden Situationen hilfreiche Handlungsstrategien zu finden, erzeugt die gezielte Beobachtung und Analyse der Umweltsysteme eine Kognitive Komplexität des fokalen Systems, die der äußeren Umwelt ein inneres Abbild gegenüberstellt, an dem das System seine zukünftig auszuwählenden Handlungsstrategien theoretisch vorbereitet. Verbunden mit dieser mehrfachen Reflexion ist die weitere Ausprägung des Selbstbewußtseins des betrachteten Systems und seine Integration in das übergeordnete System.

8. Die soziologische Systemtheorie erkennt die o.a. Gesetzmäßigkeiten als emergente Eigenschaften aller Arten sozialer Systeme, seien dies nun Familien, Gruppen, Organisationen, Unternehmen oder ganze Gesellschaften. Alle diese sozialen Systeme handeln nicht auf der Basis des Willens individueller Akteure, sondern auf Grund der systemimmanenten emergenten Eigenschaften des jeweiligen Systems, das sich über die individuellen Interessen hinaushebt. In Anwendung dieser Leitgedanken auf die Gesamtgesellschaft sieht man die Individuen nicht mehr als handelnde Elemente im Gesamtsystem, sondern die Handlungen autonomer Teilsysteme im Kontext des Gesamtsystems. Die wachsende Komplexität der Gesellschaft führt damit gesetzmäßig zur Ausdifferenzierung autonom handelnder sozialer Teilsysteme wie politisches System, Ökonomisches System, Wissenschaftssystem, Erziehungssystem, Gesundheitswesen, Organisationen, Parteien, Verbände usw., die nicht mehr durch die Hegemonie-Macht eines der Teilsysteme, z.B. des politischen Systems steuerbar sind. Aber auch die ausschließliche Steuerung durch Markt und Geld oder durch das Wissenschaftssystem scheint wegen der Komplexität der gegenseitigen Beziehungen und der Autonomität der Interessen nicht möglich zu sein. Damit wird die Problematik der Steuerung der Gesamtgesellschaft und der ihr angemessenen Steuerungsprinzipien aufgeworfen. (Siehe auch Neue soziale Bewegungen)

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