Evolution in der Marktwirtschaft

1. Die heutige Gesellschaft ist auf Wirtschaftswachstum orientiert, wobei der Markt die zentrale Rolle bei der Steuerung der Wachstumsgeschwindigkeit innehat. Auf dem Markt treffen hierarchisch strukturierte komplexe Wirtschaftseinheiten aufeinander und werden entsprechend ihrer wirtschaftlichen Effektivität selektiert. Die Vielfalt der Kopplungsbeziehungen zwischen den verschiedenen Wirtschaftsbereichen wird z. B. von Meadow und Randers im Buch "Die neuen Grenzen des Wachstums" durch ein System von 255 Zustandsvariablen modelliert und ihr Verhalten analysiert. Dabei werden die in den Abschnitten oben dargestellten allgemeinen evolutionstheoretischen Gesichtspunkte zu wenig berücksichtigt, wodurch manche Darstellungen einen subjektiven, idealistischen Charakter erhalten. Im weiteren soll deshalb versucht werden, diese Gesichtspunkte stärker zu betonen und für wichtige Teilsysteme die Einflußparameter auf die Selektionswerte und einschränkende Bedingungen zu benennen.

2. Am Warenmarkt werden Produzenten gleicher und vergleichbarer Waren nach dem Bewertungskriterium "maximale Profitrate" selektiert. Der Selektionsdruck wird durch die begrenzte zahlungsfähige Nachfrage der Verbraucher erzeugt. Durch Ausselektierung der weniger effektiven Produzenten sinkt die Profitrate auch der besseren Produzenten unter den Durchschnitt. Damit entsteht der Zwang zur Verbesserung der Herstellungstechnologie und Produzenten mit höherem F/E - Aufwand können ihre Profitrate schneller verbessern und das System wird evolutionsfähig. Bei den größten und effektivsten Produzenten wird wegen des zunehmenden Aufwandes für die weitere Ausdehnung des Produktionsumfanges eine Hemmung der Wachstumsgeschwindigkeit wirksam, die auch weniger effektiven Produzenten das Überleben ermöglicht . Die Breite des Warensortimentes entspricht einer Versorgung mit unterschiedlichen Rohstoffsorten (die Nachfrage nach einer bestimmten Ware ist der Rohstoff des Produzenten), so daß ein Spezialisierungseffekt eintritt und im Prinzip für jede Warensorte ein Produzent überlebensfähig ist. Sinken die spezifischen Produktionskosten mit steigender Produktion, so kann Hyperselektion auftreten, d.h. kleine Produzenten können auch mit prinzipiell besseren Technologien sich nicht durchsetzen.. Spezialisierte, voneinander abhängige Produzenten werden gemeinsam ausselektiert, auch wenn einzelne Glieder einer Produktionskette effektiv sind..

3. Am Arbeitsmarkt werden Arbeitskräfte entsprechend ihrer Leistungsfähigkeit ausselektiert. Bewertungsmaßstab ist der mögliche Beitrag zur Profitrate der Produzenten, der sich als Arbeitsleistung, bezogen auf die anfallenden Lohnkosten darstellt. Die Konkurrenzbedingung wird durch die begrenzte Anzahl benötigter Arbeitsplätze gestellt und bezieht sich nur auf Spezialisten eines Fachgebietes. Vorleistungen an Ausbildung und Qualifizierung erhöhen den Einfluß der Arbeitskraft auf den Selektionswert, womit der Anreiz zur Qualifizierung entsteht.

4. Am Finanzmarkt werden die aus dem Profit der Produzenten stammenden Mittel zwischen den Industriezweigen umverteilt. Entscheidend für die Verteilung der Kredite ist die in den verschiedenen Zweigen erzielbare Profitrate, die dort am höchsten ist, wo der Bedarf der Verbraucher nicht abgedeckt werden kann. Das Gleichgewicht zwischen Finanzangebot und Finanzbedarf wird durch den Zins hergestellt. Obwohl das Wachstum der Banken aus der Differenz der Zinsen zwischen Kreditvergabe und Kreditnahme gespeist wird, ist keine echte Konkurrenzsituation vorhanden, da die Banken insgesamt gegenseitig versichert und gesichert sind. Demzufolge findet auch keine nennenswerte Selektion statt und gibt es außer dem Mengenwachstum keine qualitative Entwicklung. Außerdem schneiden sich an dieser Stelle Staatshaushalt, Machtpolitik und Geldpolitik, so daß Manipulationen aller Art relevant und in Betracht zu ziehen sind. So gibt es am Finanzmarkt instabile Punkte, da bei hohen Zinssätzen das Finanzkapital schneller wächst als die Produktion, so daß eine positive Rückkopplung entsteht und sich kein Gleichgewicht einstellt.

5. Nationale Märkte sind ein Ausdruck noch existenter nationaler Wirtschaftssysteme, die durch politische Maßnahmen (Zölle) voneinander abgegrenzt werden. Das wirtschaftliche Gleichgewicht stellt sich in den kleineren nationalen Systemen schneller ein als international.. Die nationalen Wirtschaftssysteme treffen auf dem Weltmarkt aufeinander und unterliegen dort dem Selektionsdruck, der die nationalen Wirtschaften zur Erhöhung ihrer Profitraten zwingt. Dem Selektionsdruck kann nur durch die völlige Isolation vom Weltmarkt ausgewichen werden. Das sozialistische System versuchte mit dem Bau der Mauer diesen Weg zu gehen, die vollständige Isolation war aber nicht erreichbar. Da infolge der schnellen elektronischen Informationssysteme insbesondere Geldgeschäfte durch Entfernungen nicht mehr behindert werden, wird der Finanzmarkt zunehmend internationalisiert. Das internationale Bankkapital wird dadurch in die Lage versetzt, die freien Finanzmittel schnell in die Regionen zu transferieren, die die höchsten Profitraten versprechen. Das führt als nächstes zu einer Internationalisierung der Warenmärkte, die zur Zeit in vollem Gange ist. Die kapitalkräftigsten Industrieländer können bei dieser Entwicklung die größten Vorteile realisieren und spielen eine führende Rolle in diesem Prozeß. 

Wegen der relativen Ortsgebundenheit der Arbeitskräfte bleibt der Arbeitsmarkt am längsten ein nationaler Markt und ermöglicht damit den führenden Industrienationen die Realisierung hoher Profitraten in den Entwicklungsländern. Eine Folge dieser Situation ist das Problem der "Wirtschaftsasylanten", die einen Druck in Richtung einer Internationalisierung des Arbeitsmarktes erzeugen. Die Tendenzen in der Evolution der Marktwirtschaft sind somit eindeutig in Richtung einer Internationalisierung und damit auf den Aufbau immer größerer und komplexerer Wirtschaftssysteme gerichtet (z.B. Europäische Union), die sich auf Grund ihres schnelleren Wachstums durchsetzen können.

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