Evolution und Gesellschaft

1. Wie der Mensch im Ergebnis der biologischen Evolution als das höchstentwickelte Lebewesen zu betrachten ist, so muß die heutige menschliche Gesellschaft als ein komplexes, aus dem Evolutionsprozeß entstandenes System angesehen werden, dessen Teilsysteme die Wirtschaftseinheiten und Nationen und dessen Elemente die Menschen selbst sind. Von diesem Standpunkt aus gesehen, müssen sich Grundprinzipien und Strategien der Evolution auch im Verhalten der gesellschaftlichen Teilsysteme widerspiegeln. In diesem Sinne ist die Gesellschaft ein komplexes, nicht zyklusfreies, nichtlineares stochastisches System, das der weiteren Evolution unterliegt. 

In der Energontheorie wird versucht, eine Analogie zwischen einem biologischen Lebewesen und einen sozialen System herzustellen, indem das "Energon" als  Mensch mit Erwerbsumgebung definiert wird. So wie ein Lebewesen durch seine Gene gesteuert wird, erfolgt die Steuerung sozialer Systeme durch Meme. Die Koevolution beider wird im Vortrag  "Ist menschheitliches Globalverhalten als Ergebnis genetisch-memetischer Ko-Evolution modellierbar? " von Hans-Volker Pürschel beschrieben.

"Die Synergetik komplexer Moleküle führte zum elementarsten Leben, zur Zelle, die Synergetik vieler Zellen zum Organismus, die vieler Organismen zu Verhaltensgesetzen in der Population. Komplexes Verhalten wird möglich durch Informationsverarbeitung in neuronalen Netzen, eine neue Qualität neuronaler Tätigkeit sind Denken, Sprache und Bewußtsein. Die Gesellschaft besteht einerseits aus dem Zusammenwirken vieler biologischer Körper, die sich ernähren, bewegen und vermehren, und andererseits aus dem Zusammenwirken vieler neuronaler Seelen, die Informationen ansammeln, austauschen und verarbeiten." (Den Autor dieses Zitats habe ich leider verloren)

Im folgenden werden einige Aspekte in dieser Hinsicht untersucht.

2. Die Entwicklung einer "Gesellschaftsordnung" beginnt bereits im Tierreich, wenn nicht sogar in der Flora. Überall dort, wo sich Individuen zur Aufzucht der Nachkommen in Familien oder zur rationelleren Nahrungssuche und zum Schutz vor Feinden in Horden oder Völkern (Bienen, Ameisen) zusammenfinden, kann man von der Bildung eines übergeordneten Systems ausgehen, das den Individuen günstigere Entwicklungsbedingungen verschafft und in Folge dieser Eigenschaft einer Evolution unterliegt, die zur Rationalisierung der inneren Organisation des betreffenden Systems führt. Derartige Tiergesellschaften funktionieren auf der Basis der Nachahmung gleichartiger Verhaltensweisen der Individuen und der Durchsetzung und Respektieren einer "Hackordnung". In hochentwickelten Tier - Systemen sind eindeutig Elemente einer Arbeitsteilung erkennbar (Bienen). (siehe auch Evolution der Kooperation)

3. Die Urgesellschaft des Menschen ist zweifellos als eine Weiterentwicklung der tierischen Horde anzusehen, in der durch die Entwicklung von Arbeitswerkzeugen und der Sprache die Arbeitsteilung und der Tausch der Arbeitsprodukte zum wesentlichen Merkmal wird. Die hierdurch mögliche Erhöhung der Arbeitsproduktivität und des Informationsaustausches verschaffen letztendlich dem Menschen seine Vorherrschaft gegenüber dem Tierreich. (Siehe hierzu auch Litsche)

Die gesellschaftliche Arbeitsteilung ist ein primärer Prozeß, der dem betreffenden System durch höhere Arbeitsproduktivität ein schnelleres Wachstum und damit einen höheren Selektionswert verleiht. Es existiert jedoch eine positive Rückkopplung, indem ein sich vergrößerndes System die potentiellen Möglichkeiten zu einer ständigen Vertiefung der Arbeitsteilung schafft.

Die gesellschaftliche Arbeitsteilung ist in dieser Stufe der Entwicklung eine der lokalen (zeitlich begrenzt wirksamen) Bewertungsfunktionen.

