Prinzip und Problematik des Evolutionskonzepts von Niklas Luhmann

Kommentar zum Vortrag von Stephan Müller am 24.11.2015 im philosophischen Seminar der Hellen Panke

Der Vortragende hielt die Anwendung des (biologischen) Evolutionskonzepts auf gesellschaftliche Entwicklungen vor allem deshalb für problematisch, weil im Gegensatz zur Biologie die Variation des evolvierenden gesellschaftlichen Systems nicht von der Selektion unabhängig erfolgt, sondern die Variation statt zufällig unter Verfolgung einer beabsichtigten Zielstellung bewusst gewählt wird. Eine Evolutionstheorie für soziale Systeme müsste deshalb einen von drei möglichen Wegen einschlagen:

Luhmann wählte den dritten Weg und betrachtete soziale Systeme als in sich operativ geschlossene Kommunikationssysteme und verlagerte die Ursachen von deren Variation in die Umwelt. Die Anstöße zur Veränderung erhalten dann die Sozialsysteme durch Beobachtung ihrer Umwelt, zu der neben der Natur auch die Menschen als psychische Subjekte gehören. Deshalb betrachtet Luhmann die Menschen auch nicht als Bestandteile des Sozialsystems.

Mit diesem Konzept könnte man erklären, dass menschliche Intuitionen zwar mit bestimmten Absichten von außen als Variationen in das Sozialsystem hineingetragen werden, im Sozialsystem aber selektiert und keineswegs immer zu den beabsichtigten Veränderungen führen.

In der Diskussion wurde herausgearbeitet, dass eine Evolutionstheorie der Gesellschaft nicht nur zur Erklärung gesellschaftlicher Prozesse, sondern auch zu deren Beeinflussung und Gestaltung beizutragen habe. Inwieweit dies die Luhmannsche Theorie zu leisten vermag und inwieweit sie mit dem dialektischen und historischen Materialismus verträglich ist, wurde nur andiskutiert und sollte auf einer der geplanten Folgeveranstaltungen näher beleuchtet werden.

30.11.2015
Bertram Köhler