Öffentliches Bewußtsein und Gesellschaft

Ist das öffentliche Bewußtsein überhaupt in der Lage, die heutige "freiheitliche" Gesellschaft sinnvoll zu steuern ? Diese Frage stellt sich nach dem Studium des Buches "Die planlosen Eliten" von Peter Glotz, Rita Süssmuth und Konrad Seitz. Ihre Thesen:

1. Nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Gesellschaften fehlt den gesellschaftlichen Führungseliten in Europa und besonders in Deutschland eine Langzeitstrategie zur Führung der gesellschaftlichen Prozesse.

2. Trotz aller Demokratie hängt der kulturelle Fortschritt komplexer Gesellschaften von der Aktivität ziemlich kleiner Minderheiten ab, die in ihren Gesellschaften, ob es einem gefällt oder nicht, eine Vorbildrolle haben.

3. In der Bundesrepublik Deutschland gibt es 4 Funktionseliten, die das gesellschaftliche Leben im wesentlichen bestimmen:

- die politische Elite (Berufspolitiker, Verwaltungsbürokratie, Militär, Diplomaten, politische Journalisten). Ihr öffentliches Ansehen nimmt zur Zeit rapide ab.

- die wirtschaftliche Elite (Eigentümer und Manager der Banken und der Industrie, Mittelstand, Gewerkschaftsführer). Sie ist erfolgreich und genießt hohes öffentliches Ansehen.

- die wissenschaftliche Elite (wissenschaftliches Personal an Hochschulen, Universitäten und Forschungseinrichtungen). Sie ist in Spezialisten zersplittert, die viel zu wenig miteinander reden.

- die kulturelle Elite (kulturproduzierende und kulturvermittelnde Intelligenz, Medien aller Art, Kirchen und Sekten). Sie ist im wesentlichen damit beschäftigt, sich untereinander zu bekämpfen.

Die vier Funktionseliten sind zu sehr voneinander isoliert und darüber hinaus dialogunwillig.

4. In den entscheidenden ökonomischen Fragen hat Deutschland den Wettlauf um die technologische Führerschaft und die Umwandlung der Industriegesellschaft in eine Informationsgesellschaft gegenüber Japan und den USA verschlafen. Die ökonomischen Theorien sind noch auf die klassische Industriegesellschaft orientiert. Die Entwicklung der Hochtechnologie - Industrien erfordert ein Zusammenwirken von Industrie und Staat, eine Gesamtstrategie der Industrie- und Außenwirtschaftspolitik, für deren Ausarbeitung und Steuerung die Bundesregierung keine institutionellen Voraussetzungen besitzt. Es gibt keine zukunftsorientierte Kultur.

5. Das ungesteuerte Anwachsen der Telekommunikation führt zu chaotisch kommerzialisierten Kommunikationssystemen und zu einer Zerstörung kultureller Gemeinsamkeiten, zur immer weiteren Individualisierung der kulturellen Bedürfnisse, zu einer Zerstörung der klassischen Öffentlichkeiten, zu einer Zerstörung des öffentlichen Bewußtseins und zu einer Polarisierung zwischen einer erstklassig informierten Minderheit und einer auf vielen Feldern schlecht informierten Mehrheit.

6. Die Funktionseliten der Bundesrepublik haben die Herausforderungen der ökologischen Krise bisher nicht begriffen. Infolgedessen müssen die umweltpolitischen Innovationen stärker von den Kommunen und Regionen ausgehen.

7. Das deutsche Bildungssystem ist veraltet und im Begriff in einen Massenbetrieb überzugehen, der weder in der Lage ist, die spezifischen Anforderungen der breit gefächerten Berufsbilder zu befriedigen noch eine integrierende Bildungsidee zu vermitteln. Demzufolge werden verschiedene, miteinander im Widerspruch stehende Vorschläge für Reformen gemacht.

8. Die politische Elite ist eine weitgehend in sich abgeschlossene Kaste, die zunehmend an Ansehen verliert. Das pluralistische Demokratieverständnis zwingt die Politiker dazu, ständig so zu tun, als ob sie Prozesse beherrschen und steuern könnten, die man in keiner Weise steuern kann. Die Politik hat ein Stück an Macht verloren, der Staat ist schwächer geworden, die Wirtschaft stärker, wenn das so weiter geht, landen wir bei der Unregierbarkeit.

9. Die Rolle der Intellektuellen wird in den nächsten Jahren weiter anwachsen. Sie sind sowohl die Führer als auch die Angestellten nicht nur der herrschenden Klasse, sondern auch ihrer Opponenten, aber weit davon entfernt, eine Art Priesterherrschaft auszuüben.

10. Frauen sind in den Funktionseliten extrem unterrepräsentiert. Es wird zwar immer wieder betont, daß das nicht an den intellektuellen Fähigkeiten liegen kann, aber daß dafür eventuell auch das Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf eine Rolle spielen könnte, wird nur am Ende auf einer halben von insgesamt 23 Seiten erwähnt.

11. Deutschland muß in das vereinte Europa integriert werden, weil es sonst wirtschaftlich gegenüber Japan und den USA nicht bestehen kann. Europa muß erst als Westeuropa vereinigt werden, weil die Ostländer z. Zt. für die Wirtschaftsmacht Europas nicht relevant sind. Erst für das vereinte Westeuropa kann Osteuropa als Wirtschaftspartner interessant werden.

12. Schlußfolgerung: In dem Buch "Die planlosen Eliten" wird der desolate Zustand der kapitalistischen Gesellschaft aufgezeigt. Die Zukunft Deutschlands wird nur in der Organisation der ökonomischen Vorherrschaft Europas gegenüber Japan und den USA gesehen. Dieses Ziel erfordert die strategische Planung der künftigen Industrie- und Außenwirtschaftspolitik und die Schaffung entsprechender zentraler Steuerungsorgane. Insofern, aber nur in dieser Hinsicht, besteht Übereinstimmung mit der allgemeinen Strategie der Evolution. Der übernächste Schritt, der entschiedene Maßnahmen zur Überwindung der ökologischen Krise erfordert, bleibt nur am Rande erwähnt, während die Notwendigkeit einer grundlegenden Veränderung des Gesellschaftssystems ganz außerhalb des Erkenntnishorizonts verbleibt, was angesichts der gesellschaftlichen Stellung der Verfasser nicht verwunderlich ist.