Lernprozesse in der Gesellschaft

1. Die Speicherung und Übermittlung von Information über Aufbau und Funktionieren eines Gesellschaftssystems ist eine Grundvoraussetzung für die Reproduktionsfähigkeit und damit auch für die Entwicklungsfähigkeit des Systems. Der Umgang mit Informationen und die Nutzung vorhandener Information wird deshalb in Gesellschaftssystemen wesentlichen Einfluß auf den Selektionswert haben. Bereits in der Biogenese ist die Bedeutung dieser Problematik erkennbar. In der heutigen Zeit stellt die ungeheurer anwachsende Flut von Informationen sichtlich ein zentrales Problem dar, dessen Bewältigung den Fortgang der Evolution sicher wesentlich beeinflussen wird. Die Nutzung von Information erfordert immer eine Auswahl der notwendigen Information aus der Flut der überflüssigen Information.

2. Lernfähigkeit ist die Eigenschaft eines Systems, Informationen zu speichern und so miteinander zu verknüpfen, daß eine Anpassung seines Verhaltens an unterschiedliche äußere Bedingungen möglich ist. Ein Lebewesen als biologisches System ist durch einen Lernprozess in der Lage, auf der Grundlage selbst erlebter oder von anderen Lebewesen übermittelter Erfahrungen bei Vorliegen einer bereits bekannten Umgebungssituation das Ergebnis eigener Handlungen im voraus einzuschätzen, seine Handlungen entsprechend zu optimieren und damit seine Überlebenschancen zu erhöhen. Eine ähnliche Situation besteht in einem gesellschaftlichen System bei der Nutzung historischer Erfahrungen, wobei jedoch komplexere analytische Auswertungs- und Lernprozesse vollzogen werden müssen, weil sich historische Situationen nicht wiederholen und eine einfache Übertragung von Erfahrungen nicht möglich ist. Historische Erfahrungen müssen deshalb zunächst verdichtet werden und Eingang in das gesellschaftliche Bewußtsein finden, bevor sie zur Steuerung des gesellschaftlichen Systems genutzt werden können.

3. Die Verdichtung von Informationen und damit verbunden die Reduzierung auf den notwendigen Umfang erfolgt durch das Aufstellen einer Theorie. Solomonoff definiert eine Theorie als einen Algorithmus, der eine Serie von Beobachtungen (oder eine Serie von Informationen) reproduziert. Wenn zwei solcher Algorithmen existieren, wird der einfachere und kürzere bevorzugt. Wenn die Ausgangsdaten jedoch vollständig unregelmäßig sind, kann kein Programm gefunden werden, welches kürzer als die Serie der Daten ist, und folglich kann keine Theorie formuliert werden.

4. Eine Theorie gilt zunächst nur für den Bereich, für den Primärinformationen (Beobachtungsdaten) vorliegen, sowie für die Nachbarbereiche, auf die diese Theorie mit Hilfe der formalen Logik ausgedehnt werden kann. Häufig wird und kann eine Theorie jedoch über den damit definierten Bereich hinaus verallgemeinert werden. In diesem erweiterten Bereich ist jedoch später eine Bestätigung der Theorie erforderlich, wobei eine Widerlegung durch neue Fakten nicht ausgeschlossen ist. Das Kriterium der Wahrheit ist die Praxis. Siehe hierzu auch die im Beitrag Wissen und Bewußtsein zusammengefaßten Erkenntnisse Poppers.

5. Die Aufstellung einer Theorie und ihre Erweiterung über den a- priori - Gültigkeitsbereich hinaus ist für die Evolution in der Gesellschaft ein Prozeß, der in der biologischen Entwicklung einer Mutation entspricht.

6. Je genauer und aussagefähiger eine Theorie die Realität widerspiegelt, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, daß die Aussage auch im extrapolierten Bereich richtig ist. Damit kann der Selektionswert für eine begrenzte Zukunft vorausgesagt werden und es kann eine theoretische Selektion denkbarer Varianten erfolgen, ohne daß diese praktisch ausprobiert werden müssen. Auf diese Weise kann das Verhältnis der Anzahl günstiger zur Gesamtanzahl der Mutationen erhöht werden. Das erhöht die Evolutionsgeschwindigkeit und stabilisiert das System gegenüber Mutationskatastrophen.

[weiterlesen]