Die soziale Eroberung der Erde

Bemerkungen zu dem Buch von E.O, Wilson

 

  1. Eine der wesentlichen Eigenschaften, die den Menschen von den meisten Tieren unterscheiden, sind die ausgeprägten kommunikativen und kooperativen Beziehungen zwischen den Individuen und die Bildung stabiler sozialer Gruppen. Es gibt jedoch auch im Tierreich einige Arten, die ähnliche soziale Beziehungen herstellen. Der Ameisenforscher Wilson untersuchte und analysierte die Ähnlichkeiten und die Unterschiede der Sozialstrukturen von Ameisen, Termiten, Wespen, und Menschen, um Aufschlüsse über eventuell gleichartige Antriebe zu erhalten, die als Ursachen für die Evolution des Sozialverhaltens dieser unterschiedlichen Arten in Frage kommen.

  2. Es ist bemerkenswert, das unter den Tausenden von Arten der sich zunächst entwickelnden Wirbellosen gerade die wenigen sozial lebenden Arten am erfolgreichsten waren, so dass deren gesamte Biomasse die der anderen Arten bei weitem überschreiten konnte. Obwohl sie bislang 400 Millionen Jahre Zeit hatten, stagnierte dann aber ihre Entwicklung und sie wurden von den Wirbeltieren überholt. Unter den Wirbeltieren war es dann der Mensch, der in nur 100 000 Jahren als ebenfalls sozial agierende Art alle übrigen Wirbeltiere überholen konnte. Als gemeinsamer Ausgangspunkt sozialer Lebensweise wurde bei Insekten wie bei Menschen der Bau eines gemeinsamen Nestes oder einer Lagerstätte identifiziert. Es gibt keine einzige eusoziale Art ohne gemeinschaftliche Nester, aber es gibt viele solitär lebende Arten, die zwar in Nestern leben, aber den nächsten Schritt zur Eusozialität nicht gegangen sind.

  3. Die Evolution vom ersten Säugervorfahren bis zum modernen Menschen dauerte 100 Millionen Jahre und etwa 100 Milliarden Individuen probierten Entwicklungsschritte aus, die letztlich den Menschen hervorbrachten. Wilson identifizierte die folgenden Schritte als wesentliche Voraussetzungen für die jeweils folgenden Schritte und damit für die letztendliche Entstehung des Homo sapiens:

      Großwüchsigkeit und relativ eingeschränkte Mobilität gegenüber den sozialen Insekten

      Ausbildung der Hände zu Greifwerkzeugen durch das Leben der frühen Primaten auf den Bäumen

      Stereoskopisches und Farbsehen ermöglichte komplexe Ernährung von reifen Baumfrüchten

      Der Rückzug des Regenwaldes führte zum Leben im Savannenwald und zum aufrechten Gehen und machte die Greifhände frei für andere Zwecke

      Die Beherrschung des Feuers und das Jagen von Großtieren förderten das Wachstum des Gehirns, die Bildung sozialer Gruppen und die Kommunikation durch Entwicklung der Sprache. 

  4. Verschiedene Arten von Menschenaffen und von Vormenschen konkurrierten miteinander. Ausschlaggebend für den Erfolg des Homo sapiens waren das größere Gehirn und die bessere Organisation der sozialen Gruppen, sie ermöglichten seine schnellere Vermehrung und Ausbreitung über alle Erdteile.


  5. Als wesentliche Etappen der Menschwerdung sind anzusehen:

    Gruppenbildung und Arbeitsteilung erforderten Kooperation und Kommunikation und förderten das Wachstum des Gehirn und der geistigen Leistungen. Diese wurden bestimmend für den Erfolg der jeweiligen Gruppe und deshalb genetisch selektiert und fixiert. Damit wurde der Erfolg der Individuen auch durch ihr erfolgreiches Zusammenwirken in der Gruppe bestimmt, was die Grundlage für die erbliche Fixierung der entgegengesetzten Verhaltensvarianten von Egoismus und Altruismus legte.

  1. Die Bildung rivalisierender Gruppen ist ein Merkmal der Menschwerdung von Anfang an und hat sich bis heute als Instinkt gefestigt und erhalten. Bis in die moderne Gesellschaft hinein zeigen sich diese Instinkte bei Familien und Stammesbildung, ethnischen Auseinandersetzungen, Fremdenfeindlichkeit und rivalisierenden Sportvereinen. Es ist auch heute noch immer ganz leicht, einander zunächst fremde Menschen unter Ausnutzung dieser instinktiven Grundlagen zu Gruppen zu vereinen und gegen andere Gruppen aufzuhetzen.

