Bewußtsein und Philosophie (Weizsäcker)

1. Eine konsequent auf modernen, wissenschaftlichen Grundlagen aufbauende und nahezu alle Bereiche des menschlichen Bewußtseins integrierende Philosophie stellt C.F. von Weizsäcker in seinem Buch "Zeit und Wissen" vor. Sie erscheint mir als die derzeit umfassendste Darstellung des in der Evolution erreichten Standes des Bewußtseins und seiner Selbsterkenntnis zu sein. Eine kurze Zusammenfassung der wesentlichsten Gedanken aus diesem Buch soll deshalb in dieser Thesensammlung zur Theorie der Evolution nicht fehlen.

2. Die konsequente Analyse und Verallgemeinerung der Quantentheorie als Grundlage eines wissenschaftlichen Weltbildes erfordert eine Revision der überkommenen Vorstellungen des kontinuierlichen Ablaufes der Zeit, die grundsätzlich nicht umkehrbar ist und die durch die Gegenwart in unterschiedliche, nicht symmetrische Bestandteile, die Vergangenheit und die Zukunft, getrennt wird.

In der Vergangenheit gibt es nur Fakten, diese sind diskret und irreversibel.

In der Zukunft gibt es nur Möglichkeiten, diese sind kontinuierlich und potentiell reversibel.

In der Gegenwart finden Ereignisse statt, diese verwandeln Möglichkeiten in Fakten, wobei das potentielle Kontinuum der Möglichkeiten durch einen irreversiblen Vorgang verloren geht. Unser Bewußtsein, das Bewußtsein des Individuums, befindet sich immer in der Gegenwart.

Fakten sind Erinnerungen und Dokumente vergangener Ereignisse, sie werden geschaffen durch einen irreversiblen Vorgang. Es gibt nur endlich viele Fakten, deshalb müssen sie diskret sein.

(Nur) Fakten und Ereignisse bestimmen (determinieren) die zukünftigen Möglichkeiten.

3. Eine n-fache Alternative ist eine Menge von n einander ausschließenden Aussagen oder Zuständen, von denen sich genau eine(r) als wahr oder gegenwärtig herausstellt, wenn das Ereignis einer Prüfung der Alternative durch einen irreversiblen Vorgang stattfindet.

Jede n-fache Alternative kann in n-1 binäre Uralternativen zerlegt werden. Zu jeder Alternative gibt es einen n-dimensionalen kontinuierlichen Zustandsraum, in dem komplexe Wahrscheinlichkeitsvektoren die Wahrscheinlichkeitsverteilung der n möglichen Zustände festlegen.

Eine Alternative ist trennbar, wenn die Wahrscheinlichkeitsvektoren ihrer Zustände nicht von denen anderer Alternativen abhängen.

Die Annahme einer strengen Trennbarkeit der Alternative hat eine Symmetrie im Sinne der Gruppentheorie im zugehörigen Zustandsraum zur Folge.

Die Trennbarkeit der Alternativen ist eine Näherung, die alle Wechselwirkungen vernachlässigt. Tatsächlich besteht die Welt aber aus einem untrennbaren Ganzen. Jede Asymmetrie ist nur durch Bezug auf die Umwelt, also durch Wechselwirkung feststellbar. (In einer anderen Sprache heißen diese untrennbaren Alternativen Multiversum)

Als Teil des untrennbaren Ganzen kann das menschliche Bewußtsein die Welt logisch aber nur begreifen, indem es diese in näherungsweise trennbare Teile zerlegt.

4. Die Symmetrie des Zustandsraumes bedeutet, daß dem gleichen Zustandsraum mit den gleichen Wahrscheinlichkeitsvektoren mehrere, sogar beliebig viele voneinander verschiedene Alternativen als Basis zugeordnet werden können. Nur die Komponenten der Wahrscheinlichkeitsvektoren bezüglich der verschiedenen Alternativen unterscheiden sich voneinander. Welche Alternative geprüft wird, bestimmt die jeweils verwendete Versuchsapparatur.