Die Sprache ermöglicht es dem Menschen, durch Ritualisation auf höherer Ebene Informationen auszutauschen, wobei durch Selbstorganisation ein Informationspool entsteht, der nicht mehr einem Individuum, sondern der Gesellschaft als ganzes zuzuordnen ist. Hierdurch und durch den Austausch der Arbeitsprodukte entstehen gesellschaftliche Kategorien, wie zum Beispiel der Tauschwert, das Eigentum und das Geld, die die weitere Evolution entscheidend beeinflussen.

Der Tauschwert oder einfach der Wert einer Ware ist wie der Selektionswert keine physikalische Größe, die aus den Eigenschaften des betreffenden Tauschgegenstandes allein berechnet werden kann, sondern bestimmt sich erst wie der Selektionswert als Eigenschaft der Ware in dem übergeordneten System, auf dem Markt. Geld wiederum ist nur ein Symbol für den Wert, ist abstraktes Eigentum an einer Ware.

4. Mit der Entstehung von Mensch und Gesellschaft wird eine Stufe der Evolution erreicht, in der das Bewußtsein als neue Eigenschaft eines Systems auftaucht und für die wei teren Evolutionsprozesse entscheidende Bedeutung erlangt.

Das individuelle Bewußtsein schafft ein von der jeweiligen Stellung des Individuums im System und von seiner Erfahrung abhängiges subjektives Abbild seiner Umwelt und steuert das Verhalten des Individuums im Interesse seiner optimalen Adaptation an seine Umgebung, die zu seiner Existenz und zu seinem Wohlbefinden erforderlich ist.

Das gesellschaftliche Bewußtsein abstrahiert aus den subjektiven Weltbildern der Individuen ein zusammenfassendes und verallgemeinerndes Abbild des gesellschaftlichen Systems, ist aber nicht einheitlich, sondern enthält in seinen unterschiedlichen Bestandteilen die Struktur des jeweiligen Systems. Die einzelnen Bestandteile des gesellschaftlichen Bewußtseins (der Ideologie) durchdringen das Bewußtsein der einzelnen Individuen in unterschiedlichem Maße und nehmen auf diesem Wege Einfluß auf das Verhalten der Individuen im Interesse der Steuerung des gesamtgesellschaftlichen Systems oder einzelner seiner Strukturen.

Mit dem Auftauchen des Bewußtseins erhält der zunächst spontane Prozeß von Mutation und Selektion eine neue Qualität. Während bislang eine ungünstige Mutation erst durch den abgelaufenen Prozeß der Selektion als solche "erkannt" und das betroffene System physisch ausgemerzt wurde, sind nunmehr theoretische "Probemutationen" möglich, deren Wirkung bis zu einem gewissen Grade prognostizierbar ist. Ungünstige Mutationen können deshalb im voraus als solche erkannt und eliminiert werden, ohne daß die Existenz des Systems aufs Spiel gesetzt werden muß. Das hat eine wesentliche Beschleunigung der Evolution zur Folge. Außerdem ergibt sich damit die Möglichkeit, daß auch ein nicht in selbständig reproduzierbare Teilsysteme zerlegbares System ohne äußere Konkurrenz seine innere Struktur weiterentwickeln kann.

5. In der urgesellschaftlichen Kommune wird die Arbeitsintensität zunächst durch die unmittelbaren Lebensbedürfnisse der Individuen bestimmt. Die zunehmende Arbeitsteilung erleichtert die Lebensbedingungen der Individuen und führt zu einer Beschleunigung der Entwicklung in gut organisierten Kommunen. Gute Organisation erfordert die Herausbildung eines Leiters (Führers), dem sich die übrigen Mitglieder der Kommune unterordnen (müssen) und der damit zum Herrscher wird. Der Herrscher kann seine persönlichen Lebensverhältnisse um so angenehmer gestalten, je größer sein Reich ist. Damit sind die Bedingungen entstanden, die zur Bekämpfung und Unterdrückung der Angehörigen anderer Kommunen und zur Bildung der Sklavenhalterstaaten führen. Gut organisierte Sklavenhalterstaaten schaffen die Voraussetzungen für eine schnellere Entwicklung als diese in den urgesellschaftlichen Kommunen möglich ist und beherrschen auf diese Weise die Situation im Altertum. Die urgesellschaftlichen Kommunen werden durch Konkurrenz und Selektion aus der Geschichte verdrängt und ihre Angehörigen zu Sklaven gemacht.