  2. In Auswertung neuerer archäologischer und ethnographischer Befunde kommt Wilson zu der Schlussfolgerung, dass es nicht in erster Linie die von Dawkins vertretene Verwandtenselektion bewirkte, dass Altruismus genetisch selektiert und fixiert werden konnte, sondern dass es kriegerische Auseinandersetzungen in prähistorischer Zeit waren, die durch Gruppenselektion siegreiche Gruppen bevorzugten und für die Ausbreitung und genetische Fixierung kriegerischer und gruppenaltruistischer Verhaltensweisen sorgten. Die Erfindung von Kriegswaffen gehörte zu den ältesten kulturellen Errungenschaften der Menschheit und ermöglichte in der Frühzeit der Menschheitsentwicklung das Überleben der siegreichen Gruppen und die Ausdehnung ihrer Territorien in Zeiten ungünstiger klimatischer Veränderungen. Fossile Funde beweisen, dass ein hoher Prozentsatz der verstorbenen Erwachsenen durch die Einwirkung von Waffen tödlich verletzt wurde. In Übereinstimmung mit diesen in der Frühzeit entwickelten Instinkten bezieht sich bis heute Altruismus vorzugsweise auf Verwandte, Freunde und Stammesangehörige und wird die Tötung von Menschen bei Fremden und Feinden moralisch und juristisch anders bewertet als bei Gruppenangehörigen.

  3. Vor 2 Millionen Jahren lebten viele verschiedenen Arten von Australopithecina in Afrika, deren Köpfe nicht größer als die von großen Menschenaffen waren, die aber bereits nur auf den Hinterbeinen liefen. Eine dieser Arten war anpassungsfähiger als die anderen, entwickelte sich zum Homo erectus mit einem größeren Gehirn, konnte Steinwerkzeuge herstellen, Feuer benutzen und ein Teil der Art verließ Afrika in Richtung Nordostasien und Indonesien. Er erreichte alle Erdteile außer Australien und Amerika. Eine Abart überlebte in Zwergform als Homo florensis bis vor 13 000 Jahren auf einer Insel bei Java.
    In Afrika entwickelte sich der Homo erectus, beginnend vor 700 000 Jahren, weiter zum Homo sapiens und ein Teil wanderte vor 60 000 Jahren erneut aus Afrika aus. Der in Afrika verbliebene Teil besitzt dabei eine in 700 000 Jahren entstandene wesentlich größere genetische Vielfalt als der ausgewanderte Teil, der allmählich die übrige Welt bevölkerte und vor 42 000 Jahren Europa erreichte, während Asien und Australien bereits früher besiedelt wurde. In den 50 000 Jahren vor Beginn der 2. Auswanderungswelle dezimierten extreme Trockenheit und Stammeskonflikte die frühe Menschheit auf wenige Tausend Individuen. In Europa lebten zu dieser Zeit die vor 30 000 Jahren ausgestorbenen Neandertaler, die zwar dem Homo sapiens genetisch nahe stehen, aber vermutlich früher eingewandert oder sich als eigene Abart aus dem Homo erectus entwickelt hatten. Eine dem Neandertaler verwandte Menschenart im südlichen Sibirien wurde ebenfalls vom Homo sapiens verdrängt.
    Vor 16 500 Jahren bestand eine Landbrücke über die Behringstrasse, über die Homo sapiens Amerika erreichte. Die polynesischen Inseln wurden erst vor 3000 Jahren besiedelt.

