Anforderungen an ein evolutionsfähiges Gesellschaftssystem

1. Ein Gesellschaftssystem, das den Anspruch erhebt, fortschrittlich, d.h. zukunftsträchtig zu sein, muß gesellschaftliche Evolutionsprozesse fördern und unterstützen. Ein konservatives oder reaktionäres Gesellschaftssystem ist nicht evolutionsfähig.

2. Ein evolutionsfähiges Gesellschaftssystem muß eine ausreichende Stabilität besitzen, d.h. es muß in der Lage sein, die gesellschaftlichen Strukturen aufrechtzuerhalten und zu reproduzieren, ohne jedoch innovative Veränderungen unmöglich zu machen. Das erfordert, daß die aus den unterschiedlichsten Interessenlagen der Bürger ständig stochastisch entstehenden Veränderungsideen solange toleriert werden, bis sie ihre Tragfähigkeit und Relevanz unter Beweis gestellt oder ihre Bedeutung wieder verloren haben. Es muß jedoch verhindert werden, daß gegensätzliche Interessen unausgeglichen gleichzeitig zu große Einflußmöglichkeiten erhalten und damit die Aufrechterhaltung der Systemstrukturen gefährden. Gemäß den Grundprinzipien der Evolution muß das revolutionäre und das konservative Potential der Gesellschaft auf einem Niveau eingestellt werden, das dicht unterhalb der Instabilitätsschwelle liegt. Eine konsequent realisierte parlamentarische Demokratie mit einer nicht zu hoch angesetzten Sperrklausel kann hierfür eine geeignete Basis sein, wenn auch Minderheiten unterhalb der Sperrklausel bei günstigen Selektionswerten Entwicklungsmöglichkeiten erhalten. (siehe hierzu die Thesen von Willke)

3. Opportunismus und Beeinflußbarkeit der Mehrheit der Bevölkerung haben biologische (Adaptationsfähigkeit) und historische Wurzeln und eine große Bedeutung für die Sicherung der Stabilität des Gesellschaftssystems und werden deshalb auch durch das Bildungssystem und die informativen Medien gefördert. Werden dadurch jedoch innovative Ideen zu stark unterdrückt, so wird das Gesellschaftssystem zu konservativ und kann sich nicht mehr entwickeln. Das war in der DDR in den letzten 10 Jahren der Fall und eine der Ursachen für ihren Untergang. In der BRD besteht die Gefahr einer analogen Entwicklung. Wenn umgekehrt die Mehrheit der Bevölkerung aus Autonomen bestünde, wäre die Existenz einer evolutionsfähigen Gesellschaft auch nicht gewährleistet und es würde eine Art "Mutationskatastrophe" eintreten .

4. Für die Steuerung der Warenproduktion stellt die Marktwirtschaft einen geeigneten Regulierungsmechanismus zur Verfügung. Sie funktioniert jedoch nur unter Konkurrenzbedingungen. Die Konkurrenz der Produzenten verhindert aber gleichzeitig eine ausreichende Weitsicht der Entscheidungen, wie sie zur Beherrschung der oben dargestellten Wachstumsbeschränkungen in Zukunft unbedingt erforderlich ist. Gleichzeitig ermöglicht die Marktwirtschaft wegen ihrer privatkapitalistischen Grundlage und der Konzentration des Kapitals in den Händen der Banken die Interessensteuerung der gesellschaftlichen Entscheidungsträger in Richtung einer konservativen Gesellschaft und engt damit die Evolutionsmöglichkeiten der Gesellschaft ein.

5. Zur Realisierung weitsichtiger Steuerungsmaßnahmen ist es erforderlich, die Interessenlage der politischen Entscheidungsträger von den Beeinflussungsmöglichkeiten durch das Privatkapital abzukoppeln und statt dessen die Einflußmöglichkeiten der Wissenschaft und Forschung entscheidend zu stärken und für die Steuerung der Wirtschafts- und Gesellschaftsentwicklung nutzbar zu machen. Notwendig wäre eine zentrale Steuerung der Interessen der Gesamtgesellschaft unter der Priorität der Erkenntnisse von Wissenschaft und Forschung.(siehe hierzu auch Böhret)Die Problematik einer zentralistischen Steuerung wird von Willke näher untersucht. Für die Realisierung dieser Aufgabe gibt es zur Zeit keine politische Partei und kein politisches Konzept. Zwar vertreten die Grünen teilweise die im Abschnitt 4.genannten Positionen, haben aber kein Realisierungskonzept und sind bezüglich der ökologischen Forderungen eher konservativ als evolutionär. Am ehesten stehen für diese Aufgabe die visionären Vorstellungen der PDS zur Umverteilung der finanziellen Mittel von Oben nach Unten und zur Verteilung der Arbeit auf alle Mitglieder der Gesellschaft, die wissenschaftlichen Grundlagen für eine solche Politik sind aber eher unterentwickelt, obgleich der Marxismus wesentliche Ansatzpunkte bieten könnte, auch wenn er unbedingt einer Weiterentwicklung bedarf.

6. Die Erfahrungen der bisherigen Evolutionsgeschichte machen folgenden Gang der Ereignisse wahrscheinlich:

7. In räumlich ausgedehnten bi- oder multistabilen Systemen kann ein Übergang aus einem stabilen Zustand in einen anderen stabilen Zustand erfolgen, wenn das Gebiet, in dem sich der neue Zustand eingestellt hat, eine gewisse kritische Größe überschreitet. Das Übergangsgebiet ist instabil. Unterstellt sei, daß die heute existente menschliche Gesellschaft ein Entwicklungsniveau erreicht hat, in dem die profitorientierte privatisierte Wirtschaft immer weniger Wachstumsmöglichkeiten bietet, jedoch einen der möglichen stabilen Zustände des System repräsentiert. Ein anderer stabiler Zustand könnte durch ein reformiertes sozialistisch geprägtes, aber das individuelle Bewußtsein besser berücksichtigendes Wirtschaftssystem repräsentiert werden, das dennoch kollektivistische Grundzüge trägt. Der Übergangszustand zwischen beiden Systemen ist instabil. Der Übergang des Systems aus dem einen in den anderen Zustand ist dann nur in einer Weise denkbar, in der das instabile Übergangsgebiet möglichst rasch durchquert wird. Die Durchquerung vom Sozialismus zum Kapitalismus liegt gerade hinter uns. Die Durchquerung in umgekehrter Richtung ist mit Aussicht auf Erfolg nur möglich durch einen schnellen revolutionären Prozeß in einem Gebiet, das eine kritische Mindestgröße überschreitet und unter der Voraussetzung, daß das gesellschaftliche Bewußtsein die Notwendigkeit des Überganges erfaßt hat. (Das erfordert eine von einer Fluktuation ausgehende und durch Verstärkung von einer Mehrheit getragene Revolution gegenwärtiger gesellschaftlicher Verhältnisse, siehe hierzu auch die Überlegungen von Jantsch)

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