System und Umwelt

1. Ein System ist dadurch charakterisiert, daß die innerhalb der Systemgrenzen ablaufenden Prozesse eine gewisse Selbständigkeit und Unabhängigkeit haben und auf die Erhaltung und Reproduktion des Systems selbst gerichtet sind. Dabei kann ein evolutionsfähiges System wegen seiner dissipativen Eigenschaften niemals vollständig von seiner Umwelt abkoppeln, sondern ist immer auf ständige Wechselwirkung mit der Umwelt angewiesen. Die vollständige Isolierung von der Umwelt bedeutet den Zerfall (Tod) des Systems.

2. In trivialen und in biologischen Systemen ist die Systemgrenze zur Umwelt durch die totale Zugehörigkeit der Teilsysteme zum fokalen System eindeutig definiert. Die Beziehungen zur Umwelt sind durch Stoffwechsel- und Kommunikationsprozesse bestimmt. Dabei ist die innere und äußere Funktionalität ausschließlich auf den Erhalt und die Reproduktion des Systems selbst gerichtet.

3. In sozialen Systemen sind im allgemeinen die Teilsysteme und Elemente nicht total dem fokalen System zugehörig. Soziale Systeme sind deshalb nicht durch die materielle Zugehörigkeit bestimmter Elemente definierbar, sondern bestehen aus Kommunikationen, die sich durch ihre Sinnhaftigkeit für das fokale System von den Kommunikationen der nichtrelevanten Umwelt abgrenzen. Ein soziales System entsteht, indem durch Komunikationsprozesse innerhalb des Systems der Sinn des Systems herausgearbeitet wird und aus dem Gesamtkomplex der Kommunikationen mit der Umwelt die für das fokale System relevanten Kommunikativen definiert und abgegrenzt werden. Von einem stabilen sozialen System kann nur gesprochen werden, solange die das System definierenden internen Kommunikationen langfristig bestehen und aufrechterhalten werden. Die funktionalen Prozesse eines solchen Systems sind nicht nur auf den Erhalt und die Reproduktion des Systems, sondern auch und oft vorwiegend auf die Realisierung des intern definierten Sinnes des Systems gerichtet.

4. Alle nicht internen, das System definierenden Kommunikationen sind Kommunikationen mit der Umwelt des Systems. Die relevante Umwelt des Systems besteht aus der Innenwelt und der Außenwelt.

Die Innenwelt eines sozialen Systems besteht aus den Beziehungen zu den Mitgliedern des Systems, die als autonome Personen nicht Bestandteil des Systems sind und mit denen Koordinierungen bezüglich ihrer Kommunikationen zu anderen Systemen erforderlich sind, die nicht Kommunikationen des fokalen Systems sind.

5. Die Außenwelt eines bestimmten sozialen Systems umfaßt alle externen Relationen. Dazu gehören

- die Relationen zu anderen Teilsystemem des übergeordneten System

- die Beziehungen zum übergeordneten Gesamtsystem

- die Beziehungen zu Systemen außerhalb des übergeordneten Gesamtsystems

6. Entstehungsweise und Stabibilätskriterien sozialer Systeme haben zur Folge, daß solche Systeme von vornherein zur Selbstreflexion tendieren und durch ihr Selbstverständnis die Sinnhaftigkeit ihrer Funktionalität immer weiter ausbauen und ihre Grenzen zur Umwelt immer schärfer fassen. Infolgedessen entsteht eine operative Geschlossenheit ihrer internen Prozesse, die sich selbst aus ihren inneren Bestandteilen immer wieder reproduzieren. Diese Selbststeuerung der internen Prozesse charakterisiert die Autopoiese des Systems. Ohne Kontakte zur Umwelt würde sich aber ein operativer Kreislauf der Innenprozesse ergeben, der eine Evolution des Systems ausschließt. Kommunikationen zur Umwelt sind deshalb für soziale Systeme lebensnotwendig, weil sie sonst nicht in der Lage sind, auf Veränderungen der Umwelt in der notwendigen Weise zu reagieren. Das System bestimmt aber selbst, welche Kommunikationen es für sich als relevant hält und weist alle anderen Kommunikationen als für das System irrelevant ab. Maßstab für diese Selektion ist das innere Modell, das sich das fokale System von seiner Umwelt macht. Letzteres Verhalten charakterisiert die Autonomie eines autopoietischen Systems.

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