  4. Die Explosion der Kreativität des Menschen ereignete sich genau zu der Zeit, als er sich in Gruppen organisierte und sich in Gruppen aufmachte, sich in der ganzen Welt zu verbreiten. Die Grundlage bildeten genetische Mutationen, die sich in kleinen rasch wachsenden Menschengruppen schnell herausselektieren und verbreiten konnten. Je größer die Gesamtbevölkerung war, um so mehr zufällige und nützliche Mutationen entstanden bei gleichbleibender Mutationsrate. Wenn die einzelnen Gruppen in unterschiedliche Richtungen und Regionen emigrierten, nahmen sie ihren jeweiligen eigenen kollektiven Genpool mit. Unterschiedliche Verhaltensvarianten der Individuen in einer gegeben Population sind zu 25 bis 75% auf unterschiedliche verhaltenssteuernde Gene der Individuen zurückzuführen, aber der Rest wird durch soziale Kooperation und Kommunikation innerhalb der Gruppe bedingt. Trotz unterschiedlicher kultureller Entwicklung in den Gruppen blieben die Gruppen aber untereinander in Kontakt. Dies führte dazu, dass unterschiedliche Erfindungen ausgetauscht werden konnten und sich gegenseitig befruchteten. Dadurch beschleunigte sich die kreative Evolution immer mehr. Nachdem steinzeitliche Werkzeuge erfunden waren, entwickelte sich seit 10 000 Jahren in 8 Zentren unabhängig voneinander Ackerbau und Viehzucht mit unterschiedlichen Hauptprodukten, was die Grundlage für ein weiteres gewaltiges Anwachsen der Bevölkerungszahlen schuf. Die einzelnen Gruppen rückten immer näher aneinander, bildeten Stammesgruppen, Länder, Nationen und Staaten. Dadurch wurden und werden die historisch unterschiedlichen Genpools der Populationen immer mehr vermischt, werden innerhalb der verschiedenen Gruppen immer vielfältiger, was deren Kreativität weiter steigert, aber zwischen den Gruppen geographisch immer einheitlicher. Die genetische Entwicklung der Menschheit ist damit keineswegs zu Ende, hat sich aber auf Gendrift und die Evolution von Krankheitsresistenzen verlagert. Bekämpfung von Erbkrankheiten durch Gensubstitution wird bald Wirklichkeit sein, jedoch lehnt Wilson genetische Überarbeitung normaler Kinder im Embryonalstadium aus moralischen Gründen und den zu erwartenden zivilisatorischen Folgen ab. Die ebenfalls denkbare weitere Entwicklung von Robotern zu Menschen gleichwertigen Geschöpfen hält er jedoch weder für möglich noch erstrebenswert, zieht dabei aber nicht in Betracht, dass die Steuerung ihrer Entwicklung dem Menschen entgleiten könnte.

  5. Menschliche Gesellschaften haben sich bisher in 3 Stufen der Komplexität entwickelt. Auf der einfachsten Ebene sind die Verbände von Jägern und Sammlern sowie kleine Siedlungen von Ackerbauern weitgehend egalitär und werden von Einzelnen auf Grund ihrer Intelligenz und Tüchtigkeit geführt. Wichtige Entscheidungen werden von allen gemeinsam bei Festen und religiösen Feiern getroffen.
    Auf der nächsten Stufe der Komplexität entwickelte sich ein Häuptlings- und Stammesfürstentum. Es herrscht ein Häuptling mit Unterstützung seiner Familie, die auch den Nachfolger bestimmt und Gegner unterdrückt und bestraft. Der Häuptling regelt alle Angelegenheiten im Einzelnen in seinem Herrschaftsgebiet, das in einem halben Tag erreichbar sein musste und deshalb nicht mehr als 50 km umfasste.
    Staaten bilden die oberste Form in der kulturellen Evolution von Gesellschaften, sie können nicht mehr von einem Einzelnen regiert werden. Die Macht des Königs wird an Fürsten und Gouverneure delegiert, das Land in untergeordnete Gebiete aufgeteilt und durch Beamte und Soldaten regiert und gesichert.
    Die Evolution der Gesellschaft ist nicht genetisch bedingt, sonder eng mit allen anderen kulturellen Fortschritten verbunden. In allen Regionen entwickeln sich Fürstentümer und Staaten zu unterschiedlichen Zeiten, aber jeweils erst kurz nach der Erfindung der Werkzeuge, der Produktionstechniken und der Landwirtschaft. Das Spektrum der Persönlichkeitsmerkmale der Menschen ist genetisch bedingt, aber in allen Regionen der Erde das gleiche. Es hat sich im Zuge der kulturellen Evolution kaum verändert. Das Tempo der kulturellen Evolution ist wesentlich höher als das der genetischen, aber in den verschiedenen Regionen sehr unterschiedlich. Diese Unterschiede resultieren aus den klimatischen Bedingungen, aber nicht aus genetischen Veränderungen, und konnten bis heute trotz geringer werdender Klimaeinflüsse nicht ausgeglichen werden. (hierzu gibt es aber auch andere Meinungen)