Die Prüfung der Alternative erfolgt durch einen irreversiblen Vorgang, in dem aus dem Spektrum virtueller, möglicher Ereignisse genau eines real und damit zu einem neuen Faktum wird. Aus dem Kontinuum der virtuellen, möglichen Ereignisse, die durch die Fakten der Vergangenheit vollständig determiniert sind, wird durch die gewählte Versuchsapparatur eine Einschränkung auf ein diskretes Spektrum möglicher Ereignisse bewirkt, deren Eintrittswahrscheinlichkeit durch die Komponenten des Wahrscheinlichkeitsvektors bezüglich der gewählten Alternative bestimmt ist.

Der Indeterminismus der Quantentheorie besteht nur und genau darin, daß der Zufall bestimmt, welches der virtuellen Ereignisse real wird.

5. Die in der Zeit fortschreitende Evolution hat mit dem Menschen die Stufe der Bewußtheit erreicht. Bewußtheit bedeutet, daß der Mensch die Evolution und sich selbst als Ergebnis der Evolution wahrnimmt. Diese Wahrnehmung erfolgt in vier aufeinander aufbauenden Ebenen, wobei die Beschreibung der unteren Ebenen erst von der jeweils nächst höheren Ebene aus möglich ist.

Die unterste Ebene ist die Ebene der funktionalen Wahrnehmung. Diese besteht darin, daß auf Grund der im Laufe der Evolution entstandenen und vererbten Verhaltensdispositionen durch Umweltreize eine Sinnesempfindung entsteht und damit eine spontane Handlung ausgelöst wird. Diese Ebene wird bereits im Tierreich erreicht.

Die schlichte Wahrnehmung besteht in der Reaktionsfolge Empfindung - Erkennung - Affekt - Handlung. An ihrer unteren Grenze führt sie zu einer unbewußten Handlung, an ihrer oberen Grenze ist das Wahrgenommene spontan aussprechbar.

Die reflektierte persönliche Wahrnehmung wird einer Beurteilung auf wahr oder falsch unterzogen, sie ist die Ebene der sprachlichen Kultur des Menschen und fragt nach der Zweckrationalität der Handlungen.

Die überpersönliche Wahrnehmung besteht in der Lernfähigkeit im Verhalten einer Gesellschaft, ohne daß einzelne Glieder dieser Gesellschaft persönlich genau diese Wahrnehmung hatten. In dieser Ebene sind Theorie, (politische) Praxis (Moral) und Kunst angesiedelt. Die auf dieser Ebene verwendeten Begriffe können nur von einer noch darüber liegenden Ebene aus definiert werden, die nicht mehr Wahrnehmungs- , sonder Ganzheitscharakter hat. Auf dieser übergeordneten Ebene operieren Religion und Philosophie.

6. Evolutionistische Erkenntnistheorie ist die Einordnung der Wahrnehmungen als wahr oder falsch in das jeweils gegenwärtige Weltbild der Ganzheit in dem Umfange, wie es der erreichte Stand der Evolution selbst für die weitere Evolution erfordert, um aus den erkannten Fakten die Möglichkeiten der Zukunft ableiten zu können.

Die Evolution der Wissenschaft vollzieht sich auf verschiedenen Ebenen durch Forschung nach vorgegebenen Paradigmen (Regeln), die auf der jeweiligen Ebene nicht in Frage gestellt werden, bis eine wissenschaftliche Krise zu einer Veränderung der vorgegebenen Paradigmen zwingt. Damit wird eine neue Ebene der Wissenschaft und eine neue, höhere Stufe der Erkenntnis erreicht.

7. Für den Menschen als Produkt der Evolution ist das bewußte (wissenschaftliche) Denken nur eine seiner psychischen Funktionen neben unbewußten Wahrnehmungen, Affekten und Handlungen.

Als Glied einer Gesellschaft ist der Mensch nicht nur durch seine unbewußten individuellen Antriebe, sondern ebensosehr durch den (objektiven) Geist der Gesellschaft, ihrer Kultur, weit über das ihm individuell bewußte Maß hinaus gelenkt. An dieser Stelle finden die verschiedenen Religionen ihren Ansatzpunkt.

Prophetische und mythische Religionen vermitteln ihren Anhängern kulturelle und ethisch - moralische Erfahrungen, die für die Stabilität und Regierbarkeit der Gesellschaft notwendig sind, auf einer irrationalen Ebene.

Meditative Religionen versuchen, den Menschen auf einem nichtrationalen Wege durch Sammlung, Stille und Einsicht von der Hektik der ihn umgebenden Erfahrungswelt zu trennen , sein ICH-Bewußtsein als unwichtig wahrnehmen zu lassen und ihn zur Einsicht seiner Identität mit der Umwelt zu bringen und ihn so in die Gesellschaft einzugliedern.

