Die Systemtheorie Luhmanns*
(nach Christian Schuldt: Systemtheorie)
*siehe hierzu auch: Zur Problematik des Evolutionskonzepts von Luhmann
Die Systemtheorie Luhmanns eröffnet eine alternative Sichtweise: Während konventionelle Theorien die Realität von außen beschreiben, wie sie ein Beobachter von außerhalb wahrnehmen würde, versucht die Systemtheorie Luhmanns eine Beschreibung von innen. Der "Beobachter" eines Systems ist immer Bestandteil des Systems und kann das System grundsätzlich nicht von außen sehen. Ausgangspunkt dieser Sichtweise ist die Selbstreferenz des Systems: Jedes System interessiert sich nur für solche Fakten und Prozesse, die seiner eigenen Existenz und ihrer Erhaltung dienen. Im Mittelpunkt stehen also interne systemerhaltende Prozesse, während von der Außenwelt nur der Teil wahrgenommen wird, der der Erhaltung des Systems dient oder diese gefährdet.. Anderes interessiert das System nicht. Nur das Eigeninteresse veranlasst ein System, seine Umwelt zu beobachten.
Die Komplexität der Welt überschreitet die menschlichen Möglichkeiten zur Komplexitätsverarbeitung. Soziale Systeme ermöglichen durch die Abgrenzung des Systems von der Umwelt die Komplexität durch Weglassen so zu reduzieren, dass sie verarbeitbar wird. Ein System ist geordneter als seine Umwelt, es ist eine " Insel geringerer Komplexität".
Soziale Systeme
Die Elemente sozialer Systeme sind nicht Menschen, sondern Kommunikationen (Informationsaustauschakte). Es gibt 3 Grundtypen sozialer Systeme:
 
Lebende und soziale Systeme sind autopoietisch, sie sind autonom, aber nicht autark. Sie regeln die Wechselwirkungen mit der Umwelt selbständig.
Die Reduzierung der Komplexität in sozialen Systemen erfolgt durch die Bildung von Strukturen. Diese bestimmen, welche Anschlusskommunikationen möglich sind. Durch die selbstorganisatorische Bildung von Prozessen werden bestimmte Anschlusskommunikationen ausgewählt, die den Sinn bzw. die Bedeutung des Systems zum Ausdruck bringen.
Soziale und psychische Systeme sind über das Medium Sinn miteinander gekoppelt. Organismen oder Maschinen sind Systeme, die mit Sinn nichts anfangen können. Sinn ist das Kriterium für die Auswahl möglicher Kommunikationen und deren Aktualisierung. Sinn reduziert die Komplexität der Welt und eröffnet ihr gleichzeitig neue Möglichkeiten.
Psychische Systeme
Das Bewusstsein ist ein psychisches System, dessen Elemente die Gedanken sind. Es ist vom Gehirn zu unterscheiden, das ein organisches System ist. Das Gehirn ist aber unbedingt notwendige Umwelt des Bewusstseins. Es produziert das Bewusstsein.
Das Gehirn ist ein selbstreferenzielles System, das auf Grund seiner Eigenkomplexität die Komplexität der aus der Umwelt kommenden Sinnesreize zu reduzieren und zur Wahrnehmung zu verdichten vermag. Wahrnehmung ist keine Widerspiegelung der Außenwelt, sondern die systeminterne Konstruktion einer systemexternen Welt.
Die unterschiedlichen Systeme sind durch strukturelle Kopplungen aufeinander angewiesen, sie existieren in "Symbiose". Soziale und psychische Systeme sind durch das Medium Sinn miteinander gekoppelt, Gehirn und Bewusstsein sind durch Wahrnehmungen gekoppelt. Trotz der Kopplungen sind die beteiligten Systeme in sich operativ geschlossen und können nur über das Kopplungsmedium miteinander wechselwirken. Bewusstsein und Kommunikation sind aufeinander angewiesen, die Kommunikationen müssen sich dem Bewusstsein anpassen, bleiben aber funktional getrennt.
Gesellschaftssysteme
Gesellschaftliche Evolution vollzieht sich über die Ausbildung von Strukturen, mit denen die Unwahrscheinlichkeit gelingender Kommunikation wahrscheinlicher gemacht wird. Durch Variation einer Kommunikation entsteht eine unerwartete neue Kommunikation, die von den vorhandenen Strukturen des Systems selektiert wird. Das Ergebnis der Selektion ist eine Veränderung der Strukturen, durch die das System restabilisiert wird.  Die evolutionäre Errungenschaft besteht darin, dass sie die kombinatorischen Möglichkeiten erhöht und damit höhere Komplexitätsgrade realisiert. Sprache, Schrift, Buchdruck und Telekommunikation sind wesentliche Stufen dieser Evolution.