  6. Durch seine soziale Organisation wurde der Mensch zum Beherrscher der Erde. Aber er hat nicht als erster die Eusozialität erfunden. Ameisen und Termiten begannen bereits vor 120 Millionen Jahren Staaten zu bilden. Ameisenkolonien vereinigen bis zu 20 Millionen Individuen, die arbeitsteilig zusammenwirken. Ihre Tätigkeiten sind spezialisiert in Nestbau, Brutpflege, Nahrungsbeschaffung und Verteidigung. Die Vorteile der Eusozialität erwiesen sich als so groß, dass eusozial lebende Insekten von Anzahl und Gewicht fast zwei Drittel aller Insekten ausmachen, obwohl nur zwei Prozent der etwa 1 Million bekannter Insektenarten eusozial leben.Die kooperativen Instinkte der eusozialen Insekten entwickelten sich rein genetisch durch Gruppenselektion.

  7. Die Eusozialität der Ameisen entwickelte sich auf der Grundlage einer Symbiose mit Blattläusen, deren Ausscheidungen den Ameisen als Nahrung dienten. Die Blattläuse wurden bald von den Ameisen als Haustiere gehalten und gemeinsam vor Fressfeinden verteidigt. Andere Arten begannen Pilzkulturen zu züchten. Vorteilhaft für die Verbreitung der Ameisen war auch ihre Nahrungsvielfalt, die bis zur Anlage von Nahrungsvorräten von Pflanzensamen reichte.

  8. Obwohl sich eusoziale Arten , nachdem sie einmal entstanden waren, sehr erfolgreich entwickeln konnten, traten sie jedoch insgesamt sehr selten auf. In den ersten 250 Millionen Jahren nach der Entstehung der ersten Insekten ging keine einzige Art zur Eusozialität über. Erst vor 175 Millionen Jahren traten die ersten eusozialen Termiten auf und vor 150 Millionen Jahren folgten ihnen die Ameisen. In den 2500 bekannten Familien von Gliederfüßlern gibt es nur in 15 eusoziale Arten, und zwar 6 Termitenarten gleicher Abstammung, eine Familie der Ameisen, 3 der Wespen, 4 der Bienen, bei Krebsen und bei Blattläusen.Noch seltener als bei Wirbellosen blieb Eusozialität bei Wirbeltieren, zweimal entstand sie während 60 Millionen Jahren der Entwicklung bei Nacktmullen und erst vor 3 Millionen Jahren bei den Vorfahren der modernen Menschen.

  9. In jüngster Zeit wurden die Kräfte, die zur Evolution der Eusozialität führten, nicht nur theoretisch, sondern auch durch Feld- und Laborforschung an den fossilen und gegenwärtig existierenden eusozialen Arten untersucht. Bei allen Arten scheint der Bau, die Nutzung und Verteidigung eines gemeinsamen Nestes der wesentliche Ausgangspunkt zu sein. Bei den solitär lebenden Arten verlassen die Jungtiere Gen-gesteuert in einem bestimmten Alter das elterliche Nest. Es bedarf lediglich einer Mutation, nämlich der Abschaltung des Nestflucht-Gens, um den ersten Schritt zur Eusozialität zu gehen. Sobald die Jungtiere im Nest verbleiben und den Eltern bei der Aufzucht der jüngeren Geschwister helfen, beginnen die Vorteile der Eusozialität zu wirken und die Gruppenselektion setzt ein. Altruistisches Verhalten verschafft dann den in Gruppen lebenden Individuen Vorteile gegenüber den Solitären, so dass sich altruistische Gene durchsetzen. Genanalysen haben klar erwiesen, dass bei den Insekten die Arbeitstiere die gleichen Altruismus erzeugenden Gene haben wie die Königin, das altruistische Gen wird nicht bei den Arbeitsbienen selektiert, sondern bei der Königin durch Gruppenselektion. Die früher angenommene Verwandtenselektion hat sich damit als nicht relevant erwiesen. Arbeitsbienen müssen als phänotypische Erweiterungen der Königin betrachtet werden.