6.Angesichts ihrer absoluten Rechtlosigkeit arbeiteten die Sklaven nur unter brutalem Zwang und hatten keinerlei Interesse an den Ergebnissen ihrer Arbeit. Ihre Arbeitsintensität konnte zwar durch die angewandten Zwangsmaßnahmen im Vergleich zu der in der Urgesellschaft erhöht werden, eine wesentliche Weiterentwicklung war aber nicht möglich. In dieser Situation hatten solche Herrscher mehr Erfolg, die ihre Sklaven "frei" ließen und als "Hörige" am Ergebnis ihrer Arbeit beteiligten. Das feudale Herrschaftssystem ließ durch seine erfolgreiche Entwicklung die Sklavenhaltersysteme chancenlos hinter sich und setzte sich mit den höheren Wachstumsraten sprich Selektionswerten in der Evolution durch. Der Sklavenhalterstaat ist aber nicht unbedingt ein notwendig zu durchlaufendes Zwischenstadium von der Urgesellschaft zum Feudalismus.

7. Das Feudalsystem beruht vor allem auf dem Besitz von Grund und Boden durch die Feudalherren, der an untergeordnete Herren entlehnt und von den Bauern gegen Abgaben und Frondienste bewirtschaftet wird. Durch dieses System wird eine wenn auch beschränkte Selbständigkeit der Wirtschaftsführung durch die Bauern ermöglicht, die den Warenaustausch fördert und in gewissem Umfang auch eine Kapitalbildung ermöglicht. Das Frondienste- und Abgabensystem ist aber sehr starr und wenig entwicklungsfähig. Durch Handel und Handwerk bildet sich eine Städtebürgerschaft als Keimzelle der späteren kapitalistischen Industrie, die durch die feudalen Verhältnisse in ihrer weiteren Entwicklung behindert wird und die Freiheit der Märkte und freie Verfügbarkeit der Arbeitskräfte fordert. In England und Frankreich werden diese Entwicklungen zunächst am wenigsten behindert, wozu auch die französische Revolution 1789 wesentlich beitrug, während in Deutschland erst nach der Beseitigung der Kleinstaaterei unter Bismarck günstigere Bedingungen entstanden. In Rußland hielten die Behinderungen bis 1917 an. In dieser Zeit sind die Nationalstaaten als weitgehend voneinander abgegrenzte Systeme zu betrachten, die sich unabhängig voneinander entwickeln und miteinander konkurrieren.

8. Bei der Beurteilung von Evolutionsprozessen in der Gesellschaft ist zunächst zu klären, ob das jeweils betrachtete Teilsystem selbständig evolutionsfähig ist oder nicht. Politisch und wirtschaftlich selbständige Länder und Staaten sind selbstreproduzierende Teilsysteme der menschlichen Gesellschaft und als solche vom Grundsatz her evolutionsfähig. Sie gestalten ihre inneren Strukturen selbst und sie sind nur durch "rohstoffartige" Beziehungen untereinander gekoppelt. Politisch und wirtschaftlich voneinander abhängige Länder sind ohne grundsätzliche Veränderung ihrer gegenseitigen Beziehungen nicht selbständig evolutionsfähig. Sie können zwar ihre inneren Strukturen verändern, für diese Veränderungen fehlen aber die Bewertungskriterien, die die Veränderungen als günstige oder ungünstige im Sinne einer Evolution des betreffenden Teilsystems ausweisen. Die innerhalb eines Landes oder eines übergeordneten Staatenbundes wirksamen funktionellen Teilsysteme wie z.B. das Wirtschaftssystem, das Steuersystem, das politische System, das soziale System usw. sind (außer dem Wirtschaftssystem) im allgemeinen nicht selbstreproduzierend und deshalb auch nicht selbständig und unabhängig voneinander evolutionsfähig. Die in diesen Systemen vor sich gehenden Veränderungen sind grundsätzlich vom übergeordneten System gesteuert und haben, wenn überhaupt, den Charakter einer Evolution des übergeordneten Systems. Lediglich innerhalb des Wirtschaftssystem kann es selbständig reproduzierende Wirtschaftseinheiten in Form von Betrieben, Banken, Kapitalgesellschaften usw. geben, muß es aber nicht (s. Sozialistisches Wirtschaftssystem). z.B. muß ein nach wirtschaftlichen, profitorientierten Grundsätzen arbeitendes Bildungsinstitut dem Wirtschaftssystem und nicht dem Bildungssystem zugeordnet werden. Multinationale Kapitalgesellschaften hingegen müssen als von Ländern und Staaten unabhängige Teilsysteme der menschlichen Gesellschaft begriffen werden, die ein eigenes Evolutionspotential besitzen. (Zur Evolution der Gesellschaft siehe auch Altvater und Böhret)

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