Die Anziehungskraft einer jeden Religion beruht offenbar darauf, daß sie den Menschen auf psychisch - medidativem Wege Müll aus dem Unterbewußtsein räumt, wenn sie das nötig haben und als angenehm empfinden.

8. Weizsäckers Weltbild kulminiert in folgenden Erkenntnissen:

Es gibt eine objektive Wirklichkeit, die in der Zeit offen ist. Diese eine Wirklichkeit ist Geist. Was Geist ist, kann vom Menschen als Bestandteil dieser Wirklichkeit nicht exakt definiert werden. Er ist eine Vermutung, die aus unserer Erfahrung der untersten Ebene der Wahrnehmung in die oberste Ebene reflektiert wird. Geist ist so etwas wie eine Gestalt, in der alle objektiv wirkenden Naturgesetze zusammengefaßt werden.

Evolution ist die Expansion des Raumes und Wachstum der Gestalt in der Zeit. Information ist das Maß einer Menge von Gestalt. Aus ihr sind alle physikalischen Wechselwirkungen (Urhypothese der Quantentheorie) ableitbar, die Physik aber ist die Grundlage aller Wissenschaften.

Der allgemeine Zusammenhang der Ereignisse ist in ihrer Herkunft aus der einen Wirklichkeit begründet, die virtuell auch Bewußtsein enthält, das auf einer hohen Stufe der Evolution zum Fakt werden kann. Auf dieser, der gegenwärtigen Stufe versucht Bewußtsein sich selbst zu begreifen. Dies kann naturgemäß nur unvollkommen gelingen, da die Zeit kein Ende hat und das Bewußtsein selbst sich weiterentwickelt.

Aus rationalen Gründen stellt Weizsäcker der Menschheit die Ziele:

- Weltweite soziale und legale Gerechtigkeit

- Überwindung der Institution des Krieges

- Bewahrung der Natur

9. Weizsäcker erklärt sich als aufgeklärter Christ und hat als solcher an führender Stelle am Weltkonzil der christlichen Kirchen für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung in Seoul 1990 teilgenommen. Es mag zunächst verwundern, daß dieser aufgeklärte Geist als eine Erfahrung aus diesem Engagement die Erkenntnis formuliert:" Ich hatte vorher nicht gewußt, in wie tiefem Maße die Kirche bisher - ich vermute aus Angst - die Aufklärung nicht vollzogen hat." und: " Aber mir wird zutiefst unwohl, wenn ich die hämmernde Sprache gewisser Entwürfe für solche Texte lese. Ihr Pathos ist genau das verdammende:>> Glaubt und unterschreibt dies, oder ihr seid keine Christen! <<"

Nach neuem Nachdenken scheint mir dieses Beispiel jedoch die Tiefe der Wahrheit zu bestätigen, die in der Aussage liegt: das Bewußtsein kann sich selbst nur unvollkommen begreifen.

10. Ist der nach Weizsäcker objektiv vorhandene Geist als Inbegriff aller Naturgesetzlichkeiten mit der Leninschen Definition der Materie als der "außerhalb des menschlichen Bewußtseins objektiv existierenden Realität" vereinbar? Ich neige zu der Antwort "ja", obgleich Meyers Neues Lexikon Weizsäcker als subjektiven Idealisten einstuft. Sicher ist es ein Widerspruch, wenn jemand wie Weizsäcker gleichzeitig Christ und Materialist sein will oder soll, aber selbst Lenin ist in seinem Werk "Materialismus und Empiriokritizismus" zu der Feststellung gekommen, daß bei vielen Naturwissenschaftlern eine eindeutige Zuordnung ihrer Weltanschauung zum Idealismus oder zum Materialismus nicht möglich ist. Wenn die Religion in der Evolution des Menschen und der menschlichen Gesellschaft zeitweilig auch eine positive Rolle gespielt hat (und spielt) - und warum sonst hat sie sich so lange und so hartnäckig gehalten - , so muß ihre Wirkung auch in der heutigen Gesellschaft von fortschrittlichen Kräften in Rechnung gestellt und ausgenutzt werden. Kann das eine Begründung für die weltanschauliche Offenheit der PDS sein?

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