  10. Da es einige unterschiedliche eusoziale Insektenarten gibt, aber auch viele Arten, die nur Vorstufen von Eusozialität erreichten, war es möglich, die Einzelschritte zu ermitteln, in denen der Übergang von der solitären zur eusozialen Lebensweise vollzogen werden konnte. Die Fortschritte der Gen-Technologie ermöglichten es auch, in einigen Fällen die gentechnischen Veränderungen festzustellen, die diese Einzelschritte bewirkten.
    Der erste Schritt war zweifellos die bereits erwähnte Genmodifikation, die zum Verzicht auf das Verlassen des elterlichen Nestes führte. Bei einigen Arten wurde ein Allel gefunden, das gleichzeitig die Entwicklung von Flügeln unterband. Es wurden auch Arten entdeckt, bei denen sich je nach den konkreten Umweltbedingungen die Häufigkeit der konkurrierenden Allele veränderte und sich dementsprechend eusoziale und solitäre Lebensweisen abwechselten. Häufig existieren auch beide Allele beständig nebeneinander, Arbeitstiere ohne Flügel verbleiben dann im Nest, während die Königin mit Flügeln das Nest verlässt und eine neue Kolonie gründet.
    Der zweite Schritt ist der Übergang zur Arbeitsteilung. Er beruht auf dem angeborenen Grundplan solitärer Insekten, Nestbau, Nahrungssuche und Nestverteidigung nacheinander auszuführen. So konnten bereits eigentlich solitär lebende Insekten durch zusammensperren zu eusozialem Verhalten veranlasst werden: wenn ein Insekt bereits mit der ersten Tätigkeit begonnen hatte, wandte sich das zweite gleich der zweiten Arbeit zu und das dritte begann mit der Verteidigung des Nestes.
    Einige solitäre Insekten stellen zunächst die Nahrung bereit, mit der ihr Nachwuchs versorgt werden muss. Ein dritter Schritt zur Eusozialität scheint der Übergang zur progressiven Fütterung des Nachwuchses zu sein, wenn die Nahrung zunächst nach und nach und später von verschiedenen Individuen herbeigeschafft wird. Mit der Spezialisierung einzelner Individuen auf spezielle Tätigkeiten wird dann die eusoziale Lebensweise unumkehrbar und genetisch fixiert.

  11. Schon Darwin ging davon aus, dass auch Verhaltensweisen und Instinkte, genauso wie körperliche Erscheinungsformen, Ergebnisse der Anpassung und Selektion in der Evolution sind. Bis in die 1990er Jahre hinein war in den Sozial- und Humanwissenschaften jedoch umstritten, ob menschliche Instinkte und Verhaltensweisen überhaupt genetisch vererbbar sind. Erst mit den Fortschritten der Gentechnik setzte sich auch in diesen Bereichen endgültig die Erkenntnis durch, dass das Gehirn auch beim Menschen bei der Geburt kein unbeschriebenes Blatt ist, sondern in Form von Instinkten und Veranlagungen ererbte Bestandteile enthält, die nur zum Teil durch spätere Erfahrungen und Lernen modifiziert werden können.

    Unterschiedliche Allele eines Genes erzeugen unterschiedliche Verhaltenseigenschaften des Trägers, die auf unterschiedlichen Selektionsebenen entgegengesetzte Wirkungen haben können. Der Nutzen eines solchen Allels wird dann auf unterschiedlichen Selektionsebenen verschieden bewertet und seine Häufigkeit entsprechend durch natürliche Selektion verändert. So bringt z.B. ein Altruismus erzeugendes Gen dem Träger als Individuum zunächst Nachteile, die aber dadurch ausgeglichen werden können, dass sie der Gruppe nutzen, dem das Individuum angehört. Je nach dem Verhältnis zwischen Nachteil und Nutzen für das Individuum wird sich dann durch Zusammenwirken von individueller und Gruppenselektiion ein bestimmtes Häufigkeitsverhältnis der Allele in der Gruppe einstellen. Außerdem ist festzustellen, dass es zwei verschiedene Arten von Genen gibt. Bei der ersten Art wird durch das Gen eine bestimmte Eigenschaft des Phänotyps unveränderbar festgelegt. Bei der zweiten Art wird nicht eine bestimmte Eigenschaft, sondern nur die Plastizität einer Eigenschaft festgelegt, d.h. nur das Ausmaß und die Grenzen, innerhalb deren die betreffende Eigenschaft durch Umwelteinflüsse und Lernen veränderbar ist. Damit wird die Anpassungsfähigkeit des Organismus bedeutend erweitert.
    Proximate Ursache für die Entwicklung eines bestimmten Organismus oder für die Herausbildung einer seiner Eigenschaften sind seine Gene. Ultimate Ursache hierfür ist der Selektionsdruck der Umwelt, der dafür sorgt, dass genau die Gene selektiert werden, die den Organismus überlebensfähig machen. Die Wechselwirkung dieser beiden Ursachen treibt die Evolution voran.