Eine parallele Entwicklungsrichtung zeigt sich in der Herausbildung einer funktional differenzierten Gesellschaft. Archaische Gesellschaften zeigen zunächst eine segmentäre Differenzierung, eine Gliederung in gleichartige Teile wie Familien, Stämme und Dörfer  mit geringem Komplexitätsgrad. Daraus entwickelt sich eine Teilung in ungleiche Schichten, es entstehen hierarchische Teilsysteme mit einer höheren Komplexität, die eine gesellschaftliche Zentralinstanz zur Steuerung der Entwicklung hervorbringt. Diese Funktion erfüllen in stratifikatorischen Gesellschaften Moral, Religion und Macht. Durch Auseinanderentwicklung religiöser und staatlicher Machtinteressen wurde die Politik autonom. Andere Gesellschaftsbereiche wie Erziehung, Wissenschaft und Recht folgten, so dass eine funktionale Differenzierung entstand mit weitgehend autonomen Teilsystemen und schwacher struktureller Kopplung.
Durch die Aufgliederung in Teilsysteme reduziert die Gesellschaft ihre Eigenkomplexität und macht diese handhabbar. Die Subsysteme entwickeln eigene Codes, mit denen ihre Autonomie und Abgeschlossenheit gewährleistet wird und die innerhalb des betrachteten Systems nicht in Frage gestellt werden. Diese Codes sind z.B. :
Die Zuordnung der Codewerte wird bestimmt von Theorien, Programmen und Regeln, die innerhalb der Subsysteme akzeptiert und von außen nicht in Frage gestellt werden.
Die strukturelle Kopplung verschiedener Systeme erfolgt durch Medien. Politik und Wirtschaft werden über Steuern und Abgaben, Recht und Wirtschaft über Verträge und Eigentum, Wirtschaft und Erziehung/Ausbildung über Zeugnisse und Zertifikate, Wissenschaft und Erziehung/Ausbildung über die Organisationsstrukturen der Universitäten gekoppelt.
Jedes Funktionssystem nimmt seine Umwelt anders wahr, hat sein eigenes Weltbild, das von den anderen Subsystemen anders interpretiert wird. Die Differenz zwischen System und Umwelt stellt sich in jedem Subsystem anders dar, die Einheit der modernen Gesellschaft erscheint in der Differenz der Funktionalsysteme.
Systemtheoretische Betrachtungsweise
Die Systemtheorie Luhmanns stellt lediglich den Istzustand der Systeme theoretisch dar, erhebt aber keinen Anspruch auf Wertung, Beeinflussung oder Veränderung des Istzustandes oder auf Anwendbarkeit  ihrer Ergebnisse. Sie ist eine echte Metatheorie, die konkrete Zusammenhänge verallgemeinert darstellt.
 Kommunikationen werden als die Elemente der Systeme angesehen. Jede Kommunikation besteht aus den 3 Komponenten Information, Mitteilung und Verstehen. Psychische Systeme können nur durch Kommunikation miteinander in Kontakt treten. Eine Kommunikation kann dargestellt werden als Handlung einer Person, die durch eine zweite Person erlebt und angenommen oder abgelehnt wird. Die Annahme wird durch symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien wahrscheinlicher gemacht. Das symbolisch generalisierte Kommunikationsmedium der Wirtschaft ist Geld, der Wissenschaft - Wahrheit, der Politik und des Justizsystems - Macht. Diese bewirken, dass die sonst unwahrscheinliche Annahme der Kommunikation wahrscheinlich wird.
Symbiotische Mechanismen stellen die Verbindung zum Organischen her, sie vermitteln die strukturelle Kopplung zu den Körpern der Beteiligten. Der symbiotische Mechanismus der politischen und juristischen Macht ist die physische Gewalt. Beim Geld  sind es die Konsumbedürfnisse, bei der wissenschaftlichen Wahrheit die Wahrnehmung und bei der Liebe die Sexualität.
Die Gesamtheit der Kommunikationsmedien bilden die Kultur, das Systemgedächtnis der Gesellschaft, das eine gemeinsame Wertebasis schafft.
Beobachtung
Beobachten ist in der Systemtheorie die Operation des Unterscheidens und Bezeichnens. Jede Beobachtung kann nur das bezeichnen, was im Moment gerade unterschieden wird. Alles andere wird nicht gesehen. Ein Beobachter kann sich nicht selbst beobachten, er kann aber die Beobachtung eines anderen Beobachters beobachten (Beobachtung 2.Ordnung). Die Beobachtung 2.Ordnung ermöglicht aber nur mit zeitlicher Verzögerung die Selbstbeobachtung.
