Evolution des Bewertungskriteriums

1. Nach der politischen Ökonomie des Marxismus sind die Produktivkräfte die entscheidenden Triebkräfte der gesellschaftlichen Entwicklung. Vom Standpunkt der Evolutionstheorie aus ist die Gesellschaft ein dissipatives System im Fließgleichgewicht, in dem ständig Prozesse vor sich gehen, die freie Energie verbrauchen und Entropie produzieren, die exportiert werden muß. Das zugehörige, diese Prozesse beschreibende Gleichungssystem hat einen Eigenwert, der nur in Ausnahmefällen gerade gleich eins ist. Im Normalfall muß ein Gesellschaftssystem deshalb entweder abnehmen oder wachsen. Das Wachstum kommt nur dann zum Stillstand, wenn äußere Bedingungen (z.B. Rohstoffmangel) den Eigenwert auf eins einstellen. Jede Mutation, die zu einer Verbesserung der Systemeigenschaften führt, hat dann aber sofort wieder einen Wachstumsprozeß zur Folge, bis sich ein neues Gleichgewicht einstellt, während negative Mutationen ausselektiert werden. Die "marxistischen" Produktivkräfte sowie die Produktionsverhältnisse sind in diesem Bild die Bewertungsfunktionen, die den Selektionswert bestimmen. In der Urgesellschaft war die sich entwickelnde Arbeitsteilung die Bewertungsfunktion, die den Selektionswert bestimmte. In der Sklavenhaltergesellschaft bestimmte die Anzahl der Sklaven und die Größe des Herrschaftsbereiches als entscheidendes Kriterium die Macht des Herrschers, während im Feudalismus erstmalig die Produktion von Profit als zusätzlicher Bewertungsmaßstab hinzutrat, die dann im Kapitalismus zum alles bestimmenden Maßstab wurde. Die sog. "Produktivkraft Wissenschaft" ist nur dann eine echte Triebkraft der Entwicklung, wenn die Produktionsverhältnisse deren Einfluß auf den Selektionswert zulassen. Ein drohender Zerfall des Systems erzwingt eine entsprechende Änderung der Produktionsverhältnisse, die auch zu einer Änderung der Bewertungskriterien führen.

2. Wenn durch objektive Bedingungen ein quantitatives Wachstum durch Ausdehnung nicht mehr möglich ist, muß analog zur biologischen Entwicklung in der Phase der Energiekrise eine Evolution des Bewertungskriteriums einsetzen. Solange das kapitalistische Gesellschaftssystem nicht vollständig internationalisiert ist, ist kein wirksamer Druck in Richtung einer Änderung des Bewertungskriteriums vorhanden, weil nationale Wirtschaftssysteme und transnationale Konzerne weiterhin versuchen werden, auf Kosten anderer nationaler Systeme zu wachsen, bis die Globalisierung konsequent durchgesetzt ist. Konsequenter Internationalismus muß deshalb ein Kennzeichen einer fortschrittlichen Partei sein.

3. Der Aufbau des sozialistischen Weltsystems war ein Versuch, neue Bewertungskriterien in einem abgegrenzten Teilgebiet der Welt zu etablieren. Dieser Versuch scheiterte, weil die neuen Kriterien nicht auf das alte System übertragbar waren und bezüglich des alten Kriteriums eines maximal möglichen Wachstums das alte, profitorientierte System des Kapitalismus objektiv die besseren Selektionswerte realisieren konnte. Das alte System war noch nicht an den objektiven Wachstumsgrenzen angelangt, an denen das alte Bewertungskriterium seinen Einfluß auf den Selektionswert verliert. So hat sich offenbar die Änderung der Eigentumsverhältnisse an den Produktionsmitteln nicht als entscheidend für die Verbesserung des Selektionswertes erwiesen. Insbesondere hat die Arbeiterklasse die ihr von seiten des Marxismus zugedachte Funktion nicht erfüllen können, weil die Mehrheit der Arbeiter den Zusammenhang der Verbesserung ihrer Lebenslage mit der Entwicklung des Gesamtsystems nicht nachvollziehen konnte und eine direkte Kopplung von Lohn und Leistung zu schwach ausgeprägt war. Offensichtlich sind die Eigentumsverhältnisse an den Produktionsmitteln nicht die entscheidenden Bewertungskriterien.

4. Nachdem die Internationalisierung der Gesellschaft vollzogen, das heißt eine Art Weltregierung geschaffen ist, ist ein unkontrolliertes Wachstum eines Teilsystems auf Kosten der anderen nicht mehr möglich. Spätestens dann wird die Aussichtslosigkeit der Fortführung rein marktwirtschaftlicher Wachstumskonzepte so offensichtlich sein, daß die mutagene Rolle neuer Gesellschaftskonzepte erkannt und mit deren Realisierung in Teilbereichen begonnen werden muß. Der Schwerpunkt der Systemevolution muß sich dann zwangsläufig auf die Bewertung anderer Wachstumskriterien verlagern, unter denen zweifellos eine Reihe der Errungenschaften des realen Sozialismus sich wiederfinden werden. Gleichzeitig wird die Bedeutung der Gesellschaftstheorien anwachsen, die eine zuverlässigere Prognose der Selektionswerte liefern und damit eine theoretische Selektion von Varianten künftiger Entwicklungen ermöglichen, bereits zu einem Zeitpunkt, zu dem die physische Ausselektierung uneffektiver Varianten noch nicht eingesetzt hat. Die Aufgabe einer fortschrittlichen Partei muß es daher sein, neue Bewertungsmaßstäbe der Lebensqualitäten vorzubereiten und entsprechende Ideologien zu verbreiten, auch wenn unter den heute herrschenden Bedingungen noch keine Realisierungsmöglichkeiten bestehen. Pluralität und Förderung des allgemeinen Evolutionsgedankens ist dann heute für eine solche Partei wichtiger als ein einheitliches Konzept, das in nächster Zeit ohnehin nicht realisiert werden kann, weil die Zeit noch nicht reif ist.

Die Transformation der profitorientierten Marktwirtschaft, die dem individuellen Bewußtsein breite Wirkungsmöglichkeiten einräumt, in eine vom gesellschaftlichen Bewußtsein zentral gesteuerte Gesellschaft ist eine mit Notwendigkeit zu bewältigende Aufgabe, deren konkrete Lösung zur Zeit jedoch nicht vorhersehbar ist. Potentielle Ansatzpunkte liefern aber auf jeden Fall die Programme der Grünen und der PDS.

5. Ebeling und Feistel formulieren in "Chaos und Kosmos" dieses Problem wie folgt: Ein gesunder Kompromiß zwischen den selbstregulierenden Evolutionsmechanismen des Marktes und bewußter restriktiver Gestaltung durch die Menschen muß gefunden werden, ein Weg, für den es kein Patentrezept gibt, sondern der wie bei allen Vorgängen der Evolution Schritt für Schritt ertastet und erprobt werden muß. Die gesellschaftliche Selbstorganisation erfordert Einschränkungen durch Regelmechanismen, die an den Ordnungsparametern (z.B. Kosten, Steuern, moralische Werte) angreifen. Staatliche und internationale Organisationen müssen die Steuerung übernehmen.

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