  12. Die Unhaltbarkeit der Theorie der Verwandtenselektion.
    Es sind drei Mechanismen denkbar, die zur genetischen Fixierung von Altruismus beitragen koennten:

    - Individualselktion: der Vorteil altruistischen Verhaltens koennte auf Grund von Gegenseitigkeit so groß sein, dass er den Nutzen egoistischen Verhaltens übertrifft

    - Verwandtenselektion: Individuen verhalten sich altruistisch zu Verwandten, die zum Teil die gleichen Gene besitzen,wie sie selbst. Wenn der Fitnessnutzen multipliziert mit dem Verwandschaftsgrad dabei größer ist als der eigene Fitnessverlust, erhöht dieses Verhalten die sog. Gesamtfitness und wird deshalb selektiert.

    - Gruppenselektion: je altruistischer sich die Mitglieder einer Gruppe verhalten, desto erfolgreicher ist die Gruppe im Konkurrenzkampf gegen andere Gruppen.

    Zunächst wurde die Theorie der Verwandtenselektion bevorzugt, weil diese die zuerst untersuchte Eusozialität der Ameisen, Bienen und Wespen gut erklären konnte. Je mehr eusoziale Arten entdeckt und genauer erforscht wurden, desto mehr stellte sich heraus, dass diese Theorie nur in speziellen Fällen anwendbar war, in anderen aber nicht. Das empirische Material konnte aber in allen Fällen durch Individual- und Gruppenselektion gut erklärt werden. Verwandtenselektion als allgemeingültige Theorie zur Erklärung der Eusozialität muss deshalb verworfen werden und kann nur in Sonderfällen und zusätzlich angewendet werden.

  13. Das erste erkennbare Stadium beim Aufkommen von Eusozialität, das Arbeitsteilung mit dem Anschein von Altruismus zur Folge hat, ist nach neueren Erkenntnissen die Bildung von Gruppen in einer frei vermischten Population ansonsten solitärer Individuen. Die Gruppierung in Familien kann die Verbreitung eusozialer Allele beschleunigen, führt aber nicht selbst zu fortgeschrittenem Sozialverhalten. Dessen eigentliche Ursache ist der Vorteil eines verteidigungswerten Nestes, insbesondere wenn es nur aufwändig zu bauen ist und in Reichweite einer nachhaltigen Futterquelle liegt. Enge genetische Verwandschaft ist dann die Folge und nicht die Ursache eusozialen Verhaltens.
    Im zweiten Stadium beginnender Eusozialität wird fürsorgliche Pflege der heranwachsenden Brut und Verteidigung des Nestes durch Individualselektion je nach den Bedingungen des Lebensraumes herausgebildet und gefördert.
    In der dritten Phase treten genetische Mutationen auf, die die Streuung des Verhaltens abschalten, eusoziales Verhalten fördern und die Beständigkeit der Gruppen erhöhen.
    Bei den Insekten werden im 4. Stadium emergente Merkmale ausgebildet, die bei identischen Genotypen zu spezialisierten Phänotypen führen und der Königin und den Arbeitern und Soldaten unterschiedliche Verhaltensweisen und Funktionen zuweisen. Zur weiteren Klärung dieser Prozesse gibt es bisher nur wenige Forschungsprogramme.

    Im Ergebnis entwickeln sich spezialisierte ausgefeilte soziale Systeme, die als Superorganismen der Gruppenselektion unterliegen und deren Sozialstrukturen von den Genen der Königin bestimmt wird. Diese letzten Schritte der Sozialisierung wurden bisher nur bei verschiedenen Arten von Bienen, Ameisen und Termiten gefunden und untersucht. Dabei stellt sich die Frage, auf welche Weise der Mensch seine einzigartige, auf Kultur fußende soziale Lebensform erreicht hat.