Relativistische Betrachtungen
Die Systemtheorie begründet einen generellen Relativismus, der grundsätzlich nicht auflösbar ist. Sie geht aus von der Unterscheidung von System und Umwelt, akzeptiert aber auch andere Unterscheidungen. Verwendet man andere Unterscheidungen, so nimmt man in Kauf, dass alles mit anderen Grenzziehungen dargestellt werden muss und die Beobachtung der Unterscheidungskriterien nicht möglich ist (blinder Fleck). Es gibt also keine allgemeingültige Sichtweise, jede Darstellung setzt die Annahme einer Differenz voraus, die nicht näher begründbar ist und die bei anderer Sichtweise nicht existiert. Diese Eigenheiten der Systemtheorie werden von konventionellen Kritikern, insb. Habermas, strikt abgelehnt. Diese vermissen kritisches Potential gegenüber der existierenden Gesellschaft. Für Luhmann ergibt sich das kritische Potential jedoch aus der überall zu Grunde liegenden Differenz, die jeden allgemeinen Konsens verhindert.
Der Vorwurf der Inhumanität der Systemtheorie resultiert aus dem Ausschluss des Menschen aus dem System der Gesellschaft. Durch diesen Ausschluss gewinnt der Mensch jedoch an Autonomie. Das Verständnis der resultierenden Differenz Individuum - Gesellschaft erscheint mir jedoch noch unvollständig bearbeitet.
Die Systemtheorie unterscheidet sich vom Konstruktivismus in erster Linie dadurch, dass sie die Realität nicht als rein geistige Konstruktion deklariert, sondern als Ausgangspunkt von Beobachtungen, mit deren Hilfe ein relativistisches systeminternes Abbild konstruiert wird. Dieses Verfahren ist in gewisser Hinsicht realitätsnäher als der reine Konstruktivismus.
Obwohl die Systemtheorie keinen Anspruch auf praktische Anwendbarkeit erhebt, ist sie auf zahlreiche soziale Probleme als Analysemethode hervorragend anwendbar.
Anwendungsbeispiele
In "Liebe als Passion" analysiert Luhmann an Hand von Romanen die Entwicklung des Liebescodes vom Mittelalter bis zur Moderne und zeigt auf, wie durch Liebe als symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium unwahrscheinliche Verhaltensweisen wahrscheinlich gemacht werden, wie Komplexität reduziert und gleichzeitig vergrößert wird.
In "Die Kunst der Gesellschaft" analysiert Luhmann die komplette Autonomie des Kunstsystems gegenüber seiner Umwelt und seine innere Ausdifferenzierung zur Kunst der Moderne: Herstellen und Erleben von Kunstwerken als Mittel der Kommunikation.
In "Realität der Massenmedien" analysiert Luhmann die Autonomie und zunehmende Selbstreferenz des Systems der Massenmedien. Der massenmediale Code ist durch Information / Nichtinformation definiert und das System muss ständig Neuigkeiten produzieren. Das System der Massenmedien gliedert sich in 3 Bereiche:
Im Bereich Nachrichten und Berichte ist Aktualität oberstes Gebot. Um diese zu erreichen, werden Neuigkeiten und Skandale zunehmend als sich selbst erfüllende Prophezeiungen produziert und vergangene Ereignisse modifiziert und als neue Sicht präsentiert.
Unterhaltung operiert mit selbstproduzierten Überraschungen mit dem Ziel, überflüssige Zeit zu vernichten und durch aktuelle Bezüge zur Realität mehr Aufmerksamkeit zu erzeugen.
Werbung betreibt offene Manipulation, um komplexe Zusammenhänge zu verschleiern und  durch Vereinfachung unsichtbar und besser handhabbar zu machen.
Die 3 Bereiche sind vielfältig strukturell miteinander gekoppelt. Die gesellschaftliche Wirkung der Massenmedien führt dazu, dass einheitliche Meinungsstandards entstehen und die Zufälligkeit von Kommunikationen vermindert wird. Dadurch wird die Komplexität des realen Geschehens reduziert und einfacher handhabbar gemacht.
Schuldt zieht folgendes Fazit:
"Das hochkomplexe Auflöse- und Rekombinationspotential von Luhmans Theorie hilft, die Gesellschaft besser in den Blick zu bekommen und ist zugleich offen für kritische Weiterentwicklungen"