Zur Psychologie in der Gesellschaft

Hans-Jürgen Wirth untersucht in seinem Buch "Narzissmus und Macht, zur Psychoanalyse seelischer Störungen in der Politik", die Wechselwirkungen psychologischer und gesellschaftlicher Prozesse. Ausgehend von den in der Psychologie des Individuums erkannten Gesetzmäßigkeiten und Zusammenhängen beschreibt er wesentliche Eckpunkte der persönlichen und politischen Entwicklung von Uwe Barschel, Helmut Kohl, Joseph Fischer und Slobodan Milosewitsch und kommt zu der Schlussfolgerung, dass häufig narzisstisch gestörte Persönlichkeiten ungehemmtes Machtstreben entwickeln und die Erringung von Machtpositionen in der Gesellschaft umgekehrt deren narzisstischen Störungen entgegenkommt und diese fördert. Als weitere Beispiele werden Napoleon, Stalin, Hitler, Honecker und Causescu erwähnt.

Jeder Mensch besitzt in unterschiedlicher Ausprägung einen gesunden Narzissmus, der für die Behauptung jedes Individuums in seiner jeweiligen gesellschaftlichen Umgebung notwendig und daher evolutionär entstanden ist. In ausgewogener Form führt dieser Narzissmus zu Selbstbewusstsein, Hilfsbereitschaft und Kreativität. Bei krankhaft gestörter Ausprägung zeigen sich maßlose Selbstüberschätzung und unrealistisch überhöhte Ansprüche an die eigene Leistungsfähigkeit, verbunden mit Minderwertigkeitskomplexen und zeitweiligen Depressionen, wenn die erwarteten Leistungen nicht erbracht werden können und die selbstgestellten Ziele nicht erreicht werden. Der narzisstisch gestörte Mensch verfolgt eine der folgenden drei Lebensstrategien, um zur Befriedigung seiner narzisstischen Bedürfnisse um Anerkennung in der Gesellschaft zu erlangen:

Gesellschaftliche Führungspositionen befriedigen in hohem Maße die erstgenannten Bestrebungen und fördern gleichzeitig den darin zum Ausdruck kommenden Narzissmus, besonders weil sich in der unmittelbaren Umgebung des Führers immer schnell Personen einfinden, die ihren eigenen Narzissmus auf diesen übertragen und den Führer in seiner Selbstüberschätzung bestärken, um dadurch selbst mit aufzusteigen. Infolge dieser Rückkopplung kann sich ein zunächst nur wenig überbetonter Narzissmus immer mehr verstärken und sich bis zum vollständigen Wahrnehmungsverlust der realen Welt entwickeln. Bei geschickter Argumentation des Führers gelingt es ihm sogar häufig, eine ganze Volksgruppe oder Nation verbunden mit "Personenkult" zu unrealistischen Selbstüberschätzungen ihrer Leistungsfähigkeit aufzuschaukeln, was man jederzeit auch an der gegenwärtigen Politik beobachten kann.