  14. Die Natur des Menschen ist weder allein von seinen Genen noch allein von seiner Kultur bestimmt. Bis in die 1980er Jahre hinein herrschte eine Auffassung vor, derzufolge die genetische Evolution dem Menschen lediglich die Voraussetzungen schuf, die ihn zu einer weiteren Evolution seiner Kultur befähigte. Vor allem Sozialwissenschaftler verteidigten damit eine Autonomie der Sozial- und Geisteswissenschaften, die davon ausging, das der Mensch mit einem unbeschriebenen Gehirn geboren würde, in das alle kulturellen Errungenschaften erst nach der Geburt durch Erfahrungen und Lernen eingeschrieben werden müssten. Inzwischen besteht aber kein Zweifel daran, dass in der Gen-Kultur-Evolution eine enge Wechselwirkung besteht und durch das Genom ein epigenetisches Regelwerk präferiert wird, das die kulturelle Entwicklung nicht nur ermöglicht, sondern auch deren vielfältige Rückwirkung auf das Regelwerk und sogar auf die genetische Evolution zulässt. Beispiele für diese Wechselwirkung sind die Entwicklung der Laktosetoleranz bei Erwachsenen, die sogar bereits bei den Menschenaffen feststellbare instinktive und bei allen Völkern ausgeprägte instinktive und kulturell geregelte Inzestvermeidungsstrategie sowie die bei allen Völkern einheitliche Grundstrategie für die Unterscheidung und Bezeichnung von Farben. Bei aller Verschiedenheit der menschlichen Kulturen gibt es ein einheitliches ererbtes epigenetisches Regelwerk, nach dem sich Gehirn, Sinnesorgane und Verhalten entwickeln, die dann die menschliche Natur bestimmen. Dies zeigt sich z.B. auch darin, dass es 67 gleichartige soziale Verhaltensweisen und Institutionen in den Hunderten kulturell verschiedenen Gesellschaften gibt.

  15. Kultur ist die Kombination von Merkmalen, die eine Gruppe von einer anderen unterscheidet. Ein Kulturmerkmal ist ein Verhalten, das entweder in einer Gruppe neu erfunden oder von einer anderen Gruppe erlernt und dann zwischen den Gruppenmitgliedern weitervermittelt wird. Kultur gibt es bei Affen, Vögeln und Delphinen. Unverzichtbare Grundlage der Kultur ist das Langzeitgedächtnis der Individuen. Bei den in Afrika lebenden wilden Schimpansen gibt es 10 Gruppen mit 9 unterschiedlich verteilten Kulturmerkmalen. Bei den Neandertalern gab es in den 200000 Jahren ihrer Existenz in Europa keinen Fortschritt in Technologie und Kultur, während der zunächst in Afrika verbliebene Homo sapiens sein Gedächtnis vergrößerte, neue Werkzeugtechnologien entwickelte, , Höhlenmalereien erfand und durch besseren Zusammenhalt und Kooperation in der Gruppe den Neandertaler schließlich vor 30 000 Jahren verdrängen konnte.

  16. Entscheidend für die Entwicklung der Kooperationsfähigkeit des Homo sapiens war die einzigartige Fähigkeit der Individuen, in einem Ereignisablauf demselben Gegenstand ihre Aufmerksamkeit zu zu wenden und dadurch gemeinsam zu handeln. Damit entwickelte sich die Erkenntnis, dass ihr eigener geistiger Zustand von anderen geteilt wird und dass sie die gleichen Interessen haben. Von da an war es nicht mehr weit zur Entwicklung einer gemeinsamen Sprache, die den Austausch ihrer Absichten und die Zusammenarbeit enorm erleichterte. Nach einem länger anhaltenden Gelehrtenstreit kam man zu der Auffassung, dass zwar die grundlegenden Sprachfähigkeiten auf genetischer Grundlage herausselektiert wurden, sich aber auf Grund der raschen kulturellen Entwicklung Grammatikregeln und spezifische Eigenheiten der Sprachen nicht in dieser Weise fixieren konnten. Deshalb entwickelten sich die verschiedenen Sprachen in engem Zusammenhang mit der Entwicklung der vielfältigen Kulturen seit 60 000 Jahren unterschiedlich als wichtiger Bestandteil der jeweiligen Kultur.

  17. Genetische und kulturelle Evolution sind eng miteinander verwoben. Auch die unterschiedlichen sozialen Verhaltensweisen der Individuen in verschiedenen Kulturkreisen können genetisch bedingt sein. Dabei können die Gene entweder bestimmte Verhaltensweisen fest vorschreiben (z.B. Inzestvermeidung) oder sie können sehr plastisch ein breites Spektrum unterschiedlichen Verhaltens ermöglichen (z.B. Kleidungswahl, Nahrungswahl), das im Einzelnen dann epigenetisch je nach Umweltbedingungen und Tradition wählbar oder imitierbar ist. In Ameisenstaaten ist Anatomie und Verhalten von Königin, Arbeitern und Soldaten nicht durch unterschiedliche Gene bedingt, sondern wird durch unterschiedliche Fütterung hervorgerufen. Demgegenüber wird die kulturelle Varianz beim Menschen durch tradierte unterschiedlich stark wirkende Regeln des Sozialverhaltens bestimmt.

  18. Die widersprüchliche Natur des Menschen, die in den moralischen Kategorien von Gut und Böse ihren Ausdruck findet, hat ihre ultimate Ursache in der Multilevel-Selektion, bei der Individualselektion und Gruppenselektion gleichzeitig, aber meist in entgegengesetzter Richtung auf das Individuum einwirken. Zur Individualselektion kommt es im Überlebens- und Fortpflanzungswettkampf zwischen den Mitgliedern derselben Gruppe. Sie formt bei jedem Mitglied Instinkte heraus, die gegenüber den anderen Mitgliedern grundlegend egoistisch sind. Die Gruppenselektion dagegen ergibt sich aus dem Wettkampf zwischen Gesellschaften, sowohl durch direkten Konflikt als auch durch verschieden hohe Kompetenz bei der Nutzung der Umwelt. Die Gruppenselektion formt Instinkte heraus, die Individuen tendenziell zu Altruisten machen. Die menschliche Natur ist das Ergebnis des evolutionären Weges, den unsere Vorfahren zurückgelegt haben. Jedes Mitglied einer Gesellschaft verfügt sowohl über Gene, an deren Produkten die Individualselektion, als auch über gene an denen die Gruppenselektion angreift. Dabei müssen aber egoistische Verhaltensweisen nicht unbedingt zum Nachteil der Gruppe sein und Altruismus nicht zum Nachteil des Indiividuums, vielmehr gibt es vielfältige Verflechtungen. Unsere altruistischen Instinkte bildeten sich in vorgeschichtlicher Zeit heraus und entsprechen noch heute den damaligen Bedingungen, als über hunderttausende von Jahren Jäger- und Sammlergruppen mit bis zu 100 Mitgliedern vorherrschten. Erst allmählich passen sich unsere Moralvorstellungen unter dem Einfluss kognitiver Intelligenz den heute bereits viel weiter ausgedehnten Kooperationsgemeinschaften an. Nur unter dem Einfluss seiner widersprüchlichen Natur konnte sich der Mensch zu dem entwickeln, was er heute ist. Diese widersprüchliche Natur wird auch seinen weiteren Entwicklungsweg bestimmen.

  19. Die ersten Religionen entstanden vor 100 000 Jahren, als unsere Vorfahren begannen über ihre eigene Sterblichkeit nachzudenken und ihre Unsterblichkeitserwartungen bestätigt sehen wollten. Dieses Bedürfnis wurde von den Stammesführern aufgegriffen und mit religiösen Mythen befriedigt. Der Ursprung dieser Mythen, die in jeder Religion gepflegt werden, waren volkstümliche Erinnerungen an Naturereignisse und Halluzinationen der Schamanen unter dem Einfluss halluzinogener Drogen. Die Macht der organisierten Religionen beruht darauf, dass sie soziale Ordnung und persönliche Sicherheit zu festigen helfen, nicht aber auf einem Beitrag zur Wahrheitssuche, auch wenn ihre Schöpfungsmythen dies vorspiegeln. Ziel der Religionen ist die Unterwerfung unter den Willen und das Gemeinwohl des Stammes. Wie in alten Zeiten interessieren sich auch heute die Gläubigen nicht besonders für Theologie und Wahrheitssuche, die Schöpfungsmythen erklären alles, was sie von der Vorgeschichte wissen wollen und müssen, um den Zusammenhalt des Stammes zu gewährleisten. Ein derart ausgeprägter Stammesinstinkt konnte nur durch Gruppenselektion aufkommen, also im Kampf von Stamm gegen Stamm und Religion gegen Religion, wie wir dies noch heute sehen.

  20. Parallel zur Intelligenz des Homo sapiens entwickelten sich die kreativen Künste. Diese evolutionär Verbindung wird bisher von den Geisteswissenschaften noch nicht entsprechend gewürdigt, was auch in der zeitgenössischen Definition der Geisteswissenschaften noch seinen Ausdruck findet. Erste Anfänge von Kunst findet man bereits vor 100 000 Jahren, seit 35 000 Jahren existieren Höhlenmalereien und seit 30 000 Jahren einfache Musikinstrumente.

  21. Im letzten Kapitel des Buches fasst Wilson noch einmal die wichtigsten seiner neuen Erkenntnisse zur sozialen Evolution zusammen:


Siehe hierzu auch „Krieg und Völkermord